Wer noch daran zweifeln sollte,
daß der Mensch von Jägern und Sammlern abstammt, braucht nur
mal einen Blick in die Schränke und Regale von zehn beliebig ausgewählten
Bekannten zu schauen. 57 Prozent der Frauen und 45 der Männer geben
zu, persönliche Altertümer zu sammeln. Wohnungsvermieter sowie
die Produzenten von Schränken, Regalen und Truhen leben von ihnen.
Denn es ist klar, daß die meisten von uns mit zwei Dritteln des
üblichen Wohnraums auskommen würden - wenn sie sich eine Unmenge
Besitztümer unterbringen müßten, die sie zwar so gut wie
nie in die Hand nehmen oder gar nutzen, die sie aber niemals wegwerfen
würden.
Wenn Sie einmal ausrechnen, für wieviel Quadratmeter Sie monatlich
Miete zahlen, nur um solche Gegenstände aufzubewahren, werden Sie
entdecken, daß Sie solche Besitztümer im Laufe der Jahre
ziemlich teuer zu stehen kommen. Für nur fünf Quadratmeter
zu je zehn Mark Monatsmiete sind das in zehn Jahren immerhin sechstausend
Mark. Für das Geld könnten Sie ein paar Urlaubsreisen extra
gönnen.
Wohlgemerkt, es geht nicht um das Sammeln von Briefmarken oder einer
bestimmten Gruppe von Insekten. Sammeln als Hobby läßt sich
meist von der Vernunft her gut begründen: man interessiert sich
eine bestimmte Art von Objekten aus inhaltlichen Gründen oder als
Wertanlage. Die Zahl der Leute, die alle Jahrgänge einer bestimmten
Zeitschrift sammeln, ist sehr klein. Sehr viel mehr Menschen heben sich
dagegen einzelne Ausgaben auf, weil ein oder zwei Artikel darin ihnen
gut gefallen haben, weil das Titelbild sie ansprach oder weil es ihnen
generell schwer fällt, etwas wegzuwerfen, wofür sie einmal
Geld bezahlt haben.
Diese Art von Sammelleidenschaft wird Hamster-Syndrom genannt. Sie
beginnt mit Comics aus der Kinderzeit und endet mit Riesenmengen von
Plastiktüten, die man ja alle noch mal benutzen könnte. Typisch
für diese Sammelwut ist ihre Wahllosigkeit. Die wichtigsten Kriterien,
warum solche Dinge aufgehoben werden, sind:
sie haben einst Geld gekostet
sie besitzen noch einen Gebrauchswert
sie sind mit einer angenehmen Erinnerung verbunden.
Die meisten von uns legen irgendwann eine Aufräum- und Aussortierphase
ein - meist vor einem Umzug. Trotzdem stellen sie bei jedem neuen Umzug
fest, daß die Zahl der Kartons, die mit Niegebrauchtem gefüllt
werden, jedesmal wächst. Wer von uns könnte schon von einem
Tag zum andern einen Koffer packen, abfahren und irgendwo anders ein
neues Leben beginnen? Die eigenen Besitztümer, von denen man sich
nicht trennen will, stellen für viele eine stärkere Heimatbindung
dar als Freunde oder Verwandte.
Meistens ist das Hamster-Syndrom harmlos. Die Dinge sammeln sich an,
weil wir zu faul für gründliches Ausmisten sind. Kritisch
wird es, wenn wir es nicht über das Herz bringen, unsere Schubfächer
und Schränke zu entsorgen.
Wenn Sie eine solche sentimentale Haltung zu Ihren Besitztümern
entdecken, sollten Sie möglichst noch heute mit einer energischen
Wegwerfaktion gegensteuern. Alte Kinokarten, Poster, Briefe, Plaketten,
leere Cremedosen, nicht mehr passende oder altmodische Kleidung - weg
damit! Je älter wir werden, desto mehr werden diese Dinge zu einem
Bestandteil unseres Ich. Wir fangen an zu glauben, ein Stück von
uns selbst und unserem Leben zu vernichten, wenn wir uns von alten Besitztümern
trennen. Alte Leute, die einsam sind, finden dann in ihren Besitztümern
Trost in ihrem Alleinsein.
Erinnerungen existieren letztlich nur in unserem Bewußtsein.
Materielle Dingen wirken dagegen wie handgreifliche Beweise, daß
unser vergangenes Leben einen Sinn hatte. Wie greifbare Zeugen schöner
und schlimmer Stunden. Doch dahinter steckt ein Trugschluß. Diese
Dinge erhalten ihren sentimentalen Stellenwert nur dadurch, daß
wir sie mit der geistigen Erinnerung verknüpfen. Für andere
wirken sie nur wie wertloser Krimskrams.
Die persönliche Vergangenheit zu dokumentieren, kann sinnvoll
sein - wenn Sie daraus ein systematisches Hobby entwickeln. Zum Beispiel
alte Kinoplakate sammeln und Ihre Sammlung gezielt ergänzen. Alles
übrige gehört dagegen in den Müll.
Auszumisten ist alles andere als leicht. Es verlangt, bewußt
das Risiko einzugehen, auch etwas wegzuwerfen, was man später einmal
vermißt. Das werden aber Ausnahmefälle sein. Und die meisten
Dinge sind ersetzbar. Wenn Sie die Mietkosten für Ihr unsystematisches
Sammelsurium bedenken, kommt das Neukaufen eines übereifrig weggeworfenen
Gegenstandes billiger als alles aufzuheben, was jemals in Ihre Hände
geriet.
So gehen Sie vor:
Holen Sie sich große Kartons (viele Supermärkte geben kostenlos
nicht mehr gebrauchtes Verpackungsmaterial ab).
Numerieren Sie sie in unterschiedlichen Farben. Zum Beispiel rot für
"Aufheben", schwarz für "wegschmeißen", grün für
"verschenken" und blau für "ich bin mir unsicher".
Dann fangen Sie mit einer Schublade an, gehen dann zur zweiten über
usw. Niemals überall gleichzeitig anfangen!
Wenn Sie ein Viertel Ihrer Schränke geschafft haben, überprüfen
Sie, wieviel Sie bisher in welche Sorte Kartons getan haben. Sollten
die blau numerierten übervoll, aber die schwarzen noch fast leer
sein - legen Sie eine Pause ein und überprüfen Sie Ihre Einstellung
zu Ihrer Aufräumaktion!
Wenn Sie gar nicht entscheiden können, was Sie aufheben sollen
und was nicht: folgende Hilfskriterien haben sich in der Praxis bewährt:
* Habe ich es länger als ein Jahr nicht benutzt?
* Hat es einen außergewöhnlichen Wert für mich? (Darauf
sollten Sie bei mindestens drei Viertel aller Objekte mit Nein antworten.)
* Besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß ich es noch mal
brauche?
* Wenn es durch Einbruch oder Diebstahl verloren ginge, würde ich
es ernsthaft vermissen?