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Unser Titelthema:
Psychologie des Terrors

Was geht im Kopf der Selbstmordattentäter vor?
Ausgabe November 2001/ 4. Jahrgang
 

Ferienwohnung im Sonnenhaus Rügen
Der Selbsterhaltungstrieb gehört zu den stärksten Instinkten des Lebens. Welche Kräfte treiben Menschen dazu, den sicheren Tod vor Augen, die zivilisierte Welt in Angst und Schrecken zu versetzen? Begriffe wie Verblendung, Fanatismus oder religiöser Wahn erklären nichts, sondern geben dem Rätsel nur andere Namen. EGO-Net klärt auf.
 

Seit Anfang der 70er Jahre hält der Terrorismus die Welt in Atem. Viele Bücher sind seither über seine Ursachen und Motive veröffentlicht worden. Die wesentlichen Aussagen über Terroristen lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

·       Sie bilden Gruppen mit hohem Konformitätsdruck.

·       Sie denken in einseitigen Klischees, haben also ein stark vereinfachtes Weltbild aus Schwarz und Weiß.

·       Sie sind überzeugt, als Minderheit mit Waffen eine bessere Welt zu errichten.

·       Ideen sind ihnen wichtiger als Menschen.

·       Sie haben massive Selbstwertprobleme, die sie kompensieren, indem sie zugleich sich und die glücklichere Mitwelt bestrafen.

Kurz, Terroristen wurden als dumm, geisteskrank oder völlig verbohrt dargestellt. Faktisch ein Fall für den Psychiater. Nach dem Grauen des 11. September werden sie außerdem noch dämonisiert. Sie erscheinen als unbegreifliche, teuflisch böse Gehirne, gegen die es nur ein Mittel gibt: sie mit Stumpf und Stiel auszurotten. Das wird allerdings nicht gelingen. Für jeden toten Terroristen wachsen zwei neue nach, die in ihm einen Helden sehen. Wir schauen uns daher zunächst den Nährboden des Terrorismus an und analysieren dann die psychischen Bedingungen.

Ein gängiges Vorurteil besagt, Terroristen seien in abgeschiedenen Dritte-Welt-Camps auf Kadavergehorsam gedrillten Kamikazekrieger. Falsch! Ein Blick auf die Fahndungsergebnisse weckt Erstaunen. Die Täter waren zwar gläubige Muslime, lebten aber in Westeuropa und den USA, haben studiert, waren intelligent und fielen in ihrer Mehrheit nicht durch fanatischen Aktivismus auf. Ehemalige Mitstudenten schildern sie als freundlich, zurückhaltend, unauffällig.

Schon die Anarchisten des 19. Jahrhundert hielten sich für eine gebildete Elite, die im Gegensatz zur breiten Massen die subtilen Mechanismen der Ausbeutung durchschauten. Terroristen sind deshalb meistens radikale Intellektuelle. Die Terrorgruppen des 20. Jahrhunderts wie die Rote-Armee-Fraktion und ähnliche Bündnisse in Spanien, Irland oder Italien kamen vor allem aus dem Milieu der Studenten und junger Akademiker. Bei den Attentätern von New York scheint es nicht anders zu sein. Ein Phänomen, das nach einer Erklärung verlangt.

Wie stellt sich die Weltlage in den Augen der gebildeten Terroristen dar? Nach dem Ende des Weltkommunismus teilt sich die Welt in wenige reiche Staaten in Westeuropa, Nordamerika, Japan und Australien und den armen Rest der Erde. Die mit der kolonialen Befreiung geweckten Hoffnungen der 60er Jahre, zum Wohlstand der reichen Staaten aufzuschließen, hat sich nicht erfüllt. Die meisten dieser Länder sind verschuldet, verarmt und werden von Diktatoren regiert, von denen viele von den USA abhängig sind. Wer in einem dieser Länder geboren wird, dem steht ein Dasein in Elend bevor, ohne die Hoffnung einer Verbesserung zu seinen Lebzeiten. Wer Arbeit hat, vermehrt den Reichtum der Regierenden - und indirekt der Europäer und Nordamerikaner, die sich dort mit billigen Rohstoffen und Arbeitskräften versorgen. Kein Wunder, daß unter den Einwohnern antiamerikanische Einstellungen weit verbreitet sind.

Dennoch schaffen immer wieder einige wenige aus der Armut einen Sprung in das Lager des reichen Feindes. Über Verwandte oder durch ein Stipendium wegen besonderer schulischer Leistungen kommen sie in die Länder des Westens und dürfen studieren. Auf einmal leben sie auf der anderen Seite. Das bringt sie in eine widersprüchliche Lage. Sie stehen zwischen Baum und Borke. Für ihre Heimat sind sie Fremde, vom Feind korrumpiert. In Europa sind sie Ausländer, werden wegen ihrer Religion und ihrer fremden Sitten belächelt, offen verspottet oder gar attackiert. Daß ihre Kommilitonen sie als still und unauffällig beschreiben, ist kein Wunder. Die Kränkung, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden, verbergen sie stolz in ihrer Brust. Was die Europäer belächeln - ihre als primitiv verspotteten Gebräuche - wird für sie eine Quelle des Selbstwertgefühls. Denn wenn sie für die Euopäer zweitklassig sind: für die Daheimgebliebenen sind sie Aufsteiger. Zugleich nähren sie tiefe Schuldgefühle. Sie müßten glücklich sein, da sie an einem Wohlstand teilhaben, von dem ihre Verwandten in der fernen Heimat nur träumen können. Statt dessen fühlen sie sich innerlich zerrissen, schwanken zwischen Stolz und Gewissensbissen.

Auf eine solche Lage kann man sehr unterschiedlich reagieren. Hier kommen jetzt unterschiedliche charakterliche Veranlagungen ins Spiel. (Die folgenden Prozentangaben sind nur ungefähre Durchschnittswerte.)

·       In jeder Gesellschaft neigen etwa achtzig Prozent aller Menschen zur Anpassung. Das gilt auch für Ausländer. Sie leben den Spagat zwischen heimischer und neuer Kultur, versuchen die Spielregeln beider soweit zu verinnerlichen, daß sie sowohl in der alten Heimat als auch im Gastland zurechtkommen. Aus ihnen werden brave Bürger, die Steuern zahlen, Kinder großziehen und möglichst wenig mit den Gesetzen in Konflikt kommen.

·       Zehn Prozent finden sich nicht zurecht. Sie erlernen die Sprache nicht, verstehen die fremden Umgangsregeln nicht, verfallen in Depressionen oder unternehmen Selbstmordversuche. In aller Regeln können sie nur mit Hilfe von Verwandten oder durch ständige Betreuung von Sozialarbeitern des Gastlandes überleben.

·       Die restlichen zehn Prozent kommen mit den Gesetzen in Konflikt. Viele von ihnen starten eine Karriere als Kriminelle, handeln mit Drogen oder gestohlenen Waren und neigen zur Gewalt. Untersuchungen zeigen, daß eine impulsive Charakterveranlagung, die sich schon in früher Kindheit herausbildet, eine kriminelle Laufbahn fördert.

In dieser letzten Gruppe sind Personen mit einer geringen Schulbildung in der Überzahl. Das verweist nicht unbedingt auf mangelnde Intelligenz. Impulsivität und motorische Unruhe verringern die Fähigkeit, in der Schule mitzuarbeiten und sich zu konzentrieren.

Eine kleine Gruppe dieser Impulsiven ist jedoch hochintelligent - und das hat gravierende Auswirkungen auf ihre Entwicklung. Ein Beispiel macht klar, warum. Der normale Impulsive ist nicht in der Lage, ein Bedürfnis lange aufzuschieben. Läßt man einem impulsiven Kind von fünf bis sieben Jahren die Wahl zwischen einem Bonbon sofort und einer Tafel Schokolade in fünf Minuten, so wählt es das Bonbon. Kinder mit ruhigem Temperament, aber auch sehr intelligente Kinder, die vorausdenken können, warten dagegen auf die viel attraktivere Schokolade. Ist ein Kind zugleich impulsiv und intelligent, geraten beide Antriebe - das Soforthabenwollen und die Freude auf die spätere größere Belohnung - in Konflikt. Diese Kinder müssen Verhaltenstechniken erlernen, mit diesem Konflikt fertig zu werden. Es entstehen widersprüchliche, oftmals unaufrichtige Charaktere, die wegen der inneren Widersprüche ständig von einem schlechten Gewissen geplagt werden.

Nach außen unterscheiden sie sich nicht von den achtzig Prozent der normalen Angepaßten. Nur wer sie sehr gut kennt und über Einfühlungsvermögen verfügt, kann erahnen, welche Kämpfe sich in ihrem Innern abspielen, um ihre Impulse nach Regelverstößen unter Kontrolle zu halten. Meist lösen die intelligenten Impulsiven das Problem, indem sie sich für ihre Selbstbeherrschung in der Öffentlichkeit privat entschädigen. Sie suchen nach Orten und Gelegenheiten, wo sie ihre unterdrückten Bedürfnisse ausleben können.

Sich den Benachteiligten des eigenen Volkes als Kämpfer zu opfern ist eine Möglichkeit, seine Impulse auszuleben und zugleich sein schlechtes Gewissen wegen der genossenen Privilegien zu beruhigen. Sich selbst zu opfern, kann von quälenden Skrupeln erlösen. Selbstmordphantasien haben viele Menschen. Und nicht wenige sind bereit, sie umzusetzen, wenn sie sich unglücklich fühlen und sie den Eindruck gewinnen, mit dem Opfer etwas Gutes zu tun - also zum Beispiel Sühne für unverdient genossene Privilegien zu leisten. Die Bereitschaft sich zu opfern, ist auch unserer Kultur nicht fremd, wie zahlreiche Beispiele aus dem Kampf gegen Hitler beweisen. Selbstmörder, die andere mit in den Tod reißen, machen immer wieder Schlagzeilen (Geisterfahrer auf der Autobahn, Amokläufer).

Viel interessanter ist die Frage: Warum sind diese Studenten dem Gastland nicht dankbar, daß sie dort Wissen erwerben durften? Sondern greifen es an? Als intelligente Menschen müßten sie doch erkennen, daß der Reichtum des Westens ein Beweis für seine kulturelle Überlegenheit darstellt?

Die Terroristen sehen in der wirtschaftlichen Überlegenheit vor allem ein Resultat der Ausbeutung ihrer Heimat. Was sie erhielten, war für sie kein Geschenk, sondern nur eine winzige Rückzahlung aus dem großen Topf der ihrer Heimat entzogenen Reichtümer. Sie haben durchaus nicht den Eindruck, im World Trade Center Unschuldige ermordet zu haben. Im Gegenteil. Wer dort arbeitete, bewegte die Finanzströme, die weiteres Geld und Rohstoffe aus ihren Heimatländern heraussaugte. Der Tod der Agenten des Systems war blutige Rache. Warum sollten sie und ihre Angehörigen weniger leiden als die unschuldig verhungernden Kinder in Mittelasien? Wenn es außerdem gelänge, einen Weltkrieg zwischen Islam und Abendland auszulösen, bei dem die gestählten, an Entbehrung gewöhnten Kämpfer über die verweichlichten Westler triumphieren würden ...

Solange die Welt in Privilegierte und Benachteiligte gespalten bleibt, wird auch der Terrorismus einen Nährboden finden. Selbst wenn es gelänge, den fundamentalistischen Islam und alle bestehenden Gewaltgruppen zu vernichten, würden an anderer Stelle neue Gruppen nachwachsen. Das Unheilvolle ist das Beispiel, das der Anschlag des 11. September lieferte. Die Fanatiker dieser Welt - egal, ob extreme Moslems, Rechtsradikale oder nationale Separatisten - wissen jetzt, daß spektakuläre Massenmorde mit wenigen Mitteln und Männern durchführbar sind. Und daß die Weltsupermacht USA wütend und im Innersten erschüttert darauf reagiert. Daß ihre mächtige Finanzwelt bebt und unter einem zweiten Ansturm zusammenbrechen könnte.

Einfache, schnelle Lösungen gibt es nicht. Der Rückfall in mittelalterliche Racherituale ("Vergeltungsschlag") kann nur eine neue Gewaltspirale auslösen. Das Beispiel Palästina zeigt, daß ein verzweifeltes Volk eine unerschöpfliche Zahl von opferbereiten Selbstmordtätern hervorzubringen vermag. Auch eine Strategie der totalen Abschottung funktioniert nicht in unserer globalisierten Welt.

Der Terrorismus kann nur so besiegt werden, wie es beim Kommunismus gelang: durch Integration. Karl Marx begründete die Weltrevolution einst mit dem Satz: Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Nun, der moderne Kapitalismus sorgte dafür, daß der Arbeiter einiges zu verlieren hatte, indem er ihn an dem von ihm produzierten Wohlstand teilhaben ließ. Die zweite Welt löste sich auf. Doch solange die dritte Welt ausgeschlossen bleibt, werden Attacken auf die erste Welt nicht aufhören.

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