Astrid war in der Schule immer die Beste.
Ohne Mühe bewältigte sie komplizierteste Formeln, verschachtelte
Sätze in Latein und Englisch und selbst am Stufenbarren schwang
sie sich mit Leichtigkeit nach oben. Hübsch war sie außerdem
noch. An der Uni studierte sie nicht nur Physik und machte ihren Doktor
in kürzester Zeit mit Auszeichnung sie angelte sich auch
noch den Oberassistenten, der ein Jahr nach ihrer Heirat Professor wurde
und bald darauf die Leitung des Instituts übernahm.
Von da an bog ihre Lebensbahn allerdings
in eine Sackgasse ein. Dank der Protektion ihres Mannes bekam sie eine
feste Anstellung als wissenschaftliche Assistentin, aber dabei blieb
es auch. Seit Jahren erledigt sie Routinemessungen und bringt Studenten
die Grundlagen ihres Faches bei. Ihre Ehe kränkelte eine Weile
vor sich hin und wurde schließlich geschieden.
Ganz anders Ilona. In der Schule war sie
Mittelmaß, und der numerus clausus verwehrte ihr den Zugang zu
dem angestrebten Studienplatz in Psychologie. Sie lernte Krankenschwester,
ging zwei Jahre nach London, lernte dort einen Amerikaner kennen, ging
mit ihm in die USA, studierte dort Psychologie, trat als Kummertante
in einer populären Fernsehsendung auf, verdient heute einen schönen
Batzen Geld, kennt viele Stars persönlich und ist seit fünfzehn
Jahren glücklich verheiratet.
Was hat Ilona, was Astrid fehlte? Einfach
nur Glück gehabt? Keineswegs. Die Forschungen der letzten Jahre
zeigte, daß es neben der klassischen, analytischen Intelligenz
noch weiter Arten von Klugheit gibt, die über den Lebenserfolg
mitentscheiden. Neben dem Denken zählt die emotionale Intelligenz.
Damit ist das kluge Management des eigenen Gefühlshaushaltes und
der Beziehungen zur mitmenschlichen Umwelt gemeint. Aber auch das genügt
nicht. Sie können sich gut im Griff haben, mit Ihren Nächsten
im besten Einvernehmen leben und dennoch komplett erfolglos sein. Die
Fähigkeiten, die Sie benötigen, sind Teil der praktischen
Intelligenz und werden unter dem Namen Erfolgsintelligenz
zusammengefaßt.
Intelligenz ist die Fähigkeit, Lösungen,
die man auf direktem Wege nicht erreicht, durch klug gewählte Umwege
doch noch zu realisieren (siehe auch unseren Beitrag
zur klassischen Intelligenz in EGONet von November 1999).
Der eben beschriebene Lebensweg von Ilona bietet ein schönes Beispiel
dafür. Sie wurde eine bekannte Psychologin mit berühmten Klienten,
während Hunderte, die sich wie sie in Deutschland auf einen Studienplatz
bewarben, aber ihn erhielten, heute Taxi fahren oder Hausfrauen sind.
Wir verraten Ihnen die wichtigsten Faktoren,
auf die es ankommt:
Zielorientierung: Viele Menschen
leisten hervorragende Arbeit und bleiben dennoch auf einer mittleren
Karrierestufe hängen wie Astrid. Die Karriereleiter ähnelt
einem umgekehrten Trichter: unten ist Platz für viele, aber das
enge Röhrchen nach oben passieren nur wenige. Die es schaffen,
setzen andere Prioritäten. Worauf es für sie ankommt, das
sind Ergebnisse. Sie verfolgen eine Arbeit nicht bis ins letzte Detail,
sondern sagen sich: Wofür mache ich das? Ich habe in zwei Monaten
einen klaren Bericht von sechzig Seiten abzuliefern. Also überlegen
sie sich zunächst, welche Informationen darin erwartet werden,
entwerfen eine klare Gliederung und recherchieren genau das, was dafür
erforderlich ist nicht mehr. Sie lassen sich nicht aus Liebe
zum Detail vom Endergebnis ablenken. Dann schreiben sie den Bericht
und zwar leserfreundlich. Sie leiden nicht an übertriebenem Perfektionismus,
sondern wollen in ersten Linie ein brauchbares Resultat abliefern, auch
wenn es nicht aller Kritik stand hält. Sie wissen, ein vorläufiges
Resultat ist besser als gar keins. Bei Bedarf können sie ja an
dem Projekt weiterarbeiten und nach einigen Monaten einen neues, besseres
Ergebnis abliefern. In unserer Gesellschaft, wo Leistung und Können
an tatsächlich vorgelegten Resultaten gemessen werden, haben sie
die Nase vorn.
Selbstmotivation: Erfolgreiche Menschen
setzen sich früh ein Ziel und behalten es beharrlich im Auge. Von
Mißerfolgen lassen sie sich nicht entmutigen, sondern setzen ihre
Kreativität ein, um einen anderen Weg zu finden, ihr Ziel doch
noch zu erreichen. Dadurch verfügen sie über mehr Ausdauer
als andere. Die meisten Leute glauben, wenn etwas nach zwei, drei Versuchen
immer noch nicht klappt, daß die Sache für sie zu schwierig
ist entweder weil es ihnen an Begabung mangelt oder die Umstände
ungünstig sind. Erfolgsintelligente Menschen reagieren ganz anders.
Schlägt ein Versuch fehl, versuchen sie herauszufinden, woran das
liegt, um dann die fehlenden Kenntnisse zu erlernen oder die ungünstigen
Umstände zu ändern. Sie warten nicht darauf, daß andere
ihnen sagen, was sie tun sollen. Sie warten nicht erst darauf, daß
Termine bedrohlich näher rücken, bevor sie sich an die Arbeit
machen. Sie tun Dinge, weil sie sie tun wollen. Sie setzen sich ihre
Termine und Ziele selbst und erfüllen sie eher vorfristig als zu
spät. Äußerliche Erfolge sind ein zusätzlicher
Ansporn, aber nicht der Grund, warum sie etwas leisten.
Praktischer Realismus: Viele von
uns träumen manchmal, wie es wäre, reich und berühmt
zu sein. In der Wirklichkeit begnügen sie sich allerdings mit einem
bescheideneren Leben. Erfolgsintelligente überlegen sich zunächst,
welche Art von Erfolg ihnen am wichtigsten ist und in welchem Beruf
oder sonstigen Lebensform sie ihn gern erreichen würden. Dann überlegen
sie sich, welche Zwischenschritte sie auf dem Weg dorthin absolvieren
müßten. Sie unterteilen ihr Erfolgsziel in aufeinanderfolgende
Teilerfolge. Und dann nehmen sie den ersten Schritt in Angriff. Dabei
stützen sie sich auf die Fähigkeiten, die sie haben, auch
wenn sie eher durchschnittlich sind. Wenn sie zum Beispiel in der Wissenschaft
Karriere machen wollen, aber nicht gerade brillante Denker sind, werden
sie sich eben auf ihre praktischen experimentellen Fähigkeiten
stützen oder viele Kontakte knüpfen, die ihrer Karriere förderlich
sind. Auf jeden Fall träumen sie nicht lange vor sich hin, sondern
setzen ihre Phantasien in Taten um.
Initiative. Wer Erfolg haben will,
muß von sich aus Prozesse in Gang setzen. Wer erst wartet, bis
er alle erforderlichen Informationen in der Hand hat und sämtliche
Gefahren abschätzen kann, überläßt den Erfolg einem
Konkurrenten, der entschlußfreudiger ist als er. Die Erfolgsfirmen
der Internetbranche wurden von Leuten gegründet, die eine Vision
und nur sehr lückenhafte Informationen über den Weg dorthin
hatten. Sie finden einfach an und hangelten sich von Erfahrung zu Erfahrung
vorwärts. Sie lassen sich von den Gefahren des Scheiterns nicht
lähmen. Haben Sie den Mut, Risiken einzugehen, sich zu blamieren,
auf dem eingeschlagenen Weg zu versagen, ohne sich deswegen für
einen Versager zu halten? Und wenn es schief geht: Zeigen Sie sich als
Steh-auf-Männchen? Lernen Sie aus Fehlschlägen und sachlicher
Kritik?
Langfristigkeit. Erfolgreiche Menschen
haben Geduld. Sie können lange auf Belohnungen warten. Die Anlage
zu dieser Fähigkeit wird schon in der frühen Kindheit gelegt.
Bereits im Vorschulalter kann man zwischen den Kindern unterscheiden,
die sich bei der Wahl zwischen einem Bonbon sofort und einer Tafel Schokolade
einige Stunden später für das eine oder für das andere
entscheiden. Es ist leider eine Gesetzmäßigkeit, daß
die größeren Erfolge auch länger auf sich warten lassen.
Deswegen träumen so viele vom großen Erfolg sofort, also
einem Lottogewinn oder einer Riesenerbschaft. Erfolgsorientierte wollen
auch den großen Gewinn. Aber sie gehen planmäßig auf
ihn zu und können die vielen Zwischenetappen als wachsende Siegesgewißheit
genießen. Einen plötzlichen Gewinn, für den sie nichts
Entsprechendes leisteten, würde ihnen weniger Freude bereiten als
der redlich erarbeitete eigene Erfolg.
Jeder muß allerdings für sich
die Frage beantworten, ob er diese Art von Lebenserfolg überhaupt
für erstrebenswert hält. Soll man um ferner Erfolge willen
sich heute Entbehrungen auferlegen? Soll man für ferne Ziele arbeiten,
statt heute die kleinen Freuden genießen? Erfolgsintelligente
Menschen sind sicher keine Asketen. Sie genießen ihre Arbeit,
ihre Aktivitäten auf dem Weg zu ihrem Ziel. Doch andere Genüsse
(Familie, Hobbys) kommen meist zu kurz. In der Tat lassen sich
was die Lebensführung betrifft zwei Typen praktischer Intelligenz
unterscheiden:
-
Typ Erfolgsintelligenz: Sie ist
ergebnisorientiert. Schon in der Schule werden wir motiviert, vor
allem für gute Zensuren zu lernen. Nur wer Spitzennoten erzielt,
bekommt den besten Studienplatz und später den besten Job.
Ob dem Kind das Lernen selbst Spaß macht, interessiert niemanden.
So ist auch im Leben. Immer wieder werden wir danach beurteilt,
ob wir Ergebnisse bringen auch um den Preis von Stress, Erschöpfung
und dem subjektiven Gefühl der Sinnlosigkeit.
-
Typ Wohlfühl-Intelligenz:
Sie ist prozeßorientiert. Für Menschen mit Wohlfühl-Intelligenz
ist der Weg das Ziel. Sie orientieren sich nicht auf ein schwieriges
Endziel, dessen Erreichen nicht gewiß ist. Sie verzichten
nicht darauf, in der Zwischenzeit ihr Leben zu genießen. Im
Gegenteil, ihr Motto lautet Genieße den Augenblick.
Zum Thema Wohlfühl-Intelligenz
erscheint im August ein Buch von unserem Autor Frank Naumann. Wir werden
es Ihnen in unserer nächsten Ausgabe nach der Sommerpause (Ende
September) vorstellen.