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Ausgabe 03/2000
Sag mir, wie du heißt
Namen als Zeichen der Individualität?

Jürgen Schulz oder Karin Müller heißen wahrscheinlich Tausende, Falk Hertzsch-Lindemann höchstens ein oder zwei. In jedem Falle verstehen wir aber unseren Namen als Ausdruck unserer Individualität. Ständiges Falschschreiben oder Falschaussprechen empfinden wir als Beleidigung. Kann sich eine flüchtige Bekanntschaft nach Jahren noch an unseren Namen erinnern, nehmen wir das als Kompliment.
 

Vor Jahrhunderten galt der Name als Abstammungsnachweis. Der Familienname sorgte für Erhaltung der Ahnenreihe, der älteste Sohn erhielt als Rufnamen den Namen des Vaters oder Großvaters der männlichen Linie, als weitere Vornamen die Namen vermögender Paten.

Obwohl dieses Motiv für die meisten kaum noch eine Rolle spielt, ist die Namensgebung immer noch ein wichtiger Akt, der die Eltern mit hohem Verantwortungsbewußtsein erfüllt. Kaum ist die werdende Mutter vom Frauenarzt zurück und hat Angehörigen und Freundinnen die frohe Nachricht von ihrer Schwangerschaft verkündet, hört sie auch schon die Frage: "Wie wollt ihr es nennen?"

In der Tat ist der Name ein erster Ausweis, der dem neuen Erdenbürger ausgestellt wird. Heute drückt der Name vor allem die Vorstellungen der Eltern aus, was aus ihrem Baby werden soll. Häufig werden die Namen nach prominenten Vorbildern gewählt – ein Zeichen, daß das Kind einmal einen ähnlichen Erfolg erringen soll. Unter den fünf- bis zehnjährigen Jungs haben beispielsweise die Kevins inflationär zugenommen – aber wahrscheinlich wären die Eltern ziemlich entsetzt, wenn der Junge im Vorschulalter allein auf Verbrecherjagd gehen würde. Eher an eine Sportlerkarriere denkt man bei Boris, an Ballett- und Schauspielambitionen bei Winona oder Michelle. Konflikte sind vorprogrammiert, wenn die Talente des Kindes nicht auf den von den Eltern gewünschten Gebieten liegen.

Klüger handeln Eltern, die bei der Namensgebung nicht an ihre eigenen Hoffnungen, sondern die Interessen des Kindes denken. Der Hamburger Professor Peter Struck rät zu Vornamen mit positiver Klangfarbe – das sind Worte, die viele a, i oder o enthalten wie Arno, Lisa oder Thilo. Außerdem sollte er zum Familiennamen passen. Zwar kann spätere Heirat dieses Zusammenklang durch Änderung des Nachnamens wieder aufheben, aber in den Kinderjahren kann eine kluge Namensgebung dem Kind den Alltag erleichtern. Haben Sie einen häufigen Familiennamen wie Schulz, Meier oder Müller, wählen Sie einen selteneren Vornamen. Damit sinkt die Gefahr, daß Ihr Kind mit Kindern gleichen Namens in eine Klasse gehen und ständig gegen Verwechslungen ankämpfen muß. Der Vorname sollte aber dennoch eindeutig sein. Wenn das Kind gezwungen wird, seinen Vornamen immer zu buchstabieren und sich trotzdem dauernd gegen Falschschreibungen wehren muß, wird sein Selbstwertgefühl leiden. Vorsicht deshalb vor allen Namen, die

  • leicht mit bekannteren Namen verwechselt werden wie Susan (mit Susanne) oder Kersten (mit Kirsten oder Kerstin)
  • die das Geschlecht nicht eindeutig erkennen lassen wie René(e) oder Sascha, Welches Kind will noch in der Pubertät nach Aufrufen erklären müssen, ob es Junge oder Mädchen ist?
  • Mitschüler zu Späßen Anlaß geben wie Amaryllis, Stoffel oder Dick.

Wenn Sie häufige Allerweltsnamen wie Michael, Sabine oder Gabi vermeiden wollen: Es gibt eine Reihe weniger häufig vergebener Namen, die eindeutig, kurz und in keiner Weise merkwürdig sind wie Gerald, Sven, Anke, Denis, Jurek oder Silke. Die Mühe lohnt sich: Studien beweisen, daß Menschen, die mit Ihrem Namen hadern, oft auch Probleme haben, sich mit Ihrem Charakter und Ihren Lebensumständen anzufreunden. Zwar sagt der Name zunächst mehr über die Persönlichkeit der Eltern aus, die den Namen ausgesucht haben, als über die des Kindes, aber wir alle identifizieren uns bereits in früher Kindheit mit unserem Namen – er wird daher zu einer Elterlichen Prophezeiung, die sich am Kind erfüllt. Wenn auch oft nicht so, wie die Eltern sich das gewünscht haben. Ob jemand seinen Namen als selbstverständlich akzeptiert, versucht, ihn zu rechtfertigen oder gar zu verheimlichen, verrät, wie es mit der inneren Selbstsicherheit bestellt ist.

Spätestens in festen Beziehungen lernen wir, mit Namen kreativ umzugehen. Freunde oder Ehepartner geben uns Kose- und Spitznamen. Drei Typen von Spitznamen herrschen vor, die zugleich etwas über die Motive der Namensgebung verraten.

  1. Babysprache: Schatzi, Schnucki, Hasilein oder Mausi sind typisch für längere Beziehungen. Sie sind häufig ein Indiz der Vereinnahmung. Wer den andern verniedlicht, verbindet zwei Motive: den anderen anschmiegsamer, aber auch machtloser machen.
  2. Verkürzungen: Von Vornamen werden die Kurzformen gebraucht. Wolfgang wird zu Wolf oder Wölfi, Katrin zu Kati, Alexander zu Alex, Cornelia oder Konrad zu Conni. Ein Zeichen für Vereinfachung, aber auch ebenbürtige Vertrautheit.
  3. Ersatznamen: Manchmal wird ein ganz anderer Name gewählt. Dafür gibt es vor allem zwei Motive: Man wählt einen Namen, der eine hervorstechende Eigenschaft ausdrückt, etwa Teddy, Lulu oder Goliath. Oder man wählt einen ganz anderen Namen, weil der tatsächliche Vorname nicht aufregend oder interessant genug erscheint. Das ist das Motiv für viele Künstlernamen (der außerdem noch dazu dient, private und öffentliche Persönlichkeit zu unterscheiden), aber auch Privatleute neigen dazu: Da ist ein Hans-Joachim, der sich Baptiste nennen läßt oder eine Spanischdolmetscherin namens Heidelinde, die bei ihren Freundinnen Juana heißt.

Wie wichtig Namen sind, erkennt jeder, der bei einer Partyrunde in die Verlegenheit kommt, sich die Namen der ihm vorgestellten übrigen Gäste zu merken. Bei mehr als sechs neuen Gesichtern meist ein Ding der Unmöglichkeit. Versuchen Sie aber wenigstens, die Namen derjenigen im Kopf zu speichern, mit denen Sie noch reden werden. Jemandem mit seinem Namen anreden, ist der einfachste Weg, einem Smalltalk eine persönliche Note zu verleihen. Es genügt, den Teil des Namens zu behalten, mit dem Sie die Leute später ansprechen – also den Vornamen, wenn Sie sich duzen, den Familiennamen, wenn Sie sich mit Herr oder Frau X anreden.

Sich einen Namen anhören und hoffen, daß das Gedächtnis uns nicht im Stich lassen wird, ist zu unsicher. Nach dem fünften Namen haben Sie den ersten bereits vergessen. Selbstverständlich dürfen Sie später, wenn Sie das Gespräch suchen, noch einmal nachfragen: "Ich habe leider Ihren Namen wieder vergessen. Sie sind Frau ...?" Fast jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, sich neue Namen zu merken, und sich noch einmal vorstellen. Daraus können Sie sogar einen kleinen Plausch zum Thema Gedächtnis und schwierige Namen entwickeln.

Einen stärkeren Eindruck hinterlassen Sie freilich, wenn Sie einen Gast, der sich Ihnen nur kurz vorstellte, eine Stunde später wie selbstverständlich mit seinem Namen anreden, vor allem dann, wenn es sich um einen wenig geläufigen Namen handelt. Wie schaffen Sie das? Heimlich aufschreiben, ohne daß es jemand merkt? Selbst wenn Ihnen das gelingen sollte, woher wissen Sie dann noch, welcher Name auf Ihrem Zettel zu welchem Gast gehört?

Mehr Erfolg versprechen die Tricks professioneller Gedächtniskünstler. Einer, den auch Ungeübte sofort anwenden können: Lassen Sie den gerade gehörten Namen noch einmal in seinem Schriftbild vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen und denken Sie sich dann ein Bild aus, das den Namen darstellt. Bei Berufen ist das einfach: Für Müller, Schneider oder Schuster stellen Sie sich einen Mann mit den Insignien seines Handwerks vor, also Mehlsack, Nadel oder Schuh. Bei unseren Namen – der EGONet-Herausgeber Klaus-Dieter Berlin und Frank Naumann – merken Sie sich im ersten Fall den Namen der deutschen Hauptstadt. Bei Naumann wird etwas schwieriger. Wenn Sie wissen, was eine Naue ist (ein Last- oder Fährschiff), denken Sie an einen Mann auf solch einem Schiff. Wenn nicht, nehmen Sie einen Mann, auf dessen T-Shirt das englische Wort "now" (jetzt) steht. Solche Bilder merkt man sich sehr leicht und dauerhaft.

Zu einem Teil der Namen wird Ihnen kein Bild einfallen, insbesondere bei ausländischer Herkunft. Ist der Name kompliziert, lassen Sie sich ihn buchstabieren und wiederholen Sie ihn, um zu prüfen, daß Sie ihn jetzt richtig verstanden haben. Ihr Bemühen wird nicht nur als Zeichen von Interesse Anerkennung finden, sondern das Zerlegen und Wiederholen erleichtert Ihnen auch das Einprägen. Ist der Name lediglich selten oder in anderer Weise ungewöhnlich, erkundigen Sie sich bei seinem Inhaber nach seiner sprachlichen Herkunft und Bedeutung. Auch das hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge.

Vornamen merkt man sich am einfachsten, wenn Sie sich den Gast zusammen mit einem oder einer Bekannten gleichen Namens vorstellen. Es können auch Schauspieler oder andere Prominente sein. Kennen Sie keine andere Person, die so heißt, legen Sie ihr in Gedanken eine breite Halskette um, auf der mit Flammenschrift der Vorname steht, und versuchen sich, dieses Bild einzuprägen.

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