Seit Anfang der 70er Jahre
hält der Terrorismus die Welt in Atem. Viele Bücher sind
seither über seine Ursachen und Motive veröffentlicht worden.
Die wesentlichen Aussagen über Terroristen lassen sich in
folgenden Punkten zusammenfassen:
·
Sie bilden Gruppen mit hohem Konformitätsdruck.
·
Sie denken in einseitigen Klischees, haben
also ein stark vereinfachtes Weltbild aus Schwarz und Weiß.
·
Sie sind überzeugt, als Minderheit mit Waffen
eine bessere Welt zu errichten.
·
Ideen sind ihnen wichtiger als Menschen.
·
Sie haben massive Selbstwertprobleme, die
sie kompensieren, indem sie zugleich sich und die glücklichere
Mitwelt bestrafen.
Kurz, Terroristen wurden als dumm, geisteskrank oder völlig
verbohrt dargestellt. Faktisch ein Fall für den Psychiater.
Nach dem Grauen des 11. September werden sie außerdem noch
dämonisiert. Sie erscheinen als unbegreifliche, teuflisch
böse Gehirne, gegen die es nur ein Mittel gibt: sie mit
Stumpf und Stiel auszurotten. Das wird allerdings nicht
gelingen. Für jeden toten Terroristen wachsen zwei neue
nach, die in ihm einen Helden sehen. Wir schauen uns daher
zunächst den Nährboden des Terrorismus an und analysieren
dann die psychischen Bedingungen.
Ein gängiges Vorurteil besagt, Terroristen seien in abgeschiedenen
Dritte-Welt-Camps auf Kadavergehorsam gedrillten Kamikazekrieger.
Falsch! Ein Blick auf die Fahndungsergebnisse weckt Erstaunen.
Die Täter waren zwar gläubige Muslime, lebten aber in Westeuropa
und den USA, haben studiert, waren intelligent und fielen
in ihrer Mehrheit nicht durch fanatischen Aktivismus auf.
Ehemalige Mitstudenten schildern sie als freundlich, zurückhaltend,
unauffällig.
Schon die Anarchisten des 19. Jahrhundert hielten sich
für eine gebildete Elite, die im Gegensatz zur breiten Massen
die subtilen Mechanismen der Ausbeutung durchschauten. Terroristen
sind deshalb meistens radikale Intellektuelle. Die Terrorgruppen
des 20. Jahrhunderts wie die Rote-Armee-Fraktion und ähnliche
Bündnisse in Spanien, Irland oder Italien kamen vor allem
aus dem Milieu der Studenten und junger Akademiker. Bei
den Attentätern von New York scheint es nicht anders zu
sein. Ein Phänomen, das nach einer Erklärung verlangt.
Wie stellt sich die Weltlage in den Augen der gebildeten
Terroristen dar? Nach dem Ende des Weltkommunismus teilt
sich die Welt in wenige reiche Staaten in Westeuropa, Nordamerika,
Japan und Australien und den armen Rest der Erde. Die mit
der kolonialen Befreiung geweckten Hoffnungen der 60er Jahre,
zum Wohlstand der reichen Staaten aufzuschließen, hat sich
nicht erfüllt. Die meisten dieser Länder sind verschuldet,
verarmt und werden von Diktatoren regiert, von denen viele
von den USA abhängig sind. Wer in einem dieser Länder geboren
wird, dem steht ein Dasein in Elend bevor, ohne die Hoffnung
einer Verbesserung zu seinen Lebzeiten. Wer Arbeit hat,
vermehrt den Reichtum der Regierenden - und indirekt der
Europäer und Nordamerikaner, die sich dort mit billigen
Rohstoffen und Arbeitskräften versorgen. Kein Wunder, daß
unter den Einwohnern antiamerikanische Einstellungen weit
verbreitet sind.
Dennoch schaffen immer wieder einige wenige aus der Armut
einen Sprung in das Lager des reichen Feindes. Über Verwandte
oder durch ein Stipendium wegen besonderer schulischer Leistungen
kommen sie in die Länder des Westens und dürfen studieren.
Auf einmal leben sie auf der anderen Seite. Das bringt sie
in eine widersprüchliche Lage. Sie stehen zwischen Baum
und Borke. Für ihre Heimat sind sie Fremde, vom Feind korrumpiert.
In Europa sind sie Ausländer, werden wegen ihrer Religion
und ihrer fremden Sitten belächelt, offen verspottet oder
gar attackiert. Daß ihre Kommilitonen sie als still und
unauffällig beschreiben, ist kein Wunder. Die Kränkung,
als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden, verbergen
sie stolz in ihrer Brust. Was die Europäer belächeln - ihre
als primitiv verspotteten Gebräuche - wird für sie eine
Quelle des Selbstwertgefühls. Denn wenn sie für die Euopäer
zweitklassig sind: für die Daheimgebliebenen sind sie Aufsteiger.
Zugleich nähren sie tiefe Schuldgefühle. Sie müßten glücklich
sein, da sie an einem Wohlstand teilhaben, von dem ihre
Verwandten in der fernen Heimat nur träumen können. Statt
dessen fühlen sie sich innerlich zerrissen, schwanken zwischen
Stolz und Gewissensbissen.
Auf eine solche Lage kann man sehr unterschiedlich reagieren.
Hier kommen jetzt unterschiedliche charakterliche Veranlagungen
ins Spiel. (Die folgenden Prozentangaben sind nur ungefähre
Durchschnittswerte.)
·
In jeder Gesellschaft neigen etwa achtzig
Prozent aller Menschen zur Anpassung. Das gilt auch für
Ausländer. Sie leben den Spagat zwischen heimischer und
neuer Kultur, versuchen die Spielregeln beider soweit zu
verinnerlichen, daß sie sowohl in der alten Heimat als auch
im Gastland zurechtkommen. Aus ihnen werden brave Bürger,
die Steuern zahlen, Kinder großziehen und möglichst wenig
mit den Gesetzen in Konflikt kommen.
·
Zehn Prozent finden sich nicht zurecht. Sie
erlernen die Sprache nicht, verstehen die fremden Umgangsregeln
nicht, verfallen in Depressionen oder unternehmen Selbstmordversuche.
In aller Regeln können sie nur mit Hilfe von Verwandten
oder durch ständige Betreuung von Sozialarbeitern des Gastlandes
überleben.
·
Die restlichen zehn Prozent kommen mit den
Gesetzen in Konflikt. Viele von ihnen starten eine Karriere
als Kriminelle, handeln mit Drogen oder gestohlenen Waren
und neigen zur Gewalt. Untersuchungen zeigen, daß eine impulsive
Charakterveranlagung, die sich schon in früher Kindheit
herausbildet, eine kriminelle Laufbahn fördert.
In dieser letzten Gruppe sind Personen mit einer geringen
Schulbildung in der Überzahl. Das verweist nicht unbedingt
auf mangelnde Intelligenz. Impulsivität und motorische Unruhe
verringern die Fähigkeit, in der Schule mitzuarbeiten und
sich zu konzentrieren.
Eine kleine Gruppe dieser Impulsiven ist jedoch hochintelligent
- und das hat gravierende Auswirkungen auf ihre Entwicklung.
Ein Beispiel macht klar, warum. Der normale Impulsive ist
nicht in der Lage, ein Bedürfnis lange aufzuschieben. Läßt
man einem impulsiven Kind von fünf bis sieben Jahren die
Wahl zwischen einem Bonbon sofort und einer Tafel Schokolade
in fünf Minuten, so wählt es das Bonbon. Kinder mit ruhigem
Temperament, aber auch sehr intelligente Kinder, die vorausdenken
können, warten dagegen auf die viel attraktivere Schokolade.
Ist ein Kind zugleich impulsiv und intelligent, geraten
beide Antriebe - das Soforthabenwollen und die Freude auf
die spätere größere Belohnung - in Konflikt. Diese Kinder
müssen Verhaltenstechniken erlernen, mit diesem Konflikt
fertig zu werden. Es entstehen widersprüchliche, oftmals
unaufrichtige Charaktere, die wegen der inneren Widersprüche
ständig von einem schlechten Gewissen geplagt werden.
Nach außen unterscheiden sie sich nicht von den achtzig
Prozent der normalen Angepaßten. Nur wer sie sehr gut kennt
und über Einfühlungsvermögen verfügt, kann erahnen, welche
Kämpfe sich in ihrem Innern abspielen, um ihre Impulse nach
Regelverstößen unter Kontrolle zu halten. Meist lösen die
intelligenten Impulsiven das Problem, indem sie sich für
ihre Selbstbeherrschung in der Öffentlichkeit privat entschädigen.
Sie suchen nach Orten und Gelegenheiten, wo sie ihre unterdrückten
Bedürfnisse ausleben können.
Sich den Benachteiligten des eigenen Volkes als Kämpfer
zu opfern ist eine Möglichkeit, seine Impulse auszuleben
und zugleich sein schlechtes Gewissen wegen der genossenen
Privilegien zu beruhigen. Sich selbst zu opfern, kann von
quälenden Skrupeln erlösen. Selbstmordphantasien haben viele
Menschen. Und nicht wenige sind bereit, sie umzusetzen,
wenn sie sich unglücklich fühlen und sie den Eindruck gewinnen,
mit dem Opfer etwas Gutes zu tun - also zum Beispiel Sühne
für unverdient genossene Privilegien zu leisten. Die Bereitschaft
sich zu opfern, ist auch unserer Kultur nicht fremd, wie
zahlreiche Beispiele aus dem Kampf gegen Hitler beweisen.
Selbstmörder, die andere mit in den Tod reißen, machen immer
wieder Schlagzeilen (Geisterfahrer auf der Autobahn, Amokläufer).
Viel interessanter ist die Frage: Warum sind diese Studenten
dem Gastland nicht dankbar, daß sie dort Wissen erwerben
durften? Sondern greifen es an? Als intelligente Menschen
müßten sie doch erkennen, daß der Reichtum des Westens ein
Beweis für seine kulturelle Überlegenheit darstellt?
Die Terroristen sehen in der wirtschaftlichen Überlegenheit
vor allem ein Resultat der Ausbeutung ihrer Heimat. Was
sie erhielten, war für sie kein Geschenk, sondern nur eine
winzige Rückzahlung aus dem großen Topf der ihrer Heimat
entzogenen Reichtümer. Sie haben durchaus nicht den Eindruck,
im World Trade Center Unschuldige ermordet zu haben. Im
Gegenteil. Wer dort arbeitete, bewegte die Finanzströme,
die weiteres Geld und Rohstoffe aus ihren Heimatländern
heraussaugte. Der Tod der Agenten des Systems war blutige
Rache. Warum sollten sie und ihre Angehörigen weniger leiden
als die unschuldig verhungernden Kinder in Mittelasien?
Wenn es außerdem gelänge, einen Weltkrieg zwischen Islam
und Abendland auszulösen, bei dem die gestählten, an Entbehrung
gewöhnten Kämpfer über die verweichlichten Westler triumphieren
würden ...
Solange die Welt in Privilegierte und Benachteiligte gespalten
bleibt, wird auch der Terrorismus einen Nährboden finden.
Selbst wenn es gelänge, den fundamentalistischen Islam und
alle bestehenden Gewaltgruppen zu vernichten, würden an
anderer Stelle neue Gruppen nachwachsen. Das Unheilvolle
ist das Beispiel, das der Anschlag des 11. September lieferte.
Die Fanatiker dieser Welt - egal, ob extreme Moslems, Rechtsradikale
oder nationale Separatisten - wissen jetzt, daß spektakuläre
Massenmorde mit wenigen Mitteln und Männern durchführbar
sind. Und daß die Weltsupermacht USA wütend und im Innersten
erschüttert darauf reagiert. Daß ihre mächtige Finanzwelt
bebt und unter einem zweiten Ansturm zusammenbrechen könnte.
Einfache, schnelle Lösungen gibt es nicht. Der Rückfall
in mittelalterliche Racherituale ("Vergeltungsschlag") kann
nur eine neue Gewaltspirale auslösen. Das Beispiel Palästina
zeigt, daß ein verzweifeltes Volk eine unerschöpfliche Zahl
von opferbereiten Selbstmordtätern hervorzubringen vermag.
Auch eine Strategie der totalen Abschottung funktioniert
nicht in unserer globalisierten Welt.
Der Terrorismus kann nur so besiegt werden, wie es beim
Kommunismus gelang: durch Integration. Karl Marx begründete
die Weltrevolution einst mit dem Satz: Die Proletarier haben
nichts zu verlieren als ihre Ketten. Nun, der moderne Kapitalismus
sorgte dafür, daß der Arbeiter einiges zu verlieren hatte,
indem er ihn an dem von ihm produzierten Wohlstand teilhaben
ließ. Die zweite Welt löste sich auf. Doch solange die dritte
Welt ausgeschlossen bleibt, werden Attacken auf die erste
Welt nicht aufhören.
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