EGO-NET.de
Ausgabe 03/2001
Stopf es 'rein, würg' es 'raus
Die Eßstörung Bulimie

Riesenmengen an Nahrungsmitteln in sich hineinfuttern, ohne ein Ende zu finden, um sie anschließend wieder zu erbrechen - für Außenstehende Irrsinn, für Betroffene ein unendlicher Leidensweg. EGO-Net berichtet.

 
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Die Eßstörung Bulimie

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Ich erinnere mich genau: Auf einer Institutsfeier Anfang der achtziger Jahre erzählte eine junge Frau, sie könne von den Leckerbissen des kalten Büfetts soviel essen, wie sie wolle, ohne dick zu werden - schlimmstenfalls gehe sie später auf die Toilette, stecke sich den Finger in den Hals und würge alles ins Becken. Ich überlegte damals: Erzählte sie uns ein Märchen, um sich interessant zu machen? Weder ich noch die junge Frau noch irgendein anderer der schockierten Zuhörer hatte je etwas von der Suchtkrankheit Bulimie gehört. Erst in den Folgejahren nahm sie alarmierende Ausmaße aus. Sie liefert ein typisches Zeichen dafür, daß unsere Gesellschaft vom Kampf gegen Hunger auf Kampf gegen die Folgen des Überflusses umschwenkte.

Magersüchtigen sieht man ihre Krankheit auf den ersten Blick an, Bulimikern nicht. Unter ihnen sind (hauptsächlich) Frauen jeder Kleidergröße, denn in der Gesamtkalorienbilanz unterscheiden sie sich nicht von der übrigen Bevölkerung. Ihr Leid spielt sich meist hinter verschlossenen Türen und unbemerkt von der Umwelt ab. Wer schon einmal eine Diät gemacht hat, weiß aus eigener Erfahrung, daß der Körper bei Nahrungsentzug mit verstärktem Appetit reagiert, der uns das Wasser im Munde zusammenlaufen läßt. Der Grund ist der gesunkene Insulinspiegel infolge des geringeren Blutzuckers nach längerem Nahrungsentzug. Er schickt ein Signal ans Gehirn, das wir als Hungergefühl und übermächtigen Appetit spüren. Durch diesen seelischen Mechanismus versucht der Körper sich das gewohnte Maß an Lebensmitteln zu verschaffen. Experten empfehlen deshalb, auch bei Diäten fünf (kleine) Mahlzeiten einzunehmen, weil Hungerzeiten Freßattacken auslösen.

Der erste Bissen nach längerem Hungern wirkt verhängnisvoll. Plötzlich steigt der Blutzuckerspiegel an, aber das Insulin, das mit einer appetitsenkenden Meldung an das Gehirn reagieren müßte, befindet sich noch auf einem Minimum. Es dauert zwanzig bis dreißig Minuten, ehe die Bauchspeicheldrüse den Mangel ausgeglichen hat. Bis dahin stopft der/die Hungernde alles Eßbare unkontrolliert in sich hinein - je kalorienreicher, desto größer der Genuß.

Wer einer Heißhungerattacke nachgegeben und riesige Mengen Essen in sich hineingestopft hat, kommt leicht auf die Idee, den einmaligen Ausrutscher dadurch zu reparieren, daß er die Nahrung wieder erbricht, bevor der Magen und Darm ihr die Kalorien entzogen hat. Das hat allerdings zur Folge, daß der Körper um das von ihm erwartete Resultat seines Heißhungeranfalls betrogen wird. Kein Wunder, daß sich bald wieder ein unbezwinglicher Appetit auf Kuchen, Pasteten und andere Leckereien einstellt. Wieder wird gefuttert und erbrochen. Auf diese Weise gerät das normale Gleichgewicht von Kalorienaufnahme und -verbrauch aus dem Takt.

Es geht zu wie bei jeder Sucht. Anfangs fällt das Erbrechen leicht und dauert nur kurz. Der unangenehme Augenblick wird aufgewogen durch die Chance, sich Eßgenuß zu verschaffen, ohne Kalorien zählen zu müssen. Aber das bleibt nicht so. Mit den Wochen fällt das Erbrechen immer schwerer. Der Körper beginnt sich an die zugeführten Kalorien zu klammern und verweigert ihren Diebstahl. Zugleich muß bei jedem neuen Freßanfall immer mehr in sich hineingestopft werden. Kein Wunder: der Körper registriert, daß die letzte umfangreiche Mahlzeit ihm null Kalorien einbrachte. Also "plant" er beim nächsten Mal eine noch größere Mahlzeit ein, um endlich auf eine positive Kalorienbilanz zu kommen.

Für Außenstehende ist es einfach unglaublich, was Bulimiker mit einem Mal verdrücken können. Sie leeren vollgefüllte Kühlschränke und machen sich anschließend über Vorräte in Schränken und Regalen her. Viele von ihnen kennen die Gefahr und legen keine Vorräte an - mit dem Ergebnis, daß sie nachts zur nächsten Tankstelle stürmen und dort wahllos und teuer einkaufen. Es werden sogar Fälle berichtet, wo Süchtige bei einem Anfall Mülltonnen leeren oder beim Diebstahl in der Kaufhalle erwischt worden sind. Es geht ihnen wie Alkoholikern, die ihren Stoff einerseits von sich fern halten möchten, aber andererseits fürchten, wenn "es" soweit ist, nichts im Haus zu haben.

Anfangs treten die Attacken nur alle paar Wochen auf. Später täglich oder sogar mehrmals am Tag. Das Erbrechen schaffte am Anfang schnelle Erleichterung. Jetzt dauert es Stunden. Selbst pharmazeutische Brechmittel verlieren mit der Zeit ihre Wirkung.

Viele glauben, daß Bulimie das geringere Übel sei - immerhin könne man dabei nicht verhungern wie bei der Magersucht. Es stimmt zwar, daß diese Krankheit nicht unmittelbar zum Tode führt. Aber ihre körperlichen Folgen sind dennoch gravierend. Das ständige Erbrechen führt Magensäure in den Mundraum. Sie verätzt die Zähne und die Schleimhäute. Langjährige Bulimiker sind oft an wunden Mundwinkeln, schlechten Zähnen, aufgedunsenem Gesicht und rotunterlaufenen Augen zu erkennen. Weitere Folgen: ein nervöser Magen mit häufigen Magenschmerzen, Reizbarkeit und Kreislaufstörungen.

Gravierender sind aber die seelischen Probleme. Erstes Anzeichen der Sucht ist die Tatsache, daß alle Gedanken nur noch ums Essen kreisen. Fette und süße Speisen werden einerseits gefürchtet, andererseits heimlich begehrt. Im Innern findet ein ständiger, auf Dauer zermürbender Kampf zwischen vernunftmäßiger Ablehnung und gefühlsmäßigem Begehren statt. Manchmal scheint am Anfang der Kampf gegen die heimlichen Eßbegierden gewonnen, wenn einige Wochen lang keine neue Eß- und Brechattacke auftritt. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Körper sich gegen den Versuch, schlanker zu werden, wieder wehrt. Bulimiepatienten haben den Kampf gegen die Eßlust Dutzende Male verloren und begreifen irgendwann, daß sie ihn immer wieder von neuem verlieren werden. Das erzeugt Selbsthaß und Depressionen. Das Selbstwertgefühl sinkt auf Null.

Bulimie wird durch eine ähnliche Konstellation ausgelöst wie Magersucht. Das übertriebene Schlankheitsideal der Medien trifft auf ein geringes Selbstbewußtsein, daß sich über Äußerlichkeiten aufwertet. Wer in der Kindheit gelernt hat, daß "man" - egal, wie einem zumute ist - immer eine tadellose Fassade nach außen präsentieren muß, ist besonders anfällig. Sich gehen lassen, ist schrecklich, aber noch schrecklicher, die Folgen nicht in den Griff zu bekommen. Dann steigt Ekel auf, Ekel vor sich selbst. Dieser Ekel führt zum Erbrechen. Es ist nicht nur eine Form der Reinigung, sondern auch der Selbstbestrafung für die nichtbeherrschten Begierden.

Hinter der Bulimie steht der Konflikt zwischen zwei unvereinbaren Normen. Wir essen ja längst nicht mehr, wenn wir Hunger haben, sondern weil die Zeit für die nächsten Mahlzeit herangekommen ist. Das haben wir von den Eltern gelernt. Wir wissen, der Teller muß leer gegessen werden. Nur dann werden wir geliebt und sind die Eltern freundlich gestimmt. Andererseits erfahren wir aber, daß Schlanksein beliebt macht. Um so schlank zu sein, wie es die Gesellschaft als Ideal vorgibt, müßten wir uns aber den von den Eltern servierten Mahlzeiten widersetzen. Für die meisten heranwachsenden Mädchen ist dies ein ständiger Konflikt ihrer Kindheit.

Magersüchtige erfüllen übereifrig das soziale Schlankheitsideal und widersetzen sich dem Verlangen der Eltern, ordentlich zu essen. Bulimiker versuchen beide Normen - die der Eltern und die der Gesellschaft - zugleich zu erfüllen. Eine kleine Gruppe ursprünglich Magersüchtiger verfällt später der Bulimie: sie ertragen es nicht, wieder dicker zu werden und befreien sich durch Erbrechen von den Nahrungsmitteln, die sie im Rahmen ihrer Heilung wieder anfangen, zu sich zu nehmen.

Bulimie ist eine echte Sucht. Der Kreislauf von Hungern - Freßattacke - Erbrechen und neuem Hungern verändert Hormonstoffwechsel. Es kommt zu Entzugserscheinungen, wenn die Droge Nahrung nicht zugeführt wird. Durch Erbrechen geht Magensaft verloren, und mit ihm nicht nur Säure, sondern auch verschiedene Mineralstoffe, die vor allem für die Funktion der Nerven wichtig sind. Müdigkeit, Reizbarkeit, Nervosität und Leistungsabfall sind die Folgen. Durch den Säureverlust erhöht sich der pH-Wert im Körper. Beides zusammen stört die Funktion von Muskulatur und Kreislauf. Das EKG wird unregelmäßig, sogar Herzstillstand kann eintreten. Der Freßanfall wiederum überdehnt die Magenwände, einzelne Fälle von geplatzten Magenwänden sind bekannt. Todesfälle bei Bulimie treten fast ausschließlich durch Selbstmord auf, wenn Kranke die Hoffnung auf Heilung aufgegeben haben.

Wenn Bulimiekranke sich in Behandlung begeben, erwarten sie meist eine Diätempfehlung, also ein System von Mahlzeiten, daß sie vor Freßattacken schützt und ihnen gleichzeitig erlaubt, abzunehmen. Eine Forderung, die nicht zu erfüllen ist. Solange die Sucht nicht geheilt ist, darf keine Diät mit dem Ziel, weiter abzunehmen, durchgeführt werden. Der Kreislauf von Hungern und Essen-Hinein-Schlingen muß zuerst durchbrochen werden. Dabei gilt der erste Kampf nicht den Freßattacken, sondern dem Erbrechen. Wird dem Körper die Nahrung nicht mehr entzogen, gehen auch die Freßattacken zurück. Die Betroffenen kann sich vor zu hoher Kalorienzufuhr schützen, indem ein normales Maß an Vorräten eingekauft wird, das für eine reichliche, aber nicht übermäßige Mahlzeit reicht. In der Zeit der Umstellung werden leichte Entzugserscheinungen und auch möglicherweise auch eine Gewichtszunahme auftreten. Damit die Therapie Erfolg hat, muß über die emotionalen Gründe für die Furcht vor dem Essen und dem Gewicht gesprochen werden. Erst wenn der Bulimiekreislauf dauerhaft außer Funktion gesetzt wurde, kann eine vernünftige Vollwertdiät realisiert werden.

Mehr über Bulimie lesen Sie in zwei anderen Ego-net.de Artikel und zwar in der letzten Ausgabe oder unserer 8. Ausgabe

Literatur:

Dr. Frank Naumann: Erste Hilfe für die Seele
Beistand in Notsituationen, Lebenskrisen und Konflikten
Verlag Gesundheit, Berlin 1996, ISBN: 3333007592, DM 29,90 
Zu bestellen hier

Prof. Dr. med. Gisela Ehle: Ich finde nicht mein Maß. Magersüchtig, eßsüchtig, eßbrechsüchtig? Verlag Gesundheit Berlin (MEDICUS-Reihe), DM 19,80.

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