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Ausgabe 05/2000
Warum lobt mich keiner?
Von der Kunst, Komplimente zu erhalten

Haben Sie auch den Eindruck, zuwenig Lob und Anerkennung zu erhalten? Vielleicht entmutigen Sie unbewußt Ihre Mitmenschen, die Ihnen etwas Gutes sagen möchten? Können Sie sich offen und aufrichtig über ein Kompliment freuen?
 
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Wie du das alles schaffst, Haushalt, Kinder, Karriere ...", sagte zu ihr der Kollege während des Stehempfangs nach erfolgreichem Abschluß des Projektes. "Ach herrje", antwortete sie, "wenn mein Mann sich nicht zu haus um alles kümmern würde ..."

Kommt Ihnen dieser Wortwechsel vertraut vor? Er beschreibt ein häufiges Problem der alltäglichen Kommunikation. Wir alle wünschen uns mehr Anerkennung für unsere Mühen. Doch wenn wir dann ein tolles Lob erhalten, verkleinern wir es. Wir relativieren unser Verdienst und entschuldigen uns quasi für unsere Leistung. Die Folge? Unser Gegenüber wird es sich bei der nächsten Gelegenheit zweimal überlegen, bevor er uns noch einmal seine Anerkennung ausspricht? Am Ende tritt genau der Zustand ein, den wir beklagen. Verdiente Anerkennung wird uns vorenthalten.

Selbst wer keine Probleme hat, ein Kompliment dankbar anzunehmen, leidet unter diesem Zusammenhang. Denn wer die Person A gelobt hat und von ihr abgewehrt wurde, wird in Zukunft auch beim Loben der Personen B und C vorsichtiger sein. Die meisten von uns könnten ihre sozialen Beziehungen deutlich verbessern, wenn sie die Kunst, Komplimente zu geben und zu empfangen neu erlernen würden.

Am Anfang stehen unsere Kindheitserfahrungen. Mit ein, zwei Jahren werden wir noch häufig gelobt: für die ersten eigenen Schritte, die ersten eigenen Worte, trockene Windeln und jede noch so unbeholfene Kritzelei mit Buntstiften. Doch je älter wir werden, desto mehr nimmt das Lob ab und die Häufigkeit von Tadeln zu. Paß in Mathe besser auf, räume endlich dein Spielzeug auf, wann wirst du dir mal ordentlich die Haare kämmen lernen, man redet nicht dazwischen, wenn Erwachsene sich unterhalten - so prasselt es am laufenden Band auf uns nieder.

So lernen wir, daß wir unvollkommen sind und selbst unsere beste Leistung noch zu verbessern wäre. Werden wir nun uneingeschränkt gelobt, fürchten wir, überheblich zu wirken, wenn wir das Lob einfach akzeptieren. Vielleicht werden sogar die anderen, die zugehört haben und nicht gelobt wurden, neidisch. Mit der Abwehr "Ach, das war doch nichts Besonderes" zeigen wir, daß wir uns nicht über die Umstehenden erheben wollen.

Die Abwehr schadet aber nicht nur uns selbst, sondern auch dem Spender des Lobs. Unsere Abwehr klingt für ihn wie ein Zweifel an seiner Urteilsfähigkeit. Denn wenn ich sage, meine Leistung war gar nicht so lobenswert - ich muß es ja schließlich wissen, oder? Schließlich habe ich ja die Arbeit vollbracht, während er nur das Resultat gesehen hat. Weshalb hat er mich dann gelobt? Gutwillige würden sagen, um mir eine Freude zu machen. Böswillige könnten aber auch meinen, er wolle sich bei mir einschmeicheln, mich anschließend um einen Gefallen bitten, kurz, irgendeinen eigennützigen Zweck bei mir erreichen. Wer möchte sich schon dem Verdacht aussetzen, das sein Lob nur Mittel zum Zweck war? Da wird der Lobspender gut beraten sein, wenn er in Zukunft sich mit Komplimenten zurückhält.

Erst recht trifft dies für Komplimente zu, die nicht persönliche Anstrengungen, sondern Geschenke der Natur würdigen. Bewundernde Ausrufe und Blicke wegen glatter Haut, vollem Haar, aber auch für die Leichtigkeit, mit der jemand Klavier spielt, Fremdsprachen lernt oder Prüfungen bewältigt? Danke, lieb gemeint, aber mein Aussehen und meine Begabung sind doch nicht mein Verdienst. Das schlechte Gewissen, über eine Gabe zu verfügen, die bei weniger Glücklichen Neid erregen könnte, läßt viele zu Abwehrstrategien greifen, wie

  • Verkleinern: "Ach, das schafft doch jeder, wenn er ein bißchen Zeit dafür aufbringt."
  • Projizieren (die Leistung jemand anderem zuschreiben): " Ohne die Hilfe meines Mannes hätte ich das nie geschafft."
  • Entwerten (die Sache ist kein Lob wert): "Das ist nicht mein Verdienst, ich bin in Frankreich aufgewachsen." (Antwort auf ein Lob für die hervorragenden Fremdsprachenkenntnisse)
  • Umdeuten (das Lob als Kritik nehmen): "Artig nennen Sie meinen Sohn? Ein richtiger Duckmäuser!"
  • Zur Ausnahme erklären: "Ehrlich gesagt, es ist das erste Mal, das ich pünktlich bin."

Mit der Abwehr entsteht ein Teufelskreis. Wessen Lob zurückgewiesen wird, lobt in Zukunft weniger. Wer weniger lobt, empfängt auch selbst weniger Anerkennung. Dadurch entsteht mit der Zeit ein soziales Klima der Kritik. Jeder Tadel wird ausgesprochen und ausgewalzt, jede positive Leistung wird dagegen als selbstverständlich hingenommen und mit Schweigen übergangen.

Hinzu kommt die Macht der Gewohnheit. Bei neuen Bekanntschaften sind wir mit Anerkennung freigiebiger als unter Vertrauten - obwohl wir gute Freunde genauer kennen und es deshalb leichter fallen müßte, ihre positiven Seiten, die uns an ihnen gefallen, zu benennen. Jeder weiß, daß frisch Verliebte sich stundenlang Schmeicheleien sagen können und einander mit Komplimenten nur so überschütten. Verheiratete empfangen Komplimente fast nur noch von Außenstehenden. Der eigene Partner scheint für unsere Vorzüge blind geworden zu sein.

Jeder weiß, daß nette Komplimente nicht nur die Laune verbessern, sondern auch monatelang im Gedächtnis bleiben. Sie sind die Nahrung, mit dem unser Selbstwertgefühl sich aufbaut. Die gerade geschilderten Zusammenhänge lehren, daß jeder selbst dafür sorgen kann, daß er in Zukunft mehr Anerkennung erfährt als bisher.

Und so geht es:

Überlegen Sie sich jeden Morgen (oder am Abend vorher) drei Komplimente, die Sie Personen, denen Sie heute begegnen werden, machen können. Nehmen Sie zuerst etwas relativ Unverfängliches wie

Ich wünschte, ich könnte auch so auf dem Schreibtisch Ordnung halten wie du.

Ich bewundere schon lange deine schicke Jacke. Wo hast du die gekauft?

Du hast morgens immer gute Laune. Wie schaffst du das nur?

Sprechen Sie das vorbereitete Kompliment aus, sobald sie der betreffenden Person begegnen. Wehrt sie Ihr Lob ab, sagen Sie: "Ich finde dennoch, du hast das gut gemacht."

In Leerzeiten (zum Beispiel in Warteschlangen) überlegen Sie sich so viele Einzelheiten Ihrer Umgebung wie möglich, die sie lobenswert finden - ein witziges Plakat, eine freundliche Verkäuferin, eine Mutter, die einfühlsam mit ihrem Kind spricht ... Der Blick für das selbstverständliche Gute um uns verbessert die eigene Laune und fördert die Fähigkeit, an anderen und an uns selbst das Anerkennenswerte zu sehen - und auszusprechen.

Sprechen Sie von sich aus über Ihre Leistungen, wenn kein anderer es tut. Nicht in überheblichen Allgemeinaussagen ("Ich bin der Größte", "Niemand arbeitet so fleißig wie ich") die wie Angeberei wirken, sondern indem Sie konkrete Einzelleistungen nennen: "Ich habe dieses Projekt allein vorbereitet und das Ergebnis zeigt, daß mein Vorgehen erfolgreich war."

Überlegen Sie sich, wie Sie in Zukunft Komplimente annehmen werden:

Akzeptieren: "Danke. Ich finde auch, die Farbe steht mir gut."

Gegenkompliment: "Du bist ebenfalls schick angezogen."

Lob für das Lob: "Das dir das aufgefallen ist!"

Verstärken: "Da müßtest du mich erst einmal bei einer richtigen Präsentation erleben!"

Abzuraten ist dagegen von allen Techniken, die die Amerikaner "fishing for compliments" nennen. Damit sind Techniken der Gesprächsführung gemeint, die andere regelrecht auffordern, mich zu loben. Zwei stechen dabei besonders hervor.

  • Eigenappell: Es ist die mehr oder minder verhüllte Aufforderung über meine Verdienste zu reden. Typisch dafür ist der folgende bekannte Witz: Der Schauspieler hat seinem Fan eine Stunde einen Monolog über sich gehalten und sagt schließlich: "Jetzt reden wir aber mal über Sie. Wie hat Ihnen denn mein letzter Film gefallen?"
  • Selbstverkleinerung: Man macht sich selbst schlecht in der Hoffnung, daß der andere widerspricht. Wer also klagt "Ich tauge nichts, jedes Projekt setze ich in den Sand, keiner mag mich usw." baut darauf, daß sein Gegenüber die Selbstzweifel beschwichtigt: "Aber nicht doch, für den Anfang hast du das recht gut gemacht ..."

Beide Strategien bringen zwar für einen kurzen Moment den erwarteten Erfolg - der Gesprächspartner wird mit 90prozentiger Wahrscheinlichkeit das angezielte Lob aussprechen. Aber wieviel ist ein Lob, daß unter dem Zwang der Höflichkeit ausgesprochen wird, schon wert? Der Preis dafür: dem Gesprächspartner wird der eklatante Mangel an Selbstvertrauen offenbar. Die Folgen sind nachlassende Sympathie und Respekt.

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