Milzbrand (lateinisch: Anthrax) ist eigentlich eine Tierkrankheit,
die pflanzenfressende Säugetiere (besonders Huftiere)
befällt, und bis ins 19. Jahrhundert erhebliche Schäden
in der Landwirtschaft anrichtete, vor allem unter Rindern,
Pferden, Schweinen und Schafen. Ein Lamm, das tagsüber
noch unbeschwert auf der Weide sein Gras rupfte, ließ
abends den Kopf hängen und lag am nächsten Morgen
kalt und steif da, mit schwarz geronnenem Blut. Eine sichtbare
Ursache fand sich nicht, auffällig war allerdings die
braunschwarz angelaufene Milz, die der Krankheit ihren Namen
gab.
Mit der Entdeckung, daß Milzbrand durch das Bazillus
anthracis, eine stäbchenförmige Bakterienart ausgelöst
und übertragen wird, startete Robert Koch 1876 seine
wissenschaftliche Karriere. Er hatte die Bakterien im Blut
toter Kühe entdeckt und durch Übertragung auf
Mäuse bewiesen, daß sie für die Krankheit
verantwortlich waren. Nur fünf Jahre später entwickelte
Louis Pasteur einen wirksamen Impfstoff. Wenn die Bakterien
mit Luft in Berührung kommen, verwandeln sie sich in
Sporen - eine Art lebloser Staubpartikel, der jahrelang
ohne Nahrung überleben kann. Diese Sporen haften an
Gräsern und lagern im Grundwasser, bis eines Tages
ein Tier sie aufnimmt. Dann kehren sie in die lebendige
Bakterienform zurück, vermehren sich blitzartig und
verrichten innerhalb weniger Tage ihr tödliches Werk.
Wird der Tierkadaver verbrannt, ist für die Krankheitskeime
Endstation. In der freien Natur werden die toten Tiere jedoch
meist von Aasfressern zersetzt, mit deren Ausscheidungen
die Bakterien wieder als Sporen auf Wiesen und Felder gelangen.
Größere Regenfälle sorgen in kühleren
Ländern - auch in Mitteleuropa - dafür, daß
sich die Häufigkeit des Anthraxbakteriums in Grenzen
hält. Die Sporen werden von den Wiesen gewaschen und
gelangen mit den Flüssen ins Meer, wo das Salzwasser
sie abtötet. In wärmeren Ländern mit längeren
Trockenperioden kommt die Krankheit deshalb häufiger
vor.
Daß in Zentraleuropa und den USA Milzbrand selten
geworden ist, liegt aber vor allem an den strengen Hygienemaßnahmen
in der Tierhaltung und -verarbeitung. Deswegen wurde bisher
auch nicht geimpft. Wegen der Seltenheit der Krankheit lohnte
es sich nicht. Außerdem muß die Impfung über
eineinhalb Jahre mehrfach wiederholt werden, bis ein sicherer
Schutz erreicht ist, und kann Nebenwirkungen auslösen.
Als Schnellschutz ist sie daher ungeeignet. Fleischfressende
Tiere wie Hunde und Ratten, aber auch Hühner scheinen
immun zu sein.
Menschen, die beruflich mit Tierkadaver in Berührung
kamen, steckten sich in früheren Jahrhunderten des
öfteren an: Fleischer, Schlachter, Tierärzte und
Hirten. Beim Menschen tritt die Krankheit in drei Formen
auf, je nachdem, auf welchem Wege man sich infiziert. (Das
Bakterium ist in allen drei Fällen das gleiche.)
1.Hautmilzbrand ist mit Abstand die häufigste Form
beim Menschen und am wenigsten gefährlich. In der Mehrzahl
der Fälle heilt er auch ohne Behandlung von allein
aus. Er entsteht, wenn durch Kontakt mit Tierhäuten
Bakterien über Wunden und Schnitte in die äußere
Hautschicht gelangen. Nach zwei bis drei Tagen bilden sich
offene, kleine Bläschen (Milzbrandkarbunkel) auf der
Haut. In einer Minderheit der Fälle dringen nach weiteren
Tagen Bakterien über die Blutgefäße der
Haut ins Körperinnere vor und führen dort zu Schüttelfrost,
Fieber und Erschöpfungen. Hautmilzbrand wird in aller
Regel rechtzeitig erkannt. Da es sich um eine Bakterienkrankheit
handelt, kann er mit Antibiotika gut behandelt werden.
2.Lungenmilzbrand entsteht, wenn die Sporen eingeatmet werden.
Diese Form ist sehr gefährlich. Sie führt zu inneren
Blutungen und endet ohne rechtzeitige Behandlung oft tödlich.
Die Bakterien sondern drei Gifte ab. Eines, das sogenannte
protektive Antigen, schleust die Giftstoffe in die Körperzellen.
Der Ödemfaktor setzt die Abwehrmechanismen
des Körpers außer Kraft. Das dritte Gift, auch
als letaler Faktor bezeichnet, eliminiert die weißen
Blutzellen, die normalerweise Krankheitskeime vernichten.
Der Kranke spürt zunächst schwere Erkältungssymptome
(Fieber, Husten), wie sie auch bei einer Lungenentzündung
auftreten. Später wird Blut ausgehustet, Herz-Kreislauf-Versagen
und in einigen Fällen Hirnhautentzündungen führen
zum Tod.
3.Darmmilzbrand befällt die Eingeweide. Bei dieser
Form werden die Sporen entweder ebenfalls eingeatmet oder
durch infiziertes Fleisch (oder Milch) über die Nahrung
aufgenommen. Übelkeit, Bauchschmerzen und blutige Durchfälle
sind hier die Symptome. Auch diese Form kann tödlich
enden.
So gräßlich sich diese Beschreibungen auch lesen
- normalerweise ist die Gefahr, sich anzustecken, sehr gering.
Um zum Beispiel eingeatmet zu werden, müssen die Sporen
in großer Menge vorkommen und eine ganz bestimmte
Größe haben. Ist ihre Zahl zu gering, gelangen
sie nicht bis in die Lunge, sondern bleiben in den Nasenschleimhäuten
hängen, wo sie keinen Schaden anrichten können.
Sind sie zu klein, haften sie nicht an den Lungenbläschen,
sind sie zu groß, schweben sie nicht in der Luft oder
gelangen höchstens bis in die Nase. Hinzu kommt, daß
Milzbrand nicht den gefährlicheren Weg der direkten
Ansteckung von Artgenosse zu Artgenosse nehmen kann. Eine
seuchenartige Epidemie, wie sie aus früheren Zeiten
von Pest oder Pocken überliefert ist, kann nicht entstehen
- Attacken von Terroristen werden immer nur einzelne Opfer
erreichen.
Daß Milzbrand für die biologische Kriegsführung
überhaupt in Betracht bezogen wurde, liegt in der leichten
Handhabung des Kampfstoffes begründet.
In Sporenform sind die Keime praktisch unverwüstlich,
man kann sie jahrelang aufbewahren und benötigt dafür
keine Laborbedingungen. Schon im ersten Weltkrieg setzten
die Deutschen Milzbrand als Waffe ein - allerdings nur gegen
die Pferde des Feindes, um seine Kavallerie lahmzulegen.
Während des zweiten Weltkrieges experimentierte eine
japanische Spezialeinheit mit den Erregern und infizierte
Tausende von Chinesen. Nach der Niederlage gingen die Mörder
straffrei aus unter der Bedingung, daß sie ihre Akten
und ihr Labormaterial an die Amerikaner übergaben -
was auch geschah. In den siebziger Jahren wurden biologische
Waffen weltweit verboten, gleichzeitig wurde weiter Forschung
zu Verteidigungszwecken aber erlaubt. Klar, daß die
Weltmächte das Wort Verteidigung großzügig
auslegten.
Die Anthraxbakterien, die zur Zeit in den USA Todesfälle
verursachen, stammen jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach
aus zivilen Labors. Es handelt sich um keine Stämme,
die gegen Antibiotika resistent gemacht wurden. Das kann
sich aber ändern. Terroristen konnten in den letzten
Tagen erleben, wie mit ein paar Briefumschlägen Millionen
Menschen Angst eingejagt werden kann. Das wird sie beflügeln,
an gefährlichere Erreger wie zum Beispiel Pockenviren
heranzukommen. Das ist wesentlich schwieriger. Sie würden
eine umfangreiche Laborausrüstung benötigen, um
diese Viren - wenn sie sie denn in die Finger bekommen haben
sollten - scharf zu machen und eine Epidemie
in Gang zu setzen. Gegen Pocken sind Antibiotika machtlos.
Allerdings gilt die Krankheit nicht umsonst als ausgestorben.
Gegen Pocken kann erfolgreich geimpft werden. In der DDR
war die Pockenimpfung Pflicht.
Zurück zu Milzbrand. Wie kann man sich schützen?
Wer verdächtige Briefe bekommt, sollte sofort das Zimmer
verlassen, sich die Hände waschen und die Polizei oder
Feuerwehr informieren, die den Raum desinfizieren werden
und das Material in ein geeignetes Labor zur Untersuchung
bringen. Dort wird man eine Probe auf Anthrax untersuchen,
zuerst durch Vermehrung der Bakterienkultur, im Zweifelsfall
durch eine Genanalyse. Besteht der Verdacht, daß Sie
sich infiziert haben, wird der Arzt Ihnen Antibiotika verordnen.
Ciprofloraxin heißt das bevorzugte Medikament, aber
auch das klassische Penicillin und viele andere kommen in
Frage.
Sollten Sie in nächster Zeit Husten, Schnupfen, Magenschmerzen
oder Durchfall bekommen, handelt es sich mit nahezu 100
Prozent Wahrscheinlichkeit nicht um Milzbrand, sondern wie
in früheren Jahren um harmlose Infektionen. Eine Laboruntersuchung
auf den Anthraxerreger ist nur angesagt, wenn Sie den begründeten
Verdacht haben, mit Milzbrandsporen in Berührung gekommen
zu sein. Eine vorbeugende Einnahme von Antibiotika ist gefährlich.
Die Medikamente haben Nebenwirkungen, aber vor allem lösen
sie in Ihrem Körper die Zucht resistenter Bakterien
aus. Was dazu führen würde, daß man Sie
nicht mehr behandeln kann, wenn Sie sich doch einmal mit
etwas Gefährlichem anstecken. Antibiotika dürfen
deshalb nur über begrenzte Zeit und gezielt eingesetzt
werden.
Weitere Infos mit Abbildungen finden Sie unter:
http://www.quarks.de/milzbrand/index.htm
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