"Sagen Sie bitte ... der
Zug scheint Verspätung zu haben?"
"Keine Sorge, bis Hannover holt er das wieder auf."
"Ah, dann bin ich beruhigt ... Sie fahren wohl öfter diese
Strecke?"
"Jedes Wochenende. Und Sie?"
"Es muß fünf Jahre her sein seit dem letzten Mal. Damals
dauerte die Fahrt noch wesentlich länger."
"Dafür waren die Fahrpreise wesentlich niedriger."
"250 Mark bis Bielefeld und zurück! Und demnächst sollen
die Preise noch einmal erhöht werden!"
"Na ja, ich habe eine Jahreskarte und meine Firma gibt einen Zuschuß
..."
Smalltalk ist für viele Oberflächlichkeit, nichtssagendes
Bla-bla, unaufhörliche Bewegungen von Mund und Zunge bei ausgeschaltetem
Gehirn. Der Dialogausschnitt scheint das Vorurteil zu bestätigen.
Wer möchte da nicht ausrufen: "So sind die Deutschen!"?
Wie reagieren die Leute, sobald die Rede auf die wesentlich schnelleren
Reisezeiten kommt? Sie meckern über steigende Preise!
In Wahrheit haben sich die beiden Reisenden sehr klug verhalten. Mit
instinktiver Sicherheit sprachen sie über Themen, bei denen keine
Gefahr bestand, daß sie mit dem unbekannten Gegenüber in
einen handfesten Streit geraten könnten. Der Dauerreisende hätte
ja höherer Angestellter der Bahn AG und sein Gegenüber unterwegs
zum Treffen eines Automobilklubs sein können. Der nur deshalb mit
der Bahn reiste, weil sein Wagen gerade in der Werkstatt stand. In dieser
Situation ist ein Gesprächsverhalten angesagt, bei dem man auch
mit einer Person, von der man nicht einmal den Namen kennt, auf Anhieb
eine gemeinsame Basis findet.
Smalltalk ist der Zwischenschritt zwischen einer Kontaktaufnahme und
tiefgründigeren Gesprächen. Er dient der Aufgabe abzuchecken,
ob Unbekannte eine gemeinsame Wellenlänge finden können. Am
Anfang steht also die Kontaktaufnahme. Für alle, die sich als schüchtern
einschätzen - es gibt einen sicheren Gesprächsanfang, der
eine negative Reaktion ausschließt, die dreiteilige Begrüßung.
Die einzige Bedingung ist: Sie und Ihr unbekanntes Gegenüber befinden
sich in einer Situation, die ein Gespräch prinzipiell zuläßt.
(Also nicht gerade während einer laufenden Theatervorstellung,
wo von allen Seiten ein "psst!" kommt, wenn Sie den Mund aufmachen.)
Ein Beispiel soll zeigen, wie sie funktioniert: Kontaktvirtuosen sehen
dem anderen erst einmal in die Augen und halten diesen Blick knapp drei
Sekunden. Dabei lächeln sie und nicken freundlich. Dann sagen sie
beispielsweise: "Hallo, ich bin die Irina. Jürgen und ich
kennen uns von einem Rhetorikseminar in Bad Tölz." ("Jürgen"
ist in diesem Beispiel der Name der Gastgebers einer Party.)
Eine gelungene Begrüßung enthält also immer:
- den Gruß ("Hallo", "Guten Abend", "Grüß
dich" ...)
- die Vorstellung ("Ich bin der/die ...)
- den Gesprächsköder (Information/Frage in einem Satz).
Die meisten enden nach dem zweiten Teil und vergeben sich so Chancen,
von Anfang an als interessanter Gesprächspartner wahrgenommen zu
werden. Wer einen Gesprächsköder auswirft, für den ist
der Rest ein Kinderspiel. Als Köder eignen sich gemeinsame Beobachtungen,
die Situation, in der sich beide befinden, sowie die typischen Smalltalk-Themen
Wohnumgebung, Wetter, Familie und Bekannte, Haustiere, Hobbys, Urlaub
und Beruf (Details im unten genannten Buch). Wenn
Sie den Köder als Frage formulieren, erhöhen Sie Ihre Chance,
eine Antwort zu bekommen.
Beispiele:
- Kennen Sie den Jürgen (Name des Gastgebers) schon lange?
- Regnet es noch? (Ihr Gegenüber hat nasse Haare.)
- Waren Sie gerade in Urlaub? (Der andere ist braungebrannt.)
- Sind die Getränke in der Küche?
- Kennen Sie Petra Klimm? Ich habe gehört, sie soll heute hier
sein.
Der Köder ist ausgeworfen - wie nun weiter? Eine Reihe von Leuten
hat keine Probleme, andere anzusprechen, weiß aber nicht so recht,
worüber sie mit jemandem reden sollen, von dem sie nichts wissen.
Jetzt kommt es darauf an, die gemeinsame Wellenlänge zu finden.
Die Betonung liegt auf "gemeinsam". In den ersten Minuten
treffen wir aufgrund unserer Eindrücke eine Gesamteinschätzung
des anderen. Treten sofort Gegensätze hervor, wirkt er unsympathisch.
Erkennen wir dagegen Ähnlichkeiten mit unseren Überzeugungen,
ist die Chance auf Sympathie höher. Deswegen kommt es nicht nur
auf das Thema an, sondern vor allem wie darüber gesprochen wird.
Ein Beispiel: Zwei junge Leute stellten bei der Begrüßung
fest, daß sie in derselben Gegend wohnen. Eine gutes Thema. Dennoch
kann die Unterhaltung völlig daneben gehen, wie im folgenden Dialog:
Er: Warum bist du dorthin gezogen?
Sie: Weil man in wenigen Minuten draußen in der Natur ist. Ich
habe einen jungen Schäferhund, Cäsar heißt er, zwei
Jahre alt ... Zehn Minuten von zu Haus, und ich bin im Grünen.
Er: Ich bin dreimal die Woche dort. Zum Joggen. Du gehörst sicher
zu den vorbildlichen Leuten, die ihren Hund da draußen an der
Leine führen.
Sie: Wieso? Ich nehme extra den Weg dahin auf mich, um Cäsar mal
frei laufen zu lassen.
Er: Ach, dann bin ich dir vielleicht schon mal begegnet. Siehst du
diese Narbe? Die verdanke ich so einem freilaufenden bellenden Springinsfeld,
der mich als Jagdbeute angesehen hat.
Sie: Mein Cäsar hat noch niemanden gebissen!
Er: Ja, das sagen alle Hundebesitzer als erstes. Die Narbe hier, das
war auch kein Biß. Das Vieh ist mir zwischen die Beine gesprungen
und ich bin darüber gestolpert und hingeknallt ...
Die Fortsetzung des Gesprächs steht unter keinem guten Stern.
Sie wird die Hundebesitzer und er die Rechte der Freizeitsportler verteidigen
- bis einer von beiden unter einem Vorwand das Gespräch abbricht.
Statt zu streiten, wäre es besser gewesen, das gemeinsame Interesse
an der Natur zu diskutieren. Wäre er es gewesen, der als erstes
die gefährliche Klippe bemerkte, hätte er das Gespräch
nach dem ersten Wortwechsel erfolgreicher so fortsetzen können:
Er: Ich bin dreimal die Woche dort. Zum Joggen. Zugegeben, im Zentrum
findet man Theater und Klubs in unmittelbarer Nähe - aber wenn
ich mir vorstelle, ich müßte jeden zweiten Tag in dem Autosmog
herumlaufen und alle hundert Meter an einer Ampel stoppen ...
Sie: Ich möchte mit Cäsar auch nicht da drinnen wohnen. Immer
das Gedränge, kein Wunder, daß da mancher Hund aggressiv
wird. So ein Tier braucht schließlich Auslauf.
Wenn umgekehrt sie die Klippe zuerst erkannt hätte:
Er: Ich bin dreimal die Woche dort. Zum Joggen. Du gehörst sicher
zu den vorbildlichen Leuten, die ihren Hund da draußen an der
Leine führen.
Sie: Warum, bist du schon mal gebissen worden?
Er: Das nicht, aber wenn ich da lang laufe, begegnet mir rund alle
zweihundert Meter ein Hund. Ungefähr jeder Dritte, der freiläuft,
springt einen an. Entweder du stoppst oder du riskierst einen Sturz.
Ich weiß ja, die wollen nur spielen, aber bin ich verpflichtet
mitzuspielen?
Sie: Ja, ich kenne leider auch einige Hundebesitzer, die meinen alle
Welt müsse sich nach ihrem Liebling richten. Ich mag das genauso
wenig, wenn jedes fremde Biest an meinem Cäsar herumschnüffelt,
und häufig nicht nur das...
Das ist ein Beispiel von Smalltalk für Fortgeschrittene: in der
sichtbar gewordenen Meinungsverschiedenheit eine Übereinstimmung
suchen und finden. Sie hat dafür ein probates Mittel genutzt. Sie
lenkte den Gegensatz auf abwesende Dritte ab, in diesem Fall auf andere
Hundebesitzer.
Prinzipiell haben Sie vier Möglichkeiten, um Trennendes im Gespräch
zu umgehen:
- Sie wechseln das Thema mit einer Frage, die das bisher Besprochene
nur am Rande berührt. Denn wer Fragen stellt, bestimmt worüber
gesprochen wird.
- Sie suchen in der Verschiedenheit das Gemeinsame, wie im letzten
Beispiel.
- Sie brechen unter einem Vorwand das Gespräch ab. Das ist immer
noch besser als ein handfester Krach.
- Statt auf Ihrer Meinung zu beharren, geben Sie nach und stimmen
der Meinung Ihres Partners zu. Es könnte ja sein, daß Cäsars
Frauchen an dem Jogger ein Interesse gewonnen hat, das über bloße
Freundschaft hinausgeht. Wegen eines Streites über angeleinte
oder nicht angeleinte Hunde wird sie doch nicht das zarte Pflänzchen
aufkeimender Sympathie zerstören! Also entgegnet sie, daß
sie selbstverständlich ihren Cäsar immer an der Leine führt.
Im Stillen denkt sie sich: Wer weiß, vielleicht entdeckt er
sehr bald, daß Joggen mit einem mitlaufenden Hund noch mehr
Spaß macht ...
Umfangreiche Informationen über alle Aspekte des Smalltalk - nicht
nur auf Partys, sondern in jeder Lebenslage - finden Sie in:
Frank
Naumann: Die Kunst des Smalltalk. Leicht ins Gespräch kommen,
locker Kontakte knüpfen. Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo-Sachbuch
60847), Reinbek 2001, ISBN 3-499-60847-2, DM 16,90.
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