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Ausgabe 02/2000
Es war einmal ...
Märchen als Heilmittel für die Seele

Winterzeit – Märchenzeit. Seit Jahrhunderten lesen Mütter und Großmütter an langen Winterabenden den kleinsten phantastische Geschichten über den ewigen Kampf von Gut und Böse vor. Warum Märchen so beliebt sind und welchen Nutzen sie haben, lesen Sie bei EGONet.
 

Auch letztes Weihnachten lagen wieder Millionen Märchenbücher unter den Tannenbäumen – in friedlicher Koexistenz mit Computerspielen und technischem Spielzeug. Machen Sie einmal eine private Umfrage unter Ihren Freunden, und Sie werden feststellen: Fast jeder kann auf Anhieb sein Lieblingsmärchen nennen. Dabei haben die Grimmschen "Klassiker" die Nase vorn. Nach einer Umfrage der Allensbacher Meinungsforschungsinstitute sind "Rotkäppchen", "Hänsel und Gretel" und "Schneewittchen" am beliebtesten. Märchen sind also nicht nur etwas für Kinder. Sogar die gehobene Literatur profitiert von dem Schatz traditioneller Überlieferungen. Im "Butt" von Nobelpreisträger Günter Grass lenkt der Fisch aus "Der Fischer und seine Frau" die Geschicke. Lateinamerikanische Autoren haben eine ganze literarische Richtung geschaffen, die auf Märchen basiert – den magischen Realismus. Zu ihren Hauptvertretern gehören Nobelpreisträger wie Gabriel García Márquez, Bestsellerautoren wie Isabel Allende oder der von Fundamentalisten verfolgte Salman Rushdie.

Was ist das Geheimnis der Märchen? Sie lehrten uns als Kinder grundlegende Werte und machten uns zugleich mit wichtigen Symbolen unserer Kultur vertraut. Erinnern Sie sich noch an die Genugtuung, als der böse Stiefmutter Schneewittchens endlich die verdiente Strafe erhielt oder der Prinz endlich das Dornröschen wach küßte. Wir lernten Grundlegendes über Gut und Böse, Arm und Reich, Geiz und Großzügigkeit, Neid und Liebe, Strafe und Belohnung. Kinder erfahren außerdem, daß die Welt voll von Konflikten ist, daß es möglich ist, sie zu lösen, daß man nicht jedem vertrauen kann, daß man Verbündete braucht, daß Phantasie und Mut uns im Leben weiter bringen und vieles mehr. Sie lernen außerdem, mit Ängsten umzugehen, sowohl die Grausamkeiten als auch die schönen Seiten des Lebens zu verstehen.

Der berühmteste Schüler von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, vertrat die These, daß wir alle über einen angeborenen Schatz seelischer Archetypen verfügen, die in Märchen Gestalt gewinnen. Berühmt wurde Jung für seine Theorie der Archetypen. Es handelt sich um überindividuelle Symbole, die auf das kulturelle Erbe der Menschheit verweisen. Grundlage war Jungs Beobachtung, daß in den Träumen seiner Patienten immer wieder die gleichen Symbole auftauchen, und zwar solche, wie man sie auch in Märchen oder Sagen findet: Pferd, Wasser, dunkler Mann, Feengestalt und ähnliches. Jung hielt die Archetypen für ererbt, eine Ansicht, die die moderne Traumforschung nicht mehr teilt, weil sie mit den Ergebnissen der Evolutionsbiologie nicht zu vereinbaren ist. Wir sehen die Häufigkeit märchenhafter Symbole heute vielmehr darin, daß sie den Inhalt der Geschichten unserer frühen Kindheit bildeten. Was wir in den ersten Lebensjahren erfuhren, ist besonders tief in unserer Persönlichkeit verankert und taucht deshalb bevorzugt im Traum wieder an die Oberfläche.

Neben dem großen Schatz an Volksmärchen, wie sie bei uns von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden, verfügen wir seit der Romantik (ab Ende des 18. Jahrhunderts) über einen wachsenden Schatz an Kunstmärchen. Die Grimmschen Märchen sind immer noch – nach der Bibel – das zweitmeistgelesene Buch der Deutschen. Sie liefern für Vorschulkinder die idealen Geschichten mit einem hohen Erziehungspotential. Kunstmärchen, wie die mehr als 30 Seiten umfassende "Schneekönigin" des Dänen Hans Christian Andersen oder "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff, können meist erst im Schulalter gewürdigt und richtig verstanden werden.

Märchen vorlesen schafft einen engen kommunikativen Kontakt zwischen Eltern und Kind. Kleinere Kinder legen oft großen Wert darauf, daß ein bestimmtes Märchen immer im gleichen Wortlauf vorgetragen wird. Bestimmte Märchen können von Eltern gezielt als pädagogisches Mittel eingesetzt werden, vorausgesetzt, sie respektieren das Bedürfnis des Kindes, seine eigenen Schlußfolgerungen zu ziehen. Einige Beispiele:

Seelisches Problem: Geeignetes Märchen:
Umgang mit Geschwisterkonflikten Aschenputtel
Mutmacher gegen Ängste Das tapfere Schneiderlein;

Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen

Gefühlswärme, Schulung emotionaler Intelligenz Der süße Brei

Sternthaler

Selbständiges Bewältigen von Schwierigkeiten Hänsel und Gretel

Und nicht zu vergessen, daß Märchen uns lehren, daß Wünsche wahr werden können – meist durch eine Kombination von Glück und eigener Anstrengung. Manche Märchen sind tatsächlich wahr geworden – zumindest für ihre Autoren. Die Brüder Grimm wurden durch ihre Sammlung bekannter als durch ihre wissenschaftliche Arbeit als Germanisten und ihr umfangreiches Wörterbuch. Verfasser von Kunstmärchen wie Wilhelm Hauff, Hans Christian Andersen, Lewis Carroll ("Alice im Wunderland"), L. Frank Baum ("Der Zauberer von Oz"), J. R. R. Tolkien ("Der Herr der Ringe"), Michael Ende ("Die unendliche Geschichte", "Momo") oder Joanne Rowling ("Harry Potter") brachten es zu Weltruhm und in manchen Fällen zu einem beträchtlichen Vermögen.

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