Behalten Sie ein fröhliches
Lächeln auf den Lippen, wenn Sie in einem endlosen
Stau stecken? Bleiben Sie cool, wenn Ihnen der jüngste
Sprößlings Ihres Besuchs ein Kaugummi auf Ihr
neues Designerkleid pappt? Und deren Vater durch heftiges
Gestikulieren Ihnen Ihre Kaffeetasse in Ihren Schoß
kippt? Kann Sie auch eine Serie von Mißgeschicken
nicht aus der Ruhe bringen? Glückwunsch! Aber wozu
lesen Sie dann diesen Artikel?
Doch wahrscheinlich gehören Sie wie wir Autoren zu
der übergroßen Mehrheit, deren Geduld Grenzen
hat. In der Theorie wissen wir alle, daß Gemütsruhe
ein lobenswerter Charakterzug ist. Wer gelassen reagiert
In der Praxis freilich handeln wir gegen die bessere Einsicht:
Wir beißen uns auf die Lippen, schauen dauernd auf
die Uhr und fluchen vor uns hin, wenn der Abflug unserer
Maschine schon zum dritten Mal um eine weitere halbe Stunde
verschoben wird.
Wir nehmen den Ärger aus dem Büro mit nach Hause
und brüllen aus heiterem Himmel unser Kind an, weil
es die Nase hochzieht statt zum Taschentuch zu greifen.
Mit einem Menschen, der uns betrogen und/oder schnöde
verlassen hat, führen wir in Gedanken stundenlange
Auseinandersetzungen.
Die Begabung zur Gelassenheit ist leider sehr unterschiedlich
verteilt. Manche Menschen kann von Natur aus kaum etwas
aus der Ruhe bringen. Sie besitzen ein ruhiges Temperament,
das allerdings oft Gleichgültigkeit und Trägheit
mit sich bringt. Agilen, ehrgeizigen und engagierten Leuten
fällt Gelassenheit schwer. Sie lassen sich von Hindernissen
auf ihrem Weg leicht aus der Ruhe bringen.
Wäre es nicht schön, wenn man eine aktive Lebenshaltung
mit innerer Ruhe verbinden könnte? Einige Lebenskünstler
beherrschen diesen Balanceakt. Nicht umsonst sagt eine Redensart:
Üben wir uns in Gelassenheit. In der Tat
- Geduld und Abgeklärtheit lassen sich einüben.
Langsam ausatmen. Wenn sich in unserem Innern Hektik und
Ärger ausbreiten, beschleunigen sich Atem und Puls.
Wir fangen an, schnell und flach zu atmen. Es gilt aber
auch das Umgekehrte. Wenn wir langsamer atmen, verlangsamt
sich auch der Puls - zwischen Atem und Puls stellt sich
immer wieder ein Verhältnis von etwa 1 zu 4 ein - und
die Anspannung lockert sich. Der Trick dabei: Auf das Ausatmen
achten. Tiefes Einatmen interpretiert Ihr Unterbewußtsein
als Luftholen, um mit dem Ärger herauszuplatzen. Bei
langsamem Ausatmen hingegen verliert der Ärger an Umfang
- ähnlich einem aufgeblasenen Luftballon, der plötzlich
geöffnet wird. Also beim nächsten Stress zwanzig
Sekunden lang in einem Zug Luft ablassen.
Innerer Abstand. Bei Ärger neigen wir dazu, unser
Blickfeld zu verengen. Wir lassen uns von der Situation
vereinnahmen. Das Problem erscheint uns riesig. Versuchen
Sie, innerlich einen Schritt zurückzutreten. Stellen
Sie sich beispielsweise vor, Sie würden sich selbst
als Zuschauer auf einer Theaterbühne beobachten. Würden
Sie Ihren Streit mit dem Chef oder dem Partner dann immer
noch so ernst nehmen? Oder der Stau, in dem Sie gerade stecken.
Wenn Sie beim nächsten Weihnachtsfest davon erzählen
- ist er dann noch mehr als eine unbedeutende Episode?
Paniktest. Fragen Sie sich: Was kann schlimmstenfalls passieren?
Wenn Sie im Stau übernachten müßten, Ihr
Chef Ihnen fristlos kündigt, Sie zu spät zum gemeinsamen
Theaterabend kommen und erst in der Pause eingelassen werden
- das wäre ärgerlich, aber bräche deshalb
die Welt zusammen? Malen Sie sich aus, wie Sie diese Maximalkatastrophen
managen würden. Dagegen ist doch Ihr tatsächlicher
Ärger eher eine Bagatelle, oder?
Betroffenheitsfrage. Betrachten Sie das Problem, das Ihnen
die Ruhe raubt, unter dem Aspekt der Veränderbarkeit.
Können Sie es ändern oder nicht? Den unmöglichen
Charakter eines Kollegen, der Ihnen auf die Nerven geht,
werden sie nicht mehr ändern - Sie haben lediglich
die Chance, ihn in seine Schranken zu verweisen oder auf
Abstand zu halten. An dem Stau, in dem Sie stecken, können
Sie nichts ändern - Sie haben jedoch die Freiheit,
diese Zeit so angenehm wie möglich zu nützen.
Nehmen Sie ein spannendes Buch mit, damit Sie gerüstet
sind, wenn das nächste Mal der Verkehr zusammenbricht.
Ärger entsteht aus Ohnmachtsgefühlen. Wenn Sie
sich auf die Dinge konzentrieren, die Sie beeinflussen können,
kehrt die Gelassenheit zurück.
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