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Ausgabe 02/2001
Unser Titelthema
Schlank bis zum Verhungern
Magersucht - ihre Entstehung und ihre Folgen

1999 berichtete EGO-Net schon einmal über Magersucht. Wegen des großen Interesses, welches dieses Thema bei unseren LeserInnen gefunden hat, informieren wir Sie heute detaillierter und fügen neueste Erkenntnisse hinzu.

 
Unsere Themen:
Unser Titelthema:
Schlank bis zum Verhungern
Magersucht - ihre Entstehung und ihre Folgen
Unsere Serie
„Typisch Frau – Typisch Mann“
Teil 13:

Männliche Logik und weibliche Intuition
Wie verschieden die Geschlechter ihre Umwelt wahrnehmen
Rationell lesen
Zeit sparen durch effektive Informationsaufnahme
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Schwarze Schafe auf dem Gesundheitsmarkt

Das Hamster-Syndrom
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Am Anfang steht der Entschluß, eine Diät durchzuführen. Meist in den Jahren vor und während der Pubertät. Eine neue Studie zeigt, daß neuerdings schon Fünfjährige sich zu dick finden, obwohl es objektiv nicht stimmt, und sich Schlankheitskuren unterziehen. Bei den 9 bis 14jährigen sind es bereits 9 Prozent der Mädchen und 4 Prozent der Jungen. Die Zahl der Kinder, die Schlankheitskuren durchführen, verdoppelte sich in den letzten Jahren (4 Prozent der Mädchen, 2 Prozent der Jungen.)

Ein Kind, das sich bisher kaum durchsetzen konnte oder häufig gehänselt wurde, findet auf einmal Bewunderung wegen seiner Konsequenz, der Selbstbeherrschung, der schlanken Figur. Die positiven Reaktionen der Umwelt verstärken den Entschluß, das Hungern noch zu verstärken - insbesondere, wenn nach einiger Zeit die erstaunten Rückmeldungen nachlassen, weil sich Familie und Mitschüler an den neuen Zustand gewöhnen. Die Portionen werden immer kleiner, bestehen fast nur noch aus Obst, Gemüse, Joghurt und Knäckebrot, statt dessen immer mehr Flüssigkeit (bis zu sechs Liter am Tag) und exzessiver Sport, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen. Allmählich weicht die Bewunderung der Umwelt wachsender Besorgnis. Die Eltern beginnen ihren Sprößling zum Essen zu nötigen. Dem widersetzt er oder sie sich offen oder durch allerlei Umgehungsmanöver. Ein Machtkampf entbrennt.

Nichtbetroffene glauben meist, es genüge der bloße Wille, um zu normalem Essen zurückzukehren. Ist der Wille nicht vorhanden, fehle lediglich die Einsicht. In Wahrheit ist zu diesem Zeitpunkt die Schwelle zur Sucht schon überschritten. Das bedeutet, die Tochter oder der Sohn kann nicht mehr aus freien Stücken zu früheren Eßgewohnheiten zurückkehren. Der Körper ist nach dem Hungern süchtig geworden. Die Abwehr gegen die gutgemeinten Überzeugungsversuche von Eltern und Freund(inn)en ist nicht bloße Sturheit, sondern eine Folge seelischer Veränderungen.

Während sich die Eltern sorgen, erleben die süchtigen Kinder eine unbeschreibliche Euphorie. Welch ein Triumph, wenn die mühsam erhungerte Gewichtsmarke noch einmal unterschritten wurde! Beim Blick in den Spiegel sehen die meisten von ihnen keine Hungergestalt, sondern betrachten den eingefallenen Bauch mit Wohlgefallen. Der Körper wird nicht realistisch wahrgenommen, sondern dicker als er in Wirklichkeit ist. Diese "Körperschema"-Störung resultiert aus den ersten krankhaften Folgen des Hungerns. Der Körper ist geschwächt und fühlt sich daher subjektiv schwerer und damit dicker an als er ist.

Die empfundene Euphorie ist - objektiv gesehen - eine wohlgemeinte Täuschung. Mit Ausschüttung von Glückshormonen überdeckt der Körper die unangenehmen Empfindungen, die extremer Hunger mit sich bringt - ein Anpassungsleistung der Evolution an Nahrungsknappheit in der Urzeit. Schon fastende Mönche und Nonnen des Mittelalters berichteten über ekstatische Gefühle.

Magersüchtige spüren deshalb in dieser Phase widersprüchliche Empfindungen. Einerseits den Triumph, eigene Grenzen überwunden zu haben. Andererseits mehren sich Müdigkeit, Gereiztheit, Konzentrationsmängel und ein ständiges Frieren, weil der Körper aus Energiemangel Probleme hat, die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Nicht wenige reagieren darauf, indem sie sich mit immer mehr Kleidung nicht nur gegen die empfundene Kälte, sondern auch gegen die Kritik der Familie an ihren hervorstehenden Rippen abschotten.

Der Körper muß, um trotz des Nahrungsmangels lebensfähig zu bleiben, seine energieverbrauchenden Körperfunktionen so weit wie möglich herunterfahren. Deswegen setzt bald nach den ersten schnellen Abnahmeerfolgen bei den Mädchen die Menstruation aus. Jungen werden impotent. Die nicht mehr benötigte Verdauung wird auf ein Minimum reduziert. Darmträgheit ist die Folge. Der Magen kann nur noch kleine Nahrungsmengen verarbeiten - jeder weiß, daß man sich nach langem Fasten erst wieder allmählich ans Essen gewöhnen muß. Ein weiterer Grund, warum Magersüchtige zwar kraft eigenem Willen mit Hungern anfangen, aber nicht ohne weiteres wieder damit aufhören können.

Da das Gehirn 20 Prozent aller Energie verbraucht, lassen außerdem Denk- und Koordinationsfähigkeiten nach. Die Wahrnehmung wird eingeengt, und zwar auf das, was dem Körper am meisten fehlt: das Essen. Jedes gegessene oder vermiedene Salatblatt kann Gegenstand stundenlangen Phantasierens werden. Zwanghafte Verhaltensweisen, wie Wasch- oder Ordnungsfanatismus, kommen hinzu. Hirnuntersuchungen zeigten, daß sich bei Magersüchtigen Verarbeitungsmechanismen im Gehirn ändern. Die anfänglich Euphorie wird durch Depressionen, einem Gefühl allgemeiner Sinnlosigkeit, abgelöst.

Die Magersüchtigen unterschätzen in der Regel die gesundheitlichen Folgen ihres Hungerns. Da die Medien meist nur über Risiken von Übergewicht berichten, wirkt extreme Schlankheit auf den ersten Blick extrem gesund. Ein verhängnisvoller Irrtum. Durch das Hungern entsteht ein Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen, insbesondere an Eiweißen, die für die Enzym- und Hormonbildung wichtig sind. Ohne sie funktionieren wichtige Körperfunktionen nicht mehr richtig. Leber, Nieren und Blut verändern sich krankhaft. Das Immunsystem arbeitet nur noch mit halber Kraft. Infekte nehmen zu.

Die Ursachen der Magersucht sind vielschichtig. Das Schlankheitsideal der Models liefert eine gefährlich irreale Zielvorgabe. Zwei Forscher aus Ontario (Kanada) haben kürzlich die Maße von 240 Models analysiert und festgestellt, daß etwa acht von zehn Models weniger als 85 Prozent ihres Ideal-Gewichts wogen. Das ist die klinische Grenze zur Magersucht.


Die Sucht nach der Schlankheit entsteht aber erst aus einer Kombination dieses Schlankheitsideals mit Charaktereigenheiten in der sensiblen Lebensphase der Pubertät und familiären Konstellationen. Aus den Befragungen von Betroffenen ergibt sich, daß meist eine subtile Form von Widerstand der Auslöser war. Beim Erwachsenwerden verändert sich das Mädchen körperlich und erlebt diese Wandlungen als von der Natur aufgezwungenes Schicksal. Zugleich tragen die Angehörigen mit sanftem Druck Erwartungen an sie heran. So manche überangepaßte Tochter, die sich diese Erwartungen verinnerlicht, versucht dann den Forderungen stärker zu entsprechen als verlangt. Die Mahnung "Iß nicht zuviel, damit du nicht dick wirst" oder die Hänseleien einer Mitschülerin wegen des sich rundenden Körpers lösen eine Diät aus. Manchmal hat die Mutter eine Diät gemacht und nicht durchgehalten. Ihre Tochter will nun beweisen, daß sie es besser kann.

Schlankheitswahn und demonstrativer Leistungswille in ihrer Kombination verursachen Magersucht. Das Ideal ist nicht nur die schlanke, sondern die schlanke, starke Frau. Fehlt es an Betätigungsfeldern nach außen, die Erfolgserlebnisse schaffen könnte, beweisen die Heranwachsenden sich ihre Stärke an sich selbst. Eine Heilung ist nicht durch die Aufforderung, mehr zu essen, zu erreichen. Zuerst muß die Sucht geheilt werden, und das setzt die Einsicht der Betroffenen voraus, magersüchtig zu sein. Die Chancen, allein zu gesundem Eßverhalten zurückzufinden, sind um so geringer, je länger die Betroffenen schon hungern. Die besondere Schwierigkeit der Heilung liegt darin, daß man Essen nicht wie eine Droge einfach aufgeben kann.

Eine Therapie wird die individuelle Suchtgeschichte aufarbeiten und Eßverhalten neu lernen. Anfangs wird man die Nahrungsmengen nur gering erhöhen können. Angehörige, die bei ersten Erfolgen rufen "Toll, wie du wieder zunimmst" können bei der erschrockenen Tochter einen irreparablen Rückfall auslösen. Wer rasch zunimmt, will meist nur eine schnelle Entlassung aus der Behandlung erreichen, um dann erneut hungern zu können. Eine Behandlung der Sucht durch Medikamente, wie es etwa bei Nikotinentwöhnung möglich ist, ist bei Magersucht nur eingeschränkt möglich.

Eine Studie der Uni Heidelberg, die die Folgen von Magersucht über 20 Jahre erforschte, ergab: Ein Sechstel der Patientinnen war infolge der Magersucht verstorben (an Infektionen, Körperabbau oder Selbstmord infolge Depressionen), 10 Prozent litten auch über 20 Jahre später noch am Vollbild einer Magersucht, nur jede Zweite konnte als vollständig geheilt gelten. Ein Fünftel leidet lebenslang an einem Teil der Symptome. Die besten Prognosen haben Patientinnen, die sich frühzeitig in Behandlung begeben.

Die Aufklärung in den Medien sorgt dafür, daß die ersten Symptome häufiger als früher erkannt werden. Wenn sofort eine entschiedene Behandlung einsetzt, bestehen gute Chancen auf vollständige Heilung.

Mehr über Bulimie lesen Sie in zwei anderen Ego-net.de Artikel und zwar in der nächsten Ausgabe oder unserer 8. Ausgabe

Mehr Informationen mit Fallberichten und medizinischen Hintergründen bietet unser Lesetip:

Dr. Frank Naumann: Erste Hilfe für die Seele
Beistand in Notsituationen, Lebenskrisen und Konflikten
Verlag Gesundheit, Berlin 1996, ISBN: 3333007592, DM 29,90 
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Prof. Dr. med. Gisela Ehle: Ich finde nicht mein Maß. Magersüchtig, eßsüchtig, eßbrechsüchtig? Verlag Gesundheit Berlin (MEDICUS-Reihe), DM 19,80.

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