EGONET.de
Ausgabe 12/1999
Unsere Titelstory
Schenken
Warum wir unsere Nächsten mit Gaben erfreuen

Alle Jahre wieder beglücken wir unsere Nächsten mit Geschenken, und diese uns. Der Einzelhandel verdient im Dezember wie sonst kaum das übrige Jahr, und manche Industrien wären ohne den Geschenkboom längst pleite. Über Hintergründe des menschlichen Triebes, Geschenke zu verteilen, informiert EGONet. Mit Geschenktipps unserer Redaktion.
 

In einer kanadischen Untersuchung konnten pro Teilnehmer im Jahr durchschnittlich 71 Geschenke und Gegengeschenke festgestellt werden. Die niedrigste Zahl lag bei 12, die höchste bei 202. Obwohl Schenken ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor ist und die Gedanken vieler in den Wochen vor Weihnachten beherrscht, hat sich die Psychologie bisher wenig mit den Hintergründen und unbewußten seelischen Bedürfnisse befaßt, die uns dazu bringen, rund 5 Prozent unseres Geldes, das für Konsumausgaben zur Verfügung steht, in Geschenke umzusetzen.

Geschenke sind Beziehungskitt. "Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", sagt das Sprichwort. Freunde machen sich Geschenke – aber Geschenke machen auch Freunde. Gegenüber anderen Formen des Austauschs von Waren zeigen Geschenke drei Besonderheiten:

  • Sie gelten als freiwillige Gaben. Sie können zumindest juristisch nicht eingefordert werden. Das unterscheidet sie vom ökonomischen Warenaustausch, wo es infolge der Bezahlung zu einem Kaufvertrag kommt.
  • Sie enthalten ein Element des Überflüssigen. Meist werden Dinge nicht geschenkt, um für den Empfänger nützlich zu sein. Es geht mehr um die symbolische Geste, der Spender möchte dem Empfänger eine Freude bereiten.
  • Ihr Nutzen liegt im Schaffen und Bekräftigen persönlicher Beziehungen. Ein Geschenk soll freundschaftliche Gefühle erzeugen, und wenn das nicht gelingt, hat es seinen Zweck verfehlt.

Alle drei Merkmale haben ihre Schattenseiten. Die Freiwilligkeit bezieht sich meist nur auf die erste Gabe. Ein Mann hat eine Frau kennengelernt und schenkt ihr zum ersten Rendezvous eine Rose. Dieses Geschenk verlangt Dankbarkeit, fordert zum Gegengeschenk auf – zum Beispiel der Einladung, die Nacht bei ihr zu verbringen. Für die Nacht und das Frühstück am Morgen bedankt er sich demnächst mit einem ganzen Strauß. Wenn alles gut geht, setzt sich diese Reihe fort bis zur silbernen und goldenen Hochzeit. In der Tat bestätigen Forschungen, das die übergroße Mehrheit von Gaben erwartete Pflichtgeschenke sind, die als Gegengabe oder zu traditionellen Anlässen wie Weihnachten und Geburtstag überreicht werden. Der spontane, überraschende Blumenstrauß ist eine seltene Ausnahme.

Ob eine Gabe überflüssig ist oder nicht – diese Entscheidung liegt häufig im Auge des Betrachters. Bei Schwiegermamas selbstgehäkeltem Deckchen zählt für das junge Paar vielleicht nur die symbolische Geste – sie lassen das Präsent schon am nächsten Morgen im Wäscheschrank verschwinden. Schwiegermama glaubt dagegen, daß sie ihren Lieben den Kauf einer neuen Tischdecke ersparte. Die Beschenkten werden ihr die Illusion nicht nehmen und rechtzeitig vor dem nächsten Besuch das Häkeldeckchen aus dem untersten Schrankfach hervorkramen und auf den Kaffeetisch legen.

Die Nützlichkeit beim Bekräftigen persönlicher Beziehungen ist manchmal ganz wörtlich zu nehmen. Dazu eine kleine Geschichte, die auf Wahrheit beruht: Eine gute Bekannte, die im Hauptbüro einer kommunalen Wohnungsverwaltung arbeitet, kommt jedes Jahr am letzten Arbeitstag vor Weihnachten mit ein, zwei Flaschen Sekt, einer ledergebundenen Briefmappe, einem Bildband oder vergleichbaren Gaben nach Haus. Es handelt sich keineswegs um Präsente der Firma. Nein, es sind vielmehr Abfallprodukte vom Geschenktisch Ihres Chefs; denn kurz vor dem Fest treffen jedes Jahr Abgesandte von den zahlreichen Handwerksbetrieben der Umgebung ein, um ihm, der in der Wohnungsverwaltung über die Vergabe von Sanierungs- und Reparatur-Großaufträgen entscheidet, den Dank für die gute Zusammenarbeit und/oder die Hoffnung auf zukünftige Zusammenarbeit auszusprechen. Was der Chef nicht selbst wegschaffen und verbrauchen kann, verteilt er an seine Mitarbeiter(innen) und erweist sich so als großzügiger Vorgesetzter.

Diese Gabe sind echte Geschenke. Sie erfolgen freiwillig, ohne daß die Gegenleistung unmittelbar eingefordert werden kann. Ob der Chef sich mit der Floskel "Das war doch nicht nötig!" gegen die Übernahme einer moralischen Verpflichtung mit der Annahme der Geschenke gewehrt hat, wissen wir nicht. Auf jeden Fall darf der Schenkende eine lohnende Gegengabe erwarten. Auf einer Preisliste, die den Mietern anläßlich einer Badmodernisierung überreicht wurde, wurde beispielsweise für das Anbringen einer verchromten Einhebelduscharmatur mit Abzweig zur Badewanne ein Preis von DM 1 950,- kalkuliert, umgelegt auf die Miete zu monatlich DM 17,88. Wir haben eine gleichwertige Armatur im Baumarkt gekauft und selbst montiert; das kostete DM 173,-, also weniger als zehn Prozent. Wer einmal die Gewinnspanne für einen solchen Auftrag für nur eine Straße von fünfzig Häusern zu je fünfzehn Mietparteien ausrechnet, wird zugeben, daß die jährliche Sektlieferung zu Weihnachten als Dank an den Auftraggeber in der Bilanz des Klempnereibetriebes prozentual nicht einmal den Umfang von Peanuts erreicht.

Niemand sollte glauben, daß nur bei Bestechung oder dem Erpressen von Geschenken Nützlichkeitserwägungen eine Rolle spielen. Im Gegenteil, sogar das Bürgerliche Gesetzbuch regelt einklagbar, daß der Grundsatz "Geschenkt ist geschenkt" unter bestimmten Bedingungen widerrufen werden kann. Haben Ihnen Ihre Eltern beispielsweise ihr Ferienhäuschen auf Sylt geschenkt, weil ihnen die Reise dorthin zu mühselig geworden ist, so behalten sie zehn Jahre lang das Recht, ihr Geschenk zurückzufordern, wenn sie in eine unverschuldete Notlage geraten (§ 528 BGB). Lebenslang kann die Schenkung wegen "grobem Undank" widerrufen werden (§ 516 BGB). Das zeigt, das nach allgemeiner Rechtsauffassung die Annahme von Geschenken eine Dankbarkeitspflicht nach sich zieht.

Werfen wir zum Abschluß einen Blick auf vier Formen des Gebens, die zwar dem Schenken ähnlich, aber nicht mit ihm zu verwechseln sind:

Opfern. Der Römer Ovid schrieb: "Geschenke bestechen, glaub’ mir, Menschen und Götter." Opfer sollten Götter versöhnen und sie zu einer Gegengabe veranlassen. In der christlichen Religion spielte aber auch das Motiv des Dankens für die Schöpfung mit.

Almosen. Die Beziehung zwischen Geber und Bettler dauert meist nicht länger als eine Viertelminute. In südlichen Ländern gibt es den institutionalisierten Bettler mit festem Standplatz, der seine Spender nach einiger Zeit persönlich kennt. Bei uns erfolgt Betteln eher anonym, in demütiger Haltung mit passivem Abwarten. Aktives Betteln, in Mittelmeerländern schon lange üblich, gewinnt aber bei uns an Bedeutung. Entsprechend unserer deutschen Mentalität geben wir lieber, wenn eine Gegenleistung erfolgt – Obdachlosenzeitungen verkauft oder klein musikalische Darbietungen geboten werden.

Spenden. Der Geldwert dieser Almosen ist höher, erfolgt meist an eine Institution und es geht dem ein längerer bewußter Entscheidungsprozeß voraus. Wieviel wir Deutschen spenden, ist nicht genau bekannt. Nach Schätzungen liegt das Spendenaufkommen der Deutschen für karitative Zwecke in den 90 Jahren bei 4 bis 4,5 Milliarden Mark.

Trinkgelder. Es ist neben Anerkennung einer Leistung auch Ausdruck einer positiv erlebten Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister. In der Praxis wird dieses Prinzip häufig unterlaufen, weil längst aus der individuellen Gabe eine Art Gewohnheitsrecht geworden ist. So wie in Kalifornien vom Leiter einer Ausflugstour genau der Prozentsatz vom Preis genannt wurde, der auf dem Kreditkarten-Coupon als Trinkgeld einzutragen ist. 1995 hat der ADAC für wichtige Urlaubsländer Trnkgeldregeln zusammengestellt. So ist es etwa in Frankreich, Griechenland und Spanien unüblich, dem Friseur ein Trinkgeld zu geben, in der Schweiz, Österreich und Großbritannien werden mindestens zehn Prozent des Preises erwartet. Dem türkischen und französischen Taxifahrer braucht man nichts zu geben, in allen übrigen aufgelisteten Ländern ist die Weigerung, ein Trinkgeld zu geben, Ausdruck der Unverfrorenheit oder der Unzufriedenheit oder bestenfalls der Unkenntnis. Nach einer Allensbach-Umfrage vom Januar 1986 gaben im Westen Deutschlands 83 Prozent der Befragten bei mindestens einem Anlaß Trinkgeld. 72 Prozent gaben dem Kellner oder der Bedienung im Restaurant Trinkgeld, 60 Prozent dem Friseur oder der Friseuse, 39 Prozent dem Personal im Krankenhaus, 35 Prozent dem Taxifahrer, 30 Prozent dem Zimmermädchen, 28 Prozent dem Handwerker oder dem Angestellten einer Transportfirma, wenn er größere Gegenstände auslieferte, 27 Prozent der Toilettenfrau und 26 Prozent dem Briefträger, wenn er die Post direkt abgab.

Suchen Sie noch Ideen für niveauvolle Weihnachtsgeschenke für Verwandte und Freunde? Wie wär’s mit einem Sachbuch, verfaßt von Ihren EGONet-Autoren? Einige Themen und Beiträge, die Sie aus unserer Online-Zeitschrift kennen, sind darin als Teilkapitel abgedruckt, vieles ausführlicher, manches auch anders und neu. Mit jedem Buch, das Sie kaufen und verschenken, leisten Sie zudem eine kleine Spende für unser Team und ermöglichen uns, auch weiterhin für Sie Monat für Monat kostenlos eine neue Ausgabe des EGONet ins Internet zu stellen.

Frank Naumann:

Miteinander streiten
Die Kunst der fairen Auseinandersetzung
Rowohlt Taschenbuch DM 12,90

ISBN 3-499-19795-2
Online bestellen

Plädoyer für eine konstruktive Streitkultur

Psychologie heute

Ratgeber, der für einen Psychologen erstaunlich verständlich, ja sogar unterhaltsam geschrieben ist

Oberösterreichische Nachrichten

Ein Psychologe und Philosoph erklärt, wann und wie Streiten Gold ist

Annabelle

Frank Naumann:

Erste Hilfe für die Seele
Beistand in Notsituationen, Lebenskrisen und Konflikten
Verlag Gesundheit Berlin DM 29,90

ISBN 3-333-00759-2
Online bestellen

Wertvolle Tips für Laien ... Ein durchaus empfehlenswertes Buch

Die Presse, Wien

Sachlich fundiert, verständlich und einfühlsam geschrieben

Bibliotheksinfodienst

Kummer, Konflikte, Einsamkeit in der Weihnachtszeit treibt Menschen in die Krise. Was sie brauchen, ist Erste Hilfe für die Seele

Super-Illu

Frank Naumann:

Mut zur Krankheit
oder Die Lust am Unwohlsein

Die ultimative Verteidigungsschrift für Gesundheitsmuffel, Hobbypatienten und Berufshypochonder
Verlag Gesundheit Berlin DM 19,90

ISBN 3-333-01019-4
Online bestellen

Ein Lesespaß über die alltäglichen Widersprüche unseres Gesundheitsverhaltens

Mülheimer Sportmagazin

Ein Rundumschlag, bei dem die Asketen und die zur Völlerei neigenden Zeitgenossen gleichermaßen durch den Kakao gezogen werden

Nordwest-Zeitung

Eine amüsante Lektüre, deren Autor über Gesundheit und Krankheit nicht mit erhobenem Zeigefinger doziert

Weg zur Gesundheit

Echte "Lückenliteratur", die den Gesundheits- und Fitnessratgebermarkt gegen den Strich bürstet ... Gefragt ist der mündige Leser ... Diesem mit Nachdruck empfohlen!

Der Evangelische Buchberater

Kernpunkt, sehr frei nach Lewis Carroll: Alle sind Verlierer.
Psychologie heute

René Koch/ Frank Naumann:

Mann, bist du schön!
Was uns attraktiv, erfolgreich und begehrenswert macht
Verlag Gesundheit Berlin DM 39,90

ISBN 3-333-01021-6

Online bestellen

Erfolg, Persönlichkeit und gutes Aussehen kommen nicht von allein. Auch Männer müssen etwas für sich tun. Wie, das zeigen der Berliner Star-Visagist René Koch und der Kommunikationspsychologe Dr. Frank Naumann in ihrem neuen Buch

Funkuhr

Ideale Lektüre für alle Männer, die wissen wollen, wie sie rundherum mehr aus sich machen können.

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Das ultimative Schönheits- und Pflegebuch für den Mann. Vergessen Sie alles, was Sie bisher gelesen haben: Die Tips vom Starstylisten René Koch sind besser, ausführlicher und vor allem sinnvoller.

Männer aktuell

Frank-Uwe-Maaß/Frank Naumann:

Was Träume uns raten

Botschaften des Unbewußten entschlüsseln und nutzen.

Verlag Gesundheit Berlin 1999. DM 29,90

ISBN 3-333-01050-X
Online bestellen

Empfohlen als weiterführende Literatur von den Zeitschriften "Journal für die Frau" und "Lisa".
Schnellsuche
B|cher DE-Titel US-Titel
Musik Pop Klassik

Verwendete Literaturquellen:

Berking, Helmuth: Schenken. Zur Anthropologie des Gebens. Campus-Verlag, Frankfurt/M., New York 1996.

Mauss, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag 1990 (Originalausgabe 1925).

Schmied, Gerhard u.a.: Schenken. Probleme der Definition, Festlegung und Grenzphänomene. In Ethik und Sozialwissenschaften, 1998, Heft 3.

In Partnerschaft mit
Amazon.de

Dokumentanfang EGONet-Titelseite Themen Übersicht
Leserbrief 
chatten-bloggen-Freunde treffen

In Partnerschaft mit
Amazon.de

LOVEPOINT - Liebe oder Seitensprung? - Click it Ihre Immobilienanzeige bei Immonet.de. Ab jetzt 4 Wochen lang für nur Euro 14,95.