Am Anfang steht der Entschluß,
eine Diät durchzuführen. Meist in den Jahren vor und während
der Pubertät. Eine neue Studie zeigt, daß neuerdings schon
Fünfjährige sich zu dick finden, obwohl es objektiv nicht stimmt,
und sich Schlankheitskuren unterziehen. Bei den 9 bis 14jährigen
sind es bereits 9 Prozent der Mädchen und 4 Prozent der Jungen. Die
Zahl der Kinder, die Schlankheitskuren durchführen, verdoppelte sich
in den letzten Jahren (4 Prozent der Mädchen, 2 Prozent der Jungen.)
Ein Kind, das sich bisher kaum durchsetzen konnte oder häufig
gehänselt wurde, findet auf einmal Bewunderung wegen seiner Konsequenz,
der Selbstbeherrschung, der schlanken Figur. Die positiven Reaktionen
der Umwelt verstärken den Entschluß, das Hungern noch zu
verstärken - insbesondere, wenn nach einiger Zeit die erstaunten
Rückmeldungen nachlassen, weil sich Familie und Mitschüler
an den neuen Zustand gewöhnen. Die Portionen werden immer kleiner,
bestehen fast nur noch aus Obst, Gemüse, Joghurt und Knäckebrot,
statt dessen immer mehr Flüssigkeit (bis zu sechs Liter am Tag)
und exzessiver Sport, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen.
Allmählich weicht die Bewunderung der Umwelt wachsender Besorgnis.
Die Eltern beginnen ihren Sprößling zum Essen zu nötigen.
Dem widersetzt er oder sie sich offen oder durch allerlei Umgehungsmanöver.
Ein Machtkampf entbrennt.
Nichtbetroffene glauben meist, es genüge der bloße Wille,
um zu normalem Essen zurückzukehren. Ist der Wille nicht vorhanden,
fehle lediglich die Einsicht. In Wahrheit ist zu diesem Zeitpunkt die
Schwelle zur Sucht schon überschritten. Das bedeutet, die Tochter
oder der Sohn kann nicht mehr aus freien Stücken zu früheren
Eßgewohnheiten zurückkehren. Der Körper ist nach dem
Hungern süchtig geworden. Die Abwehr gegen die gutgemeinten Überzeugungsversuche
von Eltern und Freund(inn)en ist nicht bloße Sturheit, sondern
eine Folge seelischer Veränderungen.
Während sich die Eltern sorgen, erleben die süchtigen Kinder
eine unbeschreibliche Euphorie. Welch ein Triumph, wenn die mühsam
erhungerte Gewichtsmarke noch einmal unterschritten wurde! Beim Blick
in den Spiegel sehen die meisten von ihnen keine Hungergestalt, sondern
betrachten den eingefallenen Bauch mit Wohlgefallen. Der Körper
wird nicht realistisch wahrgenommen, sondern dicker als er in Wirklichkeit
ist. Diese "Körperschema"-Störung resultiert aus den ersten
krankhaften Folgen des Hungerns. Der Körper ist geschwächt
und fühlt sich daher subjektiv schwerer und damit dicker an als
er ist.
Die empfundene Euphorie ist - objektiv gesehen - eine wohlgemeinte
Täuschung. Mit Ausschüttung von Glückshormonen überdeckt
der Körper die unangenehmen Empfindungen, die extremer Hunger mit
sich bringt - ein Anpassungsleistung der Evolution an Nahrungsknappheit
in der Urzeit. Schon fastende Mönche und Nonnen des Mittelalters
berichteten über ekstatische Gefühle.
Magersüchtige spüren deshalb in dieser Phase widersprüchliche
Empfindungen. Einerseits den Triumph, eigene Grenzen überwunden
zu haben. Andererseits mehren sich Müdigkeit, Gereiztheit, Konzentrationsmängel
und ein ständiges Frieren, weil der Körper aus Energiemangel
Probleme hat, die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Nicht wenige
reagieren darauf, indem sie sich mit immer mehr Kleidung nicht nur gegen
die empfundene Kälte, sondern auch gegen die Kritik der Familie
an ihren hervorstehenden Rippen abschotten.
Der Körper muß, um trotz des Nahrungsmangels lebensfähig
zu bleiben, seine energieverbrauchenden Körperfunktionen so weit
wie möglich herunterfahren. Deswegen setzt bald nach den ersten
schnellen Abnahmeerfolgen bei den Mädchen die Menstruation aus.
Jungen werden impotent. Die nicht mehr benötigte Verdauung wird
auf ein Minimum reduziert. Darmträgheit ist die Folge. Der Magen
kann nur noch kleine Nahrungsmengen verarbeiten - jeder weiß,
daß man sich nach langem Fasten erst wieder allmählich ans
Essen gewöhnen muß. Ein weiterer Grund, warum Magersüchtige
zwar kraft eigenem Willen mit Hungern anfangen, aber nicht ohne weiteres
wieder damit aufhören können.
Da das Gehirn 20 Prozent aller Energie verbraucht, lassen außerdem
Denk- und Koordinationsfähigkeiten nach. Die Wahrnehmung wird eingeengt,
und zwar auf das, was dem Körper am meisten fehlt: das Essen. Jedes
gegessene oder vermiedene Salatblatt kann Gegenstand stundenlangen Phantasierens
werden. Zwanghafte Verhaltensweisen, wie Wasch- oder Ordnungsfanatismus,
kommen hinzu. Hirnuntersuchungen zeigten, daß sich bei Magersüchtigen
Verarbeitungsmechanismen im Gehirn ändern. Die anfänglich
Euphorie wird durch Depressionen, einem Gefühl allgemeiner Sinnlosigkeit,
abgelöst.
Die Magersüchtigen unterschätzen in der Regel die gesundheitlichen
Folgen ihres Hungerns. Da die Medien meist nur über Risiken von
Übergewicht berichten, wirkt extreme Schlankheit auf den ersten
Blick extrem gesund. Ein verhängnisvoller Irrtum. Durch das Hungern
entsteht ein Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen, insbesondere
an Eiweißen, die für die Enzym- und Hormonbildung wichtig
sind. Ohne sie funktionieren wichtige Körperfunktionen nicht mehr
richtig. Leber, Nieren und Blut verändern sich krankhaft. Das Immunsystem
arbeitet nur noch mit halber Kraft. Infekte nehmen zu.
Die Ursachen der Magersucht sind vielschichtig. Das Schlankheitsideal
der Models liefert eine gefährlich irreale Zielvorgabe. Zwei Forscher
aus Ontario (Kanada) haben kürzlich die Maße von 240 Models
analysiert und festgestellt, daß etwa acht von zehn Models weniger
als 85 Prozent ihres Ideal-Gewichts wogen. Das ist die klinische Grenze
zur Magersucht.
Die Sucht nach der Schlankheit entsteht aber erst aus einer Kombination
dieses Schlankheitsideals mit Charaktereigenheiten in der sensiblen
Lebensphase der Pubertät und familiären Konstellationen. Aus
den Befragungen von Betroffenen ergibt sich, daß meist eine subtile
Form von Widerstand der Auslöser war. Beim Erwachsenwerden verändert
sich das Mädchen körperlich und erlebt diese Wandlungen als
von der Natur aufgezwungenes Schicksal. Zugleich tragen die Angehörigen
mit sanftem Druck Erwartungen an sie heran. So manche überangepaßte
Tochter, die sich diese Erwartungen verinnerlicht, versucht dann den
Forderungen stärker zu entsprechen als verlangt. Die Mahnung "Iß
nicht zuviel, damit du nicht dick wirst" oder die Hänseleien einer
Mitschülerin wegen des sich rundenden Körpers lösen eine
Diät aus. Manchmal hat die Mutter eine Diät gemacht und nicht
durchgehalten. Ihre Tochter will nun beweisen, daß sie es besser
kann.
Schlankheitswahn und demonstrativer Leistungswille in ihrer Kombination
verursachen Magersucht. Das Ideal ist nicht nur die schlanke, sondern
die schlanke, starke Frau. Fehlt es an Betätigungsfeldern nach
außen, die Erfolgserlebnisse schaffen könnte, beweisen die
Heranwachsenden sich ihre Stärke an sich selbst. Eine Heilung ist
nicht durch die Aufforderung, mehr zu essen, zu erreichen. Zuerst muß
die Sucht geheilt werden, und das setzt die Einsicht der Betroffenen
voraus, magersüchtig zu sein. Die Chancen, allein zu gesundem Eßverhalten
zurückzufinden, sind um so geringer, je länger die Betroffenen
schon hungern. Die besondere Schwierigkeit der Heilung liegt darin,
daß man Essen nicht wie eine Droge einfach aufgeben kann.
Eine Therapie wird die individuelle Suchtgeschichte aufarbeiten und
Eßverhalten neu lernen. Anfangs wird man die Nahrungsmengen nur
gering erhöhen können. Angehörige, die bei ersten Erfolgen
rufen "Toll, wie du wieder zunimmst" können bei der erschrockenen
Tochter einen irreparablen Rückfall auslösen. Wer rasch zunimmt,
will meist nur eine schnelle Entlassung aus der Behandlung erreichen,
um dann erneut hungern zu können. Eine Behandlung der Sucht durch
Medikamente, wie es etwa bei Nikotinentwöhnung möglich ist,
ist bei Magersucht nur eingeschränkt möglich.
Eine Studie der Uni Heidelberg, die die Folgen von Magersucht über
20 Jahre erforschte, ergab: Ein Sechstel der Patientinnen war infolge
der Magersucht verstorben (an Infektionen, Körperabbau oder Selbstmord
infolge Depressionen), 10 Prozent litten auch über 20 Jahre später
noch am Vollbild einer Magersucht, nur jede Zweite konnte als vollständig
geheilt gelten. Ein Fünftel leidet lebenslang an einem Teil der
Symptome. Die besten Prognosen haben Patientinnen, die sich frühzeitig
in Behandlung begeben.
Die Aufklärung in den Medien sorgt dafür, daß die ersten
Symptome häufiger als früher erkannt werden. Wenn sofort eine
entschiedene Behandlung einsetzt, bestehen gute Chancen auf vollständige
Heilung.
- Mehr über Bulimie lesen Sie in zwei anderen Ego-net.de Artikel
und zwar in der nächsten Ausgabe
oder unserer 8. Ausgabe
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Dr. Frank Naumann: Erste Hilfe für die Seele
Beistand in Notsituationen, Lebenskrisen und Konflikten
Verlag Gesundheit, Berlin 1996, ISBN: 3333007592, DM 29,90
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Prof. Dr. med. Gisela Ehle: Ich finde nicht mein Maß. Magersüchtig,
eßsüchtig, eßbrechsüchtig? Verlag Gesundheit Berlin
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