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“Typisch Frau - Typisch Mann”, Teil 20:

Milzbrand
Die Krankheit, der Erreger und die Ansteckungsgefahr heute

Ausgabe November 2001/ 4. Jahrgang
 

Ferienwohnung im Sonnenhaus Rügen
Noch ist kein Fall in Deutschland aufgetreten, aber die Angst geht um. Müssen auch wir mit Briefen rechnen, die einen tödlichen Staub verbreiten? Was ist Milzbrand überhaupt? Was sind die Symptome, wie wird die Krankheit übertragen, welcher Schutz ist möglich? EGO-Net informiert.
 

Milzbrand (lateinisch: Anthrax) ist eigentlich eine Tierkrankheit, die pflanzenfressende Säugetiere (besonders Huftiere) befällt, und bis ins 19. Jahrhundert erhebliche Schäden in der Landwirtschaft anrichtete, vor allem unter Rindern, Pferden, Schweinen und Schafen. Ein Lamm, das tagsüber noch unbeschwert auf der Weide sein Gras rupfte, ließ abends den Kopf hängen und lag am nächsten Morgen kalt und steif da, mit schwarz geronnenem Blut. Eine sichtbare Ursache fand sich nicht, auffällig war allerdings die braunschwarz angelaufene Milz, die der Krankheit ihren Namen gab.

Mit der Entdeckung, daß Milzbrand durch das Bazillus anthracis, eine stäbchenförmige Bakterienart ausgelöst und übertragen wird, startete Robert Koch 1876 seine wissenschaftliche Karriere. Er hatte die Bakterien im Blut toter Kühe entdeckt und durch Übertragung auf Mäuse bewiesen, daß sie für die Krankheit verantwortlich waren. Nur fünf Jahre später entwickelte Louis Pasteur einen wirksamen Impfstoff. Wenn die Bakterien mit Luft in Berührung kommen, verwandeln sie sich in Sporen - eine Art lebloser Staubpartikel, der jahrelang ohne Nahrung überleben kann. Diese Sporen haften an Gräsern und lagern im Grundwasser, bis eines Tages ein Tier sie aufnimmt. Dann kehren sie in die lebendige Bakterienform zurück, vermehren sich blitzartig und verrichten innerhalb weniger Tage ihr tödliches Werk.

Wird der Tierkadaver verbrannt, ist für die Krankheitskeime Endstation. In der freien Natur werden die toten Tiere jedoch meist von Aasfressern zersetzt, mit deren Ausscheidungen die Bakterien wieder als Sporen auf Wiesen und Felder gelangen. Größere Regenfälle sorgen in kühleren Ländern - auch in Mitteleuropa - dafür, daß sich die Häufigkeit des Anthraxbakteriums in Grenzen hält. Die Sporen werden von den Wiesen gewaschen und gelangen mit den Flüssen ins Meer, wo das Salzwasser sie abtötet. In wärmeren Ländern mit längeren Trockenperioden kommt die Krankheit deshalb häufiger vor.

Daß in Zentraleuropa und den USA Milzbrand selten geworden ist, liegt aber vor allem an den strengen Hygienemaßnahmen in der Tierhaltung und -verarbeitung. Deswegen wurde bisher auch nicht geimpft. Wegen der Seltenheit der Krankheit lohnte es sich nicht. Außerdem muß die Impfung über eineinhalb Jahre mehrfach wiederholt werden, bis ein sicherer Schutz erreicht ist, und kann Nebenwirkungen auslösen. Als Schnellschutz ist sie daher ungeeignet. Fleischfressende Tiere wie Hunde und Ratten, aber auch Hühner scheinen immun zu sein.

Menschen, die beruflich mit Tierkadaver in Berührung kamen, steckten sich in früheren Jahrhunderten des öfteren an: Fleischer, Schlachter, Tierärzte und Hirten. Beim Menschen tritt die Krankheit in drei Formen auf, je nachdem, auf welchem Wege man sich infiziert. (Das Bakterium ist in allen drei Fällen das gleiche.)
1.Hautmilzbrand ist mit Abstand die häufigste Form beim Menschen und am wenigsten gefährlich. In der Mehrzahl der Fälle heilt er auch ohne Behandlung von allein aus. Er entsteht, wenn durch Kontakt mit Tierhäuten Bakterien über Wunden und Schnitte in die äußere Hautschicht gelangen. Nach zwei bis drei Tagen bilden sich offene, kleine Bläschen (Milzbrandkarbunkel) auf der Haut. In einer Minderheit der Fälle dringen nach weiteren Tagen Bakterien über die Blutgefäße der Haut ins Körperinnere vor und führen dort zu Schüttelfrost, Fieber und Erschöpfungen. Hautmilzbrand wird in aller Regel rechtzeitig erkannt. Da es sich um eine Bakterienkrankheit handelt, kann er mit Antibiotika gut behandelt werden.
2.Lungenmilzbrand entsteht, wenn die Sporen eingeatmet werden. Diese Form ist sehr gefährlich. Sie führt zu inneren Blutungen und endet ohne rechtzeitige Behandlung oft tödlich. Die Bakterien sondern drei Gifte ab. Eines, das sogenannte protektive Antigen, schleust die Giftstoffe in die Körperzellen. Der „Ödemfaktor“ setzt die Abwehrmechanismen des Körpers außer Kraft. Das dritte Gift, auch als letaler Faktor bezeichnet, eliminiert die weißen Blutzellen, die normalerweise Krankheitskeime vernichten. Der Kranke spürt zunächst schwere Erkältungssymptome (Fieber, Husten), wie sie auch bei einer Lungenentzündung auftreten. Später wird Blut ausgehustet, Herz-Kreislauf-Versagen und in einigen Fällen Hirnhautentzündungen führen zum Tod.
3.Darmmilzbrand befällt die Eingeweide. Bei dieser Form werden die Sporen entweder ebenfalls eingeatmet oder durch infiziertes Fleisch (oder Milch) über die Nahrung aufgenommen. Übelkeit, Bauchschmerzen und blutige Durchfälle sind hier die Symptome. Auch diese Form kann tödlich enden.

So gräßlich sich diese Beschreibungen auch lesen - normalerweise ist die Gefahr, sich anzustecken, sehr gering. Um zum Beispiel eingeatmet zu werden, müssen die Sporen in großer Menge vorkommen und eine ganz bestimmte Größe haben. Ist ihre Zahl zu gering, gelangen sie nicht bis in die Lunge, sondern bleiben in den Nasenschleimhäuten hängen, wo sie keinen Schaden anrichten können. Sind sie zu klein, haften sie nicht an den Lungenbläschen, sind sie zu groß, schweben sie nicht in der Luft oder gelangen höchstens bis in die Nase. Hinzu kommt, daß Milzbrand nicht den gefährlicheren Weg der direkten Ansteckung von Artgenosse zu Artgenosse nehmen kann. Eine seuchenartige Epidemie, wie sie aus früheren Zeiten von Pest oder Pocken überliefert ist, kann nicht entstehen - Attacken von Terroristen werden immer nur einzelne Opfer erreichen.

Daß Milzbrand für die biologische Kriegsführung überhaupt in Betracht bezogen wurde, liegt in der leichten Handhabung des „Kampfstoffes“ begründet. In Sporenform sind die Keime praktisch unverwüstlich, man kann sie jahrelang aufbewahren und benötigt dafür keine Laborbedingungen. Schon im ersten Weltkrieg setzten die Deutschen Milzbrand als Waffe ein - allerdings nur gegen die Pferde des Feindes, um seine Kavallerie lahmzulegen. Während des zweiten Weltkrieges experimentierte eine japanische Spezialeinheit mit den Erregern und infizierte Tausende von Chinesen. Nach der Niederlage gingen die Mörder straffrei aus unter der Bedingung, daß sie ihre Akten und ihr Labormaterial an die Amerikaner übergaben - was auch geschah. In den siebziger Jahren wurden biologische Waffen weltweit verboten, gleichzeitig wurde weiter Forschung zu Verteidigungszwecken aber erlaubt. Klar, daß die Weltmächte das Wort „Verteidigung“ großzügig auslegten.

Die Anthraxbakterien, die zur Zeit in den USA Todesfälle verursachen, stammen jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach aus zivilen Labors. Es handelt sich um keine Stämme, die gegen Antibiotika resistent gemacht wurden. Das kann sich aber ändern. Terroristen konnten in den letzten Tagen erleben, wie mit ein paar Briefumschlägen Millionen Menschen Angst eingejagt werden kann. Das wird sie beflügeln, an gefährlichere Erreger wie zum Beispiel Pockenviren heranzukommen. Das ist wesentlich schwieriger. Sie würden eine umfangreiche Laborausrüstung benötigen, um diese Viren - wenn sie sie denn in die Finger bekommen haben sollten - „scharf“ zu machen und eine Epidemie in Gang zu setzen. Gegen Pocken sind Antibiotika machtlos. Allerdings gilt die Krankheit nicht umsonst als ausgestorben. Gegen Pocken kann erfolgreich geimpft werden. In der DDR war die Pockenimpfung Pflicht.

Zurück zu Milzbrand. Wie kann man sich schützen? Wer verdächtige Briefe bekommt, sollte sofort das Zimmer verlassen, sich die Hände waschen und die Polizei oder Feuerwehr informieren, die den Raum desinfizieren werden und das Material in ein geeignetes Labor zur Untersuchung bringen. Dort wird man eine Probe auf Anthrax untersuchen, zuerst durch Vermehrung der Bakterienkultur, im Zweifelsfall durch eine Genanalyse. Besteht der Verdacht, daß Sie sich infiziert haben, wird der Arzt Ihnen Antibiotika verordnen. Ciprofloraxin heißt das bevorzugte Medikament, aber auch das klassische Penicillin und viele andere kommen in Frage.

Sollten Sie in nächster Zeit Husten, Schnupfen, Magenschmerzen oder Durchfall bekommen, handelt es sich mit nahezu 100 Prozent Wahrscheinlichkeit nicht um Milzbrand, sondern wie in früheren Jahren um harmlose Infektionen. Eine Laboruntersuchung auf den Anthraxerreger ist nur angesagt, wenn Sie den begründeten Verdacht haben, mit Milzbrandsporen in Berührung gekommen zu sein. Eine vorbeugende Einnahme von Antibiotika ist gefährlich. Die Medikamente haben Nebenwirkungen, aber vor allem lösen sie in Ihrem Körper die Zucht resistenter Bakterien aus. Was dazu führen würde, daß man Sie nicht mehr behandeln kann, wenn Sie sich doch einmal mit etwas Gefährlichem anstecken. Antibiotika dürfen deshalb nur über begrenzte Zeit und gezielt eingesetzt werden.

Weitere Infos mit Abbildungen finden Sie unter:
http://www.quarks.de/milzbrand/index.htm

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