Der Sprachwissenschaftler
Rainer Knirsch stellte kürzlich an der Universität
Göttingen eine Untersuchung vor, für die er rund
2000 "Gespräche" mit Anrufbeantwortern aufzeichnete
und analysierte. Seit verblüffendes Ergebnis: im Zeitalter
von Computer und Handy weigert sich rund jeder Dritte, mit
einem Anrufbeantworter zu kommunizieren. Das heißt,
viele sprechen mit Widerwillen und nur im äußersten
Notfall Ihr Anliegen auf Band.
Der Grund ist schlichte Angst. Wer auf ein Aufzeichnungsgerät
spricht, erfährt nicht, wie der andere auf seine Art
der Gesprächsführung reagiert. Man fürchtet,
als sprach- und sprechinkompetent eingestuft zu werden.
Ironischerweise empfindet der Besitzer des Anrufbeantworters
die gleiche Angst, wenn er nach Kauf des Gerätes seinen
ersten Ansagetext aufnehmen soll. Auch er bekommt nicht
mit, wie der Anrufer auf seinen Text reagieren wird.
In der Tat verraten die Ansagetexte viel darüber,
wie er (oder sie) diese Angst zu kompensieren versucht -
und damit einiges über seine generellen Strategien,
mit Problemen fertig zu werden. Sie enthüllen somit
eine Seite des Charakters, die beim normalen Smalltalk des
Alltags eher verborgen bleibt. Deshalb lohnt es, die Ansagetexte
von Freunden, Bekannten und Kollegen einmal genauer unter
die Lupe zu nehmen. Die Mehrheit der Sprecher gehört
zu einem der folgenden Typen:
Der Vorschriftsmäßige. "Hier ist der
Anschluß von Peter Pedant. Ich bin gerade nicht zu
Hause. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Pfeifton.
Ich rufe umgehend zurück." Ein Text ohne jede individuelle
Note. Die einzige wichtige Information ist der Name, alles
übrige sind Selbstverständlichkeiten. Deutet auf
einen wenig aufregenden Charakter hin, der sein Leben nach
Regeln und festen Gewohnheiten strukturiert als Schutz gegen
das Chaos und die Unwägbarkeiten des Lebens. Verläßlich,
übergenau und angenehm im Umgang, solange Sie nicht
erwarten, daß er für Sie über seinen Schatten
springt.
Der Vorsichtige. "Sie haben die Eins Eins
Zwo Zwo Drei Vier gewählt. Bitte sprechen Sie nach
dem Signalton." Anonyme Ansagetxte trifft man erstaunlich
häufig. Viele Menschen glauben offenbar, daß
das Verschweigen des Namens vor obszönen Anrufen und
Telefonterror schützt. Für Fremde ist der Name
jedoch nicht mehr als Schall und Rauch - sie erkennen an
der Stimme ohnehin, ob der Besitzer männlich oder weiblich
ist. Für Bekannte ist dagegen der Name die wichtigste
Information, um zu wissen, daß sie sich nicht verwählt
haben. Die angesagte Telefonnummer kann kaum jemand auf
die Schnelle mitverfolgen, und die Stimme ist für viele
nicht eindeutig wiederzuerkennen, wenn Sie über Telefon
ans Ohr trifft. Deswegen legen bei anonymen Ansagen besonders
viele Anrufer einfach wieder auf, ohne mitzuteilen, daß
sie angerufen haben.
Der betont Kreative. "Hier ist der persönliche
Wetterdienst von Egon Fröhlich. Eben noch hingen graue
Wolken über meiner Morgenlaune. Aber schon klart es
auf, weil Sie anrufen. Alles weitere sagen jetzt Sie." Solche
Texte sind spannend und machen Vergnügen, wenn auch
für Fremde sofort erkennbar ist, was Humor und was
ernsthafte Information ist. Achten Sie auf den Tonfall.
Sind die Worte so munter gesprochen wie sich der Inhalt
darbietet, haben Sie es mit einem spontanen Energiebündel
zu tun. Nie langweilig, aber manchmal ziemlich anstrengend.
Handelt es sich dagegen um ein beherrscht gesprochenes,
vielleicht sogar von Musik untermaltes Kunstwerk, haben
Sie es eher mit einem stillen, sensiblen Menschen zu tun,
der gern etwas mehr Aufmerksamkeit hätte.
Der Wichtige. "Tut mir leid, bin gerade im Büro
oder dienstlich unterwegs. In dringenden Fällen erreichen
Sie mich über Handy unter ..." Wer wirklich viel zu
tun hat, muß nicht per Ansagetext auf seine Unentbehrlichkeit
hinweisen. Der Sprecher sieht sich gern in der Rolle des
Workaholic, weil er sich unterschätzt fühlt. Loben
Sie bei nächster Gelegenheit seine Fachkompetenz, und
Sie werden in die erste Reihe seiner besten Freunde aufrücken.
Der Weltmännische. "Good morning, bonjour,
hola, this is Johnny Controletti speaking ..." Mehrsprachige
Ansagen sind bei Gymnasiasten oder Studenten zeitweise ein
Modegag. Ansonsten finden Sie sich öfter bei Akademikern
und Journalisten, die deutschen Anrufern einen Haufen internationaler
Kontakte vortäuschen möchten. Eine sinnvolle Funktion
haben sie nicht. Ausländische Anrufer rechnen bei einem
deutschen Anschluß mit einem deutschen Text. Ansagen
in anderen Sprachen verunsichern sie eher (Habe ich die
falsche Landesvorwahl gewählt?). Sie benötigen
einen deutlich gesprochenen Namen und einen Piepton als
Information, daß sie mit dem Anrufbeantworter des
gewünschten Anschlusses verbunden sind.
Der Witzige. Wenn plötzlich eine ungeschulte
Gesangsstimme an ihr Ohr dringt "Kein Schwein ruft mich
an, aber zum Glück bist du jetzt dran", dann wissen
Sie: Achtung Humoralarm! Dahinter steht meist ein selbstverliebter
Charakter, der mit ein wenig Understatement für sich
wirbt. So originell eine solche Botschaft auch sein kann
- viele Anrufer legen einfach wieder auf, weil sie auf die
Schnelle nicht wissen, wie sie angemessen reagieren sollen.
Ehe sie sich blamieren, verzichten sie auf den Anruf.
Der Schnörkellose. "Hier spricht der automatische
Anrufbeantworter von Nora Nüchtern. Sie haben nach
dem Signaltton dreißig Sekunden Zeit für Ihre
Nachricht." Sachlich, effektiv, emotionslos. Kein Typ für
eine gemütliche Plauderei. Hier ist reiner Informationsaustausch
angesagt. Gut für die Telefonrechnung, schlecht für
das Zwischenmenschliche. Technische Begriffe wie "automatisch"
und "Anrufbeantworter" lassen viele Menschen sofort wieder
auflegen. Sie wollen den Eindruck haben, daß die Stimme
am andern Ende einer mitfühlenden Person gehört,
keiner Maschine.
Haustierfreunde und stolze Eltern. Das sind alle
Ansagetexte, auf denen der Besitzer im Namen seines Lieblings
spricht: "Hallo, hier ist Timmy. Mein Frauchen führt
mich gerade Gassi ..." oder "Mami und Papi sind mit uns
auf dem Spielplatz. Erzählt uns bitte ein schönes
Märchen ..." Teilt indirekt mit: Meine Lieblinge haben
Vorrang vor dir. Wenn Sie seine Bewunderung nicht teilen,
wird es Probleme geben.
Ein Ansagetext, der Anrufer nicht abschreckt, sollte folgenden
Bedingungen erfüllen:
Zuerst in drei, vier Worten eine Begrüßung ohne
Informationswert, damit sich der Anrufer auf Ihre Stimme
einstellen kann: "Guten Tag, hier spricht ..."
Dann der Name, vollständig oder wenigstens der Familienname.
Sehr viele Anrufer lehnen es ab, mit einer bloßen
Nummer zu reden.
Technische Begriffe wie "automatisch" und "Anrufbeantworter"
meiden. Floskeln ohne Neuigkeitswert ("Ich bin gerade nicht
zu Hause; ich rufe Sie baldmöglichst zurück")
langweilen und reizen aufzulegen, weil sie den Anrufer daran
erinnern, daß er diese leere Zeit bezahlen muß.
Statt dessen in ein, zwei kurzen Sätzen mitteilen,
daß Sie sich über den Anruf freuen und auf die
Mitteilung des Anrufers gespannt sind. Dabei wählen
Sie Ihre Worte so, wie Sie es auch im Alltag tun würden.
Der Anrufer sollte Ihre Individualität wiedererkennen.
Keine Zeitbegrenzung setzen. Zeitdruck verärgert und
verschlägt vielen die Sprache.
Lesen Sie auch aus unserer Septemberausgabe 1999:
Telefonieren
wie ein Profi Die
Kunst des erfolgreichen Fern-Sprechens