Der Begriff Amok
kommt aus der malaiischen Sprache. Ein Mann, der in einem
plötzlichen gewalttätigen Ausbruch Menschen
manchmal nur Tiere tötet, heißt dort pengamok.
Unerwartet ist der Amoklauf nur für die Umgebung. Der
Pengamok selbst zieht sich vor seinem Ausbruch oft tagelang
von seinen Mitmenschen zurück bis er hervorbricht,
bis zur Erschöpfung mordet und am Ende ausgelaugt zusammenbricht
oder sich selbst tötet.
Diese klassische Form des Amoklaufs kommt
auch bei uns vor. Dann berichten Boulevardblätter von
dem verschuldeten Familienvater, der in einem Anfall von
Wahnsinn und Ausweglosigkeit seine Frau umbrachte, die sich
von ihm trennen wollte. Und seine Kinder, die er bei einer
Scheidung verloren hätte. Der Täter handelt spontan,
ungeplant. Irgendeine Kleinigkeit bringt das Faß zum
Überlaufen. Lang angestaute Wut und Verzweiflung entlädt
sich in einem Gewaltakt. Einerseits fühlt er sich erleichtert,
weil er Rache genommen hat. Andererseits fassungslos, daß
er dazu fähig war. Mit der Ahnung im Hinterkopf, daß
er seine Lage um ein Vielfaches verschlimmert hat, steigert
er sich in seine Wut immer weiter hinein. Wenn ohnehin alles
zu spät ist: dann soviel Schaden anrichten wie möglich.
Neben der Ausweglosigkeit der individuellen Lebenssituation
treffen wir hier sehr häufig auf eine impulsive, labile
Persönlichkeitsstruktur. Es handelt sich um Männer,
deren Fähigkeit zur Selbstkontrolle unter Belastung
zusammenbricht. Überdurchschnittlich viele sind durch
kleinere Gewaltdelikte schon vorher aufgefallen. Diese Erkenntnisse
eignen sich leider kaum, künftige Exzesse zu verhüten.
Denn Amokläufe sind sehr selten. Weit über 99
Prozent auffälliger Männer bringen niemals einen
Menschen um.
Also aufgestaute Aggression und Verlust der Selbstkontrolle?
Der Amoklauf von Erfurt folgte einem anderen Muster. Denn
im Gegensatz zum klassischen Amok handelt es sich hier um
eine geplante, kaltblütige Tat. Fachleute sprechen
deshalb (statt von Amok) von SMASH ( für Sudden Mass
Assault Syndrome with Homicide, zu deutsch etwa: Plötzlicher
Angriff auf Menschenmassen mit Menschentötung). Von
einem plötzlichen Wutausbruch kann keine Rede sein.
Es handelt sich vielmehr um einen geplanten Racheakt. Der
Schütze ballerte am Erfurter Gutenberg-Gymnasium nicht
blindwütig um sich, sondern erschoß gezielt seine
ehemaligen Lehrer.
Kein blutdürstiger Wahnsinniger. Sondern ein Selbstmörder,
der vor seiner Selbsttötung zu einem Rachefeldzug aufbricht.
Zuerst ein paar Fakten. In Deutschland nehmen sich beinahe
doppelt soviel Menschen das Leben als durch Verkehrsunfälle
ums Leben kommen: etwa 12 bis 14 000. Vereinsamte alte Menschen
und Jugendliche führen die Statistik an. Selbstmordversuche
sind unter Frauen häufiger, erfolgreich
vollendete Suizide jedoch unter Männern. Dabei schneiden
Frauen sich eher die Pulsadern auf oder greifen zu Tabletten.
Männer bevorzugen aggressivere Methoden: Sie erhängen
sich, fahren mit dem Auto von einer Brücke, stürzen
sich von Dächern oder wenden Schußwaffen an.
In den letzten 20 Jahren ist die Selbstmordrate unter jungen
Männern bis 19 Jahre um 72 Prozent angestiegen. Das
berichtete Mike McClure vom Chelsea and Westminster Hospital
(Großbritannien). Ausweglosigkeit, Isolierung und
schwere Enttäuschungen sind zentrale Motive.
Der Amokläufer von Erfurt ist in dieser Hinsicht
durchaus ein typischer Vertreter. Mit einer Ausnahme: Die
meisten Selbstmörder treten still und leise ab. Sie
bestrafen ausschließlich sich selbst.
Doch fast immer beabsichtigt der Selbstmord, eine Botschaft
zu übermitteln. Häufig in Abschiedsbriefen formuliert.
Der Täter will seine Mitmenschen, von denen er sich
im Stich gelassen fühlt, bestrafen. Sein Tod soll ihre
Reue entfachen.
Daß ein Selbstmörder sich im finalen Akt an
seinen Peinigern aktiv rächt also
den Menschen, die ihn nicht beachtet oder enttäuscht
haben ist seltener. Aber dennoch häufiger, als
viele von uns vermuten. Einige Beispiele, die Sie kennen:
-
Selbstmordattentäter in Palästina
-
Geiselnehmer in aussichtsloser Lage: sie hoffen, daß
die Polizei ihnen die Selbsttötung abnimmt
-
Selbstmord-Geisterfahrer: vor allem deren Zahl ist
höher als wir ahnen. Viele landen in der Unfallstatistik.
Sie kommen nur in die Schlagzeilen, wenn das Opfer zum
Beispiel die Tochter einer prominenten TV-Moderatorin
ist.
Krisen und Stunden der Verzweiflung kennen die meisten
von uns. Doch nach einiger Zeit rappeln wir uns auf, probieren
Alternativen aus oder arrangieren uns. Spätere Selbstmörder
verhalten sich anders: Sie setzen sich mit ihren Schwierigkeiten
nicht auseinander, sondern neigen zur Realitätsflucht.
Sie beginnen, die Welt als schlecht und sich als edel einzuschätzen.
Oder umgekehrt, die Mitmenschen als tüchtig und sich
selbst als Versager. Oft schwanken sie zwischen beiden Schwarz-Weiß-Bildern
hin und her. Die Versuchung, den Konflikt zwischen schwarz
und weiß mit Gewalt zu lösen, liegt dann nahe,
wenn alle anderen Versuche, aus der Isolation zu entkommen,
gescheitert sind. Sind meine Mitmenschen böse mit mir
zum Beispiel, weil sie mich von der Schule werfen
und mir so ein erfolgreiches Leben versperren werde
ich Ihnen mal zeigen, wie böse ich wirklich sein kann.
Ein Selbstmörder, der sich als Versager erlebt hat,
ist für Amoklauf noch aus einem anderen Grunde anfällig.
Solange er seinen Freitod plant, plagen ihn Zweifel: Werde
ich es schaffen, mich zu töten, oder werde ich auch
hier versagen? Durch einen Amoklauf bringt er sich in Zugzwang.
Wenn er vorher ein Dutzend seiner Peiniger tötet, versperrt
er sich den Ausweg, im letzten Moment vor der Selbsttötung
zurückzuschrecken.
Zugleich erfährt er Beachtung. Einmal im Mittelpunkt
stehen! Von Tausenden wahrgenommen werden und endlich
endlich respektiert werden. In der Medienaufmerksamkeit
liegt die eigentliche Gefahr. Amokläufe sind seltene
Ereignisse. Aber es besteht das Risiko, daß jeder
neue Täter, der die Schwelle zum Massenmord überschreitet,
versucht das Grauen seiner Vorgänger zu übertrumpfen.
In einer Zeit, wo die Mehrzahl der Jugendlichen davon träumt,
wenigstens einmal im Rampenlicht zu stehen, ist das eine
gewaltige Gefahr. Mit immer absonderlichen Shows kämpfen
TV-Macher um Einschaltquoten. Und es mangelt keineswegs
an Leuten, die bereit sind, alles zu tun, nur um einmal
dabei zu sein. Ein Blick in das Guinnessbuch der Rekorde
genügt, um zu zeigen, daß es längst keine
Schamgrenzen mehr gibt. Warum soll ausgerechnet ein Lebensmüder
davon eine Ausnahme bilden?
Wäre dieser reale Horror nicht ein Thema für
den King des Phantasy-Horrors Stephen King? In der
Tat: er hat bereits 1977 unter dem Pseudonym Richard
Bachman einen Roman mit dem Titel Amok
veröffentlicht. Der Inhalt wirkt beängstigend
aktuell. Der Schüler und Ich-Erzähler Charlie
Decker erschießt die Lehrer Mrs, Underwood und Mr.
Vance, bevor er eine ganze Klasse als Geiseln nimmt. Dann
aber wird es märchenhaft. Indem er in der Klasse eine
Unterhaltung über seine Motive beginnt, weckt er die
Sympathien seiner Mitschüler, und am Ende ergibt er
sich dem Sheriff, der ihn niederschießt. Den Rest
seines Lebens verbringt er körperlich und geistig gelähmt
in einer geschlossenen Nervenklinik.
Ein Roman im Zeitgeist der 70er Jahre: Nicht der Mörder
die Ermordeten sind schuldig. Inzwischen steht aus
leidvoller Erfahrung fest: die Schule hat viel weniger Macht.
Sie kann weder Amokläufer heranzüchten, noch sie
verhindern. Können Amokläufe überhaupt verhindert
werden?
Der leichte Zugang zu Waffen erhöht die Zahl derer,
die den Ausweg eines Amoklaufes als reale Möglichkeit
in Betracht ziehen. Amokschützen sind häufig Nachahmungstäter,
die Zugang zu Waffen haben also Polizisten, Soldaten
oder private Waffennarren. Das ergab eine internationale
Studie von mehreren deutschen und amerikanischen Universitäten.
Daher ist die Zahl der Amokläufer, gemessen an der
Zahl der Einwohner, in den USA wesentlich höher als
in Westeuropa mit seinen strengeren Waffengesetzen. Psychologische
Eignungstest in Schützenvereinen nützen nur, wo
jemand schon mit Selbstmordabsicht dem Verein beitritt.
Das dürfte aber selten der Fall sein. Wer konkret seinen
Selbstmord plant, meidet in aller Regel neue soziale Kontakte.
Welche Chance hat Selbstmordprophylaxe? Wer seinen Selbstmord
plant, zeichnet sich durch eine Reihe von Eigenschaften
aus, die Psychologen, aber auch aufmerksame Lehrer und Angehörige
erkennen können. Dazu gehören Einengung des Wahrnehmens
und Denkens, sozialer Rückzug, konkrete Selbstmordphantasien,
die auch anderen erzählt werden, und eine Reihe anderer
Verhaltensweisen, die der Psychologe Ringel 1969 unter dem
Begriff präsuizidales Syndrom zusammengefaßt
hat. Wird das präsuizidale Syndrom erkannt, ist auch
therapeutische Hilfe mit guten Erfolgsaussichten möglich.
Leider erkennen Lehrer und Angehörige nur selten
die Gefahr. Wer an Selbstmord denkt, wird still und meidet
Auseinandersetzungen. Die Erziehungsberechtigten sind meist
froh, daß sich der Schüler unauffällig verhält.
Eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Richard Hazler
der Universität von Ohio zeigte 1999, daß Lehrer
die beklemmende Situation, in der sich amoklaufende Schüler
zuvor befunden hatten, über Monate oder Jahre nicht
erkannten.
Solange freilich die öffentliche Aufmerksamkeit um
jeden Preis mit Bewunderung und anderen Erfolgen belohnt
wird: irgendwo in diesem Lande spielen schon weitere Jugendliche
mit dem Gedanken, ob sie nicht mit einem grausamen Aufbegehren
aus ihrem Teufelskreis von Mißerfolg und Ablehnung
ausbrechen sollten. Zum Glück überschreitet nur
selten jemand die Schwelle von der Phantasie zur blutigen
Tat. Moral ist leider nicht geeignet, vor der Faszination
des Bösen zu schützen. Das wußte schon Goethe,
als er in seinem Faust vom Für und Wider
des Teufelspaktes schrieb.
Was daher auf keinen Fall hilft: Die von Konservativen
beschworene Besinnung auf traditionelle Werte. Ein Blick
in die USA lehrt, daß gerade in puritanischen Gegenden
ungehemmte Gewaltausbrüche am häufigsten sind.
Der gläubige Amokläufer hält sich sowieso
für verdammt. Da sollen wenigstens so viele wie möglich
mit in die Hölle fahren, damit er sich seine Verdammnis
auch voll verdient hat. Ein Klima drakonischer Strafen und
öffentlicher Heuchelei treibt männliche Jugendliche
erst recht in subjektiv ausweglose Situationen, die sich
dann im Amoklauf entladen.
---> Artikel als Druckversion
im *.rtf- Format downloaden <---