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Anrufbeantworter
Was die Ansagetexte über ihre Sprecher verraten

Ausgabe Juni 2001/ 4. Jahrgang
 

So angenehm es ist, einen Anrufbeantworter zu haben und somit auch bei Abwesenheit zu erfahren, wer uns sprechen wollte - so unangenehm ist es für viele, der- oder diejenige am andern Ende der Leitung zu sein und statt mit der besten Freundin plötzlich mit einer seelenlosen Maschine zu reden. Dabei bietet Ihnen diese Situation die einmalige Chance, Infos über den Charakter des Abwesenden zu erhalten.    
 

Der Sprachwissenschaftler Rainer Knirsch stellte kürzlich an der Universität Göttingen eine Untersuchung vor, für die er rund 2000 "Gespräche" mit Anrufbeantwortern aufzeichnete und analysierte. Seit verblüffendes Ergebnis: im Zeitalter von Computer und Handy weigert sich rund jeder Dritte, mit einem Anrufbeantworter zu kommunizieren. Das heißt, viele sprechen mit Widerwillen und nur im äußersten Notfall Ihr Anliegen auf Band.

Der Grund ist schlichte Angst. Wer auf ein Aufzeichnungsgerät spricht, erfährt nicht, wie der andere auf seine Art der Gesprächsführung reagiert. Man fürchtet, als sprach- und sprechinkompetent eingestuft zu werden. Ironischerweise empfindet der Besitzer des Anrufbeantworters die gleiche Angst, wenn er nach Kauf des Gerätes seinen ersten Ansagetext aufnehmen soll. Auch er bekommt nicht mit, wie der Anrufer auf seinen Text reagieren wird.

In der Tat verraten die Ansagetexte viel darüber, wie er (oder sie) diese Angst zu kompensieren versucht - und damit einiges über seine generellen Strategien, mit Problemen fertig zu werden. Sie enthüllen somit eine Seite des Charakters, die beim normalen Smalltalk des Alltags eher verborgen bleibt. Deshalb lohnt es, die Ansagetexte von Freunden, Bekannten und Kollegen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Mehrheit der Sprecher gehört zu einem der folgenden Typen:

Der Vorschriftsmäßige. "Hier ist der Anschluß von Peter Pedant. Ich bin gerade nicht zu Hause. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Pfeifton. Ich rufe umgehend zurück." Ein Text ohne jede individuelle Note. Die einzige wichtige Information ist der Name, alles übrige sind Selbstverständlichkeiten. Deutet auf einen wenig aufregenden Charakter hin, der sein Leben nach Regeln und festen Gewohnheiten strukturiert als Schutz gegen das Chaos und die Unwägbarkeiten des Lebens. Verläßlich, übergenau und angenehm im Umgang, solange Sie nicht erwarten, daß er für Sie über seinen Schatten springt.

Der Vorsichtige. "Sie haben die Eins Eins Zwo Zwo Drei Vier gewählt. Bitte sprechen Sie nach dem Signalton." Anonyme Ansagetxte trifft man erstaunlich häufig. Viele Menschen glauben offenbar, daß das Verschweigen des Namens vor obszönen Anrufen und Telefonterror schützt. Für Fremde ist der Name jedoch nicht mehr als Schall und Rauch - sie erkennen an der Stimme ohnehin, ob der Besitzer männlich oder weiblich ist. Für Bekannte ist dagegen der Name die wichtigste Information, um zu wissen, daß sie sich nicht verwählt haben. Die angesagte Telefonnummer kann kaum jemand auf die Schnelle mitverfolgen, und die Stimme ist für viele nicht eindeutig wiederzuerkennen, wenn Sie über Telefon ans Ohr trifft. Deswegen legen bei anonymen Ansagen besonders viele Anrufer einfach wieder auf, ohne mitzuteilen, daß sie angerufen haben.

Der betont Kreative. "Hier ist der persönliche Wetterdienst von Egon Fröhlich. Eben noch hingen graue Wolken über meiner Morgenlaune. Aber schon klart es auf, weil Sie anrufen. Alles weitere sagen jetzt Sie." Solche Texte sind spannend und machen Vergnügen, wenn auch für Fremde sofort erkennbar ist, was Humor und was ernsthafte Information ist. Achten Sie auf den Tonfall. Sind die Worte so munter gesprochen wie sich der Inhalt darbietet, haben Sie es mit einem spontanen Energiebündel zu tun. Nie langweilig, aber manchmal ziemlich anstrengend. Handelt es sich dagegen um ein beherrscht gesprochenes, vielleicht sogar von Musik untermaltes Kunstwerk, haben Sie es eher mit einem stillen, sensiblen Menschen zu tun, der gern etwas mehr Aufmerksamkeit hätte.

Der Wichtige. "Tut mir leid, bin gerade im Büro oder dienstlich unterwegs. In dringenden Fällen erreichen Sie mich über Handy unter ..." Wer wirklich viel zu tun hat, muß nicht per Ansagetext auf seine Unentbehrlichkeit hinweisen. Der Sprecher sieht sich gern in der Rolle des Workaholic, weil er sich unterschätzt fühlt. Loben Sie bei nächster Gelegenheit seine Fachkompetenz, und Sie werden in die erste Reihe seiner besten Freunde aufrücken.

Der Weltmännische. "Good morning, bonjour, hola, this is Johnny Controletti speaking ..." Mehrsprachige Ansagen sind bei Gymnasiasten oder Studenten zeitweise ein Modegag. Ansonsten finden Sie sich öfter bei Akademikern und Journalisten, die deutschen Anrufern einen Haufen internationaler Kontakte vortäuschen möchten. Eine sinnvolle Funktion haben sie nicht. Ausländische Anrufer rechnen bei einem deutschen Anschluß mit einem deutschen Text. Ansagen in anderen Sprachen verunsichern sie eher (Habe ich die falsche Landesvorwahl gewählt?). Sie benötigen einen deutlich gesprochenen Namen und einen Piepton als Information, daß sie mit dem Anrufbeantworter des gewünschten Anschlusses verbunden sind.

Der Witzige. Wenn plötzlich eine ungeschulte Gesangsstimme an ihr Ohr dringt "Kein Schwein ruft mich an, aber zum Glück bist du jetzt dran", dann wissen Sie: Achtung Humoralarm! Dahinter steht meist ein selbstverliebter Charakter, der mit ein wenig Understatement für sich wirbt. So originell eine solche Botschaft auch sein kann - viele Anrufer legen einfach wieder auf, weil sie auf die Schnelle nicht wissen, wie sie angemessen reagieren sollen. Ehe sie sich blamieren, verzichten sie auf den Anruf.

Der Schnörkellose. "Hier spricht der automatische Anrufbeantworter von Nora Nüchtern. Sie haben nach dem Signaltton dreißig Sekunden Zeit für Ihre Nachricht." Sachlich, effektiv, emotionslos. Kein Typ für eine gemütliche Plauderei. Hier ist reiner Informationsaustausch angesagt. Gut für die Telefonrechnung, schlecht für das Zwischenmenschliche. Technische Begriffe wie "automatisch" und "Anrufbeantworter" lassen viele Menschen sofort wieder auflegen. Sie wollen den Eindruck haben, daß die Stimme am andern Ende einer mitfühlenden Person gehört, keiner Maschine.

Haustierfreunde und stolze Eltern. Das sind alle Ansagetexte, auf denen der Besitzer im Namen seines Lieblings spricht: "Hallo, hier ist Timmy. Mein Frauchen führt mich gerade Gassi ..." oder "Mami und Papi sind mit uns auf dem Spielplatz. Erzählt uns bitte ein schönes Märchen ..." Teilt indirekt mit: Meine Lieblinge haben Vorrang vor dir. Wenn Sie seine Bewunderung nicht teilen, wird es Probleme geben.

Ein Ansagetext, der Anrufer nicht abschreckt, sollte folgenden Bedingungen erfüllen:

Zuerst in drei, vier Worten eine Begrüßung ohne Informationswert, damit sich der Anrufer auf Ihre Stimme einstellen kann: "Guten Tag, hier spricht ..."

Dann der Name, vollständig oder wenigstens der Familienname. Sehr viele Anrufer lehnen es ab, mit einer bloßen Nummer zu reden.

Technische Begriffe wie "automatisch" und "Anrufbeantworter" meiden. Floskeln ohne Neuigkeitswert ("Ich bin gerade nicht zu Hause; ich rufe Sie baldmöglichst zurück") langweilen und reizen aufzulegen, weil sie den Anrufer daran erinnern, daß er diese leere Zeit bezahlen muß.

Statt dessen in ein, zwei kurzen Sätzen mitteilen, daß Sie sich über den Anruf freuen und auf die Mitteilung des Anrufers gespannt sind. Dabei wählen Sie Ihre Worte so, wie Sie es auch im Alltag tun würden. Der Anrufer sollte Ihre Individualität wiedererkennen.

Keine Zeitbegrenzung setzen. Zeitdruck verärgert und verschlägt vielen die Sprache.

Lesen Sie auch aus unserer Septemberausgabe 1999:

Telefonieren wie ein Profi Die Kunst des erfolgreichen Fern-Sprechens

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