EGONET.de
Ausgabe 12/1999
Die Abtreibungspille ist da!
Chancen, Risiken und seelische Folgen ihrer Anwendung

In Frankreich haben schon eine halbe Million Frauen die Pille "danach", RU 486, angewandt. Bei uns ist sie nach zähem Ringen mit der Kirche und anderen einflußreichen Institutionen nun auch zugelassen. Was jede Frau und jeder Mann darüber wissen sollte, erfahren Sie von EGONet.
 

"Innerhalb der nächsten zwei Stunden setzt die Blutung ein", sagte die Ärztin. "Sie werden plötzlich merken, daß sie dringend aufs Klo müssen." Ich rechnete mit Krämpfen, aber ich fing ohne Vorzeichen zu bluten an. Dann spürte ich den Druck auf meine Blase. Auf der Toilette merkte ich mit gräßlicher Genauigkeit, wie sich der Embryo aus meinem Bauch löste und wegflutschte. Es war gräßlich. Ich konnte stundenlang nicht aufhören zu heulen.

RU 486, bei uns im Handel unter dem Namen "Mifegyne", ist letztlich nichts weiter als eine überdosierte Antibabypille. Ihre Vorteile liegen auf der Hand: keine Operation, keine Narkose, geringere körperliche Belastung. Aber wie der im vorigen Absatz zitierte Bericht einer Betroffenen zeigt, sind damit nicht alle Probleme verschwunden. Frau erlebt die Abtreibung bei vollem Bewußtsein mit. Das kann seelisch sehr belastend sein. Ein weiterer Nachteil. Ihre Anwendung ist nur bis zum 49. Tag nach Beginn der letzten Periode möglich, also nur bei rechtzeitig erkannter Schwangerschaft. Die operative Abtreibung ist doppelt so lang erlaubt.

Auch der körperliche Prozeß verläuft nicht ohne Komplikationen. Der Wrikstoff von RU 486 – Mifepriston – ist ein Antigestagen. Es hemmt die Wirkung des Schwangerschaftshormons Progesteron, indem es seine Andockstellen in der Gebärmutterschleimhaut besetzt. Das befruchtete Ei wird nicht mehr ernährt und stirbt ab beziehungsweise kann sich erst gar nicht einnisten.

Auch die Prozedur der Abtreibung per Medikament besteht aus mehreren Stufen. Wenn Sie als Frau sich für diese Form des Schwangerschaftsabbruch entscheiden, brauchen Sie wie bei der operativen Abtreibung zunächst den Schein der Pflichtberatung. Den erhalten Sie vor allem bei Zweigstellen von Pro Familia, des Deutschen Roten Kreuzes, von Caritas oder Ehe- und Familienberatungsstellen der neuen Bundesländer.

Danach melden Sie sich in einem Ambulatorium an, das Abbrüche vornimmt. Oder wenn möglich in einem der großen Familienplanungszentren. Sie werden von Pro Familia in Bremen, Hamburg, Gießen, Kassel, Mainz, Saarbrücken und Rüsselsheim betrieben, sowie von Balance in Berlin. Sie verfügen über Notdienste, psychologische Betreuung und erlauben, daß der Partner mitkommt.

Beim ersten Termin erhalten Sie ein Aufklärungsgespräch über die Einzelheiten und eine Untersuchung. Beim zweiten Termin nehmen Sie drei RU-486-Tabletten ein und gehen wieder nach Hause. Nur in wenigen Fällen (2,2 Prozent) stößt die Gebärmutter schon innerhalb von zwei Tagen die Frucht vollständig ab. Deshalb gehen Sie nach zwei Tagen zum dritten Termin und erhalten Prostaglandin als Tablette oder Zäpfchen. Dieses lörpereigene Hormon bewirkt, daß sich die Gebärmutter zusammenzieht. Nach spätestens drei bis vier Stunden, die Sie in der Ambulanz verbringen, wird die abgestorbene Frucht in Form von Blut und Schleimhautflöckchen abgestoßen. Danach wird zur Kontrolle eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Falls das Prostaglandin nicht wirkte, wird die Prozedur des dritten Termins wiederholt.

Danach sind über 98 Prozent nicht mehr schwanger. Knapp jede fünfte spürt gar nichts, 60 Prozent haben Symptome ähnlich wie bei der Regel, annähernd 20 Prozent haben zeitweise stärkere Unterleibsschmerzen und erhalten ein Schmerzmittel. Es gibt Nachblutungen, etwa neun Tage lang. Nach ein bis zwei Wochen werden Sie zur Nachuntersuchung gebeten.

Bei den etwa 1,5 Prozent Frauen, deren Frucht dem dreimaligen Angriff der Hormone widersteht, muß der klassische operative Schwangerschaftsabbruch beenden, was die Pillen nicht schafften.

Wieviel es kosten soll, ist noch nicht endgültig geregelt, wahrscheinlich um die 500 Mark. Wie beim klassischen Abbruch können sozial Schwache die Kostenübernahme bei Krankenkasse und Sozialamt beantragen.

Nicht geeignet ist die Pille für Frauen, die Angst haben, den Abbruch bewußt zu erleben. Auch medizinisch gibt es Gegenindikationen. Starke Raucherinnen, die schon mehrere Schwangerschaften erlebten, bekommen das Präparat nicht, weil Thrombosegefahr besteht (Blutgerinnselbildung mit Infarktgefahr). Auch andere Blutgerinnungsstörungen sowie Nieren- und Lebererkrankungen vertragen sich nicht mit RU 486.

Sie sehen also, es handelt sich um alles andere als ein einfaches Pillenschlucken. Ein wichtiger Nachteil wird häufig unterschätzt: der Zeitfaktor. Bis zum 49. Tag anwendbar heißt: die betroffenen Frauen stehen mächtig unter Zeitdruck. Mit jedem weiteren Tag würde die Wirksamkeit drastisch absinken. Aber häufig wird die Schwangerschaft gar nicht vor der sechsten Wochen festgestellt, und dann ist es für RU 486 bereits zu spät. Denn die Schwangerschaftskonfliktberatung darf nicht am selben Tag stattfinden, an dem die Schwangerschaft festgestellt wurde. Das hat der Gesetzgeber vorgeschrieben, um zu verhindern, daß die Frau ihre Entscheidung im Affekt trifft. Zwischen Beratung und Abbruch müssen wiederum drei Tage liegen. Und für die ersten drei Arztbesuche brauchen Sie auch etwa eine Woche.

Eine vorbeugende, sichere Verhütung ist also weiterhin auch dem schonendsten Abbruch überlegen – nicht nur aus seelischer und moralischer, sondern auch aus medizinischer Sicht.

Lesen Sie auch: Die Pille danach - Zwischen Verhütung und Abtreibung

Bitte informieren Sie sich hier über den aktuellen Stand (2010) zur Problematik

kritischer Leserbrief 12/2010

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