Die Entdeckung von 1953, daß wir
in bestimmten Schlafphasen verstärkt träumen, war
die Geburtsstunde der modernen Traumforschung. Weckt
man Leute in einem Schlaflabor, wenn ihr Gehirn ein
charakteristisches Wellenmuister zeigt der
sogenannten REM-Phase so berichten sie von
lebhaften Träumen. Ohne daß das meiste vergessen
wurde, wie es sonst morgens der Fall ist. Über
Einzelheiten der Schlafphasen berichteten wir in
EGONet 6/99.
Die Entdeckung, daß man
experimentell die Hürden der Traumerinnerung umgehen
kann, beflügelte die Forschung. Jetzt wurde es
möglich, die erzählten Trauminhalte systematisch
auf ihre Bedeutung zu prüfen. Eine wichtige
Erkenntnis, die der klassischen Psychoanalyse
widerspricht, lautete: Nicht der Analytiker, sondern
der Träumende selbst ist der einzige, der seine
Träume richtig deuten kann. Denn nur er kennt
lückenlos die tatsächlichen Begebenheiten, aus
denen das schlafende Gehirn seine Phantasien erzeugt.
Unsere Erfahrungen, Probleme und kreativen Potentiale
sind das Material, aus dem die Träume sich bilden.
Wir sind es auch, die Ihnen einen Sinn verleihen. Das
geschieht, indem wir die auftauchenden Bilder mit
unseren Einstellungen und unseren charakterlichen
Eigenheiten vermischen. Wenn sie uns rätselhaft
erscheinen, so deshalb, weil wir uns selbst zum
großen Teil rätselhaft sind. Aber wir können sie
deuten, entschlüsseln und mit ihrer Hilfe die
verborgenen Bereiche unserer Persönlichkeit besser
kennen lernen.
Wie Körper und Geist im Traum
zusammenarbeiten läßt sich zwar nicht direkt
beobachten, aber es gibt eine Reihe indirekter
Hinweise auf wichtige Gesetzmäßigkeiten des
Traumlebens:
Träumen
und Wachen entsprechen einander. Trauminhalte haben so phantastisch
sie im Einzelfall sein mögen einen deutlichen
Bezug zum Tagesleben. Wir erleben Träumen und
Wachzustand in ähnlicher Weise. Ängstliche Menschen
haben mehr ängstigende und bizarre Träume als
andere. In den Träumen von Menschen mit
Schuldkomplexen und schlechtem Gewissen tauchen
verschlüsselte Botschaften auf, in denen mahnende
Fremde und drohendes Unheil eine große Rolle
spielen. Sensible Menschen träumen gefühlsbetont.
Das ist ein Beleg, daß in der Nacht unerledigte
seelische Probleme des Tages bearbeitet werden. In
einer Reihe von Studien zeigte Philip Zimbardo,
Psychologe an der amerikanischen
Stanford-Universität, daß im Traum keineswegs nur
Bilder aneinander gereiht werden. Das Ich trifft
Entscheidungen und denkt über den Sinn seiner
Handlungen nach Die verarbeiteten Informationen und
Gefühle sind aus dem Alltag geschöpft. Wichtigster
Unterschied zum Wachbewußtsein: die Aufmerksamkeit
gilt ausschließlich unseren tieferen Motive,
Antriebe, Ängste und Konflikten. Es gibt keine
Ablenkung von außen, folglich sind wir im Traum
ehrlicher zu uns selbst.
Seelische
Selbstreinigung.
Träume sind der "Hausputz des Gehirns"
schrieb der Genetiker und Traumforscher Francis
Crick. Unwesentliche Erinnerungen werden nach seiner
Auffassung gelöscht, wichtige verstärkt. Alles, was
unsortiert und unverarbeitet durch unser Gedächtnis
schwirrt und am Tage nicht erledigt wurde, erhält in
der Nacht seinen (vorläufig) endgültigen Platz im
Gedächtnisspeicher. Gerade bei Trauer und anderen
seelischen Krisen kann ausreichender Traumschlaf ein
vorzügliches Heilmittel sein.
Bilder
und Töne überwiegen.
Träume vermitteln vorrangig optische und akustische
Eindrücke. Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn sind
so gut wie nie beteiligt. Die entsprechenden
Gehirnzentren sind bis auf seltene Ausnahmen während
des Traums abgeschaltet. Die Sehrinde dagegen ist
während der REM-Phase so aktiv wie am Tag. Oft wird
gefragt, warum manche Träume farbig, andere
schwarz-weiß erlebt werden. Da das Gehirn nur
teilweise aktiv ist, ist manchmal die Farbwahrnehmung
abgeschaltet. In diesem Fall werden die Bilder nur
hell-dunkel, also wie in einem Schwarzweißfilm
gesehen. Glaubt man den Statistiken der
Traumforscher, sind etwa 80 Prozent aller Träume
farbig. Doch auch Blinde, die seit Geburt nie einen
optischen Eindruck empfingen, träumen intensiv. Bei
ihnen stehen neben akustischen Eindrücke häufiger
als bei Sehenden Tastwahrnehmungen im Zentrum ihrer
nächtlichen Geschichten.
Intensive
Gefühlswelt. Ein
wichtiger Unterschied vom Traum und Tag betrifft die
intensive emotionale Färbung der Träume. Wir
erleben nachts die gleichen Gefühlslagen, die für
uns auch am Tage typisch sind jedoch viel
intensiver, ungehemmter, beeindruckender. Ursache ist
die hohe Aktivität des Mandelkerns der
Amygdala im Gehirn. Es handelt sich, wie der
Name schon verrät, um ein etwa mandelkerngroßes
Gebilde nahe des Hirnstamms im Zentrum des Gehirns.
Es ist für die Regulation so wichtiger Gefühle wie
Angst, Zorn oder Freude verantwortlich. Die Amygdala
leitet durchlebte Empfindungen ins
Langzeitgedächtnis weiter, ordnet ihnen Erinnerungen
zu und ruft sie bei Bedarf wieder ins Bewußtsein.
Durch ihre nächtliche Aktivität gleicht die
Amygdala als Kommandobrücke des Traums
Stimmungseinbrüche während des Tages aus. Sie
läßt uns unterdrückte Gefühle ausleben und
befreit uns dadurch von unverarbeitetem emotionalem
Frust. Daß die Stimmungsregulation im Traum positive
Auswirkungen auf das Wachbewußtsein der
nachfolgenden Tage hat, wurde mehrfach nachgewiesen.
Frauen, die nach einer belastenden Scheidung an einem
zweimonatigen Traumseminar teilnahmen, besaßen
danach ein deutlich verbessertes Selbstwertgefühl.
Befunde des amerikanischen Traumforschers Harry Fiss
belegen, daß Menschen, die geistig stark belastet
werden sei es intellektuell oder emotional
verstärkt träumen. Im Traum wird nicht nur
Streß bewältigt, sondern es bauen sich neue
seelische Strukturen auf, die helfen, mit späteren
Frustrationen besser zurecht zu kommen.
Räume,
Antriebe und Bewegungen.
Ohne die Hirnzentren, die unsere inneren Antriebe und
unsere räumliche Orientierung organisieren, wären
Träume unmöglich. Das beweisen Befunde über
Hirnschädigungen. Fallen die entsprechenden Bereiche
in den vorderen und mittleren Frontallappen der
beiden Hirnhälften aus, erlischt die Fähigkeit zu
träumen vollständig. Werden dagegen die
Bewegungszentren im Gehirn geschädigt, ist der
Patient nicht mehr in der Lage, im wirklichen Leben
zu laufen, zu springen oder sich um seine eigene
Achse zu drehen. Im Traum bleiben ihm diese
Fähigkeiten erhalten.
Von den beteiligten Hirnzentren
hängt ab, welche Bilder im Traum auftauchen und
welche nicht. Häufig sind es Inhalte, die das
Wachbewußtsein als unwichtig oder ärgerlich
beiseite schiebt. Der Traumforscher Michael Schredl
vom Schlaflabor des Mannheimer Zentralinstituts für
Seelische Gesundheit wies in einem Interview darauf
hin, daß in Träumen moderne Kulturtechniken wie
Lesen, Schreiben oder Computerarbeit sehr selten
vorkommen. Das sind Tätigkeiten, die bewußtes
Denken erfordern und deshalb ganz unserem
Wachbewußtsein angehören. Im Traum haben wir es
eher mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun, mit
Dingen, die wir nur anschauen oder die auf uns
einwirken, und wie schon gesagt mit
Gefühlen und Bewegungen (laufen, fahren, fallen,
sogar fliegen).
Bildhaftes,
ganzheitliches, assoziatives Erleben. Während unser Denken am Tage von
logischen Überlegungen und sprachlich formuliertem
Wissen beherrscht wird, kommen nachts tiefer liegende
Schichten zur Geltung. Das bewußte Denken der linken
Hirnhälfte schläft, statt dessen sprechen die
ganzheitlichen Bilder der rechten Hirnhälfte und
vereinen sich mit den Gefühlsbotschaften des
Hirnstamms. Im Wachbewußtsein folgen wir im Denken
wie im Sprechen meist einer wohlüberlegten
Argumentationsstruktur. Das heißt, wir achten auf
notwendige Zusammenhänge und Folgerichtigkeit. Wenn
man uns bittet, etwas Bestimmtes zu tun, fragen wir:
"Warum?" Wir wollen die Gründe wissen, die
Notwendigkeit erfahren. Die Antwort enthält ein
"weil", sie will uns zeigen, daß uns ein
Auftrag nicht nur aus Lust und Laune erteilt wird.
Ein Beispiel:
"Warum soll ich den Müll
heruntertragen?"
"Weil die Mülltüte voll ist,
und weil du an der Reihe bist."
Auch wenn beide Begründungen nur
vorgeschoben sein sollten wenn der Partner uns
vielleicht nur ein paar Minuten aus der Wohnung haben
will oder sich ärgert, daß ich herumsitze, während
er selbst den Küchenboden schrubbt jedes
"weil" lenkt unsere Aufmerksamkeit von den
persönlichen Motiven fort zu den Sachzwängen. In
diesem Fall zu der vollen Mülltüte und einer
früher geschlossenen Vereinbarung, den Abfall
abwechselnd herunterzutragen. Die Folge: Man kann
sich herrlich darüber streiten, wie Hausarbeit am
besten zu organisieren sei, ohne ein einziges Mal die
Frage zu berühren, um die es tatsächlich geht: daß
man anhand der Müllfrage einen kleinen persönlichen
Sieg über den anderen davon tragen möchte.
Im Traum funktioniert diese
Strategie nicht. Die nächtlichen Geschichten sind
wahrhaftiger, aber auch rätselhafter, weil sie sich
um unsere Gewohnheiten, Zusammenhänge herzustellen,
nicht kümmern. Träume verfügen zwar über kein
anderes Material als unser waches Denken es
kann nur auftauchen, was vorher abgespeichert wurde
aber es wird in einer Weise verbunden, die
unserer Überzeugung von Logik und Folgerichtigkeit
Hohn spricht. Träume sind symbolisch, assoziativ,
unlogisch, magisch. Dabei können Geschichten
herauskommen, die sich wie ein klassisches Drama aus
einem ungewöhnlichen Ereignis über den Konflikt der
Akteure zu einem überraschenden Schluß steigern. Es
können sich aber auch Bilder allein nach zufälligen
Ähnlichkeiten in dem einen oder anderen Detail
aneinanderreihen. Die beteiligten höheren Bereiche
der rechten Hirnhälfte werden dann versuchen, dem
Ablauf einen Sinn zuzuschreiben..
Durchspielen
phantastischer Alternativen zum Alltag. Während des Traums scheinen die
merkwürdigsten Abläufe selbstverständlich. Das
ermöglicht dem Träumenden, Ereignisse, die sich ihm
am Tage nach den Regeln der Folgerichtigkeit ins
Gedächtnis prägten, noch einmal unter einer
anderen, phantastischen Perspektive zu erleben. Es
erlaubt ihm, Alternativen durchzuspielen. Die Gesetze
der Physik sind abgelöst von den Bedürfnissen der
Gefühlswelt. Wer am Tage mit beiden Beinen fest auf
dem Boden der Tatsachen steht, sieht sich mit einem
Mal schweben und erlebt dabei unbeschreibliche
Glücksgefühle. Umgekehrt werden Ängste,
Alltagsanforderungen nicht gewachsen zu sein,
probeweise in Prüfungsträumen durchlebt. So
träumte der Begründer der Tiefenpsychologie, Carl
Gustav Jung, daß er vor einer Versammlung erlauchter
Geister früherer Jahrhunderte eine wissenschaftliche
Unterhaltung auf Latein bestreiten mußte und dabei
an seinen mangelnden Sprachkenntnissen scheiterte.
Prüfungsträume sind häufig. Das
in ihnen empfundene Gefühl der Beschämung hat
zweierlei Funktion. Es vermittelt die Warnung, daß
man im Begriff steht, sich zu überfordern. Und wer
dem Risiko einer Niederlage auszuweichen versucht,
erhält im Traum Chance, die verleugnete Gefahr zu
durchleben und sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Nur
lückenhafte Traumerinnerung. Bleibt die Frage, warum wir uns an die
meisten Träume nicht erinnern können. Wenn sie so
wichtig sind für unsere seelische Gesundheit,
weshalb verschwinden sie dann, als hätten wir sie
nie erlebt? Die Antwort hat wieder eine
biologisch-medizinische und eine psychologische
Seite. Während der Nachtruhe ist unser Gedächtnis
abgeschaltet. Jeder weiß, daß man abends in
Bewußtlosigkeit versinken kann, eine Art kleiner Tod
und das nächste, woran man sich erinnert,
sind die morgendlichen Sonnenstrahlen, die einen aus
acht Stunden Bewußtlosigkeit wecken. Alles, was
dazwischen geschah, ist ausgelöscht. Unser
Wachbewußtsein ist sehr stark auf unser Gedächtnis
gegründet. Wir wissen, wer wir sind und wie die
Wirklichkeit beschaffen ist, weil wir beides nicht
nur mit Augen, Ohren usw. wahrnehmen, sondern weil
wir diese Sinnesdaten auch pausenlos mit unseren
Erinnerungen an unser früheres Ich und die frühere
Wirklichkeit vergleichen. Die meisten Tiere leben
ausschließlich in der Gegenwart. Die menschliche
Fähigkeit, den Augenblick gedanklich als winzigen
Teil eines längeren Zeitspanne zu erleben, bringt
unser bewußtes Denken hervor. Wir können uns
erinnern und Pläne für die Zukunft machen.
Das Traumbewußtsein kennt nur eine
einzige Zeitebene das Geschehen, das
unmittelbar vor dem geistigen Auge des Träumers
abläuft. In ihm können Erinnerungen aus ganz
verschiedenen Lebensabschnitten vermischt werden.
Erst wenn man erwacht, wundert man sich über die
Verletzung der zeitlichen Logik. Dem Träumer
erscheint die phantastischste Geschichte so echt wie
die Realität seines Bettes, sobald er erwacht. Woran
liegt das?
Während des Schlafs schalten sich
einige Substanzen aus, die am Tage Informationen in
das Gedächtnis übertragen und speichern. Es liefert
noch Bilder, wenn der Traum sie abruft, hört aber
auf, sie nach der Logik eines linearen zeitlichen
Ablaufs zu organisieren. Aus diesem Grunde können
wir uns im Schlaf auch keine Träume merken. Um uns
zu erinnern, müssen wir aus dem Traum erwachen,
solange die Bilder noch im Kurzzeitgedächtnis
kreisen, und sie uns sofort nach dem Erwachen noch
einmal bewußt einprägen vor uns hin
memorieren oder noch besser: aufschreiben. Manchmal
erwacht man mit einer klaren Erinnerung und denkt:
"Das war ja ein phantastischer Traum. Das werde
ich mein Lebtag nicht vergessen." Irrtum! Der
Träumer muß sehr schnell die Erfahrung machen, daß
ohne das bewußte Wiederholen in Gedanken oder
Aufschreiben fünf Minuten später von der
Traumerinnerung nichts weiter übrig geblieben ist
als der vage Eindruck, daß man etwas Tolles erlebt
hatte. Was es war, ist für immer vergessen.
Psychologisch gesehen, bietet
dieses Vergessen einen gewissen Schutz unserer
seelischen Stabilität. Der Traum ist ein Erzeugnis
unseres Unterbewußtseins. Konflikte und seelische
Verletzungen, die wir bei Tage erfolgreich
verdrängen, steigen auf und werden von unserer
Psyche weiter verarbeitet. Sobald das Ich-Bewußtsein
beim Erwachen zurückkehrt, zieht sich das
Unterbewußtsein in sein Schweigen zurück und
umschließt die gefährlichen Erinnerungen mit dem
gnädigen Dunkel des Vergessens.
Wenn Sie daran gehen, Ihre
Traumerinnerung aufzuschreiben und von Ihren
Phantasiebildern durch Traumdeutung zu den geheimen
Quellen Ihres Unbewußten vorzudringen, gehen Sie ein
gewisses Risiko ein. Über manches, was Sie dabei ans
Tageslicht holen, werden Sie nicht gerade erfreut
sein. Freilich liegt es an Ihnen, wie weit Sie gehen.
Träume können fast immer auf mehreren Ebenen
gedeutet werden. Solange Sie an der Oberfläche
bleiben, ist die Gefahr gering. Nehmen wir an, Sie
sehen im Schlaf eine Jugendfreundin, von der Sie seit
zwanzig Jahren nichts mehr gehört haben. An der
Oberfläche bleiben, hieße in diesem Fall: Sie
denken mit Freude, Ärger oder auch Bestürzung an
die Kameradin zurück und fühlen sich einfach an
einen vergessenen Teil Ihres Lebens erinnert.
Sie können aber auch bei den
Gefühlen verweilen, die die einstige Freundin bei
Ihnen auslöste. Sie versuchen, weitere Erinnerungen
wach zu rufen oder gar mit ihr in einen gedanklichen
Dialog treten. Niemand kann im voraus sagen, was Sie
dabei zutage fördern werden. Vielleicht haben Sie
Glück, und Sie erinnern sich lediglich mit leiser
Wehmut oder gar mit angenehm nostalgischen Gefühlen
an eine Epoche, die für Ihren weiteren Weg
bestimmend war. Es kann aber auch sein, daß
schlimme, nie verarbeitete Konflikte zutage treten,
und Sie sich auf einmal mit der Überlegung
konfrontiert sehen, ob die damals getroffenen
Lebensentscheidungen richtig waren. Das kann Ihr
Selbstverständnis erschüttern.
Träume
als Psychohygiene. Die
Möglichkeit, durch Auswertung von Träumen nach
Alternativen zu suchen, macht das Nachterleben
therapeutisch interessant. Wir können lernen,
Träume als diagnostisches Frühwarnsystem für
Körper und Geist zu nutzen. Der wissenschaftlich
nüchterne Geist hat die Idee, Traumbildern
prophetische Gaben zuzuschreiben, lange Zeit als
Aberglauben abgelehnt. Sicher wird kann man aus
Träumen nicht die Zukunft vorhersagen. Aber
zukünftige Möglichkeiten und Gefahren zu erahnen
und sich auf Eventualitäten einzustellen da
kann das Traumgeschehen nachweislich helfen. Denn
unsere Sinne registrieren weitaus mehr Informationen,
als wir durch bewußtes Nachdenken verarbeiten. Das
gilt für Wahrnehmungen aus unserer Umwelt ebenso wie
für die Sensibilität gegenüber unserer
körperlichen und seelischen Befindlichkeit. In
Traumbildern tauchen solche unterschwelligen
Sinnesdaten an die Oberfläche. Wir müssen nur
lernen, sie in der Erinnerung zu bewahren und sie zu
entschlüsseln.
Es hat wenig Sinn, Symbole mittels
eines Symbollexikons zu deuten. Kein Lexikon kann
Ihnen die Bedeutung verraten, die ein Symbol für Sie
persönlich hat. Es kann nur eine Hilfe bei der
Ideenfindung sein, indem es den Suchraum eingrenzt,
die eigentliche Deutung muß aber von Ihrem
Seelenleben ausgehen.
Zwei Methoden der Deutung haben
sich bewährt. Die erste ist die freie
Assoziation, die als Verfahren der
Psychoanalyse weltbekannt wurde. Die Grundidee stammt
jedoch nicht von Freud, sondern von Sir Francis
Galton (1822-1911). Er war der erste
Zwillingsforscher und Entdecker der Möglichkeit,
Menschen durch ihre Fingerabdrücke zu
identifizieren. An sich selbst führte er folgendes
Experiment durch: Er las ein Liste von Wörtern und
notierte zu jedem einen Begriff oder eine Wendung,
die ihm als erstes einfiel.
Galton entdeckte drei grundlegende
Dinge: Erstens waren einige der so hervorgerufenen
Gedankenbrücken recht erstaunlich und brachten
Erinnerungen und Gefühle ins Spiel, an die er bisher
nicht gedacht hatte. Zweitens stammten viele der
überraschenden Assoziationen aus der Kindheit, und
drittens tauchten bei wiederholter Durchführung des
Versuchs viele der Gedankenverbindungen immer wieder
auf.
Bei der assoziativen Traumdeutung
suchen Sie aus der aufgeschriebenen Traumerzählung
nach bestimmten Regeln Reizwörter heraus und
schreiben alle Gedankenverbindungen auf, die Ihnen
dazu einfallen. Aus diesen Assoziationen suchen Sie
wiederum Reizwörter und neue Ideen heraus.
Die zweite Methode ist die Traumbefragung.
Bei dieser Methode werden die Traumbilder wie
Personen behandelt, denen Sie systematisch Fragen
stellen und überlegen, wie Sie antworten würden,
wenn Sie das personifizeirte Traumbild wären. Diese
Methode funktioniert, weil jedes Traumsymbol in
Wahrheit ein Aspekt unseres Seelenlebens darstellt,
der seine Botschaft in verschlüsselter Form
übermittelte. Die Traumbefragung sorgt dafür, daß
das Symbol Klartext spricht.
Die Einzelheiten wie man
beide Methoden systematisch anwendet, so daß der
verborgene Sinn an die Oberfläche des Bewußtseins
tritt, und wie Sie Ihre Traumerinnerung so
verbessern, daß Ihnen genügend phantastisches
Material für die Deutung zur Verfügung steht
würde den Rahmen eines Artikels sprengen. Sie finden
Sie in dem Buch der EGONet-Autoren:
Frank-Uwe-Maaß/Frank Naumann: Was
Träume uns raten. Botschaften des Unbewußten
entschlüsseln und nutzen. Verlag Gesundheit Berlin
1999. DM 29,90.
Ein Teil unseres Artikels enthält
einen gekürzten Auszug aus diesem Buch. Die
Wiedergabe erfolgte mit freundlicher Genehmigung des
Verlages.
