|
|
Yoga entstand vor rund viertausend
Jahre und ist damit älter als der Buddhismus. Die erste schriftliche
Überlieferung stammt allerdings erst aus dem zweiten Jahrhundert
unserer Zeitrechnung. Das Wort "Yoga" kommt aus dem Sanskrit, der Hochsprache
des klassischen Indien. Da die meisten indischen und europäischen
Sprachen miteinander verwandt sind, lassen sich die Spuren dieses Wortes
auch im Deutschen nachweisen. "Yoga" hat den gleichen Wortstamm wie "Joch"
und steht für ein vereinigendes Band. Während "Joch" bei uns
aber eher eine negative Bedeutung hat ("jemanden ins Joch zwingen, unterjochen"),
wird es in Indien positiv ausgelegt als Verbindung der individuellen Seele
mit der Weltseele. Alle Übungen erleichtern es dem Einzelnen, sich
von seinen Alltagsproblemen zu befreien und seine Gedanken mit der Unendlichkeit
des Kosmos zu verschmelzen.
Yoga ist deshalb nicht einfach eine exotische Form von Gymnastik, sondern
eine Lebenshaltung. Der Yogi richtet seine gesamte Lebensführung
darauf aus, Samadhi - das ist die Einheit mit dem göttlichen Bewußtsein
- zu erreichen. Seine Übungen sollen ihm helfen, die nötige
körperliche und geistige Selbstdisziplin zu erlangen. Die körperliche
und seelische Unruhe, die den Alltagsmenschen umtreibt, alle Ablenkungen
durch Sorgen, Konsumwünsche, Konflikte usw., sollen nach und nach
verschwinden. Erst wenn Körper und Geist alle derartigen Bestrebungen
einstellen, ist jene innere Ruhe und Freiheit erreicht, die als Zustand
des Yoga bezeichnet wird.
Ein Yoga-Schüler durchläuft auf dem Weg zu diesem Ziel sechs
Stufen:
- Das Wissen (Jnana Yoga): Am Anfang steht aufklärender Unterricht.
Der Schüler lernt, daß er sich nicht mit seinem Körper,
seinen Gefühlen oder seinem Denken identifizieren soll. Alles
sind nur äußere Eigenschaften, die er im Laufe seiner Lehrjahre
ablegen wird, um das hinter ihnen verborgene Selbst freizulegen.
- Die Liebe (Bhakti Yoga): Der Schüler lernt Demut und Anbetung.
Mit Meditation und Kontemplation gilt es, alle selbstsüchtigen
Regungen abzulegen und sich ganz der Führung der Lehrer anzuvertrauen.
- Das Dienen (Karma Yoga): Der Dienst am Nächsten ist im Yoga
eine wichtige Durchgangsstufe als Erziehung zur Selbstlosigkeit. "Die
Welt ist voller Elend. Geh hinaus wie Buddha es getan hat und verringere
ihr Elend und sollte es dein Leben kosten. Übe dich in Selbstvergessenheit",
heißt es in einem klassischen Text.
- Das Wort (Mantra Yoga): Erst wenn diese Lektion des Sich-Bewährens
in der äußeren Welt gelernt ist, beginnt das Training,
das wir üblicherweise mit dem Begriff "Yoga" assoziieren. Der
Schüler meditiert und verhindert das Abschweifen seines Geistes,
indem er unablässig die gleichen Silben wiederholt, sogenannte
Mantras. Das berühmteste ist die Silbe "om", die durch ihren
vibrierenden Klang eine rhythmisierende Einförmigkeit erzeugt
und so den Übergang in einen halbwachen Trancezustand erleichtert.
- Der Körper (Hatha Yoga): Nun lernt der Schüler durch Einnehmen
und Halten von Körperpositionen wie Kopfstand usw. seinen Körper
perfekt zu kontrollieren. Auch Atemübungen und verschiedene Reinigungsrituale
gehören auf diese Stufe. Dieser Teil des Yoga hat bei uns am
meisten Einfluß gewonnen, weil sich die Übungen gut eignen,
Streß zu bekämpfen und ohne ins Schwitzen zu geraten, die
körperliche Fitness zu steigern.
- Der Geist (Raja Yoga): Im klassischen Yoga dienen die Körperübungen
nur dazu, die Bereitwilligkeit des Geistes zur perfekten Selbstversenkung
zu erleichtern. Diese sechste Stufe vereint die Errungenschaften der
vorhergehenden sechs: Selbstverzicht, Konzentration, Meditation und
Körperkontrolle. So wird die Kontrolle des Geistes möglich.
Er zieht sich aus der Welt und dem Ich zurück und konzentriert
sich in stundenlanger Selbstversenkung auf den Kosmos. Jahrelanges
Trainieren des Raja Yoga macht solch sensationelle Leistungen wie
extremes Verlangsamen des Körperfunktionen und wochenlanges Hungern
möglich.
Ob tägliche Yoga-Übungen einen fühlbaren Erfolg bringen,
hängt also wesentlich von der übrigen Lebensweise ab. Wer
ehrgeizige Ziele und einen aktiven, wachen Geist hat, wer Menschen und
Trubel um sich herum braucht, um sich wohlzufühlen, wird mit Ausdauer-
und Krafttraining - also der typisch westlichen Art von Fitness - bessere
Erfolge erzielen. Yoga ist eher geeignet für Menschen, die Ruhe,
Schweigen und Einsamkeit genießen können. Wer eine Körperübung
des Yoga durchführt, sollte nicht nur einige Minuten in der gleichen
Haltung verharren können, sondern sich zugleich auf seinen Atem
konzentrieren und seine Augen auf einen festen Punkt richten - also
auch innerlich zur Ruhe kommen.
Die Wirkung des Yoga ist längst wissenschaftlich belegt. Eine
neue Studie aus Atlanta zeigt, daß regelmäßiges Yoga
erhöhten Blutdruck senkt. Wissenschaftler aus New Delhi zeigten
kürzlich, daß Yoga außerdem die Leistungsfähigkeit
erhöht, Übergewicht abbaut bzw. vorbeugt, und den Cholesterinspiegel
senkt.
Hier eine kleine Auswahl von Übungen aus dem klassischen Yoga,
die sich in zehn bis fünfzehn Minuten durchführen lassen:
A. Körperübungen:
- Kerze. Auf den Rücken legen, die Beine Richtung Zimmerdecke
strecken, dabei den Rücken mit den Händen bei angewinkelten
Armen abstützen. Eine Minute halten.
- Pflug. Aus der Kerzenposition die Beine nach hinten über den
Kopf schwingen, bis die Zehenspitzen den Boden berühren. Die
Beine dabei soweit spreizen wie nötig. Die Arme liegen ausgestreckt
nach hinten auf dem Boden. Eine Minute halten.
- Bogen. Auf den Bauch legen, die Knie anwinkeln, Schultern und Kopf
anheben, die Arme nach hinten strecken und mit den Händen die
Fußknöchel umfassen. Eine Minute halten.
- Yogakopfstand. Die Arme mit verschränkten Händen auf den
Boden legen, so daß die beide Ellenbogen und die verklammerten
Hände ein Dreieck bilden. Kopf vor die Hände legen und Beine
zur Decke schwingen. Am besten die Übung an einer Wand durchführen,
an der Sie die Füße abstützen können. Anfangs
nur wenige Sekunden halten, aber mit der Zeit auf bis zu drei Minuten
steigern.
B. Atemübungen:
- Setzen Sie sich mit verschränkten Beinen hin. Ziehen Sie ruckartig
den Bauch soweit ein wie möglich und stoßen Sie dabei ebenso
ruckartig die Luft aus dem Mund aus. Zwei Sekunden halten. Dann lassen
Sie langsam wieder Luft durch die Nase in die Lunge fließen
und beobachten, wie sich Ihr Bauch allmählich wieder nach vorn
wölbt. Sobald die Lungen voll sind, wiederholen.
- Gleiche Sitzhaltung. Halten Sie nach dem Ausatmen mit dem Zeigefinger
ein Nasenloch zu. Atmen Sie normal weiter, aber ziehen Sie in zwei
bis drei Sekunden die gesamte Luftmenge, die Sie benötigen, durch
das eine freie Nasenloch. Halten Sie die Luft drei Sekunden und atmen
Sie langsam (4 bis 6 Sekunden) durch den Mund aus. Mit dem anderen
Nasenloch wiederholen.
- Machen Sie die Yogaübung "Pflug" (siehe oben): Dabei drücken
Sie zusätzlich das Kinn in die Kerbe am unteren Halsansatz oberhalb
des Brustkorbes, die so genannte Drosselgrube. Wenn Sie jetzt ruhig
ein- und ausatmen, werden Sie ein leises Schnarchgeräusch hören.
Der Druck des Kinns öffnet die Stimmritzen des Kehlkopfes. Dadurch
entsteht beim Atmen ein hörbarer Ton. Atmen Sie langsam und lassen
Sie es "rasseln".
C. Meditation
- Still sitzen in bequemer Haltung mit geschlossenen Augen.
- Langsam einatmen und die Luft passiv wieder herausströmen lassen.
- Mit dem Atemrhythmus irgendein emotional neutrales oder positives
Wort immer wieder vor dem inneren Augen vorbeiziehen lassen ("Om"
oder ein anderes, möglichst einsilbiges Wort, dessen Klang Sie
mögen). Der Sinn besteht darin, aus Ihrem Denken vorübergehend
alle Spannung erzeugenden Gedanken und Probleme fern zu halten. Drängen
sich doch solche Gedanken in den Vordergrund - nicht ärgern,
sondern lediglich zu dem gewählten Wort zurückkehren. Nach
einigen Minuten werden Sie spürbar ruhiger geworden sein. Um
eines Tages bis zu einem Zustand der Trance fortzuschreiten, müßten
sie die Übung jeden Tag zwanzig Minuten am Stück durchführen.
|