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Ausgabe 03/2000
Tagträume
Wie Sie Ihrer Phantasie Flügel verleihen

Im Wachzustand träumen – für die einen ist es Zeitverschwendung und Wirklichkeitsflucht, für die anderen eines der köstlichsten und phantasieanregendsten Vergnügen während eines grauen Alltags. Über den Nutzen heimlicher Phantasiereisen informiert EGONet.
 

Der Stoff, aus dem die Tagträume sind, kennen wir alle. Es ist der Südseeurlaub mit Sonne, Palmen und leisem Meeresrauschen, die Liebesnacht in den Armen von Antonio Banderas beziehungsweise einer aufregenden Blondine oder auch die Rachephantasie, die einem ewig nörglerischen Vorgesetzten eine rechte Blamage gönnt. Jeder Spielfilm und jeder Unterhaltungsroman ist eine Art Tagtraum, der uns von einer spannenderen Gegenwelt erzählt.

Der nüchterne Philosoph Immanuel Kant beschrieb Wachträume als eine Gemütskrankheit, die nach einer Flucht aus der Wirklichkeit süchtig machen. Sigmund Freud beschrieb sie als Ersatzbefriedigung der Unglücklichen. Der Glückliche brauche keine Phantasie von einer besseren Welt.

Moderne Untersuchungen belegen, daß Wachphantasien uns nicht hindern, zugleich mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. Wer es schafft, am Tage seinen Träumen freien Lauf zu lassen, erholt sich von Streß und monotonen Arbeitsanforderungen. Er gönnt sich eine seelische Erholungspause. Außerdem schult er seine Kreativität. Manche Neuerung in der Arbeitswelt fand ihren Ausgangspunkt in der stillen Frage: "Wie wäre es, wenn ein Roboter die Teile stanzen würde? Wenn unsere Autos sich selbst zusammenbauen würden? Wenn ich mein Büro zusammenklappen und bei einer Bergwanderung unterwegs auf einer Alm aufbauen könnte?"

Der letztgenannte Traum ist mit Notebook und Handy realisierbar. Nicht selten lieferten Tagträume von einer besseren Welt Anstoße für tatsächliche Verbesserungen.

Das berühmteste Beispiel stammt von dem Politiker Thomas Morus (1477-1535), der sich das Bild gerechten Gesellschaft ersann, die Wohlstand und Glück für alle garantiert. Er verpflanzte sie auf eine imaginäre Insel "Utopia" (zu deutsch: Nirgendwo). Seitdem sind zahllose Versuche unternommen worden, Gesellschaftsutopien in die Wirklichkeit zu übertragen. Sie haben dazu beigetragen, daß heute der gesellschaftliche Reichtum auf breitere Schultern verteilt wird als zu Morus’ Zeiten.

Tagträume sind folgerichtiger strukturiert als die spontanen Phantasien während des Schlafs. Der Tagträumer vermeidet in aller Regel unmotivierte, bizarre Sprünge. Seine Bilder sind weniger verschlüsselt. Meist weiß er sehr genau, welchen heimlichen Wunsch er in seiner Phantasiereise gestaltet.

Darüber hinaus sind die wachen Träume denen des Schlafs sehr ähnlich. Ihre Tagträume beschäftigen sich mit dem, was Sie stört und was Sie vermissen. In ihnen kümmern Sie sich um Ihre ureigensten Bedürfnissen. An ereignisarmen Tagen verbringen wir bis zu vierzig Prozent der Zeit im Land unserer Phantasie. Das ist keine Zeitverschwendung, sondern wie medizinische Studien belegen eine Form seelischen Krafttankens für kommende Belastungen.

Tagträume trösten, beruhigen und stärken die Seele. Sie helfen über Phasen der Depression und Niedergeschlagenheit hinweg. Wer tagträumt, ist besser gegen Wutanfälle und andere spontane Ausbrüche, die er später bereuen könnte, geschützt. Es genügt, eine Rachephantasie zu ersinnen und im Detail auszuleben.

Tagträume liefern Ansätze für Problemlösungen. Befragungen zeigen, daß die Wirklichkeitsflucht geringer ist als vielfach angenommen. Die meisten Tagträume beschäftigen sich mit der Gegenwart und nahen Zukunft. Sie kreisen um Wünsche, die einen engen Bezug zu den realen Frustrationen des Träumers haben. Wir denken uns positive Gegenentwürfe aus – Situationen mit viel Gefühl und möglichst geringem Risiko eines Scheiterns.

In einer Untersuchung von Jerome Singer stellte sich heraus, daß Tagträumer im Schnitt die gesünderen Menschen sind und ihren Alltag besser bewältigen als andere. Wem das gelegentliche Abtauchen in phantastische Welten verwehrt bleibt, langweilt sich schnell und ist daher anfälliger für Ablenkungen der Außenwelt. Phantasiearme Mitbürger unterliegen leichter der Verführung durch Drogen, Risikospiele und andere schnelle Befriedigungen.

Tagträume sind eine Fundgrube der Selbsterkenntnis, da wir in der Phantasie gern unsere Lieblingsrollen spielen: der Draufgänger, der kraftvolle Liebhaber, die Femme fatale, der von allen bewunderte selbstlose Helfer, das verkannte Genie, der angehimmelte Star, der künftige Nobelpreisträger ... In welcher Rolle sehen Sie sich am liebsten? Was ist Ihnen also wichtig? Anerkennung, Reichtum, Erotik, Schönheit, Klugheit?

Die häufigsten Geschichten drehen sich um Liebe, Erfolg und Abenteuer. Geborgenheit, Anerkennung und Ausbruch aus der Alltagsroutine sind folglich die wichtigsten Motive der Phantasie.

In Tagträumen können wir Krisen und frühere Fehler wieder durchspielen und andere Abläufe der Geschehnisse ersinnen. Selbst wenn es nicht mehr möglich ist, Fehlentscheidungen zu korrigieren – das Umprogrammieren des Unterbewußtseins auf andere Verhaltensweisen schützt uns davor, die gleiche Irrtümer noch einmal zu begehen. Außerdem sehen wir unser ideales Ich agieren. Wir sehen uns so, wie wir gern sein möchten. Damit unterstützen wir gewünschte Verhaltensänderungen. Wir sehen uns in Gedanken schon einmal so handeln, wie wir morgen in der Realität handeln wollen.

Tagträume bauen Luftschlösser. Aber jedes Schloß aus Mörtel und Stein mußte erst einmal in der Phantasie eines Baumeisters entworfen sein, bevor es errichtet werden konnte.

(Gekürzter Auszug aus: Frank-Uwe Maaß/Frank Naumann: Was Träume uns raten. Verlag Gesundheit Berlin 1999. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.)

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