Ihre beste Freundin heult
sich an Ihrer Schulter aus, weil ihr Kerl sie mit einer
Kundin betrogen hat. Wie reagieren Sie? Argumentieren Sie,
der Schuft war es nicht wert? Versuchen Sie es mit Ablenkung
in einer Disco gemeinsam reihenweise Männer
abblitzen lassen? Trösten Sie die Gute und versichern
ihr, daß die Zeit alle Wunden heilt? Oder halten Sie
die Ärmste einfach stumm im Arm?
Das Wort Empathie kommt aus dem Altgriechischen
und bezeichnete starke, leidenschaftliche Gefühle.
In der Tat: Wer sich geängstigt, verärgert, gekränkt,
traurig oder wunderbar glücklich fühlt, ist für
vernünftige Argumente nicht zugänglich.
Wer über Einfühlungsvermögen verfügt,
verzichtet deshalb darauf, seinem Gegenüber mit logisch
unwiderlegbaren Argumenten seine Gefühle auszureden.
Denn sie erwecken nur den Eindruck Er hat sicher recht,
aber er versteht mich nicht.
Einfühlung heißt, sich auf die Gefühle
des andern einzustimmen. Aber wie soll das gehen? Was einer
denkt, kann ich vielleicht an seinen Worten erkennen
falls er sich offen äußert. Aber was er fühlt?
Wie verstehe ich Empfindungen, die keiner von uns beiden
in Worte fassen kann?
Eine weitere Hürde errichtet der Höflichkeitskodex
unserer Kultur. Sie verfügt zwar über Rituale,
im Trauerfall Betroffenheit und Beileid auszudrücken.
Aber ohne sich auf die Gefühle des andern einzulassen.
Noch immer gilt: Wer seine Gefühle unverhüllt
zur Schau stellt, zeigt Schwächen und ist verletzbar.
Wir ziehen uns in Momenten der Unsicherheit in schützendes
Schweigen zurück. Und haben Hemmungen, einem andern,
der seelisch leidet, mit unverfrorenen Fragen allzu dicht
auf die Pelle zu rücken. Wir respektieren seinen seelischen
Schutzwall und lassen ihn mit seinem Kummer allein.
Dennoch ist Einfühlung möglich. Da jeder von
uns schon einmal Sorgen, Glück, Angst und Trauer gefühlt
hat, sind wir in der Lage, diese Gefühle auch bei andern
zu verstehen. Die Kunst der Empathie besteht vor allem darin,
eine Brücke zu den augenblicklichen Emotionen des andern
zu schlagen, mich auf seine Wellenlänge einzustimmen.
Das geht nur indirekt, da niemand direkt in einen fremden
Kopf hineinsehen kann.
Es lohnt sich. Wem Einfühlung gelingt, der lindert
seelischen Schmerz, verwandelt Zorn und Haß in Verzeihung
und konstruktive Kraft, läßt Glück auf andere
ausstrahlen. Empathie ist eine Waffe gegen Vereinsamung
und für mehr Nähe. Das Verständnis, das wir
andern entgegenbringen, strahlt auf uns zurück, wenn
wir selbst einmal Mitgefühl und Unterstützung
benötigen.
Empathie lässt sich üben. Es handelt sich um
keine mystische Seelenharmonie, sondern um eine Summe von
praktischen Verhaltensweisen. Die einen haben sie in der
Kindheit gelernt und nutzen sie unbewußt. Andere haben
sie als Erwachsene erworben: durch Erfahrung oder im Rahmen
einer psychotherapeutischen Ausbildung. Das sind ihre wichtigsten
Elemente:
Synchronisation der Körpersprache. Sie richten
Ihre volle Aufmerksamkeit auf Ihr Gegenüber. Sie lassen
sich von nichts und niemandem ablenken, sondern versuchen,
die Reaktionen des andern nachzuempfinden. Dazu stimmen
Sie sich auf seine Körpersprache ein. Sitzt er gerade
oder mit hängenden Schultern? Zeigt seine Mimik Freude,
Gleichgültigkeit oder Mißmut? Achten Sie nicht
so sehr auf seine Behauptungen, sondern auf die dahinter
stehenden unausgesprochenen Gefühle, auf Tonfall und
Satzmelodie. Wenn Sie eine innere Distanz fühlen (Wie
kann er nur so reden? Kann er sich nicht ein bißchen
am Riemen reißen?), ahmen Sie seine Gestik,
Haltung und Mimik nach. Sobald Sie fühlen, daß
sich seine Gefühle auf Sie übertragen: lassen
Sie sich nicht in sein Elend hineinfallen, sondern wandeln
die imitierte Haltung allmählich ins Positive ab. Sie
richten sich auf, straffen Ihre Gesichtszüge und verleihen
Ihrem Tonfall eine Spur Entschlossenheit. So wie Sie sich
von der Stimmung Ihres Gegenüber anstecken ließen,
übertragen Sie nun Ihre bessere Stimmung auf ihn und
reißen ihn mit.
Zuhören und Gefühlsbotschaften verstärken.
Hören Sie nur zu, statt vergeblich gegen die negative
Stimmung des andern anzudiskutieren. Sobald Ihr Gesprächspartner
etwas Konstruktives äußert (davon werde
ich mich nicht unterkriegen lassen) oder seine Gefühle
in Worte faßt (ich bin dermaßen sauer
....), nicken Sie oder ermuntern ihn durch kurze,
beifällige Äußerungen (Verstehe,
Aha). Studien zeigen, daß der andere nach
und nach den Anteil solcher Äußerungen, die Sie
durch kurze Signale verstärken, in seinen Reden erhöht.
Der Anteil wenig hilfreicher Äußerungen (es
hat ja alles keinen Zweck), die Sie mit unbewegter
Miene vorüberziehen lassen, geht dafür zurück.
Nicht widersprechen! Widerspruch wirkt wie eine negative
Verstärkung. Der andere reitet dann solange auf seinem
Pessimismus herum, bis er Sie überzeugt hat
oder einsieht, daß Sie ihn nicht verstehen wollen.
Akzeptanz. Zeigen Sie durch Ihre Haltung und in
Ihren Worten, daß der andere das Recht hat, so zu
fühlen und zu denken, wie er sich äußert.
Und seien seine Ansichten noch so abwegig. Wenn Sie sagen
Ich verstehe oder Du bist echt wütend
akzeptieren Sie seine Gefühle behaupten aber
nicht, daß Sie an seiner Stelle genauso denken und
fühlen würden. Das unterscheidet Empathie von
Mitleid. Auch wenn Sie insgeheim der Meinung sind, daß
der andere seinen Kummer durch sein Verhalten mit verschuldete
(also kein Mitleid empfinden) Sie können dennoch
Empathie zeigen! Sie hätten sich anders verhalten,
aber Sie gestehen ihm seine subjektive Sicht der Dinge zu.
Ohne über richtig und falsch zu diskutieren. Das heben
Sie sich für später auf, wenn er inneren Abstand
gewonnen hat. Die Akzeptanz fällt am schwersten, wenn
der andere sich selbst völlig niedermacht. Wer von
sich sagt Ich bin eben zu nichts zu gebrauchen,
dem werden Sie kaum zustimmen wollen. Die Empathieantwort
könnte in diesem Fall lauten: Du fühlst
dich ziemlich am Boden. Das heißt, Sie spiegeln
seine Gefühle, drücken in einem Satz aus, was
er fühlt. Da können Sie am ehesten mit einer konstruktiven
Reaktion rechnen, etwa: Genau. Dabei hätte es
mir früher nichts ausgemacht, ...
Partnerzentrierung. Wenn jemand über seine
Befindlichkeit spricht, neigen wir dazu, ihn nach einiger
Zeit zu unterbrechen und zum Ausgleich über uns selbst
zu sprechen: Stimmt. Mit ist vor einiger Zeit etwas
Ähnliches passiert ... Eine solche symmetrische
Aufteilung der Gesprächsanteile vertraust du
mir etwas an, vertraue ich dir ebenso viel an gelingt
nur in einer emotional ausgeglichenen Situation. Steht jedoch
ihr Gegenüber unter emotionalem Druck, hat er kein
Ohr für Ihr Erfahrungen und Probleme. Er wird in Ihren
Äußerungen nur nach einem Kommentar zu seiner
eigenen Situation suchen. Empathie bedeutet, sich zeitweise
zurücknehmen zu können.
Grenzen setzen. Empathie verschafft Ihnen Vertrauen,
Sympathie und viele Freunde. Aber sie enthält auch
eine Gefahr. Seelisch angeschlagene Menschen neigen dazu,
hilfreiche Seelen zu vereinnahmen. Was werden Sie tun, wenn
Ihre angeschlagene Freundin jede Nacht um drei anruft, weil
Sie vor Kummer nicht einschlafen kann? Und Sie doch so verständnisvoll
sind? Lassen Sie sich von Ihrem Mitgefühl nicht hinreißen,
Versprechungen zu machen, die Sie hinterher bereuen. Sagen
Sie nicht Du kannst mich jederzeit anrufen,
wenn Sie fürchten, daß sie Sie beim Wort nehmen
könnte. Äußern Sie beim ersten Gespräch
unmißverständlich, wie weit Ihre Hilfsbereitschaft
geht und wo sie endet. Sagen Sie, wie lange Sie sich für
sie Zeit nehmen. Wann Sie für sie da sind und wann
nicht. Indem Sie Grenzen setzen, helfen Sie auch ihr. Je
eher Sie lernt, Ihren Alltag unter der neuen Situation selbst
zu bewältigen, um so besser für sie.
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