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Kurzschläfer leben länger
Neues aus der Schlafforschung

Ausgabe April 2002/ 5. Jahrgang

 

Ferienwohnung im Sonnenhaus Rügen

In zwei großen Beiträgen stellte EGO-Net 1999 grundlegendes Wissen über die Welt des Schlafens vor. Neue Forschungen veranlassen uns, Ihnen heute eine Ergänzung zu präsentieren, die einige überraschende Erkenntnisse präsentiert.

 

Endlich mal wieder richtig ausschlafen! Wer hat nicht schon diese Sehnsucht geäußert, ohne Gelegenheit zu finden, seinen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Seien Sie froh! Denn was Schlafforscher Daniel F. Kripke und seine Kollegen von der Universität von San Diego (Kalifornien) in einer Befragung von über einer Million Amerikaner herausfanden, wirft liebgewordene Vorurteile über den Haufen.

Ihr Ergebnis: Wer länger als acht Stunden schläft, verkürzt seine Lebenserwartung! Wer lange wach ist und nur wenig Zeit für nächtliche Erholung in Anspruch nimmt, verbraucht nicht etwa seine Lebensenergie früher, sondern erfährt einen Trainingseffekt - ähnlich wie beim Joggen. Bei acht und mehr Stunden Schlaf pro Nacht liegt das Sterberisiko 12 Prozent höher als bei Menschen, die nur sieben Stunden schlafen. Selbst Leute, die nur fünf Stunden Nachtruhe finden, leben länger als Langschläfer.

Am gesündesten lebt offenbar, wer nur sechseinhalb bis sieben Stunden schläft. Wer kurz nach Mitternacht ins Bett geht und früh um sechs schon wieder ‘raus muß, braucht kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Diese Schlafmenge genügt. Die neuen Erkenntnisse werfen auch ein neues Licht auf die weitverbreitete Schlaflosigkeit. Viele Leute versuchen, eine höhere Schlafmenge zu erzwingen, als sie in Wahrheit brauchen. Schon länger wissen Psychologen, daß verkürzter Schlaf Depressionen und schlechte Stimmung vertreibt.

Daß Tabletten eher betäuben, als erholsamen Schlaf auszulösen, ist ebenfalls schon länger bekannt. Allison Harvey von der Universität Oxford (England) untersuchte alternative Einschlafhilfen und fand heraus, daß das berühmte „Schäfchen-zählen“ eher am Einschlafen hindert. Es ist zu banal, um ein Abschalten von Alltagsgrübeleien zu bewirken. Besser ist es, sich entspannende Szenen - einen Urlaubsstrand, eine Blumenwiese oder einen gleichmäßig rauschenden Wasserfall - möglichst bildlich vorzustellen. Solche komplexen Szenen binden die volle Aufmerksamkeit. Ergebnis: Schlafgestörte Patienten, die solche Bilder vor ihrem inneren Auge erzeugten, schliefen im Schnitt 20 Minuten früher ein als Schäfchenzähler.

Aber wenigstens im Krankheitsfall hat langer Schlaf doch wohl einen Erholungseffekt? Auch diese landläufige Überzeugung hat sich jetzt als Legende erwiesen. Professor Del Mar und seine Mitarbeiter von der Universität Queensland (Australien) durchsuchten die wissenschaftliche Literatur nach Studien über die Wirksamkeit von Bettruhe zur Wiederherstellung der Gesundheit. Zu ihrer Überraschung konnte bisher noch kein Arzt nachweisen, dass Liegen im Bett Krankheiten schneller besiegt. Im Gegenteil: Bei einer Reihe von Leiden, sogar nach chirurgischen Eingriffen, brachte das Herumliegen mehr Schaden als Gewinn. Die Komplikationen reichen von Wundliegen über Osteoporose (Verlust von Knochenhärte) bis zu Infektionen wie Lungenentzündung. Nach Meinung der Forscher ist Bettruhe vor allem eine Methode des Hausarztes, seine Autorität durchzusetzen.

Ob Rückenleiden oder Herzinfarkt: immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, daß ein sportliches Aufbauprogramm Nutzen bringt, langes Schlafen aber schadet. Überhaupt haben Ärzte am Schlaf viel zu viel herumtherapiert. Das zeigt ein Vergleich von Behandlungsmethoden gegen Schlaflosigkeit. Psychologen berichteten vor einem Jahr im „Journal of the Medical Association“, daß eine bloße Verhaltensänderung allen Tabletten und Entspannungsritualen um ein Mehrfaches überlegen ist. In der Mehrzahl selbst hartnäckiger Fälle genügt es, einige Wochen lang abends immer zu gleichen Zeit ins Bett zu gehen und morgens zeitig aufzustehen - außerdem tagsüber auf ein Nickerchen zu verzichten - um Ein- und Durchschlafstörungen zu beseitigen.

Eine Untersuchung von Robert Stickgold vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) hat jetzt gezeigt, daß es tatsächlich möglich ist, im Schlaf zu lernen. Wer sich auf eine Prüfung vorbereitet, und in der Nacht nach dem Büffeln ordentlich durchschläft, erinnert sich am nächsten Morgen an 20 Prozent mehr Lernstoff als am Abend zuvor. Lernt man mehrere Tage vor der Prüfung - also nicht erst auf den letzten Drücker - steigt der Merkeffekt noch weiter. Optimal ist ein Lernen drei Tage vorher. Wer noch mehr Tage vor der Prüfung lernt, sollte drei Tage vor dem entscheidenden Datum eine Wiederholung einschieben.


Lesen Sie auch aus früheren Ausgaben:
Gute Nacht und süßen Schlummer! Was die Schlafforschung über erholsame Nachtruhe herausgefunden hat
Schlafstörungen und ihre Ursachen Ermitteln Sie Ihr Schlafprofil!

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