Den meisten ist es schon irgendwann
mal passiert, daß sie nachts an den Kühlschrank
gegangen sind und sich eine Mahlzeit einverleibt
haben, die eigentlich für den nächsten Tag gedacht
war. Starker seelischer Streß, schlechte Laune,
Alpträume oder andere Frustrationen können im
Gehirn ein Signal auslösen, wonach der Magen nach
Essen verlangt. Meistens handelt es sich nicht um
Hunger, sondern um Appetit auf eine bestimmte Art von
Nahrung. Sinkt beispielsweise der Stimmungspegel
infolge von Ärger, der uns noch beim Einschlafen am
Grübeln hält, so steigt die Wahrscheinlichkeit,
daß wir nicht durchschlafen können. Der Ärger
senkt aber auch die Ausschüttung positiver
Stimmungshormone, wie etwa der Endorphine, die im
Gehirn für Glücksgefühle sorgen, unter das
übliche Maß. Dann verlangt das Gehirn, das wegen
der miesen Laune nicht genug eigene Hormone
produziert, nach Ersatz aus der Nahrung. Schokolade
ist ein typischer Endorphinlieferant.
Ist das Stimmungstief überwunden,
reguliert sich das Eßverhalten wieder. Ganz anders
ist die Lage bei Menschen, die gewohnheitsmäßig
über Jahre nachts in die Küche eilen, um sich mit
Nahrung zu versorgen. Daß sich dahinter eine
eigenständige Eßstörung verbergen könnte, wurde
schon 1955 das erste Mal vermutet. Aber damals ist
keiner dem Phänomen weiter nachgegangen. Eine
Forschungsgruppe unter Leitung der norwegischen
Ärztin Grethe Birketveidt, die heute in den USA
arbeitet, hat in den letzten Jahren diese Lücke
gefüllt. Die Forscher schätzen, daß in den
entwickelten Ländern ein bis zwei Prozent der
Bevölkerung ihr Übergewicht dem NEDS-Syndrom
verdanken.
Denn in der Tat ist für die
Betroffenen charakteristisch, daß sie nicht nur an
Übergewicht leiden, sondern daß sie auch das meiste
Essen nach zwanzig Uhr abends und vor früh um sechs
zu sich nehmen. Tagsüber leben viele von ihnen nach
den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler und
nehmen bestenfalls kleine Imbißportionen zu sich.
Mit der Dunkelheit bricht dann aber der Heißhunger
durch. Bei Beobachtungen der Versuchspersonen zeigte
sich, daß sie rund vier Mal pro Nacht aufwachten.
Beim Weg in die Küche griffen sie bevorzugt nach
energiereicher Nahrung mit vielen Kalorien. Ein
wichtiger Unterschied zu gelegentlichen Nachtessern:
NEDS-Betroffene essen nicht, weil sie wach werden
sondern sie werden wach, weil sie Hunger
haben.
Über die Ursachen sind noch keine
eindeutigen Aussagen möglich. Erbfaktoren könnten
ein Rolle spielen. Das Hormon Melatonin, das nur im
Dunklen produziert wird, regelt unsere biologische
Uhr in bezug auf Tag und Nacht. Eine geringe
Ausschüttung könnte Einfluß darauf haben, daß die
betroffene Person nicht scharf genug zwischen Tages-
und Nachtverhalten unterscheidet. Meist ist das
Fehlverhalten jedoch "erlernt", Körper und
Seele haben sich auf den veränderten Tagesrhythmus
umgestellt. Nicht immer ist der oder die Betroffene
selbst schuld zumindest bei einigen geht die
Gewohnheit auf die Kindheit zurück. Andere haben
über längere Zeit Ärger und seelisches Leid, das
sie nachts immer wieder aufwachen ließ, mit Essen,
dem Anhäufen von "Kummerspeck", gedämpft.
Dabei nahm nicht nur der Körperumfang zu; auch die
Zeiten, zu denen der Körper nach Nahrung verlangt,
liefen aus dem Ruder. Nicht zuletzt sind
Schichtarbeiter gefährdet: wer am Tag schläft und
nachts arbeitet und eben auch ißt, bildet eher
ungünstige Gewohnheiten aus als Leute mit
regelmäßigem Tagesablauf.
Die Störung ist mit Disziplin und
Willen heilbar. Allerdings ist der Weg zur Heilung so
schwer wie bei anderen Übergewichtigen, die keine
Diät durchhalten. Es muß nicht nur das Eß-,
sondern auch das Schlafverhalten therapiert werden.
Um zu erreichen, daß die Patienten durchschlafen,
wird die Schlafenszeit zunächst auf maximal sechs
Stunden pro Nacht reduziert. Wacht der Patient mit
quälendem Hunger auf, sollte er einen Apfel essen
oder Kräutertee trinken und eine halbe Stunde
aufbleiben. Danach wird eine neuer Versuch mit dem
Schlafen unternommen. Falls er innerhalb einer
Viertelstunde nicht einschläft, steht er wieder auf,
und versucht es nach einer halben Stunde erneut mit
dem Einschlafen. Nach zwei, drei Nächten mit wenig
Schlaf wird er garantiert einschlafen trotz
Hunger. Erst wenn er mehrere Nächte sechs Stunden
durchschläft, darf nach und nach die Schlafdauer pro
Nacht erhöht werden.
Während man normalen Leuten
empfiehlt, drei, vier Stunden vor dem Einschlafen
nichts mehr zu essen, wird dem NEDS-Patienten eine
Stunde vor der Nachtruhe ein leichter Imbiß
zugestanden. Schwere Mahlzeiten sind dagegen auch
für sie nichts. Die Hoffnung, daß die Sättigung
eines schweren Essens die ganze Nacht anhält,
trügt. Zwar schläft man leichter ein, aber die
Verdauung und der Abbau der Kohlenhydrate (schnelles
Absinken des Blutzuckerspiegels) sorgen für
unruhigen Schlaf.
Von einer Heilung kann erst
gesprochen werden, wenn zwischen 20 Uhr und 6 Uhr
früh weniger als 20 Prozent der Kalorien des Tages
gegessen werden. Gesunde nehmen in diesen Stunden im
Durchschnitt nur 10 Prozent des täglichen
Energiebedarfs mit Essen oder Getränken auf.
