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Freier Wille
Können wir tun, was wir wollen?

Ausgabe März 2002/ 5. Jahrgang

 

Ferienwohnung im Sonnenhaus Rügen

Sind wir fähig, frei zu entscheiden oder befinden wir uns am Gängelband unserer Hirnchemie (bzw. unserer Gene)? Seit Jahrtausenden streiten Philosophen über die richtige Antwort. Jetzt behaupten Hirnforscher, mit Hilfe von Hirnscans diese Frage ein für allemal zu lösen. Wirklich?

 

Können wir durch gute Taten das Himmelreich verdienen? Oder ist ein für allemal vorbestimmt, ob wir verdammt sind oder erlöst werden? Dieser Streit entzweit Katholiken und Protestanten bis heute. Nicht anders sieht es in der Philosophie aus. Für die einen - zum Beispiel materialistische Philosophen der Aufklärungszeit (18. Jahrhundert) - sind alle Ereignisse seit Anbeginn der Zeiten vorherbestimmt und Freiheit ist nur eine Illusion. Andere - zum Beispiel Existentialisten wie Jean-Paul Sartre - meinen, wir haben selbst unter Extrembedingungen (Gefangenschaft, Folter) die freie Wahl der Entscheidung, unser Schicksal anzunehmen oder uns ihm zu widersetzen.

Ein rein akademisches Problem ohne praktische Bedeutung? Keineswegs. Jeder Strafrichter muß diese Frage Tag für Tag neu entscheiden. Ist der Täter, den er zu verurteilen hat, ein Produkt seiner Umstände und konnte deswegen gar nicht anders handeln? Dann trifft ihn trotz allen Leids der Opfer keine Schuld. Oder konnte er wählen, entweder so oder anders zu handeln? Dann trifft ihn die ganze Härte des Gesetzes.

Auch im Alltag spielt die Willensfreiheit in der Beurteilung unserer Mitmenschen eine entscheidende Rolle. Das beweisen Sätze wie:

  • Sie stand unter Streß
  • Bei den Eltern, kein Wunder.
  • Er ist halt noch ein Kind.
  • Sie sucht immer den bequemsten Weg.

Diese Beispiele zeigen unsere Überzeugung, daß die Willensfreiheit durch verschiedene Umstände eingeschränkt wird. In unseren Beispielen durch

  • die Situation,
  • die Erziehung,
  • mangelndes Wissen und Unreife
  • charakterliche Prägung.

Andererseits wissen wir aus eigenem Erleben, daß wir tagtäglich eigenverantwortlich entscheiden: Ziehe ich das rote Kleid an oder das grüne, räche ich mich für eine Beleidigung oder gehe ich schweigend darüber hinweg, nehme ich die Einladung des attraktiven Fremden an oder lasse ich ihn abblitzen? Gäbe es den freien Willen nicht: Was unterschiede uns dann noch vom instinktgetriebenen Tier?

Seit kurzem suchen Mediziner nach der Quelle der Willenskraft im Gehirn. Der Neurobiologe Gerhardt Roth kommt zu dem Schluß „Der freie Wille ist nur eine nützliche Illusion.“ Der Grund? Der amerikanische Physiologe Benjamin Libet bat Versuchspersonen, spontan einen Entschluß zu fassen - zum Beispiel einen Finger oder die ganze Hand zu bewegen. Den Moment der Entscheidung sollten sie durch Tastendruck mit einer Uhr festhalten. Zugleich wurde die Hirnaktivität gemessen. Der bewußte Entschluß trat wie erwartet zwei Zehntelsekunden vor der Tat auf. Überraschend war jedoch, daß noch einmal drei Zehntelsekunden früher das Gehirn bereits ein Bereitschaftspotential aufbaute.

Das bedeutet: das Gehirn traf den Entschluß, bevor das Bewußtsein davon etwas ahnte. Als die Versuchsperson sich entschloß, war im Gehirn die Weichen längst gestellt. Entscheidet also nicht das Ich, sondern ein Automat in unserem Kopf?

Zum Glück nicht. Der Zeitunterschied von 0,3 Sekunden bedeutet nicht, daß die Gehirnaktivität die Ursache und das bewußte Erleben die Wirkung ist. Viel wahrscheinlicher ist, daß beides dasselbe ist und wir den Entschluß lediglich mit einer Zeitverzögerung registrieren. Meßbar sind nur die elektrischen Impulse. Der Wille gehört dagegen allein dem subjektiven Erleben des Einzelnen an. Hirnforscher können registrieren, daß beide parallel laufen. Aber sie sind nicht in der Lage, das eine in das andere zu übersetzen.

Der freie Wille beinhaltet zudem nicht nur den Entschluß, das eine zu tun und etwas anderes zu lassen. Entscheidungen werden ja aufgrund von Wahrnehmungen, Erinnerungen und Gefühlen getroffen. Welche Information wir berücksichtigen und wie wir sie bewerten - das ist ebenfalls eine Willensentscheidung. Selbst wenn wir einmal annehmen, daß allein das Gehirn entscheidet: es reagiert nicht wie eine Maschine auf äußere Reize. Es wählt gezielt Daten aus, berücksichtigt die einen und ignoriert die anderen - kurz, es zeigt Initiative.

Früher hoffte man, irgendwo in den Windungen des Gehirns eine zentrale Instanz zu finden, die unserem bewußten Ich entspricht. Heute gilt als sicher, daß es eine solche Stelle nicht gibt. Das Hirn arbeitet dezentralisiert. Bewußtsein entsteht aus dem Zusammenspiel aller Regionen. Wenn wir es nicht wüßten durch unser eigenes inneres Erleben - der Mediziner könnte aus den Bildern des Computertomographen nicht erkennen, daß das elektrische Feuern der Nervenzellen vom Besitzer des Gehirns als Bewußtsein erlebt wird.

Dies könnte sich aber ändern, sobald es gelingt, die Hirnstruktur im Computermodell nachzubauen und auf der Ebene der Software zu registrieren, was die Maschine denkt oder fühlt. Experten der künstlichen Intelligenz sind sich sicher, daß ihnen dies in nicht allzu ferner Zukunft gelingen wird. Dann könnte man tatsächlich durch Vergleich des Computers mit dem natürlichen Gehirn herausfinden, was ein Mensch empfindet, wenn in seinem Kopf bestimmte Nervenbahnen arbeiten.

Bis es soweit ist, wird der freie Wille uns noch so manche Überraschung bereiten.

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