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Ausgabe 07/2000
Siegen lernen
Mit Erfolgsintelligenz seine Ziele erreichen

Erfolg haben - ist das Glücksache, die Folge von Arbeitssucht oder eines Intelligenzquotienten von über 130? Seit Jahrhunderten rätseln Historiker und Philosophen, warum die einen es schaffen und die anderen nicht. Jetzt haben Psychologen eine Antwort gefunden.
 
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Astrid war in der Schule immer die Beste. Ohne Mühe bewältigte sie komplizierteste Formeln, verschachtelte Sätze in Latein und Englisch und selbst am Stufenbarren schwang sie sich mit Leichtigkeit nach oben. Hübsch war sie außerdem noch. An der Uni studierte sie nicht nur Physik und machte ihren Doktor in kürzester Zeit mit Auszeichnung – sie angelte sich auch noch den Oberassistenten, der ein Jahr nach ihrer Heirat Professor wurde und bald darauf die Leitung des Instituts übernahm.

Von da an bog ihre Lebensbahn allerdings in eine Sackgasse ein. Dank der Protektion ihres Mannes bekam sie eine feste Anstellung als wissenschaftliche Assistentin, aber dabei blieb es auch. Seit Jahren erledigt sie Routinemessungen und bringt Studenten die Grundlagen ihres Faches bei. Ihre Ehe kränkelte eine Weile vor sich hin und wurde schließlich geschieden.

Ganz anders Ilona. In der Schule war sie Mittelmaß, und der numerus clausus verwehrte ihr den Zugang zu dem angestrebten Studienplatz in Psychologie. Sie lernte Krankenschwester, ging zwei Jahre nach London, lernte dort einen Amerikaner kennen, ging mit ihm in die USA, studierte dort Psychologie, trat als „Kummertante“ in einer populären Fernsehsendung auf, verdient heute einen schönen Batzen Geld, kennt viele Stars persönlich und ist seit fünfzehn Jahren glücklich verheiratet.

Was hat Ilona, was Astrid fehlte? Einfach nur Glück gehabt? Keineswegs. Die Forschungen der letzten Jahre zeigte, daß es neben der klassischen, analytischen Intelligenz noch weiter Arten von Klugheit gibt, die über den Lebenserfolg mitentscheiden. Neben dem Denken zählt die emotionale Intelligenz. Damit ist das kluge Management des eigenen Gefühlshaushaltes und der Beziehungen zur mitmenschlichen Umwelt gemeint. Aber auch das genügt nicht. Sie können sich gut im Griff haben, mit Ihren Nächsten im besten Einvernehmen leben und dennoch komplett erfolglos sein. Die Fähigkeiten, die Sie benötigen, sind Teil der praktischen Intelligenz und werden unter dem Namen „Erfolgsintelligenz“ zusammengefaßt.

Intelligenz ist die Fähigkeit, Lösungen, die man auf direktem Wege nicht erreicht, durch klug gewählte Umwege doch noch zu realisieren (siehe auch unseren Beitrag zur „klassischen“ Intelligenz in EGONet von November 1999). Der eben beschriebene Lebensweg von Ilona bietet ein schönes Beispiel dafür. Sie wurde eine bekannte Psychologin mit berühmten Klienten, während Hunderte, die sich wie sie in Deutschland auf einen Studienplatz bewarben, aber ihn erhielten, heute Taxi fahren oder Hausfrauen sind.

Wir verraten Ihnen die wichtigsten Faktoren, auf die es ankommt:

Zielorientierung: Viele Menschen leisten hervorragende Arbeit und bleiben dennoch auf einer mittleren Karrierestufe hängen – wie Astrid. Die Karriereleiter ähnelt einem umgekehrten Trichter: unten ist Platz für viele, aber das enge Röhrchen nach oben passieren nur wenige. Die es schaffen, setzen andere Prioritäten. Worauf es für sie ankommt, das sind Ergebnisse. Sie verfolgen eine Arbeit nicht bis ins letzte Detail, sondern sagen sich: Wofür mache ich das? Ich habe in zwei Monaten einen klaren Bericht von sechzig Seiten abzuliefern. Also überlegen sie sich zunächst, welche Informationen darin erwartet werden, entwerfen eine klare Gliederung und recherchieren genau das, was dafür erforderlich ist – nicht mehr. Sie lassen sich nicht aus Liebe zum Detail vom Endergebnis ablenken. Dann schreiben sie den Bericht und zwar leserfreundlich. Sie leiden nicht an übertriebenem Perfektionismus, sondern wollen in ersten Linie ein brauchbares Resultat abliefern, auch wenn es nicht aller Kritik stand hält. Sie wissen, ein vorläufiges Resultat ist besser als gar keins. Bei Bedarf können sie ja an dem Projekt weiterarbeiten und nach einigen Monaten einen neues, besseres Ergebnis abliefern. In unserer Gesellschaft, wo Leistung und Können an tatsächlich vorgelegten Resultaten gemessen werden, haben sie die Nase vorn.


Selbstmotivation: Erfolgreiche Menschen setzen sich früh ein Ziel und behalten es beharrlich im Auge. Von Mißerfolgen lassen sie sich nicht entmutigen, sondern setzen ihre Kreativität ein, um einen anderen Weg zu finden, ihr Ziel doch noch zu erreichen. Dadurch verfügen sie über mehr Ausdauer als andere. Die meisten Leute glauben, wenn etwas nach zwei, drei Versuchen immer noch nicht klappt, daß die Sache für sie zu schwierig ist – entweder weil es ihnen an Begabung mangelt oder die Umstände ungünstig sind. Erfolgsintelligente Menschen reagieren ganz anders. Schlägt ein Versuch fehl, versuchen sie herauszufinden, woran das liegt, um dann die fehlenden Kenntnisse zu erlernen oder die ungünstigen Umstände zu ändern. Sie warten nicht darauf, daß andere ihnen sagen, was sie tun sollen. Sie warten nicht erst darauf, daß Termine bedrohlich näher rücken, bevor sie sich an die Arbeit machen. Sie tun Dinge, weil sie sie tun wollen. Sie setzen sich ihre Termine und Ziele selbst und erfüllen sie eher vorfristig als zu spät. Äußerliche Erfolge sind ein zusätzlicher Ansporn, aber nicht der Grund, warum sie etwas leisten.


Praktischer Realismus: Viele von uns träumen manchmal, wie es wäre, reich und berühmt zu sein. In der Wirklichkeit begnügen sie sich allerdings mit einem bescheideneren Leben. Erfolgsintelligente überlegen sich zunächst, welche Art von Erfolg ihnen am wichtigsten ist und in welchem Beruf oder sonstigen Lebensform sie ihn gern erreichen würden. Dann überlegen sie sich, welche Zwischenschritte sie auf dem Weg dorthin absolvieren müßten. Sie unterteilen ihr Erfolgsziel in aufeinanderfolgende Teilerfolge. Und dann nehmen sie den ersten Schritt in Angriff. Dabei stützen sie sich auf die Fähigkeiten, die sie haben, auch wenn sie eher durchschnittlich sind. Wenn sie zum Beispiel in der Wissenschaft Karriere machen wollen, aber nicht gerade brillante Denker sind, werden sie sich eben auf ihre praktischen experimentellen Fähigkeiten stützen oder viele Kontakte knüpfen, die ihrer Karriere förderlich sind. Auf jeden Fall träumen sie nicht lange vor sich hin, sondern setzen ihre Phantasien in Taten um.

Initiative. Wer Erfolg haben will, muß von sich aus Prozesse in Gang setzen. Wer erst wartet, bis er alle erforderlichen Informationen in der Hand hat und sämtliche Gefahren abschätzen kann, überläßt den Erfolg einem Konkurrenten, der entschlußfreudiger ist als er. Die Erfolgsfirmen der Internetbranche wurden von Leuten gegründet, die eine Vision und nur sehr lückenhafte Informationen über den Weg dorthin hatten. Sie finden einfach an und hangelten sich von Erfahrung zu Erfahrung vorwärts. Sie lassen sich von den Gefahren des Scheiterns nicht lähmen. Haben Sie den Mut, Risiken einzugehen, sich zu blamieren, auf dem eingeschlagenen Weg zu versagen, ohne sich deswegen für einen Versager zu halten? Und wenn es schief geht: Zeigen Sie sich als Steh-auf-Männchen? Lernen Sie aus Fehlschlägen und sachlicher Kritik?


Langfristigkeit. Erfolgreiche Menschen haben Geduld. Sie können lange auf Belohnungen warten. Die Anlage zu dieser Fähigkeit wird schon in der frühen Kindheit gelegt. Bereits im Vorschulalter kann man zwischen den Kindern unterscheiden, die sich bei der Wahl zwischen einem Bonbon sofort und einer Tafel Schokolade einige Stunden später für das eine oder für das andere entscheiden. Es ist leider eine Gesetzmäßigkeit, daß die größeren Erfolge auch länger auf sich warten lassen. Deswegen träumen so viele vom großen Erfolg sofort, also einem Lottogewinn oder einer Riesenerbschaft. Erfolgsorientierte wollen auch den großen Gewinn. Aber sie gehen planmäßig auf ihn zu und können die vielen Zwischenetappen als wachsende Siegesgewißheit genießen. Einen plötzlichen Gewinn, für den sie nichts Entsprechendes leisteten, würde ihnen weniger Freude bereiten als der redlich erarbeitete eigene Erfolg.


Jeder muß allerdings für sich die Frage beantworten, ob er diese Art von Lebenserfolg überhaupt für erstrebenswert hält. Soll man um ferner Erfolge willen sich heute Entbehrungen auferlegen? Soll man für ferne Ziele arbeiten, statt heute die kleinen Freuden genießen? Erfolgsintelligente Menschen sind sicher keine Asketen. Sie genießen ihre Arbeit, ihre Aktivitäten auf dem Weg zu ihrem Ziel. Doch andere Genüsse (Familie, Hobbys) kommen meist zu kurz. In der Tat lassen sich – was die Lebensführung betrifft – zwei Typen praktischer Intelligenz unterscheiden:


  1. Typ Erfolgsintelligenz: Sie ist ergebnisorientiert. Schon in der Schule werden wir motiviert, vor allem für gute Zensuren zu lernen. Nur wer Spitzennoten erzielt, bekommt den besten Studienplatz und später den besten Job. Ob dem Kind das Lernen selbst Spaß macht, interessiert niemanden. So ist auch im Leben. Immer wieder werden wir danach beurteilt, ob wir Ergebnisse bringen – auch um den Preis von Stress, Erschöpfung und dem subjektiven Gefühl der Sinnlosigkeit.

  2. Typ Wohlfühl-Intelligenz: Sie ist prozeßorientiert. Für Menschen mit Wohlfühl-Intelligenz ist der Weg das Ziel. Sie orientieren sich nicht auf ein schwieriges End­ziel, dessen Erreichen nicht gewiß ist. Sie verzichten nicht darauf, in der Zwischenzeit ihr Leben zu genießen. Im Gegenteil, ihr Motto lautet „Genieße den Augenblick.“


Zum Thema „Wohlfühl-Intelligenz“ erscheint im August ein Buch von unserem Autor Frank Naumann. Wir werden es Ihnen in unserer nächsten Ausgabe nach der Sommerpause (Ende September) vorstellen.


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