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Psychotherapie (III)

Kognitive und Verhaltenstherapie

Ausgabe Mai 2002/ 5. Jahrgang

 

Ferienwohnung im Sonnenhaus Rügen

Im abschließenden dritten Teil unseres Beitrags stellen wir Ihnen verfahrenzentrierte Therapien vor. Sie wollen ihre Erfolge vor allem mit ihrer Methode erzielen und weniger mit der besonderen Beziehung zwischen Helfer und Klient.

 

Verhaltenstherapie: Ein Bündel von verschiedenen Techniken, die zum Ziel haben, die Seele des Patienten allein über das sichtbare Verhalten zu beeinflussen. Diese Verfahren sind aus der amerikanischen Verhaltenspsychologie (Behaviorismus) hervorgegangen. Der Erfolg hängt allein vom Handeln des Patienten ab. In praktischen Übungen werden die für den Patienten problematischen Situationen – Ängste, Zwänge, Eß- und Beziehungsstörungen – nachgestellt. Die Grundidee ist, daß der Patient das Verhalten, das für seine Schwierigkeiten verantwortlich ist, irgendwann einmal erlernt hat und es deshalb möglich sein muß, es wieder zu verlernen und durch neuen Verhaltensmuster zu ersetzen. Durch Trainieren einfacher Handlungsschritte werden erfolgversprechende Muster zur Lösung seiner Probleme eintrainiert. Der Therapeut kombiniert – je nach individueller Problemlage – verschiedene Techniken zu einer speziell für seinen Patienten erdachten Mixtur. Die einzelnen Techniken sind von unterschiedlicher Güte. Als besonders empfehlenswert haben sich erwiesen:


Systematische Desensibilisierung: Im Entspannungszustand – herbeigeführt durch die progressive Muskelentspannung – stellt sich der Patient die einzelnen Situationen vor, die ihn belasten, zum Beispiel, weil sie Angst auslösen. Er beginnt unter Anleitung des Therapeuten mit relativ harmlosen Vorstellungsbildern und dringt allmählich zu immer dramatischeren vor, bis sie ihre Gefahr für ihn verloren haben. Wirksam besonders bei Phobien gegen konkrete Dinge (Schlangen, Flugangst usw.), Prüfungsängsten und sexuellen Störungen.


Selbstsicherheitstraining und Training sozialer Kompetenz: Gehemmte und schüchterne Patienten lernen im Rollen­spiel die Verhaltensmuster selbstsicheren Auftretens. Das Geübte wird anschließend unter Überwachung des Therapeuten im „Ernstfall“ erprobt. Wirkt sich nicht nur auf die Kommunikationsstörung, sondern auf das gesamte Befinden positiv aus. Besonders erfolgreich in Kombination mit kognitiven Therapien (siehe unten).


Reizkonfrontation: Menschen mit Ängsten werden massiv in der Realität mit den angstauslösenden Situationen konfrontiert, unter Überwachung des Therapeuten. Außerordentlich erfolgreiches Verfahren, besonders dann, wenn der Patient nicht schrittweise herangeführt, sondern in einer Art „Schockverfahren“ ins kalte Wasser geworfen wird (in diesem Fall liegt die Erfolgsquote bei 90 Prozent, eine der höchsten Erfolgsquoten überhaupt). Auch zur Behandlung von Zwängen und bei sehr großen Ängsten geeignet. Der Patient fühlt sich hinterher befreit, wie nach einer überstandenen Heldentat. Die Therapie dauert nur wenige Stunden.


Biofeedback: Der Patient mit Schmerzen, Migräne, Bluthochdruck und ähnlichem wird an ein Gerät angeschlossen, das seinen Puls, Blutwerte, Muskelspannung usw. auf einem Monitor sichtbar macht. Er kann nun lernen, seinen Muskeltonus oder seinen Blutdruck willkürlich zu reduzieren, da er von dem Gerät Rückmeldungen erhält. Die Wirkung geht zum großen Teil auf Entspannungseffekte zurück, die der Blick auf die eigenen organischen Werte fördert. Die gleichen Effekte sind daher oft einfacher mit der Progressiven Muskelentspannung zu erzielen.


Kognitive Verfahren. Aus der in den sechziger Jahren in Mode gekommenen kognitiven Psychologie hervorgegangen. Alle Verfahren orientieren auf eine Veränderung krank machender Denkmuster. Die meisten Verfahren sind Kombinationen mit Verhaltenstherapien; man spricht daher in der Regel von kognitiv-behavioralen Therapien. Unter ihnen befinden sich die erfolgreichsten Therapieformen, die es heutzutage gibt.


Rational-emotive Therapie (RET): 1977 von Albert Ellis (USA) entwickelt. Im Gespräch mit dem Patienten werden unbewußte Vor-Urteile („irrational beliefs“) aufgedeckt, die seinen krankmachenden Verhaltensweisen zugrunde liegen. Um sie zu erkennen, wird der Patient zu systematischer Selbstbeobachtung angehalten. Dann analysieren Therapeut und Patient gemeinsam dessen Lebenssituation und Handlungen, um angemessenere Verhaltensweisen für ihn zu entdecken. Dieses Verfahren wird mehr und mehr mit Verhaltensübungen kombiniert, um zu sichern, daß der Patient das Erkannte auch in seine Lebenspraxis übernimmt. Das Verfahren hat bei Ängsten, Depressionen, Neurosen und anderen Persönlichkeitsstörungen gute Resultate vorzuweisen.


Kognitive Bewältigungstrainings: Eine Gruppe von Verfahren, die davon ausgehen, daß krankmachende Verhaltensweisen vom Patienten durch hemmende „innere Dialoge“ aufrechterhalten werden. Das Ziel besteht darin, sie durch erfolgsorientierte Dialoge zu setzen. Diese Verfahren sind sehr effektiv (weniger als 12 Behandlungsstunden) und haben bei Schizophrenie, Depressionen, Ängsten, Schmerz, Zwängen, Bluthochdruck und vielen anderen Symptomen beachtliche Heilungserfolge erzielt, besonders in Kombination mit verhaltenstherapeutischen Techniken.


Problemlösungstherapien: Sie gehen davon aus, daß der Patient in Schwierigkeiten ist, weil er über kein optimales Verfahren zum Lösen seiner Probleme verfügt. Unter Anleitung lernt er, sein Dilemma systematisch und Schritt für Schritt zu lösen. Auch dieses Verfahren wird oft mit anderen Techniken kombiniert, um die einzelnen Schritte des Problemlösungsverfahrens effektiv einzuüben. Diese Therapien dauert etwas länger als die Bewältigungstrainings, erzielen aber ebenfalls beachtliche Erfolge bei sehr unterschiedlichen Störungen.


Kognitive Therapie von Beck: Nach seinem Begründer benanntes Verfahren, 1979 entwickelt, das durch Übungen und Analysen verzerrte Denkmuster und Wirklichkeitswahrnehmungen bewußt macht. Für die Behandlung von Depressionen wurde eine außerordentlich hohe Wirksamkeit festgestellt.


Depressionstherapie von Lewinsohn: 1974 entwickeltes Verfahren, das auf der Annahme beruht, daß Depressionen entstehen, weil dem Patienten positive Rückmeldungen aus seiner Umwelt fehlen. Der Therapeut entwickelt für ihn einen Plan von Aktivitäten, durch die er unweigerlich solche Rückmeldungen aus seiner Umgebung erhalten wird. Das Verfahren ist direktiv; der Therapeut übernimmt die Initiative und lenkt den Patienten, bis er wieder von sich aus Lust am Leben verspürt. Diese Verfahren bietet vor allem solchen Depressiven eine optimale Therapie, die sich schon soweit in sich selbst zurückgezogen haben, daß sie auf nichtdirektive Gesprächsführung nicht mehr reagieren.


Nach Studien über Therapieerfolge sind kognitiv-verhaltenstherapeutische Mischverfahren, die ihre Techniken auf den Patienten zugeschnitten kombinieren, in der Mehrzahl der Fälle die beste Lösung. Ihr Vorzug ist ihre kurze Therapiedauer und ihre nachgewiesenermaßen hohe Wirkung für sehr unterschiedliche Störungen. Aber auch die Gesprächspsychotherapie und die Psychoanalyse sind in vielen Fällen wirksam. Entspannungsverfahren sind erfolgreich bei Schlafstörungen und psychosomatischen Krankheiten; bei den übrigen Störungen, wenn sie mit anderen Verfahren kombiniert werden. Die Kombination von Therapien scheint generell empfehlenswerter zu sein als die Anwendung nur einer Technik.


Gruppentherapie ist übrigens keine Therapieart, sondern eine Form, die bei fast allen Verfahren Anwendung finden kann. Besonders dort, wo Rollenspiele und Erfahrungsaustausch zur Anwendung kommen, sind Gruppensitzungen oftmals erfolgreicher als Einzeltherapien.


Lesen Sie auch die ersten beiden Teile:

Psychotherapie (I) Die vier Erfolgsfaktoren einer seelischen Heilung

Psychotherapie (II) Psychoanalyse, Entspannungsverfahren, Gesprächs- und Gestalttherapie

 

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