Der theoretische Kopf der Arbeiterbewegung, Karl
Marx, glaubte einst, daß mit dem Weltsieg der
proletarischen Revolution alle Nationalstaaten und
privaten Grundstücke verschwinden würden. Und damit
auch alle Arten von Grenzen. Für ihn waren Grenzen
und Privateigentum das Ergebnis schlechter
gesellschaftlicher Verhältnisse.
Genau das Gegenteil trat ein. Das Verschwinden der
Berliner Mauer wurde wettgemacht durch neue Zäune,
Mauern und Hecken um zahlreiche neue und alte
Privatgrundstücke in den neuen Bundesländern. Je
dichter ein Landstrich besiedelt ist, desto eher
scheitert ein Spaziergang querfeldein an einem
unvermutet auftauchenden Zaun, der Felder, Wiesen und
Wälder in Parzellen aufteilt. Rotkäppchen hätte
heute kaum noch eine Chance vom Wege abzukommen. Ein
Zaun würde den offiziellen Fußweg von dem
naturgeschützten Wolfsrevier abtrennen.
Marx konnte noch nicht wissen, daß unserem
Abgrenzungsbedürfnis ein angeborenes
Territorialverhalten zugrunde liegt. Wir besitzen wie
die meisten Säugetiere in unseren Erbanlagen das
Bedürfnis, den uns umgebenden Raum in zweierlei
Hinsicht in "mein" und "dein" zu
teilen.
1. Distanzzonen: Über Körperdistanzen
berichteten wir schon vor über einem Jahr in unseren
drei Beiträgen über Körpersprache. Hier noch
einmal das Wichtigste in Kürze: Man kann alle
sozialen Tiere einteilen in Kontakt- und
Distanztiere. Erstere rücken in der Gruppe so eng
zusammen, daß sie einander berühren. Die meisten
Tiere, und auch der Mensch, sind Distanztiere. Sie
halten im Normalfall einen arttypischen Abstand
zueinander ein, der von der Situation und der
sozialen Beziehung abhängt. Um zeitweise auf
Berührungsnähe zusammen zu rücken, etwa bei der
Sexualität absolvieren die Individuen zuvor typische
Rituale des Distanzabbaus wie das Balzverhalten. Das
Distanzverhalten dient dem individuellen Schutz vor
Aggressionen von Artgenossen, aber auch der
Herausbildung von selbständigem Verhalten. Schon
Kleinkinder verhalten sich unterschiedlich zu ihren
Mitmenschen, je nachdem, in welcher Entfernung sie
sich zueinander befinden. Und sie richten die
Entfernung zum Mitmenschen danach aus, wie vertraut
oder wie fremd er ihnen ist. Dieses Distanzverhalten
wird im Erwachsenenalter nicht nur beibehalten,
sondern sogar noch weiter verfeinert.
- Bis 60 Zentimeter Abstand befindet man sich
in der Intimzone des anderen. Eine solche
Nähe signalisiert Vertrautheit, meist ein
Zeichen, das zwischen beiden schon eine
längere Beziehung besteht. Schauen sich die
beiden außerdem noch lange (mehr als drei
Sekunden) in die Augen, hat man es garantiert
mit Verliebten zu tun. Unsere Kultur
erfordert es in bestimmten Situationen, daß
auch völlig Fremde einander so nahe kommen:
in der U-Bahn oder im Fahrstuhl. Sie
empfinden dabei ein Unbehagen und gleichen
die erzwungene körperliche Nähe durch
Vermeidungsverhalten in den übrigen
Körpersignalen aus: Man meidet Blickkontakt,
schaut auf den Boden oder in eine unbestimmte
Ferne (man "über"-sieht einander
im wörtlichen Sinne), dreht sich soweit wie
möglich vom Nachbarn weg, bewegt sich
möglichst wenig und baut seine Tasche als
eine Art Barriere auf. Wenn Sie gerade eine
Bekanntschaft schließen: vermeiden Sie es,
dem andern so nah auf die Pelle zu rücken.
Am Anfang eines Kontakts wirkt zu große
Nähe aufdringlich. Der andere rückt
automatisch zurück, um den Abstand zu
vergrößern.
- Zwischen 60 Zentimetern und 1,20 Meter
befinden wir uns in der persönlichen Zone.
Es ist der Abstand den gute Freunde und
Bekannte zueinander einnehmen, auch von
Familienmitglieder bei alltäglichen
Verrichtungen. Wenn Sie aus dieser Entfernung
jemanden anschauen und ihm den Körper
zuwenden, wird der andere das als
Gesprächsaufforderung verstehen. Es ist die
ideale Distanz für den Small Talk.
- Von 1,20 Meter bis etwa 3,60 Meter reicht die
soziale Zone. Diese Distanz halten Menschen
ein, die in sozialen Funktionen miteinander
kommunizieren. Etwa Chef und Mitarbeiter,
Käufer und Verkäuferin, Beamter und
Antragsteller. Erst wenn Chef und Mitarbeiter
Freunde werden, also sich auch für ihre
Hobbys interessieren und gemeinsame Ausflüge
unternehmen, werden Sie auch ihre
Körperdistanz verringern. Manchmal legt ein
Chef auf freundschaftliche Umgangsformen
Wert, um seine menschliche Qualitäten zu
beweisen. Wenn dem Mitarbeiter dies
unangenehm ist, wird er unwillkürlich durch
größere Körperdistanz seinen inneren
Abstand signalisieren.
- Über 3,60 Meter befinden wir uns in der
öffentlichen Distanz. Es ist der Abstand von
Theateraufführungen, Militärparaden oder
Vorlesungen an der Universität. Dem
entspricht eine Rollendistanz zwischen
Vorführer und Publikum. Während in den
näheren Distanzen ein dauernder Blickkontakt
aufdringlich wirkt, ist hier ein
ununterbrochenes Hinschauen oft die einzige
Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben
zumindest für das stumme Publikum und
wird deshalb positiv als Zeichen von
Interesse gewertet. Lächeln und längerer
Blick sind oft das einzige Mittel, um,
jemandem über größere Entfernung
mitzuteilen, daß Sie mit ihm reden möchten.
Ein Lächeln als eine Art nonverbaler
Gruß ist bis zu einer Distanz von 45
Metern erkennbar.
2. Territorialverhalten: Während man seine
Körperdistanzen immer mit sich herumträgt, bleibt
das Territorium (außer bei Umzügen) unbeweglich.
Schon die meisten Tiere haben mehrere Territorien,
die nach ihren Funktionen festgelegt sind, also etwa
ein Jagdterritorium (Revier), ein Schlafterritorium
(Nest, Höhle), jahreszeitliche Territorien (wie
Zugvögel oder Winterschlaf haltende Tiere) oder
Reviere für Gruppenaktivitäten. Beim Menschen
spielen wie bei höheren Affen (Schimpansen)
Gruppenterritorien eine wichtige Rolle, was bei
Naturvölkern mit stammeseigenen Wohn- und
Jagdrevieren gut zu beobachten ist.
Stammesterritorien beruhen auf der gegenseitigen
persönlichen Bekanntschaft der Mitglieder was
wir in modernen Zeiten auch noch in kleineren
Dörfern finden. Die Zivilisation hat
beginnend mit den ersten Städtegründungen in
Indien, dem Vorderen Orient und Ägypten vor mehr als
fünftausend Jahren die persönliche
Vertrautheit durch abstrakte Regeln ersetzt. Das
Funktionieren der Gemeinschaft wird nicht mehr
hauptsächlich durch persönliche Gespräche, sondern
durch schriftliche, juristische Regeln gesichert. Das
Gerichtsverfahren und die Bürokratie ersetzen das
Klären der Probleme im persönlichen Gespräch.
Grenzanlagen richten sich immer gegen Fremde. In
dörflichen Kulturen mit geringer Siedlungsdichte
wurden bis in jüngste Zeit Türen nicht
abgeschlossen und Gärten nicht eingezäunt. Die
Angst vor den Unbekannten, über die man nichts
weiß, und das Gefühl der Verletzlichkeit des
eigenen Territoriums, führte mit dem wachsenden
Privateigentum auch zu einer immer raffinierten
passiven Selbstverteidigung. Dabei stellte sich schon
relativ früh heraus, daß Mauern und Wehranlagen
keinen wirklichen Schutz bieten. Die chinesische
Mauer wurde noch während ihrer Bauzeit von
Mongolenstämmen überwunden. Der römische Wall
gegen die nördlichen Germanen, der Limes, reizte
erst den Ehrgeiz der Stammesfürsten, diese
Wunderwerk arroganter römischer Machtpräsenz zu
zerschlagen mit Erfolg.
Das Mittelalter war die Glanzzeit befestigter
Grenzanlagen. Eine Zeitlang setzten Burgen und
Stadtmauern Räubern und Feinden einen
verhältnismäßig sicheren Schutz entgegen. Das
Vertrauen in feste Wehranlagen brachte bekanntlich
sogar die Einzelkämpfer dahin, sich in Rüstungen zu
verkleiden trotz der offensichtlichen Nachteile
(Gewicht, Wärmestau, Unbeweglichkeit). Doch schon im
Hochmittelalter mußten die Kreuzritter die Erfahrung
machen, daß bewegliches Fußvolk ohne Rüstungen
berittene Ritterheere vernichtend schlagen konnte.
Die Erfindung des Schwarzpulvers und der Bau immer
schwererer Geschütze bereitete dem Einrüstungswahn
ab dem 13./14. Jahrhundert ein Ende.
Dennoch faszinierte die Idee, sich einzuigeln,
immer wieder Politiker und Militärs. Der technische
Erfindungsgeist fand neue Lösungen. In der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde mehrmals der
Stacheldraht erfunden, unter anderem 1873 von dem
Amerikaner Joseph F. Glidden. Zäune aus dem neuen
Material waren leichter und schneller aufzurichten.
Was sie an Wehrhaftigkeit verloren, glich man durch
Kombination mit anderen Wehrmaßnahmen (Hunde,
Wachpersonal, Schießanlagen) aus. Zum ersten Mal
bewährte sich das neue Konzept Anfang des 20.
Jahrhunderts im Burenkrieg, als sich
holländischstämmige weiße Südafrikaner gegen die
britische Kolonialmacht verteidigten. Die Besatzer
erfanden das Konzentrationslager als billiges und
effektives Gefangenenlager eine Erfindung, die
von den Deutschen nach 1933 dankbar gegen die eigene
Opposition eingesetzt wurde.
Heute haben Zäune oft nur einen symbolischen
Charakter, wenn Privatpersonen die Reviergrenzen
ihrer Grundstücke damit markieren. Ein Spaziergang
durch ein Villenviertel zeigt buntgeschmückte und
-gestrichene Zäune, oft kombiniert mit Sträuchern
aber auch ängstliche Besitzer, die mit
bissigen Hunde und mehreren Rollen Stacheldraht auf
einer meterhohen Mauer ungeniert zeigen, wie sie
über ihre Mitmenschen denken. Popstars verkriechen
sich hinter ihren eigenen Festungen und
müssen erfahren, wie jüngst George Harrison
daß immer noch jedes Verbarrikadieren diejenigen,
gegen die sich der Wall richtet, reizt, die
Schwachstellen der Wehranlage herauszufinden.
In Ausstellungen zur Geschichte der Berliner Mauer
und der Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik
können wir die Früchte dieser Erfindungsgabe
bewundern: Ballons, selbstgebaute Unterseebote,
raffinierte Verstecks in Autos. Die "Mauer"
ist Geschichte; aber die Ereignisse in Jugoslawien
oder Tschetschenien zeigen, daß der Bedarf an
wehrhafter Abgrenzung nie erlischt.
Die Prognose der EGONet-Redaktion lautet daher: ob
an der Schwelle zum vierten Jahrtausend noch Mauern
und Zäune errichtet werden, ist fraglich, da die
technischen Möglichkeiten immer schneller wachsen.
Elektronische Wachen werden vielleicht mechanische
Hindernisse gänzlich ersetzen. Eins scheint aber
sicher: Es werden weiterhin Grenzen errichtet werden
und pfiffige Leute werden wie heute ihre
Kreativität daran erproben, diese Grenzen zu
überwinden.