EGONET.de
Ausgabe 12/1999
Die Nacht gehört der Phantasie
Was unsere Träume uns raten

Niemand kann direkt in die Traumwelten anderer hinein sehen. Man kann sie erzählen, aber nicht das unmittelbare Erleben nachvollziehen. Traumdeutungen behielten trotz der Erfolge von Sigmund Freud und anderen Psychoanalytikern lange Zeit den Hauch des Mystischen. Ob Träume eine Bedeutung haben, blieb eine Glaubensfrage. Erst in jüngster Zeit hat die Wissenschaft einen Zugang zur inneren Welt unserer Phantasien gefunden.
 

Die Entdeckung von 1953, daß wir in bestimmten Schlafphasen verstärkt träumen, war die Geburtsstunde der modernen Traumforschung. Weckt man Leute in einem Schlaflabor, wenn ihr Gehirn ein charakteristisches Wellenmuister zeigt – der sogenannten REM-Phase – so berichten sie von lebhaften Träumen. Ohne daß das meiste vergessen wurde, wie es sonst morgens der Fall ist. Über Einzelheiten der Schlafphasen berichteten wir in EGONet 6/99.

Die Entdeckung, daß man experimentell die Hürden der Traumerinnerung umgehen kann, beflügelte die Forschung. Jetzt wurde es möglich, die erzählten Trauminhalte systematisch auf ihre Bedeutung zu prüfen. Eine wichtige Erkenntnis, die der klassischen Psychoanalyse widerspricht, lautete: Nicht der Analytiker, sondern der Träumende selbst ist der einzige, der seine Träume richtig deuten kann. Denn nur er kennt lückenlos die tatsächlichen Begebenheiten, aus denen das schlafende Gehirn seine Phantasien erzeugt. Unsere Erfahrungen, Probleme und kreativen Potentiale sind das Material, aus dem die Träume sich bilden. Wir sind es auch, die Ihnen einen Sinn verleihen. Das geschieht, indem wir die auftauchenden Bilder mit unseren Einstellungen und unseren charakterlichen Eigenheiten vermischen. Wenn sie uns rätselhaft erscheinen, so deshalb, weil wir uns selbst zum großen Teil rätselhaft sind. Aber wir können sie deuten, entschlüsseln und mit ihrer Hilfe die verborgenen Bereiche unserer Persönlichkeit besser kennen lernen.

Wie Körper und Geist im Traum zusammenarbeiten läßt sich zwar nicht direkt beobachten, aber es gibt eine Reihe indirekter Hinweise auf wichtige Gesetzmäßigkeiten des Traumlebens:

Träumen und Wachen entsprechen einander. Trauminhalte haben – so phantastisch sie im Einzelfall sein mögen – einen deutlichen Bezug zum Tagesleben. Wir erleben Träumen und Wachzustand in ähnlicher Weise. Ängstliche Menschen haben mehr ängstigende und bizarre Träume als andere. In den Träumen von Menschen mit Schuldkomplexen und schlechtem Gewissen tauchen verschlüsselte Botschaften auf, in denen mahnende Fremde und drohendes Unheil eine große Rolle spielen. Sensible Menschen träumen gefühlsbetont. Das ist ein Beleg, daß in der Nacht unerledigte seelische Probleme des Tages bearbeitet werden. In einer Reihe von Studien zeigte Philip Zimbardo, Psychologe an der amerikanischen Stanford-Universität, daß im Traum keineswegs nur Bilder aneinander gereiht werden. Das Ich trifft Entscheidungen und denkt über den Sinn seiner Handlungen nach Die verarbeiteten Informationen und Gefühle sind aus dem Alltag geschöpft. Wichtigster Unterschied zum Wachbewußtsein: die Aufmerksamkeit gilt ausschließlich unseren tieferen Motive, Antriebe, Ängste und Konflikten. Es gibt keine Ablenkung von außen, folglich sind wir im Traum ehrlicher zu uns selbst.

Seelische Selbstreinigung. Träume sind der "Hausputz des Gehirns" schrieb der Genetiker und Traumforscher Francis Crick. Unwesentliche Erinnerungen werden nach seiner Auffassung gelöscht, wichtige verstärkt. Alles, was unsortiert und unverarbeitet durch unser Gedächtnis schwirrt und am Tage nicht erledigt wurde, erhält in der Nacht seinen (vorläufig) endgültigen Platz im Gedächtnisspeicher. Gerade bei Trauer und anderen seelischen Krisen kann ausreichender Traumschlaf ein vorzügliches Heilmittel sein.

Bilder und Töne überwiegen. Träume vermitteln vorrangig optische und akustische Eindrücke. Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn sind so gut wie nie beteiligt. Die entsprechenden Gehirnzentren sind bis auf seltene Ausnahmen während des Traums abgeschaltet. Die Sehrinde dagegen ist während der REM-Phase so aktiv wie am Tag. Oft wird gefragt, warum manche Träume farbig, andere schwarz-weiß erlebt werden. Da das Gehirn nur teilweise aktiv ist, ist manchmal die Farbwahrnehmung abgeschaltet. In diesem Fall werden die Bilder nur hell-dunkel, also wie in einem Schwarzweißfilm gesehen. Glaubt man den Statistiken der Traumforscher, sind etwa 80 Prozent aller Träume farbig. Doch auch Blinde, die seit Geburt nie einen optischen Eindruck empfingen, träumen intensiv. Bei ihnen stehen neben akustischen Eindrücke häufiger als bei Sehenden Tastwahrnehmungen im Zentrum ihrer nächtlichen Geschichten.

Intensive Gefühlswelt. Ein wichtiger Unterschied vom Traum und Tag betrifft die intensive emotionale Färbung der Träume. Wir erleben nachts die gleichen Gefühlslagen, die für uns auch am Tage typisch sind – jedoch viel intensiver, ungehemmter, beeindruckender. Ursache ist die hohe Aktivität des Mandelkerns – der Amygdala – im Gehirn. Es handelt sich, wie der Name schon verrät, um ein etwa mandelkerngroßes Gebilde nahe des Hirnstamms im Zentrum des Gehirns. Es ist für die Regulation so wichtiger Gefühle wie Angst, Zorn oder Freude verantwortlich. Die Amygdala leitet durchlebte Empfindungen ins Langzeitgedächtnis weiter, ordnet ihnen Erinnerungen zu und ruft sie bei Bedarf wieder ins Bewußtsein. Durch ihre nächtliche Aktivität gleicht die Amygdala als Kommandobrücke des Traums Stimmungseinbrüche während des Tages aus. Sie läßt uns unterdrückte Gefühle ausleben und befreit uns dadurch von unverarbeitetem emotionalem Frust. Daß die Stimmungsregulation im Traum positive Auswirkungen auf das Wachbewußtsein der nachfolgenden Tage hat, wurde mehrfach nachgewiesen. Frauen, die nach einer belastenden Scheidung an einem zweimonatigen Traumseminar teilnahmen, besaßen danach ein deutlich verbessertes Selbstwertgefühl. Befunde des amerikanischen Traumforschers Harry Fiss belegen, daß Menschen, die geistig stark belastet werden – sei es intellektuell oder emotional – verstärkt träumen. Im Traum wird nicht nur Streß bewältigt, sondern es bauen sich neue seelische Strukturen auf, die helfen, mit späteren Frustrationen besser zurecht zu kommen.

Räume, Antriebe und Bewegungen. Ohne die Hirnzentren, die unsere inneren Antriebe und unsere räumliche Orientierung organisieren, wären Träume unmöglich. Das beweisen Befunde über Hirnschädigungen. Fallen die entsprechenden Bereiche in den vorderen und mittleren Frontallappen der beiden Hirnhälften aus, erlischt die Fähigkeit zu träumen vollständig. Werden dagegen die Bewegungszentren im Gehirn geschädigt, ist der Patient nicht mehr in der Lage, im wirklichen Leben zu laufen, zu springen oder sich um seine eigene Achse zu drehen. Im Traum bleiben ihm diese Fähigkeiten erhalten.

Von den beteiligten Hirnzentren hängt ab, welche Bilder im Traum auftauchen und welche nicht. Häufig sind es Inhalte, die das Wachbewußtsein als unwichtig oder ärgerlich beiseite schiebt. Der Traumforscher Michael Schredl vom Schlaflabor des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit wies in einem Interview darauf hin, daß in Träumen moderne Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben oder Computerarbeit sehr selten vorkommen. Das sind Tätigkeiten, die bewußtes Denken erfordern und deshalb ganz unserem Wachbewußtsein angehören. Im Traum haben wir es eher mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun, mit Dingen, die wir nur anschauen oder die auf uns einwirken, und – wie schon gesagt – mit Gefühlen und Bewegungen (laufen, fahren, fallen, sogar fliegen).

Bildhaftes, ganzheitliches, assoziatives Erleben. Während unser Denken am Tage von logischen Überlegungen und sprachlich formuliertem Wissen beherrscht wird, kommen nachts tiefer liegende Schichten zur Geltung. Das bewußte Denken der linken Hirnhälfte schläft, statt dessen sprechen die ganzheitlichen Bilder der rechten Hirnhälfte und vereinen sich mit den Gefühlsbotschaften des Hirnstamms. Im Wachbewußtsein folgen wir im Denken wie im Sprechen meist einer wohlüberlegten Argumentationsstruktur. Das heißt, wir achten auf notwendige Zusammenhänge und Folgerichtigkeit. Wenn man uns bittet, etwas Bestimmtes zu tun, fragen wir: "Warum?" Wir wollen die Gründe wissen, die Notwendigkeit erfahren. Die Antwort enthält ein "weil", sie will uns zeigen, daß uns ein Auftrag nicht nur aus Lust und Laune erteilt wird. Ein Beispiel:

"Warum soll ich den Müll heruntertragen?"

"Weil die Mülltüte voll ist, und weil du an der Reihe bist."

Auch wenn beide Begründungen nur vorgeschoben sein sollten – wenn der Partner uns vielleicht nur ein paar Minuten aus der Wohnung haben will oder sich ärgert, daß ich herumsitze, während er selbst den Küchenboden schrubbt – jedes "weil" lenkt unsere Aufmerksamkeit von den persönlichen Motiven fort zu den Sachzwängen. In diesem Fall zu der vollen Mülltüte und einer früher geschlossenen Vereinbarung, den Abfall abwechselnd herunterzutragen. Die Folge: Man kann sich herrlich darüber streiten, wie Hausarbeit am besten zu organisieren sei, ohne ein einziges Mal die Frage zu berühren, um die es tatsächlich geht: daß man anhand der Müllfrage einen kleinen persönlichen Sieg über den anderen davon tragen möchte.

Im Traum funktioniert diese Strategie nicht. Die nächtlichen Geschichten sind wahrhaftiger, aber auch rätselhafter, weil sie sich um unsere Gewohnheiten, Zusammenhänge herzustellen, nicht kümmern. Träume verfügen zwar über kein anderes Material als unser waches Denken – es kann nur auftauchen, was vorher abgespeichert wurde – aber es wird in einer Weise verbunden, die unserer Überzeugung von Logik und Folgerichtigkeit Hohn spricht. Träume sind symbolisch, assoziativ, unlogisch, magisch. Dabei können Geschichten herauskommen, die sich wie ein klassisches Drama aus einem ungewöhnlichen Ereignis über den Konflikt der Akteure zu einem überraschenden Schluß steigern. Es können sich aber auch Bilder allein nach zufälligen Ähnlichkeiten in dem einen oder anderen Detail aneinanderreihen. Die beteiligten höheren Bereiche der rechten Hirnhälfte werden dann versuchen, dem Ablauf einen Sinn zuzuschreiben..

Durchspielen phantastischer Alternativen zum Alltag. Während des Traums scheinen die merkwürdigsten Abläufe selbstverständlich. Das ermöglicht dem Träumenden, Ereignisse, die sich ihm am Tage nach den Regeln der Folgerichtigkeit ins Gedächtnis prägten, noch einmal unter einer anderen, phantastischen Perspektive zu erleben. Es erlaubt ihm, Alternativen durchzuspielen. Die Gesetze der Physik sind abgelöst von den Bedürfnissen der Gefühlswelt. Wer am Tage mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen steht, sieht sich mit einem Mal schweben und erlebt dabei unbeschreibliche Glücksgefühle. Umgekehrt werden Ängste, Alltagsanforderungen nicht gewachsen zu sein, probeweise in Prüfungsträumen durchlebt. So träumte der Begründer der Tiefenpsychologie, Carl Gustav Jung, daß er vor einer Versammlung erlauchter Geister früherer Jahrhunderte eine wissenschaftliche Unterhaltung auf Latein bestreiten mußte und dabei an seinen mangelnden Sprachkenntnissen scheiterte.

Prüfungsträume sind häufig. Das in ihnen empfundene Gefühl der Beschämung hat zweierlei Funktion. Es vermittelt die Warnung, daß man im Begriff steht, sich zu überfordern. Und wer dem Risiko einer Niederlage auszuweichen versucht, erhält im Traum Chance, die verleugnete Gefahr zu durchleben und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Nur lückenhafte Traumerinnerung. Bleibt die Frage, warum wir uns an die meisten Träume nicht erinnern können. Wenn sie so wichtig sind für unsere seelische Gesundheit, weshalb verschwinden sie dann, als hätten wir sie nie erlebt? Die Antwort hat wieder eine biologisch-medizinische und eine psychologische Seite. Während der Nachtruhe ist unser Gedächtnis abgeschaltet. Jeder weiß, daß man abends in Bewußtlosigkeit versinken kann, eine Art kleiner Tod – und das nächste, woran man sich erinnert, sind die morgendlichen Sonnenstrahlen, die einen aus acht Stunden Bewußtlosigkeit wecken. Alles, was dazwischen geschah, ist ausgelöscht. Unser Wachbewußtsein ist sehr stark auf unser Gedächtnis gegründet. Wir wissen, wer wir sind und wie die Wirklichkeit beschaffen ist, weil wir beides nicht nur mit Augen, Ohren usw. wahrnehmen, sondern weil wir diese Sinnesdaten auch pausenlos mit unseren Erinnerungen an unser früheres Ich und die frühere Wirklichkeit vergleichen. Die meisten Tiere leben ausschließlich in der Gegenwart. Die menschliche Fähigkeit, den Augenblick gedanklich als winzigen Teil eines längeren Zeitspanne zu erleben, bringt unser bewußtes Denken hervor. Wir können uns erinnern und Pläne für die Zukunft machen.

Das Traumbewußtsein kennt nur eine einzige Zeitebene – das Geschehen, das unmittelbar vor dem geistigen Auge des Träumers abläuft. In ihm können Erinnerungen aus ganz verschiedenen Lebensabschnitten vermischt werden. Erst wenn man erwacht, wundert man sich über die Verletzung der zeitlichen Logik. Dem Träumer erscheint die phantastischste Geschichte so echt wie die Realität seines Bettes, sobald er erwacht. Woran liegt das?

Während des Schlafs schalten sich einige Substanzen aus, die am Tage Informationen in das Gedächtnis übertragen und speichern. Es liefert noch Bilder, wenn der Traum sie abruft, hört aber auf, sie nach der Logik eines linearen zeitlichen Ablaufs zu organisieren. Aus diesem Grunde können wir uns im Schlaf auch keine Träume merken. Um uns zu erinnern, müssen wir aus dem Traum erwachen, solange die Bilder noch im Kurzzeitgedächtnis kreisen, und sie uns sofort nach dem Erwachen noch einmal bewußt einprägen – vor uns hin memorieren oder noch besser: aufschreiben. Manchmal erwacht man mit einer klaren Erinnerung und denkt: "Das war ja ein phantastischer Traum. Das werde ich mein Lebtag nicht vergessen." Irrtum! Der Träumer muß sehr schnell die Erfahrung machen, daß ohne das bewußte Wiederholen in Gedanken oder Aufschreiben fünf Minuten später von der Traumerinnerung nichts weiter übrig geblieben ist als der vage Eindruck, daß man etwas Tolles erlebt hatte. Was es war, ist für immer vergessen.

Psychologisch gesehen, bietet dieses Vergessen einen gewissen Schutz unserer seelischen Stabilität. Der Traum ist ein Erzeugnis unseres Unterbewußtseins. Konflikte und seelische Verletzungen, die wir bei Tage erfolgreich verdrängen, steigen auf und werden von unserer Psyche weiter verarbeitet. Sobald das Ich-Bewußtsein beim Erwachen zurückkehrt, zieht sich das Unterbewußtsein in sein Schweigen zurück und umschließt die gefährlichen Erinnerungen mit dem gnädigen Dunkel des Vergessens.

Wenn Sie daran gehen, Ihre Traumerinnerung aufzuschreiben und von Ihren Phantasiebildern durch Traumdeutung zu den geheimen Quellen Ihres Unbewußten vorzudringen, gehen Sie ein gewisses Risiko ein. Über manches, was Sie dabei ans Tageslicht holen, werden Sie nicht gerade erfreut sein. Freilich liegt es an Ihnen, wie weit Sie gehen. Träume können fast immer auf mehreren Ebenen gedeutet werden. Solange Sie an der Oberfläche bleiben, ist die Gefahr gering. Nehmen wir an, Sie sehen im Schlaf eine Jugendfreundin, von der Sie seit zwanzig Jahren nichts mehr gehört haben. An der Oberfläche bleiben, hieße in diesem Fall: Sie denken mit Freude, Ärger oder auch Bestürzung an die Kameradin zurück und fühlen sich einfach an einen vergessenen Teil Ihres Lebens erinnert.

Sie können aber auch bei den Gefühlen verweilen, die die einstige Freundin bei Ihnen auslöste. Sie versuchen, weitere Erinnerungen wach zu rufen oder gar mit ihr in einen gedanklichen Dialog treten. Niemand kann im voraus sagen, was Sie dabei zutage fördern werden. Vielleicht haben Sie Glück, und Sie erinnern sich lediglich mit leiser Wehmut oder gar mit angenehm nostalgischen Gefühlen an eine Epoche, die für Ihren weiteren Weg bestimmend war. Es kann aber auch sein, daß schlimme, nie verarbeitete Konflikte zutage treten, und Sie sich auf einmal mit der Überlegung konfrontiert sehen, ob die damals getroffenen Lebensentscheidungen richtig waren. Das kann Ihr Selbstverständnis erschüttern.

Träume als Psychohygiene. Die Möglichkeit, durch Auswertung von Träumen nach Alternativen zu suchen, macht das Nachterleben therapeutisch interessant. Wir können lernen, Träume als diagnostisches Frühwarnsystem für Körper und Geist zu nutzen. Der wissenschaftlich nüchterne Geist hat die Idee, Traumbildern prophetische Gaben zuzuschreiben, lange Zeit als Aberglauben abgelehnt. Sicher wird kann man aus Träumen nicht die Zukunft vorhersagen. Aber zukünftige Möglichkeiten und Gefahren zu erahnen und sich auf Eventualitäten einzustellen – da kann das Traumgeschehen nachweislich helfen. Denn unsere Sinne registrieren weitaus mehr Informationen, als wir durch bewußtes Nachdenken verarbeiten. Das gilt für Wahrnehmungen aus unserer Umwelt ebenso wie für die Sensibilität gegenüber unserer körperlichen und seelischen Befindlichkeit. In Traumbildern tauchen solche unterschwelligen Sinnesdaten an die Oberfläche. Wir müssen nur lernen, sie in der Erinnerung zu bewahren und sie zu entschlüsseln.

Es hat wenig Sinn, Symbole mittels eines Symbollexikons zu deuten. Kein Lexikon kann Ihnen die Bedeutung verraten, die ein Symbol für Sie persönlich hat. Es kann nur eine Hilfe bei der Ideenfindung sein, indem es den Suchraum eingrenzt, die eigentliche Deutung muß aber von Ihrem Seelenleben ausgehen.

Zwei Methoden der Deutung haben sich bewährt. Die erste ist die freie Assoziation, die als Verfahren der Psychoanalyse weltbekannt wurde. Die Grundidee stammt jedoch nicht von Freud, sondern von Sir Francis Galton (1822-1911). Er war der erste Zwillingsforscher und Entdecker der Möglichkeit, Menschen durch ihre Fingerabdrücke zu identifizieren. An sich selbst führte er folgendes Experiment durch: Er las ein Liste von Wörtern und notierte zu jedem einen Begriff oder eine Wendung, die ihm als erstes einfiel.

Galton entdeckte drei grundlegende Dinge: Erstens waren einige der so hervorgerufenen Gedankenbrücken recht erstaunlich und brachten Erinnerungen und Gefühle ins Spiel, an die er bisher nicht gedacht hatte. Zweitens stammten viele der überraschenden Assoziationen aus der Kindheit, und drittens tauchten bei wiederholter Durchführung des Versuchs viele der Gedankenverbindungen immer wieder auf.

Bei der assoziativen Traumdeutung suchen Sie aus der aufgeschriebenen Traumerzählung nach bestimmten Regeln Reizwörter heraus und schreiben alle Gedankenverbindungen auf, die Ihnen dazu einfallen. Aus diesen Assoziationen suchen Sie wiederum Reizwörter und neue Ideen heraus.

Die zweite Methode ist die Traumbefragung. Bei dieser Methode werden die Traumbilder wie Personen behandelt, denen Sie systematisch Fragen stellen und überlegen, wie Sie antworten würden, wenn Sie das personifizeirte Traumbild wären. Diese Methode funktioniert, weil jedes Traumsymbol in Wahrheit ein Aspekt unseres Seelenlebens darstellt, der seine Botschaft in verschlüsselter Form übermittelte. Die Traumbefragung sorgt dafür, daß das Symbol Klartext spricht.

Die Einzelheiten – wie man beide Methoden systematisch anwendet, so daß der verborgene Sinn an die Oberfläche des Bewußtseins tritt, und wie Sie Ihre Traumerinnerung so verbessern, daß Ihnen genügend phantastisches Material für die Deutung zur Verfügung steht – würde den Rahmen eines Artikels sprengen. Sie finden Sie in dem Buch der EGONet-Autoren:

Frank-Uwe-Maaß/Frank Naumann: Was Träume uns raten. Botschaften des Unbewußten entschlüsseln und nutzen. Verlag Gesundheit Berlin 1999. DM 29,90.

Ein Teil unseres Artikels enthält einen gekürzten Auszug aus diesem Buch. Die Wiedergabe erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
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