Immer öfter und schneller
trennen wir uns in unserer schnellebigen Zeit. Beinahe jeder muß
mehrmals im Leben erfahren, daß Beziehungen scheitern, Menschen
mit einem Mal nicht mehr länger an unserer Seite stehen wollen, uns
enttäuschen, betrügen oder einfach nicht mehr beachten. Jährlich
trennen sich in Deutschland rund zweihunderttausend Ehepaare und doppelt
soviel unverheiratet zusammenlebende Paare. Auf der Liste der schlimmsten
Streßfaktoren rangiert das emotionale Leid infolge Trennung auf
Platz zwei (nur noch übertroffen vom Tod des Lebenspartners).
Trauer wegen Tod wird allgemein als Grund für schweren Kummer
akzeptiert. Über Liebeskummer gehen Freunde hingegen oft mit Schulterklopfen
und Sprüchen wie "Er war es sowieso nicht wert" oder
"Andere Mütter haben auch schöne Töchter" hinweg.
Der Psychologe Martin Weiser fand bei einer Befragung von über
hundert Betroffenen heraus, daß der Trend dahin geht, den Kummer
zu unterdrücken und zu verharmlosen. Genau der falsche Weg. Dadurch
verlängert sich die Leidenszeit.
Liebeskummer gilt vielfach noch als typisch weibliche Domäne.
Das liegt daran, daß über 90 Prozent der Frauen über
ihren Kummer reden - im Gegensatz zu nur 30 Prozent der Männer.
Da aber 80 Prozent aller Trennungen von Frauen ausgehen, sind die Männer
weitaus öfter die Verlassenen.
Ein Rezept gegen Trennungsschmerz gibt es nicht. Er ist der Preis,
den wir für die himmelhochjauchzenden Freuden des Liebesrausches
bezahlen müssen. Und für die Chance, selbst entscheiden zu
dürfen, in wen wir uns verlieben und mit wem wir uns zusammentun.
Besonders das Zerbrechen der ersten Liebe erschüttert das Selbstwertgefühl
in nachhaltiger Weise. Auch später leiden wir noch - aber frühere
Erfahrungen mit ähnlichem Leid statten uns nach und nach mit Bewältigungsstrategien
aus. Und der Erfahrung, daß die Zeit zwar nicht alle Wunden heilt,
aber einen seelischen Abstand schafft.
Auch wenn jeder Verlust einzigartig ist, verläuft die Bewältigung
des Verlustgefühls in fünf typischen Phasen ab:
- Nicht-wahr-haben-wollen: Panik und Hoffnung auf Rückkehr wechseln
einander ab. Beruht vielleicht alles auf einem Mißverständnis?
- Chaos: Das Scheitern der Liebe ist jetzt offenbar. Schmerz,
Sehnsucht, Wut, Angst vor der Einsamkeit und das Gefühl, versagt
zu haben, wirbeln durcheinander. Abwechseln wird der (nun ehemalige)
Partner beschimpft und dann wieder die Schuld bei sich selbst gesucht.
- Selbstmitleid: Das Chaos beruhigt sich, eine depressive
Stimmung herrscht vor. Die meisten versuchen in dieser Zeit, sich
abzulenken.
- Neuorientierung: Allmählich gewinnt man etwas Abstand.
Die Schuld am Scheitern wird nicht mehr ausschließlich dem andern
oder sich selbst zugemessen, sondern beiden. Zugleich beginnt die
Suche nach neuen Lebensinhalten.
- Zustimmung: Das Geschehene schmerzt noch, wird aber als
Teil des eigenen Lebens akzeptiert. Man beschließt, sein Leben
zu ändern und aus den Fehlern zu lernen. Hoffentlich gelingt
es!
Häufig verschlimmert sich der Liebeskummer durch Gemeinheiten,
die ehemals Verliebte einander besonders in den ersten beiden Phasen
antun. Um von den eigenen Schuldgefühlen abzulenken und sich nun,
da die gegenseitigen Verpflichtungen hinfällig sind, für Dinge
zu rächen, die man einst der Beziehung zuliebe hinuntergeschluckt
hat, schlagen die beiden aufeinander ein - im wörtlichen oder übertragenen
Sinne. Scheidungsanwälte und -richter können ein Lied davon
singen.
Relativ harmlos - wenn auch äußerst ärgerlich - ist
es, den andern dauernd anzurufen, gemeinsame Freunde um Vermittlung
anzuflehen oder mit Selsbtmord zu drohen. Schlimmer wird es, wenn üble
Verleumdungen ausgestreut, (noch) gemeinsame Besitztümer beiseite
geschafft oder Besuchsverbote für das gemeinsame Kind als Waffe
eingesetzt werden. Der mieseste Trick - eine Neuerung der neunziger
Jahre: den Partner des sexuellen Mißbrauchs am Kind zu beschuldigen.
Oft im guten Glauben aufgrund des Schlusses: Wer mit so etwas antut,
wird auch vor dem Kind nicht halt machen.
All diese Taten zeigen nur eins: wie stark der Rächer noch von
dem andern abhängig ist. Jede Bosheit bestätigt den andern
nur in seiner (bisher vielleicht unsicheren) Überzeugung, daß
es richtig war, ihn zu verlassen. Viel wirkungsvoller ist es daher,
seinen Gefühlsaufruhr vor der Person zu verbergen, die Ursache
des Kummers ist. So zeigen Sie, daß Sie über Persönlichkeitsstärke
verfügen und es ein Fehler war, jemanden, der so viel innere Kraft
hat wie Sie, einfach in die Wüste zu schicken.
Dies sind die besten Methoden, um den Kummer zu bewältigen:
- Während Trauerphase 1 und 2: Sich ausheulen, am besten vor
guten Freunden. Das erleichtert. Alles, was an die vergangene Liebe
erinnert, sofort beseitigen oder wenigstens wegschließen.
- Während Trauerphase 3: Sich ablenken. Am besten durch Arbeit.
Verfolgen Sie ein berufliches Ziel, wenn es sein muß, durch
Überstunden und auch am Wochenende - aber nicht länger als
acht Wochen am Stück. Das bringt sie aus dem Grübeln heraus
und schafft Erfolgserlebnisse.
- Während Trauerphase 4: Treiben Sie Ausdauersport. Er setzt
Glückshormone frei. Versuchen Sie, positive Seiten an der Trennung
zu sehen (am besten aufschreiben): Ausbruch aus Routine, neue Lebensinhalte
realisieren usw. Schmieden Sie Pläne. Was werden Sie tun, was
Sie schon immer gern mal tun wollten?
- Während Trauerphase 5: Reaktivieren Sie alte Kontakte und suchen
Sie neue Bekanntschaften. Auch Flirten ist wieder drin, aber erwarten
Sie nicht sofort eine neue große Liebe. Wer mit sich eine Weile
allein klar kommt, wirkt attraktiver als Leute, die allein hilflos
und deprimiert sind.
Wie lange hält ein Liebeskummer an? Dafür gibt es keine allgemein
verbindliche Antwort. Wer so tut, als sei nach einer Woche alles vergessen,
belügt sich selbst. Wie lange es wirklich dauert, hängt vor
allem von der Dauer der zerbrochenen Beziehung ab. Nach fünf und
mehr Jahren des Zusammenlebens wirken die Folgen einer Trennung bei
Frauen im Schnitt zweieinhalb Jahre nach, bei Männer eineinhalb
Jahre.2001, ISBN 3-499-60847-2, DM 16,90.