Auch letztes Weihnachten lagen wieder Millionen
Märchenbücher unter den Tannenbäumen in
friedlicher Koexistenz mit Computerspielen und
technischem Spielzeug. Machen Sie einmal eine private
Umfrage unter Ihren Freunden, und Sie werden
feststellen: Fast jeder kann auf Anhieb sein
Lieblingsmärchen nennen. Dabei haben die Grimmschen
"Klassiker" die Nase vorn. Nach einer
Umfrage der Allensbacher Meinungsforschungsinstitute
sind "Rotkäppchen", "Hänsel und
Gretel" und "Schneewittchen" am
beliebtesten. Märchen sind also nicht nur etwas für
Kinder. Sogar die gehobene Literatur profitiert von
dem Schatz traditioneller Überlieferungen. Im
"Butt" von Nobelpreisträger Günter Grass
lenkt der Fisch aus "Der Fischer und seine
Frau" die Geschicke. Lateinamerikanische Autoren
haben eine ganze literarische Richtung geschaffen,
die auf Märchen basiert den magischen
Realismus. Zu ihren Hauptvertretern gehören
Nobelpreisträger wie Gabriel García Márquez,
Bestsellerautoren wie Isabel Allende oder der von
Fundamentalisten verfolgte Salman Rushdie.
Was ist das Geheimnis der Märchen? Sie lehrten
uns als Kinder grundlegende Werte und machten uns
zugleich mit wichtigen Symbolen unserer Kultur
vertraut. Erinnern Sie sich noch an die Genugtuung,
als der böse Stiefmutter Schneewittchens endlich die
verdiente Strafe erhielt oder der Prinz endlich das
Dornröschen wach küßte. Wir lernten Grundlegendes
über Gut und Böse, Arm und Reich, Geiz und
Großzügigkeit, Neid und Liebe, Strafe und
Belohnung. Kinder erfahren außerdem, daß die Welt
voll von Konflikten ist, daß es möglich ist, sie zu
lösen, daß man nicht jedem vertrauen kann, daß man
Verbündete braucht, daß Phantasie und Mut uns im
Leben weiter bringen und vieles mehr. Sie lernen
außerdem, mit Ängsten umzugehen, sowohl die
Grausamkeiten als auch die schönen Seiten des Lebens
zu verstehen.
Der berühmteste Schüler von Sigmund Freud, Carl
Gustav Jung, vertrat die These, daß wir alle über
einen angeborenen Schatz seelischer Archetypen
verfügen, die in Märchen Gestalt gewinnen. Berühmt
wurde Jung für seine Theorie der Archetypen. Es
handelt sich um überindividuelle Symbole, die auf
das kulturelle Erbe der Menschheit verweisen.
Grundlage war Jungs Beobachtung, daß in den Träumen
seiner Patienten immer wieder die gleichen Symbole
auftauchen, und zwar solche, wie man sie auch in
Märchen oder Sagen findet: Pferd, Wasser, dunkler
Mann, Feengestalt und ähnliches. Jung hielt die
Archetypen für ererbt, eine Ansicht, die die moderne
Traumforschung nicht mehr teilt, weil sie mit den
Ergebnissen der Evolutionsbiologie nicht zu
vereinbaren ist. Wir sehen die Häufigkeit
märchenhafter Symbole heute vielmehr darin, daß sie
den Inhalt der Geschichten unserer frühen Kindheit
bildeten. Was wir in den ersten Lebensjahren
erfuhren, ist besonders tief in unserer
Persönlichkeit verankert und taucht deshalb
bevorzugt im Traum wieder an die Oberfläche.
Neben dem großen Schatz an Volksmärchen, wie sie
bei uns von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden,
verfügen wir seit der Romantik (ab Ende des 18.
Jahrhunderts) über einen wachsenden Schatz an
Kunstmärchen. Die Grimmschen Märchen sind immer
noch nach der Bibel das
zweitmeistgelesene Buch der Deutschen. Sie liefern
für Vorschulkinder die idealen Geschichten mit einem
hohen Erziehungspotential. Kunstmärchen, wie die
mehr als 30 Seiten umfassende
"Schneekönigin" des Dänen Hans Christian
Andersen oder "Das kalte Herz" von Wilhelm
Hauff, können meist erst im Schulalter gewürdigt
und richtig verstanden werden.
Märchen vorlesen schafft einen engen
kommunikativen Kontakt zwischen Eltern und Kind.
Kleinere Kinder legen oft großen Wert darauf, daß
ein bestimmtes Märchen immer im gleichen Wortlauf
vorgetragen wird. Bestimmte Märchen können von
Eltern gezielt als pädagogisches Mittel eingesetzt
werden, vorausgesetzt, sie respektieren das
Bedürfnis des Kindes, seine eigenen
Schlußfolgerungen zu ziehen. Einige Beispiele:
| Seelisches
Problem: |
Geeignetes
Märchen: |
| Umgang mit
Geschwisterkonflikten |
Aschenputtel |
| Mutmacher gegen
Ängste |
Das tapfere
Schneiderlein; Von einem der auszog, das
Fürchten zu lernen
|
| Gefühlswärme,
Schulung emotionaler Intelligenz |
Der süße Brei Sternthaler
|
| Selbständiges
Bewältigen von Schwierigkeiten |
Hänsel und
Gretel |
Und nicht zu vergessen, daß Märchen uns lehren,
daß Wünsche wahr werden können meist durch
eine Kombination von Glück und eigener Anstrengung.
Manche Märchen sind tatsächlich wahr geworden
zumindest für ihre Autoren. Die Brüder Grimm
wurden durch ihre Sammlung bekannter als durch ihre
wissenschaftliche Arbeit als Germanisten und ihr
umfangreiches Wörterbuch. Verfasser von
Kunstmärchen wie Wilhelm Hauff, Hans Christian
Andersen, Lewis Carroll ("Alice im
Wunderland"), L. Frank Baum ("Der Zauberer
von Oz"), J. R. R. Tolkien ("Der Herr der
Ringe"), Michael Ende ("Die unendliche
Geschichte", "Momo") oder Joanne
Rowling ("Harry Potter") brachten es zu
Weltruhm und in manchen Fällen zu einem
beträchtlichen Vermögen.