Verhaltenstherapie:
Ein Bündel von verschiedenen Techniken, die zum Ziel
haben, die Seele des Patienten allein über das sichtbare
Verhalten zu beeinflussen. Diese Verfahren sind aus der
amerikanischen Verhaltenspsychologie (Behaviorismus) hervorgegangen.
Der Erfolg hängt allein vom Handeln des Patienten ab.
In praktischen Übungen werden die für den Patienten
problematischen Situationen Ängste, Zwänge,
Eß- und Beziehungsstörungen nachgestellt.
Die Grundidee ist, daß der Patient das Verhalten,
das für seine Schwierigkeiten verantwortlich ist, irgendwann
einmal erlernt hat und es deshalb möglich sein muß,
es wieder zu verlernen und durch neuen Verhaltensmuster
zu ersetzen. Durch Trainieren einfacher Handlungsschritte
werden erfolgversprechende Muster zur Lösung seiner
Probleme eintrainiert. Der Therapeut kombiniert je
nach individueller Problemlage verschiedene Techniken
zu einer speziell für seinen Patienten erdachten Mixtur.
Die einzelnen Techniken sind von unterschiedlicher Güte.
Als besonders empfehlenswert haben sich erwiesen:
Systematische
Desensibilisierung: Im Entspannungszustand
herbeigeführt durch die progressive
Muskelentspannung stellt sich der Patient
die einzelnen Situationen vor, die ihn belasten, zum Beispiel,
weil sie Angst auslösen. Er beginnt unter Anleitung
des Therapeuten mit relativ harmlosen Vorstellungsbildern
und dringt allmählich zu immer dramatischeren vor,
bis sie ihre Gefahr für ihn verloren haben. Wirksam
besonders bei Phobien gegen konkrete Dinge (Schlangen, Flugangst
usw.), Prüfungsängsten und sexuellen Störungen.
Selbstsicherheitstraining
und Training sozialer Kompetenz: Gehemmte und schüchterne
Patienten lernen im Rollenspiel die Verhaltensmuster
selbstsicheren Auftretens. Das Geübte wird anschließend
unter Überwachung des Therapeuten im Ernstfall
erprobt. Wirkt sich nicht nur auf die Kommunikationsstörung,
sondern auf das gesamte Befinden positiv aus. Besonders
erfolgreich in Kombination mit kognitiven Therapien (siehe
unten).
Reizkonfrontation:
Menschen mit Ängsten werden massiv in der Realität
mit den angstauslösenden Situationen konfrontiert,
unter Überwachung des Therapeuten. Außerordentlich
erfolgreiches Verfahren, besonders dann, wenn der Patient
nicht schrittweise herangeführt, sondern in einer Art
Schockverfahren ins kalte Wasser geworfen wird
(in diesem Fall liegt die Erfolgsquote bei 90 Prozent, eine
der höchsten Erfolgsquoten überhaupt). Auch zur
Behandlung von Zwängen und bei sehr großen Ängsten
geeignet. Der Patient fühlt sich hinterher befreit,
wie nach einer überstandenen Heldentat. Die Therapie
dauert nur wenige Stunden.
Biofeedback: Der Patient mit Schmerzen, Migräne,
Bluthochdruck und ähnlichem wird an ein Gerät
angeschlossen, das seinen Puls, Blutwerte, Muskelspannung
usw. auf einem Monitor sichtbar macht. Er kann nun lernen,
seinen Muskeltonus oder seinen Blutdruck willkürlich
zu reduzieren, da er von dem Gerät Rückmeldungen
erhält. Die Wirkung geht zum großen Teil auf
Entspannungseffekte zurück, die der Blick auf die eigenen
organischen Werte fördert. Die gleichen Effekte sind
daher oft einfacher mit der Progressiven
Muskelentspannung zu erzielen.
Kognitive
Verfahren. Aus der in den sechziger Jahren in Mode gekommenen
kognitiven Psychologie hervorgegangen. Alle Verfahren orientieren
auf eine Veränderung krank machender Denkmuster. Die
meisten Verfahren sind Kombinationen mit Verhaltenstherapien;
man spricht daher in der Regel von kognitiv-behavioralen
Therapien. Unter ihnen befinden sich die erfolgreichsten
Therapieformen, die es heutzutage gibt.
Rational-emotive Therapie
(RET): 1977 von Albert Ellis (USA) entwickelt. Im Gespräch
mit dem Patienten werden unbewußte Vor-Urteile (irrational
beliefs) aufgedeckt, die seinen krankmachenden Verhaltensweisen
zugrunde liegen. Um sie zu erkennen, wird der Patient zu
systematischer Selbstbeobachtung angehalten. Dann analysieren
Therapeut und Patient gemeinsam dessen Lebenssituation und
Handlungen, um angemessenere Verhaltensweisen für ihn
zu entdecken. Dieses Verfahren wird mehr und mehr mit Verhaltensübungen
kombiniert, um zu sichern, daß der Patient das Erkannte
auch in seine Lebenspraxis übernimmt. Das Verfahren
hat bei Ängsten, Depressionen, Neurosen und anderen
Persönlichkeitsstörungen gute Resultate vorzuweisen.
Kognitive
Bewältigungstrainings: Eine Gruppe von Verfahren,
die davon ausgehen, daß krankmachende Verhaltensweisen
vom Patienten durch hemmende innere Dialoge
aufrechterhalten werden. Das Ziel besteht darin, sie durch
erfolgsorientierte Dialoge zu setzen. Diese Verfahren sind
sehr effektiv (weniger als 12 Behandlungsstunden) und haben
bei Schizophrenie, Depressionen, Ängsten, Schmerz,
Zwängen, Bluthochdruck und vielen anderen Symptomen
beachtliche Heilungserfolge erzielt, besonders in Kombination
mit verhaltenstherapeutischen Techniken.
Problemlösungstherapien:
Sie gehen davon aus, daß der Patient in Schwierigkeiten
ist, weil er über kein optimales Verfahren zum Lösen
seiner Probleme verfügt. Unter Anleitung lernt er,
sein Dilemma systematisch und Schritt für Schritt zu
lösen. Auch dieses Verfahren wird oft mit anderen Techniken
kombiniert, um die einzelnen Schritte des Problemlösungsverfahrens
effektiv einzuüben. Diese Therapien dauert etwas länger
als die Bewältigungstrainings, erzielen aber ebenfalls
beachtliche Erfolge bei sehr unterschiedlichen Störungen.
Kognitive Therapie von
Beck: Nach seinem Begründer benanntes Verfahren,
1979 entwickelt, das durch Übungen und Analysen verzerrte
Denkmuster und Wirklichkeitswahrnehmungen bewußt macht.
Für die Behandlung von Depressionen wurde eine außerordentlich
hohe Wirksamkeit festgestellt.
Depressionstherapie
von Lewinsohn: 1974 entwickeltes Verfahren, das
auf der Annahme beruht, daß Depressionen entstehen,
weil dem Patienten positive Rückmeldungen aus seiner
Umwelt fehlen. Der Therapeut entwickelt für ihn einen
Plan von Aktivitäten, durch die er unweigerlich solche
Rückmeldungen aus seiner Umgebung erhalten wird. Das
Verfahren ist direktiv; der Therapeut übernimmt die
Initiative und lenkt den Patienten, bis er wieder von sich
aus Lust am Leben verspürt. Diese Verfahren bietet
vor allem solchen Depressiven eine optimale Therapie, die
sich schon soweit in sich selbst zurückgezogen haben,
daß sie auf nichtdirektive Gesprächsführung
nicht mehr reagieren.
Nach
Studien über Therapieerfolge sind kognitiv-verhaltenstherapeutische
Mischverfahren, die ihre Techniken auf den Patienten zugeschnitten
kombinieren, in der Mehrzahl der Fälle die beste Lösung.
Ihr Vorzug ist ihre kurze Therapiedauer und ihre nachgewiesenermaßen
hohe Wirkung für sehr unterschiedliche Störungen.
Aber auch die Gesprächspsychotherapie und die Psychoanalyse
sind in vielen Fällen wirksam. Entspannungsverfahren
sind erfolgreich bei Schlafstörungen und psychosomatischen
Krankheiten; bei den übrigen Störungen, wenn sie
mit anderen Verfahren kombiniert werden. Die Kombination
von Therapien scheint generell empfehlenswerter zu sein
als die Anwendung nur einer Technik.
Gruppentherapie
ist übrigens keine Therapieart, sondern eine Form,
die bei fast allen Verfahren Anwendung finden kann. Besonders
dort, wo Rollenspiele und Erfahrungsaustausch zur Anwendung
kommen, sind Gruppensitzungen oftmals erfolgreicher als
Einzeltherapien.
Lesen
Sie auch die ersten beiden Teile:
Psychotherapie
(I) Die vier Erfolgsfaktoren einer seelischen Heilung
Psychotherapie
(II) Psychoanalyse, Entspannungsverfahren, Gesprächs-
und Gestalttherapie