Würden wir stets mit kühler
Überlegung einkaufen, gäben wir alle viel weniger
Geld aus und Werbung wäre machtlos. Auch so mancher
Intellektuelle, der sein Geld mit vernünftigen,
rationalen Entscheidungen verdient, ist in der
Freizeit heimlicher Sammler teurer Liebhaberstücke,
die viele tausend Mark kosten. Selbst Werbeprofis
sind häufig die ersten Opfer ihrer eigenen
Werbeversprechen wie der Schauspieler, der den
Marlboro-Man spielte und an Lungenkrebs starb.
Daß wir häufig gefühlsmäßig
entscheiden, gibt der Werbung ihre Chance. Suggestion
und positive Gefühle, nicht Vernunftargumente und
Information sind die vorrangige Waffe der
Werbestrategen.
Ein Verlangen weckt den Kaufwunsch,
nicht die Qualität eines Produkts. Werbung ist
inzwischen für den Verkaufserfolg so wichtig
geworden, daß sie oft dem Produkt nicht mehr
nachfolgt, sondern bereits das Produkt im Hinblick
auf ein erfolgversprechendes Werbekonzept entworfen
wird.
Das Problem der Werber: Erkennt der
Kunde, daß er verleitet werden soll, gegen seine
Bedürfnisse zu handeln, reagiert er feindlich auf
die Werbebotschaft und entwickelt eine negative
Einstellung zur angepriesenen Ware. Auch wenn viele
Menschen Werbung generell ablehnen und sich über
Werbeunterbrechungen im Fernsehen ärgern, darf der
einzelne Werbespot keine feindseligen Gefühle
wecken.
In den fünfziger und sechziger
Jahren gab es erfolgreiche Werbesprüche, die direkte
Aufforderungen enthielten, ein Produkt zu nutzen:
- Mach mal Pause mit Coke!
- Greife lieber zur HB, dann
geht alles wie von selbst!
Davon ist man abgekommen, weil wir
Kunden heute, in Zeiten der Übersättigung, auf
solche direkten Suggestionen ärgerlich reagieren.
Wir lassen uns nicht gern bevormunden. Indirekte
Botschaften überwiegen:
- Vormachen. Der
genußvolle Raucher, der schnittige
Autofahrer oder Boris Becker, der vor
dem Computer über sein Zögern vor dem neuen
Internet lamentiert und nach einem
Tastendruck verwundert sagt: "Ich bin ja
schon drin!"
- (Positive) Konsequenzen
zeigen. Die Spots zeigen, was Sie haben
werden, wenn Sie das Produkt anwenden: weiße
Wäsche, eine schlanke Figur, eine
glückliche Familie und sogar einen
mitkochenden Ehemann, wenn Sie das richtige
Fertiggericht zubereiten. Für diese
Strategie müssen die Werber die Bedürfnisse
Ihrer Zielgruppe kennen (mehr dazu in Teil 2,
in der nächsten Ausgabe von EGONet).
Negative Konsequenzen zu zeigen etwa:
ein Auto kracht gegen einen Felsen, weil es
nicht bestimmte Reifen hatte kann nach
hinten losgehen. Der Kunde könnte die
angepriesenen Reifen zusammen mit dem Crash
in der Erinnerung behalten und beim nächsten
Reifenwechsel gerade vor Produkten dieser
Firma zurückschrecken.
- Assoziationen erzeugen.
Das zu bewerbende Produkt wird zusammen mit
angenehmen Reizen gezeigt. Jugendlichkeit,
Lächeln, harmonische Landschaften und
nackte Frauenhaut bei Produkten, die Männer
kaufen.
Der Nachteil indirekter
Botschaften: Der Werber kann nie sicher sein, ob der
Kunde die Aufforderung auch so versteht, wie er es
möchte. Ein berühmtes Beispiel dafür ereignete
sich Anfang der siebziger Jahre in den USA. Eine
Telefongesellschaft warb mit dem Slogan "We hear
you!" (dt. Wir hören Sie!). In der Folge des
Watergate-Skandals (1972), als Oppositionspolitiker
im Auftrag von Vertrauten des amerikanischen
Präsidenten Richard Nixon abgehört wurden, wurde
der Werbeslogan nur noch im Sinne von "Wir
hören Sie ab!" interpretiert.
Bei der Größe heutiger Werbeetats
wird nichts dem Zufall überlassen. Was im Werbefilm
spontan und locker herüberkommt, ist ein minutiös
perfektioniertes Produkt, wo jeder Schatten und jeder
Bruchteil einer Sekunde auf höchste Wirkung auf den
Zuschauer optimiert wurde. Kein Lächeln und kein
nacktes Bein, das nicht mindestens zwanzig Mal
gefilmt wurde, bevor der Regisseur eins davon für
seinen Kurzfilm akzeptierte.
Bevor ein Spot im Fernsehen oder
eine Anzeige in einer Illustrierten erscheint, wird
die gesamte Werbestrategie sorgfältig in mehreren
Schritten geplant:
1. Werbeziele: Umsatz
erhalten oder steigern (in bestimmten Gebieten, zu
bestimmten Zeiten oder generell), Marktanteile
sichern, Absatzkosten senken dazu kommen
Ziele, die über den unmittelbaren Verkaufserfolg
hinaus reichen: Markenimage aufbauen/ändern,
Bekanntheitsgrad erhöhen, Verbraucher informieren
und Erhalt der Kundentreue.
2. Zielgruppe
festlegen: bisherige Käufer und neue
Käuferschichten gewinnen durch gezieltes Ansprechen
ihrer Motive.
3. Werbeetat
bestimmen: Am Schreibtisch feststellen, was eine
Werbemaßnahme bringt, ist sehr kompliziert. Besser
ist es, pragmatisch vorzugehen: Man kann zum Beispiel
einen bestimmten Prozentsatz des Umsatzes einplanen.
Nach aller Erfahrung sind 20 bis 40 Prozent des
Umsatzes optimal. Ein zu geringer Etat reicht nicht,
um mit der Werbung genügend Aufmerksamkeit zu
erwecken. Ein zu hoher Etat sichert zwar
Aufmerksamkeit, macht aber das Produkt zu teuer.
4. Werbedurchführung
planen: Zuerst die Werbebotschaft
festlegen. Sie sagt etwas Angenehmes über das
Produkt aus und seinen Nutzen. Dann die Werbemittel.
Die wichtigsten sind: Werbebrief, Prospekte,
Anzeigen, Wurfsendungen, Plakate, Radiowerbung,
Werbegeschenke, Verkehrsmittelwerbung, Flugblätter,
Kundenzeitschriften, Fernseh- und Kinowerbung. Für
die Medienauswahl sind folgende Fragen entscheidend:
- Welche
Darstellungsmöglichkeiten eignen sich?
- Zu welchen Zeiten wird
geworben?
- Wie groß soll die Reichweite
sein?
- Zielgruppe?
- Wie oft soll die Werbung
erscheinen?
- Wie leicht soll sie verfügbar
sein?
- Was darf die Werbung kosten?
Die Kosten einer Werbemaßnahme
werden in Bezug zur Zahl der Leser, Zuschauer usw.
gesetzt. Meist wird in Tausender-Einheiten gerechnet.
5. Werbekontrolle:
Während der Wochen und Monate, in der eine Werbung
läuft, wird laufend geprüft, wie und ob die
Werbebotschaft beim Adressaten ankommt. Ob sie
wirklich wirkt.
Obwohl Werbefirmen viel Geld
ausgeben, um die psychologischen Grundlagen Ihres
Tuns erforschen zu lassen, handeln viele Profis
vorrangig nach ihrem persönlichen Geschmack,
Erfahrungen oder anderen Vor-Urteilen, von denen Sie
hoffen, daß Sie den werbewirksamen Vor-Urteile Ihrer
Kunden entsprechen. Deshalb gibt es viel schlechte
Werbung, aber auch gelegentlich Glückstreffer, die
nach den gängigen werbepsychologischen Theorien eher
an ein Wunder grenzen.
Die Werbepsychologie hat sich aus
der akademischen Motivationspsychologie, die
Beweggründe menschlichen Handelns erforscht,
entwickelt. Sie integriert laufend Erkenntnisse
vieler anderer Disziplinen
Wahrnehmungspsychologie, Verhaltensbiologie,
Neurologie usw. wobei häufig Erkenntnisse
bevorzugt werden, die gerade in Mode sind und viel in
den Medien dargestellt werden. Da die Werbestrategen
außerdem oft unter Zeitdruck stehen, werden
Forschungsergebnisse oft voreilig, unüberlegt und
ohne ausreichende Prüfung übernommen. Das rächt
sich nicht selten mit teuren Fehlinvestitionen.
Ein bekanntes Beispiel.
Verhaltensforscher führten folgendes, viel zitiertes
Experiment durch. Nachdem sie feststellten, daß auch
Menschen (so wie viele Tiere) Sexualduftstoffe
produzieren, sprühten die Forscher in einer
Zahnarztpraxis einen Teil der Stühle des
Wartezimmers mit dem männlichen Duftstoff ein. Dann
beobachteten sie, wo die Patienten Platz nahmen. Das
Ergebnis war spektakulär eindeutig. Frauen
bevorzugten diese Plätze, während Männer sie
mieden und lieber woanders Platz nahmen. Obwohl diese
Stoffe, Pheromone genannt, für die bewußte
Wahrnehmung geruchlos sind, wirken sie anziehend
beziehungsweise abstoßend.
Daraufhin sicherte sich eine
amerikanische Firma das Patent an der Produktion
eines Männerparfüms, das diesen Lockstoff enthielt.
Zur großen Enttäuschung der Firma wurde das Parfüm
ein Flop. Warum?
- Einen Grund hätten die
Verantwortlichen bereits dem Experiment
entnehmen können. Auf Männer wirkt der
Lockstoff, obwohl er eigentlich geruchlos
ist, unangenehm. Und wer kauft sich schon ein
Parfüm, das er selbst als unangenehm
empfindet?
- Vielleicht würde mancher Mann
trotzdem zugreifen, wenn sich eine eindeutige
Wirkung auf Frauen zeigen würde. Aber in der
Realität wirkt männliche Anziehungskraft
nicht so wie in der künstlichen Situation
des Experiments. Die Kontaktaufnahme zwischen
einander fremden Männern und Frauen beginnt
im allgemeinen aus einer gewissen
körperlichen Distanz. Anfangs sind optische
(das Aussehen und Verhalten) und akustische
(Stimme) Signale ausschlaggebend. Wenn wir
den andern soweit heranlassen, daß wir auf
seinen Duft reagieren können, ist meist die
Entscheidung längst gefallen.
Lesen Sie in unserer nächsten
Ausgabe:
Die kluge Hausfrau rät ... (II)
Werbepsychologie in der Praxis