Ich erinnere mich genau: Auf
einer Institutsfeier Anfang der achtziger Jahre erzählte eine junge
Frau, sie könne von den Leckerbissen des kalten Büfetts soviel
essen, wie sie wolle, ohne dick zu werden - schlimmstenfalls gehe sie
später auf die Toilette, stecke sich den Finger in den Hals und würge
alles ins Becken. Ich überlegte damals: Erzählte sie uns ein
Märchen, um sich interessant zu machen? Weder ich noch die junge
Frau noch irgendein anderer der schockierten Zuhörer hatte je etwas
von der Suchtkrankheit Bulimie gehört. Erst in den Folgejahren nahm
sie alarmierende Ausmaße aus. Sie liefert ein typisches Zeichen
dafür, daß unsere Gesellschaft vom Kampf gegen Hunger auf Kampf
gegen die Folgen des Überflusses umschwenkte.
Magersüchtigen sieht man ihre Krankheit auf den ersten Blick an,
Bulimikern nicht. Unter ihnen sind (hauptsächlich) Frauen jeder
Kleidergröße, denn in der Gesamtkalorienbilanz unterscheiden
sie sich nicht von der übrigen Bevölkerung. Ihr Leid spielt
sich meist hinter verschlossenen Türen und unbemerkt von der Umwelt
ab. Wer schon einmal eine Diät gemacht hat, weiß aus eigener
Erfahrung, daß der Körper bei Nahrungsentzug mit verstärktem
Appetit reagiert, der uns das Wasser im Munde zusammenlaufen läßt.
Der Grund ist der gesunkene Insulinspiegel infolge des geringeren Blutzuckers
nach längerem Nahrungsentzug. Er schickt ein Signal ans Gehirn,
das wir als Hungergefühl und übermächtigen Appetit spüren.
Durch diesen seelischen Mechanismus versucht der Körper sich das
gewohnte Maß an Lebensmitteln zu verschaffen. Experten empfehlen
deshalb, auch bei Diäten fünf (kleine) Mahlzeiten einzunehmen,
weil Hungerzeiten Freßattacken auslösen.
Der erste Bissen nach längerem Hungern wirkt verhängnisvoll.
Plötzlich steigt der Blutzuckerspiegel an, aber das Insulin, das
mit einer appetitsenkenden Meldung an das Gehirn reagieren müßte,
befindet sich noch auf einem Minimum. Es dauert zwanzig bis dreißig
Minuten, ehe die Bauchspeicheldrüse den Mangel ausgeglichen hat.
Bis dahin stopft der/die Hungernde alles Eßbare unkontrolliert
in sich hinein - je kalorienreicher, desto größer der Genuß.
Wer einer Heißhungerattacke nachgegeben und riesige Mengen Essen
in sich hineingestopft hat, kommt leicht auf die Idee, den einmaligen
Ausrutscher dadurch zu reparieren, daß er die Nahrung wieder erbricht,
bevor der Magen und Darm ihr die Kalorien entzogen hat. Das hat allerdings
zur Folge, daß der Körper um das von ihm erwartete Resultat
seines Heißhungeranfalls betrogen wird. Kein Wunder, daß
sich bald wieder ein unbezwinglicher Appetit auf Kuchen, Pasteten und
andere Leckereien einstellt. Wieder wird gefuttert und erbrochen. Auf
diese Weise gerät das normale Gleichgewicht von Kalorienaufnahme
und -verbrauch aus dem Takt.
Es geht zu wie bei jeder Sucht. Anfangs fällt das Erbrechen leicht
und dauert nur kurz. Der unangenehme Augenblick wird aufgewogen durch
die Chance, sich Eßgenuß zu verschaffen, ohne Kalorien zählen
zu müssen. Aber das bleibt nicht so. Mit den Wochen fällt
das Erbrechen immer schwerer. Der Körper beginnt sich an die zugeführten
Kalorien zu klammern und verweigert ihren Diebstahl. Zugleich muß
bei jedem neuen Freßanfall immer mehr in sich hineingestopft werden.
Kein Wunder: der Körper registriert, daß die letzte umfangreiche
Mahlzeit ihm null Kalorien einbrachte. Also "plant" er beim
nächsten Mal eine noch größere Mahlzeit ein, um endlich
auf eine positive Kalorienbilanz zu kommen.
Für Außenstehende ist es einfach unglaublich, was Bulimiker
mit einem Mal verdrücken können. Sie leeren vollgefüllte
Kühlschränke und machen sich anschließend über
Vorräte in Schränken und Regalen her. Viele von ihnen kennen
die Gefahr und legen keine Vorräte an - mit dem Ergebnis, daß
sie nachts zur nächsten Tankstelle stürmen und dort wahllos
und teuer einkaufen. Es werden sogar Fälle berichtet, wo Süchtige
bei einem Anfall Mülltonnen leeren oder beim Diebstahl in der Kaufhalle
erwischt worden sind. Es geht ihnen wie Alkoholikern, die ihren Stoff
einerseits von sich fern halten möchten, aber andererseits fürchten,
wenn "es" soweit ist, nichts im Haus zu haben.
Anfangs treten die Attacken nur alle paar Wochen auf. Später täglich
oder sogar mehrmals am Tag. Das Erbrechen schaffte am Anfang schnelle
Erleichterung. Jetzt dauert es Stunden. Selbst pharmazeutische Brechmittel
verlieren mit der Zeit ihre Wirkung.
Viele glauben, daß Bulimie das geringere Übel sei - immerhin
könne man dabei nicht verhungern wie bei der Magersucht. Es stimmt
zwar, daß diese Krankheit nicht unmittelbar zum Tode führt.
Aber ihre körperlichen Folgen sind dennoch gravierend. Das ständige
Erbrechen führt Magensäure in den Mundraum. Sie verätzt
die Zähne und die Schleimhäute. Langjährige Bulimiker
sind oft an wunden Mundwinkeln, schlechten Zähnen, aufgedunsenem
Gesicht und rotunterlaufenen Augen zu erkennen. Weitere Folgen: ein
nervöser Magen mit häufigen Magenschmerzen, Reizbarkeit und
Kreislaufstörungen.
Gravierender sind aber die seelischen Probleme. Erstes Anzeichen der
Sucht ist die Tatsache, daß alle Gedanken nur noch ums Essen kreisen.
Fette und süße Speisen werden einerseits gefürchtet,
andererseits heimlich begehrt. Im Innern findet ein ständiger,
auf Dauer zermürbender Kampf zwischen vernunftmäßiger
Ablehnung und gefühlsmäßigem Begehren statt. Manchmal
scheint am Anfang der Kampf gegen die heimlichen Eßbegierden gewonnen,
wenn einige Wochen lang keine neue Eß- und Brechattacke auftritt.
Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Körper sich gegen
den Versuch, schlanker zu werden, wieder wehrt. Bulimiepatienten haben
den Kampf gegen die Eßlust Dutzende Male verloren und begreifen
irgendwann, daß sie ihn immer wieder von neuem verlieren werden.
Das erzeugt Selbsthaß und Depressionen. Das Selbstwertgefühl
sinkt auf Null.
Bulimie wird durch eine ähnliche Konstellation ausgelöst
wie Magersucht. Das übertriebene Schlankheitsideal der Medien trifft
auf ein geringes Selbstbewußtsein, daß sich über Äußerlichkeiten
aufwertet. Wer in der Kindheit gelernt hat, daß "man"
- egal, wie einem zumute ist - immer eine tadellose Fassade nach außen
präsentieren muß, ist besonders anfällig. Sich gehen
lassen, ist schrecklich, aber noch schrecklicher, die Folgen nicht in
den Griff zu bekommen. Dann steigt Ekel auf, Ekel vor sich selbst. Dieser
Ekel führt zum Erbrechen. Es ist nicht nur eine Form der Reinigung,
sondern auch der Selbstbestrafung für die nichtbeherrschten Begierden.
Hinter der Bulimie steht der Konflikt zwischen zwei unvereinbaren Normen.
Wir essen ja längst nicht mehr, wenn wir Hunger haben, sondern
weil die Zeit für die nächsten Mahlzeit herangekommen ist.
Das haben wir von den Eltern gelernt. Wir wissen, der Teller muß
leer gegessen werden. Nur dann werden wir geliebt und sind die Eltern
freundlich gestimmt. Andererseits erfahren wir aber, daß Schlanksein
beliebt macht. Um so schlank zu sein, wie es die Gesellschaft als Ideal
vorgibt, müßten wir uns aber den von den Eltern servierten
Mahlzeiten widersetzen. Für die meisten heranwachsenden Mädchen
ist dies ein ständiger Konflikt ihrer Kindheit.
Magersüchtige erfüllen übereifrig das soziale Schlankheitsideal
und widersetzen sich dem Verlangen der Eltern, ordentlich zu essen.
Bulimiker versuchen beide Normen - die der Eltern und die der Gesellschaft
- zugleich zu erfüllen. Eine kleine Gruppe ursprünglich Magersüchtiger
verfällt später der Bulimie: sie ertragen es nicht, wieder
dicker zu werden und befreien sich durch Erbrechen von den Nahrungsmitteln,
die sie im Rahmen ihrer Heilung wieder anfangen, zu sich zu nehmen.
Bulimie ist eine echte Sucht. Der Kreislauf von Hungern - Freßattacke
- Erbrechen und neuem Hungern verändert Hormonstoffwechsel. Es
kommt zu Entzugserscheinungen, wenn die Droge Nahrung nicht zugeführt
wird. Durch Erbrechen geht Magensaft verloren, und mit ihm nicht nur
Säure, sondern auch verschiedene Mineralstoffe, die vor allem für
die Funktion der Nerven wichtig sind. Müdigkeit, Reizbarkeit, Nervosität
und Leistungsabfall sind die Folgen. Durch den Säureverlust erhöht
sich der pH-Wert im Körper. Beides zusammen stört die Funktion
von Muskulatur und Kreislauf. Das EKG wird unregelmäßig,
sogar Herzstillstand kann eintreten. Der Freßanfall wiederum überdehnt
die Magenwände, einzelne Fälle von geplatzten Magenwänden
sind bekannt. Todesfälle bei Bulimie treten fast ausschließlich
durch Selbstmord auf, wenn Kranke die Hoffnung auf Heilung aufgegeben
haben.
Wenn Bulimiekranke sich in Behandlung begeben, erwarten sie meist eine
Diätempfehlung, also ein System von Mahlzeiten, daß sie vor
Freßattacken schützt und ihnen gleichzeitig erlaubt, abzunehmen.
Eine Forderung, die nicht zu erfüllen ist. Solange die Sucht nicht
geheilt ist, darf keine Diät mit dem Ziel, weiter abzunehmen, durchgeführt
werden. Der Kreislauf von Hungern und Essen-Hinein-Schlingen muß
zuerst durchbrochen werden. Dabei gilt der erste Kampf nicht den Freßattacken,
sondern dem Erbrechen. Wird dem Körper die Nahrung nicht mehr entzogen,
gehen auch die Freßattacken zurück. Die Betroffenen kann
sich vor zu hoher Kalorienzufuhr schützen, indem ein normales Maß
an Vorräten eingekauft wird, das für eine reichliche, aber
nicht übermäßige Mahlzeit reicht. In der Zeit der Umstellung
werden leichte Entzugserscheinungen und auch möglicherweise auch
eine Gewichtszunahme auftreten. Damit die Therapie Erfolg hat, muß
über die emotionalen Gründe für die Furcht vor dem Essen
und dem Gewicht gesprochen werden. Erst wenn der Bulimiekreislauf dauerhaft
außer Funktion gesetzt wurde, kann eine vernünftige Vollwertdiät
realisiert werden.
- Mehr über Bulimie lesen Sie in zwei anderen Ego-net.de Artikel
und zwar in der letzten Ausgabe oder
unserer 8. Ausgabe
Literatur:
Dr. Frank Naumann: Erste Hilfe für die Seele
Beistand in Notsituationen, Lebenskrisen und Konflikten
Verlag Gesundheit, Berlin 1996, ISBN: 3333007592, DM 29,90
Zu bestellen hier
Prof. Dr. med. Gisela Ehle: Ich finde nicht mein Maß. Magersüchtig,
eßsüchtig, eßbrechsüchtig? Verlag Gesundheit Berlin
(MEDICUS-Reihe), DM 19,80.