Die
Evolutionsbiologen sind sich sicher: der Mann ist von Natur ein
Jäger. Er zieht herum und verstreut dabei seine Erbanlagen
so weit wie möglich. Je mehr Frauen Kinder von ihm bekommen,
desto stärkeren Anteil gewinnen seine Gene am Gesamterbgut
der Menschheit. Ist der Drang zur Polygamie im Erbgut verankert,
werden sich seine Söhne genauso verhalten und im Laufe
einiger tausend Generationen siegen die Gene männlicher Polygamie
über das Erbgut treuer Männer, die nur mit einer Frau
Kinder zeugen und daher im statistischen Mittel weniger Nachkommen
und damit Kopien ihrer Gene in die nächste Generation bringen.
Die
Frau ist dagegen eine Hüterin von Herd und Heim. Während
ein Mann (zumindest theoretisch) Tausende von Kindern zeugen könnte,
kann sie es kaum auf mehr als ein bis zwei Dutzend bringen. Wegen
des hohen Aufwandes pro Kind (neun Monate Schwangerschaft) liegt
ihr Interesse vor allem darin, daß jedes Kind versorgt wird
und sich optimal entwickelt, damit es erwachsen wird und ihr Erbgut
weiterträgt. Sie wird deshalb anstreben, daß sich der
Vater an Aufzucht und Erziehung beteiligt und seine Familie versorgt.
Damit
entsteht ein Interessenkonflikt. Sie will den Mann an sich binden
im Interesse des Nachwuchses, er dagegen möchte sobald wie
möglich zu neuen Ufern aufbrechen. Das Resultat: er neigt
zum Fremdgehen, sie zur Treue und beide können nichts
dafür. Der Unterschied liegt in den Genen.
Soziologen,
vor allem aus dem feministischen Lager, widersprechen dieser Erklärung.
Für sie liegt der Grund für die männliche Neigung
zum Seitensprung in der größeren Macht der Männer.
Je reicher und mächtiger ein Mann, desto mehr Frauen kann
er sich leisten. Das beweisen nicht nur die Harems früherer
Sultane, sondern auch die immer noch gültige Tatsache, daß
Manager häufiger fremd gehen als Hilfsarbeiter.
In
einem sind sich aber alle Forscher einig. Der Mann geht häufiger
fremd als Frauen. Aber keiner stellte sich unseres Wissens bisher
folgende Frage: Wenn sich beispielsweise 30 Prozent der Frauen
und 60 Prozent der Männer Seitensprünge leisten
mit wem tun es die überzähligen Männer? Doch wohl
mit Frauen? Wenn wir nicht annehmen wollen, daß jeder dritte
Mann heimlich bisexuell ist (also mit Männern fremd geht),
erhebt sich die Frage: Mit welchen Frauen tun sie es, wenn die
anderen Frauen alle treu sind?
Dafür
bieten sich zwei mögliche Erklärungen an:
-
Prostituierte.
Also eine kleine Anzahl von Frauen, die sehr viele Männer
versorgen. Dagegen spricht, daß sehr viele
Männer in den Befragungen den Prostituiertenbesuch nicht
als Seitensprung zählen. Und: Befragungen in der DDR
der siebziger Jahre ergaben ebenfalls einen großen Unterschied
in der Treue von Männern und Frauen, obwohl dort der
Normalmann keine Chance hatte, Kunde einer der wenigen kontrollierten
Staatshostessen zu werden.
-
Verheiratete
Männer gehen vorrangig mit ledigen Frauen fremd, während
der umgekehrte Fall viel seltener vorkommt. Niemand weiß,
ob das tatsächlich so ist. Auf jeden Fall könnte
ein solcher Unterschied nur einen kleinen Teil des verschiedenen
Seitensprungverhaltens von Männern und Frauen erklären.
Denn vor vierzig Jahren, als die übergroße Mehrheit
der Erwachsenen verheiratet war (die Anzahl der Singles lag
unter 10 Prozent) als ledige Frauen also selten waren
waren die Unterschiede der Geschlechter in bezug auf
Treue und Untreue genauso groß wie heute.
Ein
gewiefter Meinungsforscher lüftete in den achtziger Jahren
einen Zipfel des Schleiers, als er nach Einsammeln der Fragebogen
auf die Idee kam, hinterher die Männer und Frauen unter vier
Augen zu fragen, ob sie alle Fragen ehrlich beantwortet hatten.
Und da gab es eine große Überraschung. Obwohl der Fragebogen
anonym war, gaben viele Männer zu, daß sie die Zahl
ihrer Partnerinnen ein wenig übertrieben hatten, während
die Frauen gestanden, den einen oder anderen Seitensprung verschwiegen
zu haben.
Kurz,
für Männer ist es schmeichelhaft, viele Eroberungen
gemacht zu haben, während Frauen sich selbst gern als treu
sehen möchten und deshalb gern die eine oder andere Affäre
als Versehen gedanklich verdrängen. Die Anonymität
von Befragungen sichert die Aufrichtigkeit nur dann, wenn die
Versuchspersonen zu sich selbst ehrlich sind. Und das ist in diesem
sensiblen Bereich nicht immer der Fall. Liegt der Unterschied
vielleicht nicht in der Häufigkeit der Seitensprüngen,
sondern lediglich in der inneren Einstellung beim und nach dem
Fremdgehen?
Die
moderne Genanalyse lieferte kürzlich ein überraschende
Bestätigung. Neuerdings ist es möglich, die Vaterschaft
durch einen Gentest sicher zu bestimmen. Und da zeigte sich zur
Überraschung aller Verfechter der starken weiblichen Treue:
jedes zehnte Kind stammt nicht von dem Mann, der in der Geburtsurkunde
als Vater angegeben ist (in der Regel der Ehemann). Gehen die
Frauen genauso oft fremd wie Männer aber verbergen
sie es besser?
Viele
Evolutionsbiologen haben inzwischen in ihren Erklärungen
einen entsprechenden Schwenk vollzogen: Die Frauen holen sich
die besten männlichen Erbanlagen von einem jungen, starken
Mann, lassen das so gezeugte Kind aber von einem finanziell potenten
Workaholic versorgen. Und auch die feministisch orientierte Soziologie
kann mit den neuen Befunden leben. Männer beweisen ihre Macht,
indem sie mit ihren Eroberungen protzen, und die benachteiligten
Frauen unterlaufen das Machosystem, indem sie ihrem Herrn und
Meister als Stammhalter ein Kuckucksei also ein Kind mit
fremden Erbanlagen ins Nest legen.