- Sie können nicht "Nein" sagen,
wenn Sie jemand um einen Gefallen bittet?
- Selbst bei Dingen, die Ihnen zuwider sind,
lassen Sie sich überreden, wenn man Sie
lange genug bekniet oder unter moralischen
Druck setzt?
- Wenn jemand mit einem Problem zu Ihnen kommt,
nehmen Sie sich Zeit und lassen selbst
wichtige Angelegenheiten liegen?
- Wenn Sie Gäste haben und deren Kaffeetassen
sind noch halb voll, springen Sie schon auf,
um eine neue Kanne aufzubrühen?
- Sie haben das Gefühl, sich mehr um andere zu
kümmern als die andern sich um Sie sorgen?
Wenn Sie mehr als eine Frage mit "Ja"
beantworten müssen, haben Sie ein Problem: Sie sind
zu gutmütig. Vielleicht gleichen Sie Ihre
übertriebene Freundlichkeit dadurch aus, daß Sie
gelegentlich ausrasten, den andern mal gründlich die
Meinung sagen und eine Weile nicht zu dem kleinsten
Entgegenkommen bereit sind.
Der Wutanfall ist jedoch nur die Kehrseite der
netten Alltagsfassade. Irgendwann ist das Faß voll
und läuft über. Was fehlt ist die Fähigkeit, auch
unter Druck seine Interessen zu wahren. Häufig
mangelt es an starkem Selbstbewußtsein. Was in
unserem zweiteiligen Beitrag in dieser und der
vorigen Ausgabe dazu geschrieben wurde, trifft auch
auf die Gutmütigen zu. Darüber hinaus leiden die
Gutmütigen an folgenden Formen der Selbstsabotage:
1. Fremdorientierung: Wer zu nett ist,
richtet seine Antennen auf das Wohlergehen anderer.
Das eigene Wohlbefinden hängt nur davon ab, wie es
gelingt, das Wohlgefühl der anderen zu steigern.
Dabei muß der Gutmütige die Erfahrung machen, daß
es nie gelingt, es allen recht zu machen. Wer die
Lieblingsmusik Tante Ernas auflegt, verärgert ihren
Neffen und umgekehrt. Wer das Lieblingsessen
des Gastes kocht, erhält vielleicht Dank für die
nette Geste, erfährt dann aber hinten herum, daß es
nicht gelang, die Speise so zu würzen und
anzurichten, wie der Gast es von zu Haus gewohnt ist.
Gutmütige erfahren meist wenig Respekt. Der
Grund: Wer sich an andere anzupassen versucht, zeigt
wenig eigenes Profil. Man weiß eigentlich gar nicht
so recht, wie sie sind, was ihre eigenen
Bedürfnisse, Wünsche, Vorlieben und Abneigungen
sind. Andere sehen daher nur selten in ihnen eine
eigenständige Persönlichkeit.
Was Sie tun können: Wie sind Sie?
Was ist Ihnen wichtig? Schreiben Sie in einer stillen
Stunde Ihr Persönlichkeitsprofil auf. In Zukunft
äußern Sie Ihre Bedürfnisse zumindest als
Vorschläge. "Ich würde gern ... (Gulasch
essen, nach dem Essen einen Spaziergang machen, im
Urlaub in Norwegen wandern ...)" Sie müssen
keine intelligente Begründung angeben. Wenn Sie auf
Nachfragen entgegnen, daß Ihnen das gefällt oder
gut tut, werden die andern sich mit Ihren Wünschen
auseinandersetzen müssen. Meist wird man einen
Kompromiß schließen. Sollten Sie bemerken, daß man
über Ihre Bedürfnisse einfach hinweggehen will,
wiederholen Sie Ihren Wunsch: "Ich sagte vorhin,
ich würde gern ... Ich möchte wissen, was ihr davon
haltet."
2. Oberflächlichkeit: Nettsein schützt
vor harten Auseinandersetzungen, Kritik und
Ablehnungen. Wer seine Bedürfnisse nicht nennt,
erfährt auch keine laut geäußerte Zurückweisung.
Aber dieser Friedensgewinn ist trügerisch. Denn in
Wahrheit hat der Gutmütige die Ablehnung schon
selbst vorweggenommen, indem er von vornherein auf
das verzichtete, was bei anderen auf Widerstand
stoßen könnte. Dadurch kann er nicht erfahren, daß
die anderen vielleicht zustimmen würden, ihm
entgegen kommen oder ihn gar unterstützen würden.
Die Chance, Wünsche erfüllt zu bekommen, hat nur,
wer sie auch äußert. Wer im Stillen hofft
"Wenn er/sie mich liebt, wird er/sie mir meine
Wünsche von den Augen ablesen" wird fast immer
enttäuscht. Denn man verlangt vom Partner eine Art
Hellsehen, die das realistisch mögliche Maß an
Einfühlungsvermögen in aller Regel übersteigt.
Doch die Folgen gehen noch weiter. Wenn über die
individuellen Vorlieben nicht gesprochen wird,
bleiben alle Gespräche bei unverbindlichem
Oberflächengeplauder stehen. Was einen wirklich
bewegt, erfreuen oder verletzen könnte, kommt nie
zur Sprache. Sicher, so bleibt man scheinbar
unangreifbar. Doch erstens können sich so kein
intimen Freundschaften entwickeln und zweitens ahnt
Ihr Gegenüber nicht, wenn er/sie bei Ihnen
unabsichtlich ins Fettnäpfchen tritt.
Was Sie tun können: Sprechen Sie
über Ihre Bedürfnisse, und zwar immer in Ich-Form.
Fangen Sie mit einfachen Alltagsdingen an. Aber sagen
Sie nie: "Es müßte mal jemand den Müll
`runtertragen." Dann fühlt sich niemand konkret
angesprochen. Alle ziehen den Kopf ein und hoffen,
daß Sie sich am Ende erbarmen werden wie Sie
es bisher immer taten. Sagen Sie: "Ich möchte,
daß du noch vor dem Abendbrot den Müll herunter
trägst." Antwortet der Angesprochene Ihnen mit
einem mauligen "Wieso ich?" verzichten Sie
wieder auf eine Begründung, die nur eine endlose
Diskussion auslöst. Sagen Sie nur "Ich möchte,
daß du es heute tust" und schlagen Sie vor,
beim Abendessen eine gerechte Aufteilung der
Pflichten für die Zukunft auszuhandeln. Sollte der
Angesprochene sich weigern, den Müll
herunterzutragen, ziehen Sie nicht murrend den Kopf
ein. Sagen Sie deutlich, daß Sie nicht einverstanden
sind und lassen Sie den Müll liegen!
3. Perfektionismus: Um am vorigen Beispiel
anzuknüpfen: oft werden Gutmütige ausgenutzt, weil
die andern Unordnung und Chaos länger ertragen als
Sie. Immer trägt derjenige den Müll hinunter, den
er zuerst stört also Sie. Mit dem Resultat,
daß Sie wütend werden: erst auf die andern und dann
auf sich. Da hilft nur lockerer werden. Gestatten Sie
sich und der Umwelt eine gewisses Maß an
Unvollkommenheit.
Was Sie tun können: Gewöhnen Sie
sich den Hang zu vorauseilendem Bereinigen von
Störfaktoren ab. Sie werden merken, mit wachsender
Gelassenheit fällt nicht nur eine ganze Menge von
Streß und Zeitknappheit von Ihnen ab, auch Ihre
Mitmenschen werden Sie sympathischer finden. Mit
Perfektionisten gibt sich nämlich niemand gern ab.
Das Bestreben, alles ständig in tadellosen Zustand
zu versetzen, wirkt auf andere wie unausgesprochene
Kritik am eigenen Schlendrian, der sie sich am
liebsten dadurch entziehen, daß sie der betreffenden
Person den Rücken zukehren.
4. Helfer-Syndrom: Die Gutmütigen wollen
gern anderen helfen. Ihre Antennen, ob die Hilfe auch
erwünscht ist, sind aber leider unterentwickelt. Sie
überhäufen daher ihre Mitmenschen oft mit
unangemessenen Ratschlägen. Das kleinste Kompliment
Ihres Gegenüber etwa: "Toll, dein
Kuchen" löst stundenlange Vorträge
über Rezepte, richtige Zubereitung, Gerätschaften,
Zutaten usw. aus bis hin zu Angeboten für gemeinsame
Backlektionen.
Was Sie tun können: Nehmen Sie
Komplimente dankend entgegen und freuen Sie sich
darüber. Hilfe oder Ratschläge bieten Sie aber nur
an, wenn Sie gefragt werden. In unserem Beispiel:
"Wie schaffst du es, den Teig so locker
hinzukriegen?" Dann antworten Sie genau auf die
Fragen und verkneifen sich weitergehende Angebote wie
gemeinsames Backen oder schriftliche Anleitungen
anzufertigen. Sie entwerten Ihre Hilfe und Ihre
Kompetenzen, wenn Sie allzu wohlfeil zur Verfügung
steht. Sagen Sie vor allem anderen nie, was sie tun
sollen, auch wenn Sie es in der Tat besser wissen.
Machen Sie bestenfalls Vorschläge: "Hast du
schon einmal überlegt, lieber ... zu
unternehmen?"