Der Stoff, aus dem die Tagträume
sind, kennen wir alle. Es ist der Südseeurlaub mit
Sonne, Palmen und leisem Meeresrauschen, die
Liebesnacht in den Armen von Antonio Banderas
beziehungsweise einer aufregenden Blondine oder auch
die Rachephantasie, die einem ewig nörglerischen
Vorgesetzten eine rechte Blamage gönnt. Jeder
Spielfilm und jeder Unterhaltungsroman ist eine Art
Tagtraum, der uns von einer spannenderen Gegenwelt
erzählt.
Der nüchterne Philosoph Immanuel
Kant beschrieb Wachträume als eine Gemütskrankheit,
die nach einer Flucht aus der Wirklichkeit süchtig
machen. Sigmund Freud beschrieb sie als
Ersatzbefriedigung der Unglücklichen. Der
Glückliche brauche keine Phantasie von einer
besseren Welt.
Moderne Untersuchungen belegen,
daß Wachphantasien uns nicht hindern, zugleich mit
beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen zu stehen.
Wer es schafft, am Tage seinen Träumen freien Lauf
zu lassen, erholt sich von Streß und monotonen
Arbeitsanforderungen. Er gönnt sich eine seelische
Erholungspause. Außerdem schult er seine
Kreativität. Manche Neuerung in der Arbeitswelt fand
ihren Ausgangspunkt in der stillen Frage: "Wie
wäre es, wenn ein Roboter die Teile stanzen würde?
Wenn unsere Autos sich selbst zusammenbauen würden?
Wenn ich mein Büro zusammenklappen und bei einer
Bergwanderung unterwegs auf einer Alm aufbauen
könnte?"
Der letztgenannte Traum ist mit
Notebook und Handy realisierbar. Nicht selten
lieferten Tagträume von einer besseren Welt Anstoße
für tatsächliche Verbesserungen.
Das berühmteste Beispiel stammt
von dem Politiker Thomas Morus (1477-1535), der sich
das Bild gerechten Gesellschaft ersann, die Wohlstand
und Glück für alle garantiert. Er verpflanzte sie
auf eine imaginäre Insel "Utopia" (zu
deutsch: Nirgendwo). Seitdem sind zahllose Versuche
unternommen worden, Gesellschaftsutopien in die
Wirklichkeit zu übertragen. Sie haben dazu
beigetragen, daß heute der gesellschaftliche
Reichtum auf breitere Schultern verteilt wird als zu
Morus Zeiten.
Tagträume sind folgerichtiger
strukturiert als die spontanen Phantasien während
des Schlafs. Der Tagträumer vermeidet in aller Regel
unmotivierte, bizarre Sprünge. Seine Bilder sind
weniger verschlüsselt. Meist weiß er sehr genau,
welchen heimlichen Wunsch er in seiner Phantasiereise
gestaltet.
Darüber hinaus sind die wachen
Träume denen des Schlafs sehr ähnlich. Ihre
Tagträume beschäftigen sich mit dem, was Sie stört
und was Sie vermissen. In ihnen kümmern Sie sich um
Ihre ureigensten Bedürfnissen. An ereignisarmen
Tagen verbringen wir bis zu vierzig Prozent der Zeit
im Land unserer Phantasie. Das ist keine
Zeitverschwendung, sondern wie medizinische Studien
belegen eine Form seelischen Krafttankens für
kommende Belastungen.
Tagträume trösten, beruhigen und
stärken die Seele. Sie helfen über Phasen der
Depression und Niedergeschlagenheit hinweg. Wer
tagträumt, ist besser gegen Wutanfälle und andere
spontane Ausbrüche, die er später bereuen könnte,
geschützt. Es genügt, eine Rachephantasie zu
ersinnen und im Detail auszuleben.
Tagträume liefern Ansätze für
Problemlösungen. Befragungen zeigen, daß die
Wirklichkeitsflucht geringer ist als vielfach
angenommen. Die meisten Tagträume beschäftigen sich
mit der Gegenwart und nahen Zukunft. Sie kreisen um
Wünsche, die einen engen Bezug zu den realen
Frustrationen des Träumers haben. Wir denken uns
positive Gegenentwürfe aus Situationen mit
viel Gefühl und möglichst geringem Risiko eines
Scheiterns.
In einer Untersuchung von Jerome
Singer stellte sich heraus, daß Tagträumer im
Schnitt die gesünderen Menschen sind und ihren
Alltag besser bewältigen als andere. Wem das
gelegentliche Abtauchen in phantastische Welten
verwehrt bleibt, langweilt sich schnell und ist daher
anfälliger für Ablenkungen der Außenwelt.
Phantasiearme Mitbürger unterliegen leichter der
Verführung durch Drogen, Risikospiele und andere
schnelle Befriedigungen.
Tagträume sind eine Fundgrube der
Selbsterkenntnis, da wir in der Phantasie gern unsere
Lieblingsrollen spielen: der Draufgänger, der
kraftvolle Liebhaber, die Femme fatale, der von allen
bewunderte selbstlose Helfer, das verkannte Genie,
der angehimmelte Star, der künftige
Nobelpreisträger ... In welcher Rolle sehen Sie sich
am liebsten? Was ist Ihnen also wichtig? Anerkennung,
Reichtum, Erotik, Schönheit, Klugheit?
Die häufigsten Geschichten drehen
sich um Liebe, Erfolg und Abenteuer. Geborgenheit,
Anerkennung und Ausbruch aus der Alltagsroutine sind
folglich die wichtigsten Motive der Phantasie.
In Tagträumen können wir Krisen
und frühere Fehler wieder durchspielen und andere
Abläufe der Geschehnisse ersinnen. Selbst wenn es
nicht mehr möglich ist, Fehlentscheidungen zu
korrigieren das Umprogrammieren des
Unterbewußtseins auf andere Verhaltensweisen
schützt uns davor, die gleiche Irrtümer noch einmal
zu begehen. Außerdem sehen wir unser ideales Ich
agieren. Wir sehen uns so, wie wir gern sein
möchten. Damit unterstützen wir gewünschte
Verhaltensänderungen. Wir sehen uns in Gedanken
schon einmal so handeln, wie wir morgen in der
Realität handeln wollen.
Tagträume bauen Luftschlösser.
Aber jedes Schloß aus Mörtel und Stein mußte erst
einmal in der Phantasie eines Baumeisters entworfen
sein, bevor es errichtet werden konnte.
(Gekürzter Auszug aus:
Frank-Uwe Maaß/Frank Naumann: Was Träume uns raten.
Verlag Gesundheit Berlin 1999. Abdruck mit
freundlicher Genehmigung des Verlages.)