Repräsentative
Umfragen zeigen: Zufriedenheit und Wohlbefinden schätzen die meisten
Menschen höher als Geld, Ansehen und Karriere. Kein Wunder, denn
sie sind schwerer zu erlangen und leichter wieder zu verlieren als die
äußerlich sichtbaren Glücksgüter. Nun kennt aber
fast jeder in seiner Umgebung Glückskinder, denen alles leicht von
der Hand zu gehen scheint. Die selbst in trüben Stunden und nach
schweren Verlusten Gründe finden, sich am Leben zu freuen. Mit herkömmlicher
Klugheit hat dieses Talent nichts zu tun. Schon Hermann Hesse schrieb:
ich neige manchmal dazu, glückliche Menschen für heimliche Weise
zu halten, auch wenn sie dumm scheinen. Was ist dümmer und macht
unglücklicher als Gescheitheit!
Was macht die Fähigkeit sich wohlzufühlen aus? Psychologen
haben in den letzten Jahren eine Reihe von Erkenntnissen zusammengetragen
(siehe auch unsere drei Beiträge zum Thema
"Glück" in EGO-Net April, Mai
und Juni 1999). Ihr Fazit: Diese
Fähigkeit ist nicht angeboren, auch wenn ein ausgeglichenes Temperament
sie fördert. Bei den meisten werden die Grundlagen in der frühen
Kindheit gelegt, aber auch später läßt sie sich noch
erlernen - manchmal aus Einsicht und Erfahrung, oft aber erst nach schweren
Schicksalsschlägen, die eine Besinnung auf das Wichtige im Leben
auslösen.
Auf jeden Fall handelt es sich um
- Kenntnisse, welche Verhaltensweisen unser Wohlbefinden verbessern
und welche nicht,
- Fähigkeiten zum Bewältigen von Konflikten, Krisen und
anderer Lebensprobleme sowie
- Kenntnis kreativer Strategien für das Erreichen innerer und
äußerer Lebensziele,
also um Wissen und Fähigkeiten zum Erwerb neuen Wissens - und
die sind, wie die Psychologie schon seit langem nachgewiesen hat, in
hohem Maße erlernbar und werden üblicherweise mit "Intelligenz"
bezeichnet. (siehe unseren Beitrag zur "Intelligenz",
EGO-Net November 1999). In diesem Fall also als "Wohlfühl-Intelligenz".
Wie wir in unserer letzten
Ausgabe vor der Sommerpause schon zeigten, orientiert sich
Wohlfühl-Intelligenz auf den Genuß des Augenblicks. Berufliche
und persönliche Erfolge reichen oft nicht aus, um sich wohl und
glücklich zu fühlen. Jeder weiß von äußerst
erfolgreichen Menschen - viele davon sind als Prominente in aller Munde
- die trotz aller äußeren Anerkennung unzufrieden sind und
deswegen unablässig neuen, noch höheren Zielen nachjagen.
Umgekehrt leben unter uns eine Reihe von Menschen, die weder überdurchschnittlich
klug sind noch durch sensationelle Erfolge auffallen, aber sich wohl
und rundum zufrieden fühlen. Sie verfügen vielleicht über
keine sensationellen Begabung. Aber sie besitzen Wohlfühl-Intelligenz.
Ihre wichtigsten Grundlagen sind:
Indidvidualität: Wohlfühl-Künstler wissen, was
ihnen gut tut. Sie streben nicht danach, fremden Vorbildern nachzueifern,
sondern nehmen die Wertmaßstäbe aus sich selbst. Allerdings
nutzen sie das reiche Angebot ihrer Umwelt, um ihr Leben ständig
zu bereichern.
Souveränität: In welchem Maße tun Sie, was andere
von Ihnen erwarten? Wieviel Ihrer Zeit und Energie gehört wirklich
Ihnen selbst? Zufriedene Menschen achten darauf, daß ihnen ein
Großteil Ihres Lebens selbst gehört - und verzichten dafür
unter Umständen auf ein höheres Einkommen oder eine steile
Karriere.
Antizipation: Sie leben vorausschauend so, daß sie sich
nicht nur heute, sondern auch in Zukunft wohlfühlen werden? Das
ist kein Widerspruch zu dem Prinzip "Genieße den Augenblick".
Wenn Sie sich gesund ernähren oder Sport treiben, so wollen Sie
Spaß dabei haben und zugleich für ihre (zukünftige)
Gesundheit und Aussehen tun.
Vielseitigkeit: Ausgeglichenheit ist ein zentrales Merkmal der
Wohlfühl-Intelligenz. Wer im Beruf am Computer rechnen und konstruieren
muß, sollte seine Freizeit nicht auch noch am Bildschirm verbringen,
sondern schwimmen gehen und musizieren. Wer körperlich arbeitet,
sollte in der Freizeit lesen oder Schach spielen. Einseitigkeit führt
zu einseitiger Überlastung. Die meisten Menschen lassen leider
viele ihrer ursprünglich angelegten Talente verkümmern und
gehen als Erwachsene nur noch wenigen, meist einander sehr ähnlichen
Beschäftigungen nach. Überlegen Sie selbst: Wieviel von dem,
was Sie als Kind gut konnten, tun Sie heute noch?
Gelassenheit: Sie ist der Mittelweg zwischen spontaner Sofortreaktion
und passivem Ignorieren unbequemer Anforderungen. Der Unterschied zwischen
Gelassenheit und Ungeduld liegt im subjektiven Umgang mit der Zeit.
Wem es an innerer Ruhe fehlt, läßt sich das Tempo äußerer
Ereignisse aufzwingen. Geduldige Menschen handeln dagegen nach ihrem
eigenen, subjektiven Zeitgefühl. Untersuchungen ergaben, daß
mit steigendem Bildungsgrad und Wohlstand das Zeit-Unwohlsein zunimmt.
Also die Sorge, nicht genug Zeit zur Verfügung zu haben.
Soziale Kontakte: Freundschaften wirken ebenso lebensverlängernd
wie Ausdauertraining, ergab eine Studie. Daß viele alte Leute
sich krank fühlen, liegt nicht so sehr an ihrem körperlichen
Beschwerden. Sondern wegen ihrer Einsamkeit sind sie unablässig
mit ihren Wehwehchen beschäftigt und erhalten daher in ihrem Denken
eine übertriebene Bedeutung. Fröhliche Menschen sind dagegen
fast immer äußerst kontaktfreudige Menschen.
Selbst-Entwicklung: Ein weiteres erstaunliches Resultat der
Psychologie: Wer sich wohlfühlt, wird mit der Zeit immer unzufriedener,
wenn er sich mit dem einmal erreichten Zustand zufrieden gibt. In unserem
gut ausgepolsterten Leben, das kaum noch echte Existenznöte kennt,
kommt es leicht zu Langeweile, wenn die angestrebten Lebensziele einmal
erreicht sind. Lebenslange Neugier und Wißbegierde, Freude an
kreativen Tätigkeiten und die Lust, immer wieder mal seinen Lebensstil
zu ändern, halten dagegen die Lebensfreude aufrecht und machen
das Dasein spannend.
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Naumann, neu erschienen im Verlag Gesundheit Berlin (ISBN 3-333-01081-X,
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