Können wir durch gute
Taten das Himmelreich verdienen? Oder ist ein für allemal
vorbestimmt, ob wir verdammt sind oder erlöst werden?
Dieser Streit entzweit Katholiken und Protestanten bis heute.
Nicht anders sieht es in der Philosophie aus. Für die
einen - zum Beispiel materialistische Philosophen der Aufklärungszeit
(18. Jahrhundert) - sind alle Ereignisse seit Anbeginn der
Zeiten vorherbestimmt und Freiheit ist nur eine Illusion.
Andere - zum Beispiel Existentialisten wie Jean-Paul Sartre
- meinen, wir haben selbst unter Extrembedingungen (Gefangenschaft,
Folter) die freie Wahl der Entscheidung, unser Schicksal
anzunehmen oder uns ihm zu widersetzen.
Ein rein akademisches Problem ohne praktische Bedeutung?
Keineswegs. Jeder Strafrichter muß diese Frage Tag
für Tag neu entscheiden. Ist der Täter, den er
zu verurteilen hat, ein Produkt seiner Umstände und
konnte deswegen gar nicht anders handeln? Dann trifft ihn
trotz allen Leids der Opfer keine Schuld. Oder konnte er
wählen, entweder so oder anders zu handeln? Dann trifft
ihn die ganze Härte des Gesetzes.
Auch im Alltag spielt die Willensfreiheit in der Beurteilung
unserer Mitmenschen eine entscheidende Rolle. Das beweisen
Sätze wie:
Andererseits wissen wir aus eigenem Erleben, daß
wir tagtäglich eigenverantwortlich entscheiden: Ziehe
ich das rote Kleid an oder das grüne, räche ich
mich für eine Beleidigung oder gehe ich schweigend
darüber hinweg, nehme ich die Einladung des attraktiven
Fremden an oder lasse ich ihn abblitzen? Gäbe es den
freien Willen nicht: Was unterschiede uns dann noch vom
instinktgetriebenen Tier?
Seit kurzem suchen Mediziner nach der Quelle der Willenskraft
im Gehirn. Der Neurobiologe Gerhardt Roth kommt zu dem Schluß
Der freie Wille ist nur eine nützliche Illusion.
Der Grund? Der amerikanische Physiologe Benjamin Libet bat
Versuchspersonen, spontan einen Entschluß zu fassen
- zum Beispiel einen Finger oder die ganze Hand zu bewegen.
Den Moment der Entscheidung sollten sie durch Tastendruck
mit einer Uhr festhalten. Zugleich wurde die Hirnaktivität
gemessen. Der bewußte Entschluß trat wie erwartet
zwei Zehntelsekunden vor der Tat auf. Überraschend
war jedoch, daß noch einmal drei Zehntelsekunden früher
das Gehirn bereits ein Bereitschaftspotential aufbaute.
Das bedeutet: das Gehirn traf den Entschluß, bevor
das Bewußtsein davon etwas ahnte. Als die Versuchsperson
sich entschloß, war im Gehirn die Weichen längst
gestellt. Entscheidet also nicht das Ich, sondern ein Automat
in unserem Kopf?
Zum Glück nicht. Der Zeitunterschied von 0,3 Sekunden
bedeutet nicht, daß die Gehirnaktivität die Ursache
und das bewußte Erleben die Wirkung ist. Viel wahrscheinlicher
ist, daß beides dasselbe ist und wir den Entschluß
lediglich mit einer Zeitverzögerung registrieren. Meßbar
sind nur die elektrischen Impulse. Der Wille gehört
dagegen allein dem subjektiven Erleben des Einzelnen an.
Hirnforscher können registrieren, daß beide parallel
laufen. Aber sie sind nicht in der Lage, das eine in das
andere zu übersetzen.
Der freie Wille beinhaltet zudem nicht nur den Entschluß,
das eine zu tun und etwas anderes zu lassen. Entscheidungen
werden ja aufgrund von Wahrnehmungen, Erinnerungen und Gefühlen
getroffen. Welche Information wir berücksichtigen und
wie wir sie bewerten - das ist ebenfalls eine Willensentscheidung.
Selbst wenn wir einmal annehmen, daß allein das Gehirn
entscheidet: es reagiert nicht wie eine Maschine auf äußere
Reize. Es wählt gezielt Daten aus, berücksichtigt
die einen und ignoriert die anderen - kurz, es zeigt Initiative.
Früher hoffte man, irgendwo in den Windungen des Gehirns
eine zentrale Instanz zu finden, die unserem bewußten
Ich entspricht. Heute gilt als sicher, daß es eine
solche Stelle nicht gibt. Das Hirn arbeitet dezentralisiert.
Bewußtsein entsteht aus dem Zusammenspiel aller Regionen.
Wenn wir es nicht wüßten durch unser eigenes
inneres Erleben - der Mediziner könnte aus den Bildern
des Computertomographen nicht erkennen, daß das elektrische
Feuern der Nervenzellen vom Besitzer des Gehirns als Bewußtsein
erlebt wird.
Dies könnte sich aber ändern, sobald es gelingt,
die Hirnstruktur im Computermodell nachzubauen und auf der
Ebene der Software zu registrieren, was die Maschine denkt
oder fühlt. Experten der künstlichen Intelligenz
sind sich sicher, daß ihnen dies in nicht allzu ferner
Zukunft gelingen wird. Dann könnte man tatsächlich
durch Vergleich des Computers mit dem natürlichen Gehirn
herausfinden, was ein Mensch empfindet, wenn in seinem Kopf
bestimmte Nervenbahnen arbeiten.
Bis es soweit ist, wird der freie Wille uns noch so manche
Überraschung bereiten.
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