"Innerhalb der nächsten zwei Stunden setzt die
Blutung ein", sagte die Ärztin. "Sie werden plötzlich merken,
daß sie dringend aufs Klo müssen." Ich rechnete mit Krämpfen, aber
ich fing ohne Vorzeichen zu bluten an. Dann spürte ich den Druck auf
meine Blase. Auf der Toilette merkte ich mit gräßlicher Genauigkeit,
wie sich der Embryo aus meinem Bauch löste und wegflutschte. Es war
gräßlich. Ich konnte stundenlang nicht aufhören zu heulen.
RU 486, bei uns im Handel unter dem Namen "Mifegyne",
ist letztlich nichts weiter als eine überdosierte Antibabypille. Ihre
Vorteile liegen auf der Hand: keine Operation, keine Narkose, geringere
körperliche Belastung. Aber wie der im vorigen Absatz zitierte Bericht
einer Betroffenen zeigt, sind damit nicht alle Probleme verschwunden.
Frau erlebt die Abtreibung bei vollem Bewußtsein mit. Das kann seelisch
sehr belastend sein. Ein weiterer Nachteil. Ihre Anwendung ist nur bis
zum 49. Tag nach Beginn der letzten Periode möglich, also nur bei rechtzeitig
erkannter Schwangerschaft. Die operative Abtreibung ist doppelt so lang
erlaubt.
Auch der körperliche Prozeß verläuft nicht ohne Komplikationen.
Der Wrikstoff von RU 486 Mifepriston ist ein Antigestagen.
Es hemmt die Wirkung des Schwangerschaftshormons Progesteron, indem
es seine Andockstellen in der Gebärmutterschleimhaut besetzt. Das befruchtete
Ei wird nicht mehr ernährt und stirbt ab beziehungsweise kann sich erst
gar nicht einnisten.
Auch die Prozedur der Abtreibung per Medikament besteht
aus mehreren Stufen. Wenn Sie als Frau sich für diese Form des Schwangerschaftsabbruch
entscheiden, brauchen Sie wie bei der operativen Abtreibung zunächst
den Schein der Pflichtberatung. Den erhalten Sie vor allem bei Zweigstellen
von Pro Familia, des Deutschen Roten Kreuzes, von Caritas oder Ehe-
und Familienberatungsstellen der neuen Bundesländer.
Danach melden Sie sich in einem Ambulatorium an, das
Abbrüche vornimmt. Oder wenn möglich in einem der großen Familienplanungszentren.
Sie werden von Pro Familia in Bremen, Hamburg, Gießen, Kassel, Mainz,
Saarbrücken und Rüsselsheim betrieben, sowie von Balance in Berlin.
Sie verfügen über Notdienste, psychologische Betreuung und erlauben,
daß der Partner mitkommt.
Beim ersten Termin erhalten Sie ein Aufklärungsgespräch
über die Einzelheiten und eine Untersuchung. Beim zweiten Termin nehmen
Sie drei RU-486-Tabletten ein und gehen wieder nach Hause. Nur in wenigen
Fällen (2,2 Prozent) stößt die Gebärmutter schon innerhalb von zwei
Tagen die Frucht vollständig ab. Deshalb gehen Sie nach zwei Tagen zum
dritten Termin und erhalten Prostaglandin als Tablette oder Zäpfchen.
Dieses lörpereigene Hormon bewirkt, daß sich die Gebärmutter zusammenzieht.
Nach spätestens drei bis vier Stunden, die Sie in der Ambulanz verbringen,
wird die abgestorbene Frucht in Form von Blut und Schleimhautflöckchen
abgestoßen. Danach wird zur Kontrolle eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt.
Falls das Prostaglandin nicht wirkte, wird die Prozedur des dritten
Termins wiederholt.
Danach sind über 98 Prozent nicht mehr schwanger. Knapp
jede fünfte spürt gar nichts, 60 Prozent haben Symptome ähnlich wie
bei der Regel, annähernd 20 Prozent haben zeitweise stärkere Unterleibsschmerzen
und erhalten ein Schmerzmittel. Es gibt Nachblutungen, etwa neun Tage
lang. Nach ein bis zwei Wochen werden Sie zur Nachuntersuchung gebeten.
Bei den etwa 1,5 Prozent Frauen, deren Frucht dem dreimaligen
Angriff der Hormone widersteht, muß der klassische operative Schwangerschaftsabbruch
beenden, was die Pillen nicht schafften.
Wieviel es kosten soll, ist noch nicht endgültig geregelt,
wahrscheinlich um die 500 Mark. Wie beim klassischen Abbruch können
sozial Schwache die Kostenübernahme bei Krankenkasse und Sozialamt beantragen.
Nicht geeignet ist die Pille für Frauen, die Angst haben,
den Abbruch bewußt zu erleben. Auch medizinisch gibt es Gegenindikationen.
Starke Raucherinnen, die schon mehrere Schwangerschaften erlebten, bekommen
das Präparat nicht, weil Thrombosegefahr besteht (Blutgerinnselbildung
mit Infarktgefahr). Auch andere Blutgerinnungsstörungen sowie Nieren-
und Lebererkrankungen vertragen sich nicht mit RU 486.
Sie sehen also, es handelt sich um alles andere als
ein einfaches Pillenschlucken. Ein wichtiger Nachteil wird häufig unterschätzt:
der Zeitfaktor. Bis zum 49. Tag anwendbar heißt: die betroffenen Frauen
stehen mächtig unter Zeitdruck. Mit jedem weiteren Tag würde die Wirksamkeit
drastisch absinken. Aber häufig wird die Schwangerschaft gar nicht vor
der sechsten Wochen festgestellt, und dann ist es für RU 486 bereits
zu spät. Denn die Schwangerschaftskonfliktberatung darf nicht am selben
Tag stattfinden, an dem die Schwangerschaft festgestellt wurde. Das
hat der Gesetzgeber vorgeschrieben, um zu verhindern, daß die Frau ihre
Entscheidung im Affekt trifft. Zwischen Beratung und Abbruch müssen
wiederum drei Tage liegen. Und für die ersten drei Arztbesuche brauchen
Sie auch etwa eine Woche.
Eine vorbeugende, sichere Verhütung ist also weiterhin
auch dem schonendsten Abbruch überlegen nicht nur aus seelischer
und moralischer, sondern auch aus medizinischer Sicht.
Lesen Sie auch: Die Pille danach -
Zwischen Verhütung und Abtreibung
Bitte informieren Sie sich hier über den aktuellen Stand (2010) zur Problematik
kritischer Leserbrief 12/2010
