Kein Thema hat so viele Bücher mit
so hervorragenden Verkaufszahlen hervorgebracht, wie
die Schwierigkeiten, die Frauen und Männer im
täglichen Umgang miteinander haben. Die Redaktion
EGONet hat sich entschlossen, den verschiedenen
Aspekte des Mann- und Frau-Seins in der
Persönlichkeitsentwicklung, im Beruf und in der
Partnerschaft in einer Reihe von Artikeln
nachzugehen.
Schaut man sich die Titel der
Erfolgsbücher an, so scheint der Krieg das
vorherrschende Thema zu sein.
Ute Ehrhardts millionenfach
verkaufter Ratgeber "Gute Mädchen kommen in den
Himmel, böse überall hin", monatelang auf
Platz 1 der deutschen Bestsellerliste, heißt im
Untertitel "Warum Bravsein uns nicht
weiterbringt" und fordert zum Kampf gegen
männliches Rollenverhalten nicht nur in der
Betriebshierarchie, sondern auch im heimischen
Wohnzimmer auf. Die amerikanische Autorin Harriet
Rubin verkaufte ihren "Machiavelli für
Frauen" hierzulande rund hunderttausend Mal. Der
Untertitel "Strategie und Taktik im Kampf der
Geschlechter" verrät, daß hier Waffen für den
Krieg gegen den Mann geliefert werden, insbesondere
gegen Ehemänner und Liebhaber. Hinzu kommen
männliche Selbstanklagen. "Männer lassen
lieben. Die Sucht nach der Frau" heißt ein
hunderttausendfach verkauftes Buch des Therapeuten
Wilfried Wieck. Achtzig Prozent der Kaufwilligen
waren Frauen. Die theoretische Begründung, warum
Männer und Frauen einander befehden, lieferte
Deborah Tannen in "Du kannst mich einfach nicht
verstehen", das in kurzer Zeit viele Auflagen
erlebte.
Selbstverständlich gibt es auch
andere Werke auf unserem pluralistischen
Büchermarkt. Verschiedene Ratgeber empfehlen goldene
Regeln für eine langjährig harmonische Ehe. Eine
Autorin, Susan Page, verrät sogar, wie Sie im
Alleingang das Glück in Ihre Beziehung
zurückbringen können. Ihr Buch heißt "Jetzt
mache ich uns glücklich. Liebevolle Lenkung in
Partnerschaft". Allerdings besteht ein
wesentlicher Unterschied zwischen diesen Werken, die
auf Verständigung und Kooperation zielen und den
oben zitierten Kampfansagen. Die kooperativen
Autor(innen) verkaufen kaum ihre erste Auflage von
wenigen tausend Exemplaren.
Die Bücher zum Krieg der
Geschlechter werden fast ausschließlich von Frauen
gekauft. Enttäuschte Liebe, uneinsichtige, sich
autoritär gebärdende Männer in Beruf und
Partnerschaft weckten die Sehnsucht nach dem großen
Befreiungsschlag. Es ihnen mit gleicher Münze
heimzahlen oder mit überlegenen, raffinierten
weiblichen Waffen männliche Kraftmeierei außer
Gefecht setzen wer dafür die geeigneten
Rezepte lieferte, konnte sich einer großen Schar von
Anhängerinnen gewiß sein.
Gewisse Erfolge sind sichtbar. Im
Kino, im Fernsehen und in Computerspielen sind sanfte
Betthäschen, die bewundernd zu starken Männern wie
James Bond aufschauen, selten geworden. Die schöne,
eiskalte Powerfrau ist die Heldin von heute, die
reihenweise schmalspurige Muskelprotze niederwalzt
und sich so für Erniedrigung und Betrug rächt. Im
Beruf und in der Ehe gibt es Veränderungen, zum Teil
durch neue Gesetze gefördert, die es Frauen leichter
machen, ihre Rechte durchzusetzen.
Und die Männer? Entgegen dem Bild,
das noch viele Bücher und Filme verbreiten, haben
sich auch die Männer gewandelt. Neue Untersuchungen
belegen, daß der traditionelle Macho, der meint,
eine Frau gehöre an den Herd, sich stark auf dem
Rückzug befindet. Die "neuen" Männer, die
weder Softie noch Macho sind, breiten sich aus.
Karriere ist ihnen nicht mehr so wichtig, sie
kümmern sich um Kinder und Familie, und zwar nicht
nur in großspurigen Versprechungen, sondern mehr und
mehr auch im realen Alltag.
Die meisten Männer freilich sind
verunsichert und vorsichtig. Auf all die
Kampfparolen, Forderungskataloge und Anklagen, die
sie sich Tag für Tag anhören müssen, reagieren sie
mit Rückzug. "Ehe ich mir dauernd sagen lassen
muß, daß ich unsensibel sei und was ich alles tun
müsse, damit es eine Frau bei mir aushalte,
kommuniziere ich lieber mit meinem Computer."
Mit diesen Worten sprach einer von ihnen aus, was
viele denken.
In der Tat: noch nie gab es so
viele Singles in Deutschland und noch nie so viele
Trennungen. 1998 ließen sich 195 000 Paare scheiden
neuer Rekord. Freilich war auch noch nie die
Zahl der Wiederverheiratungen so hoch wie heute. Die
meisten, die in einer Ehe gescheitert sind, versuchen
es erneut.
Wir wollen in den kommenden Monaten
die Verschiedenheit von Frauen und Männern in ihren
unterschiedlichen Aspekten beleuchten. Endgültige,
perfekte Antworten werden auch wir nicht liefern
können. Es wird immer ein letztes Geheimnis übrig
bleiben zum Glück, denn wo bliebe ohne das
Rätselhafte die Anziehung der Geschlechter?
Wir möchten Frauen und Männern
helfen, einander besser zu verstehen. Ob Sie die
Informationen, die Sie bei uns erhalten als
Kampfmunition oder für eine bessere Verständigung
nutzen, bleibt Ihre Entscheidung. Wir möchten
lediglich zeigen, wie Frauen und Männer denken und
fühlen, was sie wünschen, erwarten und wie sie sich
verhalten. Dabei beobachten wir Männer und Frauen
nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch ihren
Umgang miteinander in Partnerschaften, im Beruf, in
Freundschaften, als Geschwister und so weiter.
Insbesondere werden wir das reale
Verhalten von Frauen und Männern mit den Idealen
vergleichen, die sich in den Worten
"weiblich" und "männlich"
widerspiegeln. Ein Zitat aus dem schon erwähnten
Bestseller "Machiavelli für Frauen" soll
die Schwierigkeiten zeigen. Die Autorin Harriet Rubin
schreibt auf Seite 64:
"Irgendwann einmal wird man
Stalin nur mehr als einen Tyrannen kennen, der in der
Zeit der Dichterin Anna Achmatova lebte. Sie wird
noch lange verehrt werden, wenn dieser mörderische
Diktator nur mehr eine Erinnerung sein wird, ebenso
wie wir heute lieber von den hübschen kleinen
Kämpfen lesen, die Marc Aurel mit seinem Gewissen
ausfocht, als von den groß zelebrierten
Plünderungen Julius Cäsars ... Die Eroberungen der
alten Despoten sind nie von Dauer gewesen. Alle
Beispiele zeigen, daß nur das Weibliche, nicht die
von Befehl und Kontrolle gelenkte Strategie die
Zeiten überdauert."
Ob der römische Kaiser Marc Aurel
sich als weiblichen Charakter bezeichnet hätte, nur
weil er im Feldlager an der Grenze Germaniens auf
einer rauhen Matratze nach blutiger Schlacht an
seinen "Selbstbetrachtungen" schrieb? Wie
weit sind die Tugenden, die hier als
"weiblich" bezeichnet werden, tatsächlich
"typisch Frau"? Wie weit findet man sie bei
Männern? Und umgekehrt: Verfügte die eiserne Lady
Margaret Thatcher über einen "männlichen"
Charakter? Was also haben die Eigenschaften
"männlich" und "weiblich" mit
den realen Frauen und Männern zu schaffen?
Es handelt sich um mehr als ein
bloßes Spiel mit Worten. Die Emanzipationsbewegung
steckte immer in einem Dilemma. Sind Frauen den
Männern gleich, können sie genau die gleiche
Aufgaben auf die gleiche Weise erfüllen, ist also
"weibliches" Verhalten nur eine Erfindung
der Männer, um Frauen als Konkurrentinnen fern zu
halten? Oder sind Frauen ganz anders und deshalb den
Männern überlegen? Dann wäre
"Weiblichkeit" ein Ideal, zu dem Männer
erst erzogen werden müssen.
Wir werden versuchen, Licht in das
Dunkel zu bringen, und zwar fangen wir schon
nächsten Monat damit an. Lesen Sie in unserer ersten
EGONet-Ausgabe zum neuen Jahrtausend:
Typisch Frau Typisch Mann,
Teil 2:
Ich bin Frau, du bist Mann
angeboren oder anerzogen?
Biologisches, Psychisches und
Soziales in den Geschlechterrollen
Anmerkung: Die in unserem Artikel
zitierten Bücher erschienen im Wolfgang Krüger
Verlag Frankfurt/M., mit Ausnahme des Buches von W.
Wieck, das im Kreuz Verlag Stuttgart erschien.