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Empathie

Menschen verstehen durch intuitive Einfühlung

Ausgabe Juni 2002/ 5. Jahrgang

 

Mein Kind hat Kummer, dem Partner ist eine Laus über die Leber gelaufen und weist mich knurrend zurück ... Jetzt sich einfühlen können und die richtigen Worte finden, um gemeinsam das Tief zu überwinden! EGO-Net erklärt Ihnen die Kunst des zwischenmenschlichen Verstehens.

 

Ihre beste Freundin heult sich an Ihrer Schulter aus, weil ihr Kerl sie mit einer Kundin betrogen hat. Wie reagieren Sie? Argumentieren Sie, der Schuft war es nicht wert? Versuchen Sie es mit Ablenkung – in einer Disco gemeinsam reihenweise Männer abblitzen lassen? Trösten Sie die Gute und versichern ihr, daß die Zeit alle Wunden heilt? Oder halten Sie die Ärmste einfach stumm im Arm?

Das Wort „Empathie“ kommt aus dem Altgriechischen und bezeichnete starke, leidenschaftliche Gefühle. In der Tat: Wer sich geängstigt, verärgert, gekränkt, traurig oder wunderbar glücklich fühlt, ist für „vernünftige“ Argumente nicht zugänglich. Wer über Einfühlungsvermögen verfügt, verzichtet deshalb darauf, seinem Gegenüber mit logisch unwiderlegbaren Argumenten seine Gefühle auszureden. Denn sie erwecken nur den Eindruck „Er hat sicher recht, aber er versteht mich nicht.“

Einfühlung heißt, sich auf die Gefühle des andern einzustimmen. Aber wie soll das gehen? Was einer denkt, kann ich vielleicht an seinen Worten erkennen – falls er sich offen äußert. Aber was er fühlt? Wie verstehe ich Empfindungen, die keiner von uns beiden in Worte fassen kann?

Eine weitere Hürde errichtet der Höflichkeitskodex unserer Kultur. Sie verfügt zwar über Rituale, im Trauerfall Betroffenheit und Beileid auszudrücken. Aber ohne sich auf die Gefühle des andern einzulassen. Noch immer gilt: Wer seine Gefühle unverhüllt zur Schau stellt, zeigt Schwächen und ist verletzbar. Wir ziehen uns in Momenten der Unsicherheit in schützendes Schweigen zurück. Und haben Hemmungen, einem andern, der seelisch leidet, mit unverfrorenen Fragen allzu dicht auf die Pelle zu rücken. Wir respektieren seinen seelischen Schutzwall und lassen ihn mit seinem Kummer allein.

Dennoch ist Einfühlung möglich. Da jeder von uns schon einmal Sorgen, Glück, Angst und Trauer gefühlt hat, sind wir in der Lage, diese Gefühle auch bei andern zu verstehen. Die Kunst der Empathie besteht vor allem darin, eine Brücke zu den augenblicklichen Emotionen des andern zu schlagen, mich auf seine Wellenlänge einzustimmen. Das geht nur indirekt, da niemand direkt in einen fremden Kopf hineinsehen kann.

Es lohnt sich. Wem Einfühlung gelingt, der lindert seelischen Schmerz, verwandelt Zorn und Haß in Verzeihung und konstruktive Kraft, läßt Glück auf andere ausstrahlen. Empathie ist eine Waffe gegen Vereinsamung und für mehr Nähe. Das Verständnis, das wir andern entgegenbringen, strahlt auf uns zurück, wenn wir selbst einmal Mitgefühl und Unterstützung benötigen.

Empathie lässt sich üben. Es handelt sich um keine mystische Seelenharmonie, sondern um eine Summe von praktischen Verhaltensweisen. Die einen haben sie in der Kindheit gelernt und nutzen sie unbewußt. Andere haben sie als Erwachsene erworben: durch Erfahrung oder im Rahmen einer psychotherapeutischen Ausbildung. Das sind ihre wichtigsten Elemente:

Synchronisation der Körpersprache. Sie richten Ihre volle Aufmerksamkeit auf Ihr Gegenüber. Sie lassen sich von nichts und niemandem ablenken, sondern versuchen, die Reaktionen des andern nachzuempfinden. Dazu stimmen Sie sich auf seine Körpersprache ein. Sitzt er gerade oder mit hängenden Schultern? Zeigt seine Mimik Freude, Gleichgültigkeit oder Mißmut? Achten Sie nicht so sehr auf seine Behauptungen, sondern auf die dahinter stehenden unausgesprochenen Gefühle, auf Tonfall und Satzmelodie. Wenn Sie eine innere Distanz fühlen („Wie kann er nur so reden? Kann er sich nicht ein bißchen am Riemen reißen?“), ahmen Sie seine Gestik, Haltung und Mimik nach. Sobald Sie fühlen, daß sich seine Gefühle auf Sie übertragen: lassen Sie sich nicht in sein Elend hineinfallen, sondern wandeln die imitierte Haltung allmählich ins Positive ab. Sie richten sich auf, straffen Ihre Gesichtszüge und verleihen Ihrem Tonfall eine Spur Entschlossenheit. So wie Sie sich von der Stimmung Ihres Gegenüber anstecken ließen, übertragen Sie nun Ihre bessere Stimmung auf ihn und reißen ihn mit.

Zuhören und Gefühlsbotschaften verstärken. Hören Sie nur zu, statt vergeblich gegen die negative Stimmung des andern anzudiskutieren. Sobald Ihr Gesprächspartner etwas Konstruktives äußert („davon werde ich mich nicht unterkriegen lassen“) oder seine Gefühle in Worte faßt („ich bin dermaßen sauer ....“), nicken Sie oder ermuntern ihn durch kurze, beifällige Äußerungen („Verstehe“, „Aha“). Studien zeigen, daß der andere nach und nach den Anteil solcher Äußerungen, die Sie durch kurze Signale verstärken, in seinen Reden erhöht. Der Anteil wenig hilfreicher Äußerungen („es hat ja alles keinen Zweck“), die Sie mit unbewegter Miene vorüberziehen lassen, geht dafür zurück. Nicht widersprechen! Widerspruch wirkt wie eine negative Verstärkung. Der andere reitet dann solange auf seinem Pessimismus herum, bis er Sie überzeugt hat – oder einsieht, daß Sie ihn nicht verstehen wollen.

Akzeptanz. Zeigen Sie durch Ihre Haltung und in Ihren Worten, daß der andere das Recht hat, so zu fühlen und zu denken, wie er sich äußert. Und seien seine Ansichten noch so abwegig. Wenn Sie sagen „Ich verstehe“ oder „Du bist echt wütend“ akzeptieren Sie seine Gefühle – behaupten aber nicht, daß Sie an seiner Stelle genauso denken und fühlen würden. Das unterscheidet Empathie von Mitleid. Auch wenn Sie insgeheim der Meinung sind, daß der andere seinen Kummer durch sein Verhalten mit verschuldete (also kein Mitleid empfinden) – Sie können dennoch Empathie zeigen! Sie hätten sich anders verhalten, aber Sie gestehen ihm seine subjektive Sicht der Dinge zu. Ohne über richtig und falsch zu diskutieren. Das heben Sie sich für später auf, wenn er inneren Abstand gewonnen hat. Die Akzeptanz fällt am schwersten, wenn der andere sich selbst völlig niedermacht. Wer von sich sagt „Ich bin eben zu nichts zu gebrauchen“, dem werden Sie kaum zustimmen wollen. Die Empathieantwort könnte in diesem Fall lauten: „Du fühlst dich ziemlich am Boden.“ Das heißt, Sie spiegeln seine Gefühle, drücken in einem Satz aus, was er fühlt. Da können Sie am ehesten mit einer konstruktiven Reaktion rechnen, etwa: „Genau. Dabei hätte es mir früher nichts ausgemacht, ...“

Partnerzentrierung. Wenn jemand über seine Befindlichkeit spricht, neigen wir dazu, ihn nach einiger Zeit zu unterbrechen und zum Ausgleich über uns selbst zu sprechen: „Stimmt. Mit ist vor einiger Zeit etwas Ähnliches passiert ...“ Eine solche symmetrische Aufteilung der Gesprächsanteile – vertraust du mir etwas an, vertraue ich dir ebenso viel an – gelingt nur in einer emotional ausgeglichenen Situation. Steht jedoch ihr Gegenüber unter emotionalem Druck, hat er kein Ohr für Ihr Erfahrungen und Probleme. Er wird in Ihren Äußerungen nur nach einem Kommentar zu seiner eigenen Situation suchen. Empathie bedeutet, sich zeitweise zurücknehmen zu können.

Grenzen setzen. Empathie verschafft Ihnen Vertrauen, Sympathie und viele Freunde. Aber sie enthält auch eine Gefahr. Seelisch angeschlagene Menschen neigen dazu, hilfreiche Seelen zu vereinnahmen. Was werden Sie tun, wenn Ihre angeschlagene Freundin jede Nacht um drei anruft, weil Sie vor Kummer nicht einschlafen kann? Und Sie doch so verständnisvoll sind? Lassen Sie sich von Ihrem Mitgefühl nicht hinreißen, Versprechungen zu machen, die Sie hinterher bereuen. Sagen Sie nicht „Du kannst mich jederzeit anrufen“, wenn Sie fürchten, daß sie Sie beim Wort nehmen könnte. Äußern Sie beim ersten Gespräch unmißverständlich, wie weit Ihre Hilfsbereitschaft geht und wo sie endet. Sagen Sie, wie lange Sie sich für sie Zeit nehmen. Wann Sie für sie da sind und wann nicht. Indem Sie Grenzen setzen, helfen Sie auch ihr. Je eher Sie lernt, Ihren Alltag unter der neuen Situation selbst zu bewältigen, um so besser für sie.

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