Wie du das alles schaffst, Haushalt, Kinder, Karriere
...", sagte zu ihr der Kollege während des Stehempfangs nach erfolgreichem
Abschluß des Projektes. "Ach herrje", antwortete sie, "wenn mein
Mann sich nicht zu haus um alles kümmern würde ..."
Kommt Ihnen dieser Wortwechsel vertraut vor? Er beschreibt
ein häufiges Problem der alltäglichen Kommunikation. Wir alle
wünschen uns mehr Anerkennung für unsere Mühen. Doch
wenn wir dann ein tolles Lob erhalten, verkleinern wir es. Wir relativieren
unser Verdienst und entschuldigen uns quasi für unsere Leistung.
Die Folge? Unser Gegenüber wird es sich bei der nächsten Gelegenheit
zweimal überlegen, bevor er uns noch einmal seine Anerkennung ausspricht?
Am Ende tritt genau der Zustand ein, den wir beklagen. Verdiente Anerkennung
wird uns vorenthalten.
Selbst wer keine Probleme hat, ein Kompliment dankbar
anzunehmen, leidet unter diesem Zusammenhang. Denn wer die Person A
gelobt hat und von ihr abgewehrt wurde, wird in Zukunft auch beim Loben
der Personen B und C vorsichtiger sein. Die meisten von uns könnten
ihre sozialen Beziehungen deutlich verbessern, wenn sie die Kunst, Komplimente
zu geben und zu empfangen neu erlernen würden.
Am Anfang stehen unsere Kindheitserfahrungen. Mit ein,
zwei Jahren werden wir noch häufig gelobt: für die ersten
eigenen Schritte, die ersten eigenen Worte, trockene Windeln und jede
noch so unbeholfene Kritzelei mit Buntstiften. Doch je älter wir
werden, desto mehr nimmt das Lob ab und die Häufigkeit von Tadeln
zu. Paß in Mathe besser auf, räume endlich dein Spielzeug
auf, wann wirst du dir mal ordentlich die Haare kämmen lernen,
man redet nicht dazwischen, wenn Erwachsene sich unterhalten - so prasselt
es am laufenden Band auf uns nieder.
So lernen wir, daß wir unvollkommen sind und selbst
unsere beste Leistung noch zu verbessern wäre. Werden wir nun uneingeschränkt
gelobt, fürchten wir, überheblich zu wirken, wenn wir das
Lob einfach akzeptieren. Vielleicht werden sogar die anderen, die zugehört
haben und nicht gelobt wurden, neidisch. Mit der Abwehr "Ach, das war
doch nichts Besonderes" zeigen wir, daß wir uns nicht über
die Umstehenden erheben wollen.
Die Abwehr schadet aber nicht nur uns selbst, sondern
auch dem Spender des Lobs. Unsere Abwehr klingt für ihn wie ein
Zweifel an seiner Urteilsfähigkeit. Denn wenn ich sage, meine Leistung
war gar nicht so lobenswert - ich muß es ja schließlich
wissen, oder? Schließlich habe ich ja die Arbeit vollbracht, während
er nur das Resultat gesehen hat. Weshalb hat er mich dann gelobt? Gutwillige
würden sagen, um mir eine Freude zu machen. Böswillige könnten
aber auch meinen, er wolle sich bei mir einschmeicheln, mich anschließend
um einen Gefallen bitten, kurz, irgendeinen eigennützigen Zweck
bei mir erreichen. Wer möchte sich schon dem Verdacht aussetzen,
das sein Lob nur Mittel zum Zweck war? Da wird der Lobspender gut beraten
sein, wenn er in Zukunft sich mit Komplimenten zurückhält.
Erst recht trifft dies für Komplimente zu, die
nicht persönliche Anstrengungen, sondern Geschenke der Natur würdigen.
Bewundernde Ausrufe und Blicke wegen glatter Haut, vollem Haar, aber
auch für die Leichtigkeit, mit der jemand Klavier spielt, Fremdsprachen
lernt oder Prüfungen bewältigt? Danke, lieb gemeint, aber
mein Aussehen und meine Begabung sind doch nicht mein Verdienst. Das
schlechte Gewissen, über eine Gabe zu verfügen, die bei weniger
Glücklichen Neid erregen könnte, läßt viele zu
Abwehrstrategien greifen, wie
- Verkleinern: "Ach, das schafft doch jeder, wenn er
ein bißchen Zeit dafür aufbringt."
- Projizieren (die Leistung jemand anderem zuschreiben):
" Ohne die Hilfe meines Mannes hätte ich das nie geschafft."
- Entwerten (die Sache ist kein Lob wert): "Das ist
nicht mein Verdienst, ich bin in Frankreich aufgewachsen." (Antwort
auf ein Lob für die hervorragenden Fremdsprachenkenntnisse)
- Umdeuten (das Lob als Kritik nehmen): "Artig nennen
Sie meinen Sohn? Ein richtiger Duckmäuser!"
- Zur Ausnahme erklären: "Ehrlich gesagt, es ist
das erste Mal, das ich pünktlich bin."
Mit der Abwehr entsteht ein Teufelskreis. Wessen Lob
zurückgewiesen wird, lobt in Zukunft weniger. Wer weniger lobt,
empfängt auch selbst weniger Anerkennung. Dadurch entsteht mit
der Zeit ein soziales Klima der Kritik. Jeder Tadel wird ausgesprochen
und ausgewalzt, jede positive Leistung wird dagegen als selbstverständlich
hingenommen und mit Schweigen übergangen.
Hinzu kommt die Macht der Gewohnheit. Bei neuen Bekanntschaften
sind wir mit Anerkennung freigiebiger als unter Vertrauten - obwohl
wir gute Freunde genauer kennen und es deshalb leichter fallen müßte,
ihre positiven Seiten, die uns an ihnen gefallen, zu benennen. Jeder
weiß, daß frisch Verliebte sich stundenlang Schmeicheleien
sagen können und einander mit Komplimenten nur so überschütten.
Verheiratete empfangen Komplimente fast nur noch von Außenstehenden.
Der eigene Partner scheint für unsere Vorzüge blind geworden
zu sein.
Jeder weiß, daß nette Komplimente nicht
nur die Laune verbessern, sondern auch monatelang im Gedächtnis
bleiben. Sie sind die Nahrung, mit dem unser Selbstwertgefühl sich
aufbaut. Die gerade geschilderten Zusammenhänge lehren, daß
jeder selbst dafür sorgen kann, daß er in Zukunft mehr Anerkennung
erfährt als bisher.
Und so geht es:
Überlegen Sie sich jeden Morgen (oder am Abend
vorher) drei Komplimente, die Sie Personen, denen Sie heute begegnen
werden, machen können. Nehmen Sie zuerst etwas relativ Unverfängliches
wie
Ich wünschte, ich könnte auch so auf dem Schreibtisch
Ordnung halten wie du.
Ich bewundere schon lange deine schicke Jacke. Wo hast
du die gekauft?
Du hast morgens immer gute Laune. Wie schaffst du das
nur?
Sprechen Sie das vorbereitete Kompliment aus, sobald
sie der betreffenden Person begegnen. Wehrt sie Ihr Lob ab, sagen Sie:
"Ich finde dennoch, du hast das gut gemacht."
In Leerzeiten (zum Beispiel in Warteschlangen) überlegen
Sie sich so viele Einzelheiten Ihrer Umgebung wie möglich, die
sie lobenswert finden - ein witziges Plakat, eine freundliche Verkäuferin,
eine Mutter, die einfühlsam mit ihrem Kind spricht ... Der Blick
für das selbstverständliche Gute um uns verbessert die eigene
Laune und fördert die Fähigkeit, an anderen und an uns selbst
das Anerkennenswerte zu sehen - und auszusprechen.
Sprechen Sie von sich aus über Ihre Leistungen,
wenn kein anderer es tut. Nicht in überheblichen Allgemeinaussagen
("Ich bin der Größte", "Niemand arbeitet so fleißig
wie ich") die wie Angeberei wirken, sondern indem Sie konkrete Einzelleistungen
nennen: "Ich habe dieses Projekt allein vorbereitet und das Ergebnis
zeigt, daß mein Vorgehen erfolgreich war."
Überlegen Sie sich, wie Sie in Zukunft Komplimente
annehmen werden:
Akzeptieren: "Danke. Ich finde auch, die Farbe steht
mir gut."
Gegenkompliment: "Du bist ebenfalls schick angezogen."
Lob für das Lob: "Das dir das aufgefallen ist!"
Verstärken: "Da müßtest du mich erst
einmal bei einer richtigen Präsentation erleben!"
Abzuraten ist dagegen von allen Techniken, die die Amerikaner
"fishing for compliments" nennen. Damit sind Techniken der Gesprächsführung
gemeint, die andere regelrecht auffordern, mich zu loben. Zwei stechen
dabei besonders hervor.
- Eigenappell: Es ist die mehr oder minder verhüllte
Aufforderung über meine Verdienste zu reden. Typisch dafür
ist der folgende bekannte Witz: Der Schauspieler hat seinem Fan eine
Stunde einen Monolog über sich gehalten und sagt schließlich:
"Jetzt reden wir aber mal über Sie. Wie hat Ihnen denn mein letzter
Film gefallen?"
- Selbstverkleinerung: Man macht sich selbst schlecht
in der Hoffnung, daß der andere widerspricht. Wer also klagt
"Ich tauge nichts, jedes Projekt setze ich in den Sand, keiner mag
mich usw." baut darauf, daß sein Gegenüber die Selbstzweifel
beschwichtigt: "Aber nicht doch, für den Anfang hast du das recht
gut gemacht ..."
Beide Strategien bringen zwar für einen kurzen
Moment den erwarteten Erfolg - der Gesprächspartner wird mit 90prozentiger
Wahrscheinlichkeit das angezielte Lob aussprechen. Aber wieviel ist
ein Lob, daß unter dem Zwang der Höflichkeit ausgesprochen
wird, schon wert? Der Preis dafür: dem Gesprächspartner wird
der eklatante Mangel an Selbstvertrauen offenbar. Die Folgen sind nachlassende
Sympathie und Respekt.