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Ausgabe 02/2000
Gutmütigkeit
Sind Sie zu nett für diese Welt?

In Märchen werden die treuherzigen Seelen am Ende belohnt – in der Wirklichkeit leider nicht. Bleibt uns nur die Wahl zwischen Ausgenutztwerden und kaltem Egoismus, der lächelnd über Leichen geht? Keineswegs. Siegertypen nehmen auf die Interessen anderer Rücksicht, ohne sich die Butter vom Brot klauen zu lassen.
 
  • Sie können nicht "Nein" sagen, wenn Sie jemand um einen Gefallen bittet?
  • Selbst bei Dingen, die Ihnen zuwider sind, lassen Sie sich überreden, wenn man Sie lange genug bekniet oder unter moralischen Druck setzt?
  • Wenn jemand mit einem Problem zu Ihnen kommt, nehmen Sie sich Zeit und lassen selbst wichtige Angelegenheiten liegen?
  • Wenn Sie Gäste haben und deren Kaffeetassen sind noch halb voll, springen Sie schon auf, um eine neue Kanne aufzubrühen?
  • Sie haben das Gefühl, sich mehr um andere zu kümmern als die andern sich um Sie sorgen?

Wenn Sie mehr als eine Frage mit "Ja" beantworten müssen, haben Sie ein Problem: Sie sind zu gutmütig. Vielleicht gleichen Sie Ihre übertriebene Freundlichkeit dadurch aus, daß Sie gelegentlich ausrasten, den andern mal gründlich die Meinung sagen und eine Weile nicht zu dem kleinsten Entgegenkommen bereit sind.

Der Wutanfall ist jedoch nur die Kehrseite der netten Alltagsfassade. Irgendwann ist das Faß voll und läuft über. Was fehlt ist die Fähigkeit, auch unter Druck seine Interessen zu wahren. Häufig mangelt es an starkem Selbstbewußtsein. Was in unserem zweiteiligen Beitrag in dieser und der vorigen Ausgabe dazu geschrieben wurde, trifft auch auf die Gutmütigen zu. Darüber hinaus leiden die Gutmütigen an folgenden Formen der Selbstsabotage:

1. Fremdorientierung: Wer zu nett ist, richtet seine Antennen auf das Wohlergehen anderer. Das eigene Wohlbefinden hängt nur davon ab, wie es gelingt, das Wohlgefühl der anderen zu steigern. Dabei muß der Gutmütige die Erfahrung machen, daß es nie gelingt, es allen recht zu machen. Wer die Lieblingsmusik Tante Ernas auflegt, verärgert ihren Neffen – und umgekehrt. Wer das Lieblingsessen des Gastes kocht, erhält vielleicht Dank für die nette Geste, erfährt dann aber hinten herum, daß es nicht gelang, die Speise so zu würzen und anzurichten, wie der Gast es von zu Haus gewohnt ist.

Gutmütige erfahren meist wenig Respekt. Der Grund: Wer sich an andere anzupassen versucht, zeigt wenig eigenes Profil. Man weiß eigentlich gar nicht so recht, wie sie sind, was ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Vorlieben und Abneigungen sind. Andere sehen daher nur selten in ihnen eine eigenständige Persönlichkeit.

Was Sie tun können: Wie sind Sie? Was ist Ihnen wichtig? Schreiben Sie in einer stillen Stunde Ihr Persönlichkeitsprofil auf. In Zukunft äußern Sie Ihre Bedürfnisse – zumindest als Vorschläge. "Ich würde gern ... (Gulasch essen, nach dem Essen einen Spaziergang machen, im Urlaub in Norwegen wandern ...)" Sie müssen keine intelligente Begründung angeben. Wenn Sie auf Nachfragen entgegnen, daß Ihnen das gefällt oder gut tut, werden die andern sich mit Ihren Wünschen auseinandersetzen müssen. Meist wird man einen Kompromiß schließen. Sollten Sie bemerken, daß man über Ihre Bedürfnisse einfach hinweggehen will, wiederholen Sie Ihren Wunsch: "Ich sagte vorhin, ich würde gern ... Ich möchte wissen, was ihr davon haltet."

2. Oberflächlichkeit: Nettsein schützt vor harten Auseinandersetzungen, Kritik und Ablehnungen. Wer seine Bedürfnisse nicht nennt, erfährt auch keine laut geäußerte Zurückweisung. Aber dieser Friedensgewinn ist trügerisch. Denn in Wahrheit hat der Gutmütige die Ablehnung schon selbst vorweggenommen, indem er von vornherein auf das verzichtete, was bei anderen auf Widerstand stoßen könnte. Dadurch kann er nicht erfahren, daß die anderen vielleicht zustimmen würden, ihm entgegen kommen oder ihn gar unterstützen würden. Die Chance, Wünsche erfüllt zu bekommen, hat nur, wer sie auch äußert. Wer im Stillen hofft "Wenn er/sie mich liebt, wird er/sie mir meine Wünsche von den Augen ablesen" wird fast immer enttäuscht. Denn man verlangt vom Partner eine Art Hellsehen, die das realistisch mögliche Maß an Einfühlungsvermögen in aller Regel übersteigt.

Doch die Folgen gehen noch weiter. Wenn über die individuellen Vorlieben nicht gesprochen wird, bleiben alle Gespräche bei unverbindlichem Oberflächengeplauder stehen. Was einen wirklich bewegt, erfreuen oder verletzen könnte, kommt nie zur Sprache. Sicher, so bleibt man scheinbar unangreifbar. Doch erstens können sich so kein intimen Freundschaften entwickeln und zweitens ahnt Ihr Gegenüber nicht, wenn er/sie bei Ihnen unabsichtlich ins Fettnäpfchen tritt.

Was Sie tun können: Sprechen Sie über Ihre Bedürfnisse, und zwar immer in Ich-Form. Fangen Sie mit einfachen Alltagsdingen an. Aber sagen Sie nie: "Es müßte mal jemand den Müll `runtertragen." Dann fühlt sich niemand konkret angesprochen. Alle ziehen den Kopf ein und hoffen, daß Sie sich am Ende erbarmen werden – wie Sie es bisher immer taten. Sagen Sie: "Ich möchte, daß du noch vor dem Abendbrot den Müll herunter trägst." Antwortet der Angesprochene Ihnen mit einem mauligen "Wieso ich?" verzichten Sie wieder auf eine Begründung, die nur eine endlose Diskussion auslöst. Sagen Sie nur "Ich möchte, daß du es heute tust" und schlagen Sie vor, beim Abendessen eine gerechte Aufteilung der Pflichten für die Zukunft auszuhandeln. Sollte der Angesprochene sich weigern, den Müll herunterzutragen, ziehen Sie nicht murrend den Kopf ein. Sagen Sie deutlich, daß Sie nicht einverstanden sind und lassen Sie den Müll liegen!

3. Perfektionismus: Um am vorigen Beispiel anzuknüpfen: oft werden Gutmütige ausgenutzt, weil die andern Unordnung und Chaos länger ertragen als Sie. Immer trägt derjenige den Müll hinunter, den er zuerst stört – also Sie. Mit dem Resultat, daß Sie wütend werden: erst auf die andern und dann auf sich. Da hilft nur lockerer werden. Gestatten Sie sich und der Umwelt eine gewisses Maß an Unvollkommenheit.

Was Sie tun können: Gewöhnen Sie sich den Hang zu vorauseilendem Bereinigen von Störfaktoren ab. Sie werden merken, mit wachsender Gelassenheit fällt nicht nur eine ganze Menge von Streß und Zeitknappheit von Ihnen ab, auch Ihre Mitmenschen werden Sie sympathischer finden. Mit Perfektionisten gibt sich nämlich niemand gern ab. Das Bestreben, alles ständig in tadellosen Zustand zu versetzen, wirkt auf andere wie unausgesprochene Kritik am eigenen Schlendrian, der sie sich am liebsten dadurch entziehen, daß sie der betreffenden Person den Rücken zukehren.

4. Helfer-Syndrom: Die Gutmütigen wollen gern anderen helfen. Ihre Antennen, ob die Hilfe auch erwünscht ist, sind aber leider unterentwickelt. Sie überhäufen daher ihre Mitmenschen oft mit unangemessenen Ratschlägen. Das kleinste Kompliment Ihres Gegenüber – etwa: "Toll, dein Kuchen" – löst stundenlange Vorträge über Rezepte, richtige Zubereitung, Gerätschaften, Zutaten usw. aus bis hin zu Angeboten für gemeinsame Backlektionen.

Was Sie tun können: Nehmen Sie Komplimente dankend entgegen und freuen Sie sich darüber. Hilfe oder Ratschläge bieten Sie aber nur an, wenn Sie gefragt werden. In unserem Beispiel: "Wie schaffst du es, den Teig so locker hinzukriegen?" Dann antworten Sie genau auf die Fragen und verkneifen sich weitergehende Angebote wie gemeinsames Backen oder schriftliche Anleitungen anzufertigen. Sie entwerten Ihre Hilfe und Ihre Kompetenzen, wenn Sie allzu wohlfeil zur Verfügung steht. Sagen Sie vor allem anderen nie, was sie tun sollen, auch wenn Sie es in der Tat besser wissen. Machen Sie bestenfalls Vorschläge: "Hast du schon einmal überlegt, lieber ... zu unternehmen?"

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