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Ausgabe 04/2001

Funktionelle Lebensmittel
Gesünder als Naturkost - ein Trend mit Zukunft?

Functional food ist ein neuer Modebegriff aus den USA und Japan. Die Ernährungsindustrie will dem wachsenden Gesundheitsbewußtsein Rechnung tragen und bietet Lebensmittel an, die mit gesunden Wirkstoffen der Natur zusätzlich angereichert wurde. Top oder Flop? EGO-Net berichtet.

 
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Das bekannteste funktionelle Lebensmittel ist der LC1-Joghurt der Firma Nestlé. Dieser Joghurt wird mit dem Milchsäurebakterium Lactobacillus acidophilus 1 angereichert. Der Hersteller verspricht positive Auswirkungen auf die Darmflora. Weiter funktionelle Lebensmittel sind Multivitaminsäfte. Sie enthalten größere Dosen an Vitaminen als die eingebrachten Obstsorten von Natur aus mitbringen. Andere aufgepeppte Getränke sind die Energy-Drinks, die meisten Sorten Cornflakes oder Bonbons mit Vitamingehalt.

Der Grundgedanke hinter diesen Produkten lautet: Da wir bekanntlich zu süß, zu fett und zu nährstoffarm essen, wäre es da nicht sinnvoller, die Lebensmittel den Ernährungsgewohnheiten anzupassen, statt zu erwarten, daß wir Konsumenten auf Fleisch und Kuchen verzichten und nur noch Obst und Gemüse essen?

Bei uns ist die Begeisterung für diese Art angereicherter Nahrung noch ziemlich gering. BSE- und Hormonskandale haben ein generelles Mißtrauen gegen alle Arten von Nahrungszusätzen wachgerufen, und das betrifft nicht nur das Tierfutter.

In den USA und Japan dagegen sind funktionelle Lebensmittel aus den Supermärkten gar nicht mehr wegzudenken. Da finden sich Beauty-Drinks, die Kollagene enthalten, mit denen man sich eine Verjüngung der Haut erhofft. Zusätzliche Vitamine finden sich nicht nur in Säften, sondern auch in Fleischklößchen. Wer Fisch nicht mag, braucht keineswegs mehr auf die kreislaufschützenden Omega-3-Fettsäuren zu verzichten. Man kauft einfach ein Brot, dem diese Säuren zugesetzt worden sind.

Dem Verbraucher bietet sich ein verwirrendes Bild. Einige dieser Lebensmittel sind für bestimmte Gruppen von Menschen lebensnotwendig, zum Beispiel speziell aufbereitete Nahrung für Diabetiker oder Allergiker, in der Inhaltsstoffe, die für sie gefährlich sind, durch harmlose ersetzt werden. Bei anderen ist ein Nutzen bisher nicht nachgewiesen, allerdings auch kein Schaden. Das gilt zum Beispiel für den LC1-Joghurt. Der größte Teil der Bakterien erreicht nämlich gar nicht lebend seinen Bestimmungsort. Und selbst wenn diese Hürde genommen wird: Sie müßten diesen Joghurt jeden Tag bis an ihr Lebensende essen, damit der Nutzen tatsächlich eintritt.

Die Industrie bemüht sich mit großem Werbeaufwand den Verbraucher für ihre Produkte zu interessieren. Eine Reihe von ihr erfundener Begriffe hat sich inzwischen im allgemeinen Bewußtsein festgesetzt wie:

probiotisch - damit sind lebende Mikroorganismen wie Bakterien gemeint, die der Nahrung zugesetzt werden;

präbiotisch - das sind Ballaststoffe, die als Nahrung für Mikroorganismen dienen und damit ihre Ansiedlung im Magen-Darm-Trakt fördern;

isotonisch - das bedeutet, in der Flüssigkeit sind genauso viel feste Teilchen gelöst wie im Blut, dadurch soll das Getränk besonders schnell den Magen und Darm passieren und in die Blutbahn übergehen.

Bei den meisten der synthetischen Lebensmittel bestätigt die Wissenschaft zwar den gesundheitlichen Nutzen der zugefügten Wirkstoffe. Aber es ist mehr als fraglich, ob diese Wirkung weiter besteht, wenn der Inhaltsstoff aus der Pflanze oder dem Fleisch isoliert wurde und einem Nahrungsmittel zugesetzt wurde, indem er einen Fremdkörper darstellt. Ein schwerer Schlag für die Industrie war der Nachweis, daß Betakarotin, die pflanzliche Vorstufe des Vitamin A, vor Krebs schützt, wenn es in Form von Möhren gegessen wird, jedoch umgekehrt die Krebssterblichkeit um knapp ein Fünftel erhöht, wenn es als Tablette geschluckt wird.

Egal, ob Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe oder Mineralien und Spurenelemente - ihr Fehlen schadet dem Menschen, eine Überdosierung jedoch auch. In geringen Mengen ist Zink ist nützlich für das Immunsystem, Chrom für den Blutzuckerspiegel, Kalzium für den Knochenbau. Was viele Verbraucher nicht wissen: Diese Spurenelemente werden vom Organismus nur aufgenommen, wenn gleichzeitig bestimmte Enzyme gegessen werden, die die naturbelassene Nahrung automatisch mitliefert. Wo diese Elemente künstlich zugesetzt worden sind, fehlen diese Enzyme.

Kurz, der Grundgedanke, der hinter den funktionellen Lebensmitteln steckt, ist gut, aber die Praxis läßt zu wünschen übrig. Die Forschung ist einfach noch nicht in der Lage, die vollmundigen Versprechen der Industrie zu erfüllen. Unsere Nahrung enthält einige tausend unterschiedliche Substanzen. Wir kennen aber nur die Wirkung von einigen Dutzend wie zum Beispiel den Vitaminen. Sie wirken jedoch nicht allein, sondern im Verbund mit anderen Bestandteilen der Zellen. Welche das sind, ist unbekannt. Die Forscher können bisher nur nachweisen, daß der Nutzen eintritt, wenn der Mensch sie mitsamt ihrer natürlichen Umgebung zu sich nimmt. Das Vitamin E oder die Omega-3-Fettsäuren verlieren ihre Wirkung jedenfalls, wenn man sie isoliert in andere Lebensmittel einfügt.

Es wird also noch eine Weile dauern, bis der Arzt bei Bluthochdruck oder Grippeanfälligkeit nicht den Gang zum Apotheker, sondern den Griff ins Supermarktregal empfiehlt.

Zwei Bücher mit ausführlichen Hintergrundinformationen:

Richard Fuchs: Functional Food - Mdeikamente in Lebensmitteln, Chancen und Risiken. Verlag Gesundheit, Berlin 1999, ISBN 3-333-01051-8, DM 29,90

Marcus Brian: Essen auf Rezept - wie Functional Food unsere Ernährung verändert,.174 Seiten, S. Hirzel-Verlag, Stuttgart, Leipzig 2000, ISBN 3-7776-0977-3, DM 38,00

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