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Motivationsbremsen

Kampf dem inneren Schweinehund

Ausgabe Juni 2002/ 5. Jahrgang

 

Ferienwohnung im Sonnenhaus Rügen

Die Karriere vorantreiben, eine Fremdsprache lernen, regelmäßig Sport ... Vier von fünf Leuten schaffen es nicht, Dinge in Angriff zu nehmen, die sie gern bewältigen würden. Warum? Bequemlichkeit? Innerer Schweinehund? Was verbirgt sich hinter diesen Wörtern, mit denen wir unsere Unlust umschreiben? Wer seine mentalen Gitterstäbe erkennt, hat gute Chance, den Sprung vom Vorsatz zur Tat zu schaffen.

 

Beneiden Sie manchmal nimmermüde Allround-Arbeiter um ihren unerschöpflichen Elan? Psychologen haben herausgefunden, daß sie im Schnitt nicht über mehr Energie und Fitness verfügen als andere. Ihr Vorteil ist ein anderer. Sie verfügen über Strategien, die üblichen Motivationsbremsen außer Kraft zu setzen. Sie wissen: Niemand schwebt ununterbrochen auf einer Welle der Mühelosigkeit. Aber es gelingt ihnen immer wieder, sich aus der Trägheitsfalle emporzuschwingen.

Motivationsbremse 1: Die „Ich sollte“-Diktatur

„Ich sollte bis abends im Büro sitzen, sonst hält mich mein Chef für faul.“

„Ich sollte die Rede auswendig lernen, sonst denken die Leute, ich nehme sie nicht ernst.“

„Ich sollte einmal in der Woche mit meiner Frau ausgehen, damit sie sich nicht vernachlässigt fühlt.“

Haben Sie auch derartige „Ich sollte“-Sätze? Was Sie auch glauben, was Sie unbedingt tun sollten – nichts ist tödlicher für die Motivation als selbst auferlegter Zwang. Ahnen Sie, was passiert, wenn Sie die drei oben genannten Gebote befolgen?

  1. Während der Überstunden vergeht Ihnen endgültig die Lust am Job. Ihre Unlust strahlt auf die Mitarbeiter aus. Sie schaffen immer weniger, benötigen aber immer mehr Zeit. Der Burnout droht.

  2. Sie martern Ihr Gedächtnis stundenlang mit dem einzigen Resultat, daß Sie Ihren Vortrag herunterleiern, weil Sie nicht mehr mitdenken, sondern nur darauf achten, ja nicht steckenzubleiben. Ergebnis: Hoher Zeitaufwand für eine einschläfernde Rede.

  3. Ihre Frau merkt, daß Sie mit dem Abend im Restaurant nur eine Pflicht absolvieren. Sie ist sauer – und Sie sind es ebenfalls, weil sie Ihre gute Absicht nicht zu würdigen weiß.

Ein weiteres Problem: „Ich sollte“-Sätze verstellen den Blick auf sinnvolle Alternativen. Ein Sollen stammt immer aus einer fremden Norm, erfunden für eine Durchschnittsallgemeinheit. Da Sie ein einzigartiges Individuum sind, kann sie gar nicht hundertprozentig passend für Sie sein.

Warum sind wir dann aber so leicht bereit, Soll-Sätze zu übernehmen und uns an ihnen abzustrampeln? Weil wir im tiefsten Innern unsicher sind, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Weil wir Angst haben zu versagen und anzuecken. Um nicht allein im Regen zu stehen, tun wir einfach, was „man“ tun soll. Das ist bequem, aber nicht sehr kreativ und deshalb auch nicht erfolgversprechend.

Unser Tip: Viele Wege führen nach Rom. Treten Sie innerlich zurück und überlegen Sie sich Alternativen. Was wäre, wenn Sie genau das Gegenteil unternehmen würden?

  1. Statt eifrig Überstunden herunterzureißen, gönnen Sie sich eine Auszeit. Sie legen sich ein paar Stunden faul auf den Balkon, toben mit den Kindern herum oder starten mit der Familie zu einer Radtour. Und machen die verblüffende Entdeckung, daß Sie in der verkürzten Arbeitszeit mit Lust das Doppelte schaffen.

  2. Statt eine Rede auswendig zu lernen, notieren Sie lediglich eine Gliederung und entwickeln Ihre Ideen aus dem Stegreif. Daß Sie sich versprechen oder stecken bleiben, nehmen die Zuhörer nicht als Schwäche, sondern als Beweis, daß Sie mitdenken und sich um die treffendste Formulierung bemühen. Aus einem müden Monolog wird ein lebendiger Vortrag. Sie erleben zum ersten Mal nach Ihrem Auftritt eine spannende Diskussion.

  3. Sie bleiben mit Ihrer Frau lieber zu Haus und erzählen ihr von Ihren Schwierigkeiten, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Sie werden sehen: sie zeigt mehr Verständnis, als Sie zu hoffen wagten. Statt Forderungen zu stellen, wird Sie Ihnen Unterstützung anbieten.

Motivationsbremse 2: Reizüberflutung und Gleichförmigkeit

Sie kennen den Spruch „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Folge von schönen Tagen“? Die schönsten Dinge der Welt werden schal, wenn wir sie im Übermaß genießen. Das Neue, Ungewohnte motiviert uns stärker als das Vertraute. Routine macht faul. Was wir kennen, von dem gehen keine Gefahren aus, aber auch keine Überraschung. Wir werden nur dann aktiv, wenn Verluste drohen oder neue Erfolge winken.

Nun ist bei vielen Tätigkeiten ein Routineanteil gar nicht zu vermeiden. Wer ein Virtuose auf der Violine werden möchte, muß viele Stunden täglich Läufe, Tonleitern und Etüden üben. Wer eine Fremdsprache perfekt beherrschen möchte, büffelt Vokablen und Grammatikregeln bis zum Abwinken. Wer einen Marathon durchstehen will, legt mindestens ein halbes Jahr lang Woche für Woche an die sechzig Kilometer im Dauerlauf zurück. Dazu kommen Stretching, Kraftübungen ... immer nach dem gleichen Muster ...

Spezialistentum bringt Einseitigkeiten mit sich. Wenn die Motivation sinkt – wenn Sie am liebsten die Violine im Kasten, das Sprachlehrbuch im Regal und die Laufschuhe im Schrank lassen würden – wird es Zeit, Ihren Übungsplan zu umzustellen.

Unser Tip: Finden Sie die Mitte zwischen Überraschung und Langeweile:

  • Variieren Sie Ihren Tagesablauf, üben und arbeiten Sie mal zu anderen Zeiten.

  • Üben Sie wenigstens einige Tage nach einem anderen Lehrbuch, spielen Sie andere Musikstücke, schwimmen Sie oder fahren Sie Rad statt zu rennen. Nach einigen Tagen kehren Sie mit neuer Begeisterung zu den alten Übungen zurück.

  • Verabschieden Sie sich vom Perfektionismus. Beißen Sie sich nicht fest an besonders schwierigen Details. Sie machen auch dann Fortschritte, wenn Sie eine neue Aufgabe schon in Angriff nehmen, bevor Sie die vorige aus dem Effeff beherrschen.

  • Arbeiten und proben Sie ab und zu mal mit Gleichgesinnten – auch wenn Sie dafür Abstriche an Ihrem Übungsniveau in Kauf nehmen müssen. Der erlebte Gleichklang mit Leuten, die die gleichen Vorlieben teilen, gibt Ihrem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, ungeahnten Auftrieb.

Motivationsbremse 3: Sich verzetteln

Leben Sie nach dem Spruch „Nur Kleingeister halten Ordnung, das Genie überblickt das Chaos“? Wenn Sie hoffen, auf diesem Weg alle Konkurrenten mit Ihrer Kreativität zu überrunden: Lesen Sie mal die Biographien von Nobelpreisträgern, egal ob für Physik oder Literatur. Sie werden sehen, ohne ein gewisses Maß an Systematik wären sie nie ans Ziel gekommen. Ohne klare Ziele und eine effektive Strategie, um vom Ist- zum Soll-Zustand zu gelangen, hätten sie unterwegs zuviel Energie für Nebensächliches verschwendet.

Auch hier gilt es, die richtige Balance zu finden. Wer nur auf sein Ziel losrennt, ohne nach links und rechts zu schauen, legt sich mit der Zeit Scheuklappen an. Er verliert die Fähigkeit, interessante Anregungen von unerwarteter Seite aufzunehmen. Abkürzungen und glückliche Zufälle zu erkennen.

Angeblich haust der kreative Künstler in einer Art zugemülltem Partykeller, stiert tagelang verzweifelt auf ein leeres Blatt Papier, um dann nach Wochen alkoholvernebelter Lethargie in einem schöpferischen Fieberfall innerhalb einer schlaflosen Woche ein Meisterwerk in die Tasten zu hauen. Das ist ein von den Künstlern erfundenes Klischee. Es gibt Auskunft über das Ausmaß ihres Selbstmitleids und ihrer Minderwertigkeits­komplexe, aber nicht über ihre tatsächliche Arbeitsweise. Gustave Flaubert behauptete mal, er verbringe einen ganzen Nachmittag, um ein Komma wieder auszustreichen, das er am Morgen mühsam hingeschrieben habe. Wenn das wahr wäre – wie sind dann seine Romane „Madame Bovary“, Salambo“ und „Die Erziehung der Gefühle“ (jeweils 400-500 Seiten dick) aus seinem Kopf auf das Papier gelangt?

Hemingway ging auf Afrikasafari, zu Stierkämpfen, auf Fischfang vor Key West, kämpfte im spanischen Bürgerkrieg und verbrachte viele Nächte in rauchigen Bars – aber jeden Tag schrieb er an seinen Reportagen und Romanen, in denen er weniger erlebnislustigen Lesern von seinen Abenteuern berichtete. Sein Rezept: jeden Tag tausend Wörter und am Ende des Arbeitstages einen Text nicht zu Ende schreiben, sondern mittendrin aufhören, an einer Stelle, an der man am nächsten Tag sofort wieder in Fluß kommt. Ob Thomas Mann oder Stephen King: die produktiven Autoren setzen sich jeden Vormittag zur gleichen Zeit an ihren Schreibtisch und stehen nicht eher auf, bis sie ein bestimmten Pensum geleistet haben.

Unser Tip: Organisieren Sie Ihren Arbeitstag systematisch und flexibel zugleich.

  • Verplanen Sie nur die Hälfte Ihrer Zeit in festen Terminen. Die andere Hälfte liefert Ihnen den nötigen Freiraum für kurzfristige Zusatzaufgaben, aber auch für Weiterbildung und spontane Aktivitäten, die Ihnen Erholung und neue Horizonte eröffnen.

  • Formulieren Sie Ihre konkrete, abrechenbare Ziele. Nähern Sie sich ihnen Schritt für Schritt, nicht in Hau-ruck-Aktionen.

  • Planen Sie auch Zeit für Entspannung und bloßes Nichtstun. Halten Sie Ihren Körper fit. Bilden Sie sich weiter, auch wenn Sie viele Informationen, die Sie aufnehmen, nicht sofort praktisch ausnutzen können. Denken Sie langfristig.

Motivationsbremse 4: Einzelkämpfermentalität

Die Medien pflegen das Bild des starken Einzelgängers, der sich gegen die Widerstände einer ignoranten Umwelt ganz allein an die Spitze vorkämpft. Nichts ist falscher. Ob amerikanischer Präsident, Pop-Star oder erfolgreicher Firmengründer wie Bill Gates: sie alle wären nichts geworden ohne ihr Team von Helfern, Agenten, Managern und Freunden.

Es geht nicht nur darum, daß vier Köpfe mehr Einfälle produzieren als zwei oder eins. Oder daß ein Team verschiedene Stärken seiner Mitglieder kombiniert. Sondern:

  • Leute, die für ein Ziel zusammenarbeiten, feuern einander an.

  • Sie bestärken einander in der Überzeugung, das es lohnt, weiter zu machen.

  • Die Aktivität des einen reißt den anderen mit.

    Der berühmte Name, der an die Öffentlichkeit gelangt, ist nur das Aushängeschild, hinter dem sich der Erfolg einer effektiv kooperierenden Gruppe verbirgt.

    Wer den Sprung an die Spitze schafft, verfügt nicht über mehr Genie als die vielen kleinen Talente, die in ihrem Schatten weiter kämpfen. Was ihnen fehlt, ist das perfekt organisierte Team von Partnern, die ihnen Kollegen und Freunde zugleich sind. Denn die wenigsten Erfolge werden über Nacht errungen. Selbst junge Idole im Teenageralter wie Britney Spears haben eine jahrelange Tretmühle durch kleine Bühnen, Castings, Schauspiel- und Tanzausbildung hinter sich. Ohne helfende Stimmen „Du schaffst es, wir bleiben an deiner Seite“ hält das niemand lange durch. Freunde helfen über Tiefpunkte und Selbstzweifel hinweg.

    Unser Tip: Igeln Sie sich nicht ein. Lösen Sie sich von der Idee, Ihre Leistung sei nur dann ganz Ihr Verdienst, wenn Sie sie ohne fremde Hilfe, vollbringen. Das Gegenteil ist der Fall. Erst in der Fähigkeit, sein Talent mit anderen Talenten zu einer neuen, vielfach leistungsstärkeren Einheit zusammenzuschweißen, zeigt sich der wahre Meister.

  • Üben Sie Ihre Kontakt- und Kommunikationstalente. Halten Sie Ausschau nach Verbündeten und nutzen Sie jede Gelegenheit für eine Zusammenarbeit im gegenseitigen Interesse. Planen Sie Zeit für regelmäßige Kontaktpflege ein.

  • Andere streben nach denselben Zielen wie Sie? Kooperieren Sie mit Ihren Mitbewerbern statt Sie zu bekämpfen. So gewinnen Sie Energie, statt sie in Auseinandersetzungen zu verzetteln, aus denen ein dritter Mitbewerber als lachender Sieger hervorginge.

  • Lassen Sie andere an ihren Erfolgen teilhaben. So daß eine Spur Ihres Glanzes auch auf Ihre Helfer fällt. Das hebt die Motivation der ganzen Truppe.

Motivationsbremse 5: Niederlagen und unfaire Angriffe

Wo wir scheitern, überfällt uns Mutlosigkeit. Gegen negative Erfahrung können Sie sich nur schwer wappnen. Und dennoch: Entgegen dem Sprichwort ist aller Anfang leicht. Ob es sich um eine Diät oder einen Sprachkurs handelt: Zunächst erzielen Sie schnelle Fortschritte. Sie verleihen Ihnen Flügel. Leider bleibt es nicht beim Anfängerglück. Bei der Diät stellt sich der Jo-jo-Effekt in den Weg, beim Sprachkurs die wachsende Schwierigkeit der Grammatik und der Zwang, den früheren Stoff ständig wiederholen zu müssen.

Nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Mitmenschen haben die fatale Neigung, Erfolge als selbstverständlich hinzunehmen, jedes Mißlingen aber mit Schadenfreude oder Ärger zu kommentieren. Jedes Negativerlebnis drückt auf die Motivation. Über achtzig Prozent der Menschen, die optimistisch auf ein Ziel losgestürmt sind, werfen nach den ersten ein, zwei größeren Pleiten die Flinte ins Korn. Wenn dann noch Freunde und Kollegen einstimmen „Ich habe es dir ja gleich gesagt, das ist nicht zu schaffen“ verzichten sie schnell auf eine zweite Chance.

Hinter den Angriffen Ihrer Mitmenschen – auch wenn Sie sich als Mitgefühl und Trost maskieren – verbirgt sich Neid auf Ihre Zielstrebigkeit. Was Sie auch in Angriff nehmen: richten Sie sich darauf ein, daß auf dem Weg nach vorn unerwartete Hürden auftauchen werden. Und Mitmenschen, die Sie auslachen oder kritisieren.

Unser Tip: Verschaffen Sie sich einen realistischen Blick. Schon das Wagnis, Ziele zu setzen und in Angriff zu nehmen, ist lobenswert und hebt sie aus der Masse heraus.

  • Notieren Sie täglich Ihre Erfolge und Mißerfolge. Vergessen Sie auch scheinbar selbstverständlichen Kleinigkeiten nicht. Sie werden sehen: die Zahl der gelungenen Taten ist im Vergleich zu den Pleiten weitaus höher als Sie annahmen.

  • Rechnen Sie von vornherein mit dem Mißlingen einzelner Schritte. Lassen Sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen. Selbst wenn Sie sich eine Sucht abgewöhnen wollten und rückfällig wurden – jeder Tag, den Sie ohne Zigaretten, Heißhunger usw. überstanden, ist ein Gewinn für Ihre Gesundheit. Das ist besser als gar nichts, oder? Setzen Sie einfach von neuem ein. Mit jedem Versuch kommen Sie einen Schritt weiter.

  • Wenn sie angegriffen und kritisiert werden: Nehmen Sie die Worte nicht für bare Münze. Fragen Sie sich nach den Motiven, die den Angreifer zu seiner Äußerung trieben. War es wirklich uneigennützige Sorge um Ihr Wohl? Warum rät er Ihnen dann ab, statt Sie zu ermutigen? Denken Sie ruhig über sachliche Hinweise nach, die in der Kritik enthalten sind. Aber alle Bausch-und-Bogen-Ratschläge („Ohne langjähriges Studium schafft das keiner“, „Dafür bist du viel zu alt/jung/dick/dünn/ungebildet/sensibel ...“) können Sie getrost ignorieren.

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