1970 gratulierte der Bundespräsident
385 Personen zu Ihrem hundertsten oder noch höheren Geburtstag.
1980 waren es bereits 1090 und 1990 3014 Personen (nur alte Bundesländer).
Am Ende des Jahres 2000 werden es mehr als 5000 sein und Experten schätzen,
daß 2050 der Amtsinhaber knapp ein Prozent aller Deutschen gratulieren
müßte.
Stellen Sie sich vor, wie Sie einst im Kreise von bewundernden Angehörigen
vor einer Torte mit hundert brennenden Kerzen stehen werden, und alle
dadurch verblüffen, daß Sie die Lichter allein ausblasen
- wenn auch vielleicht nicht in einem Atemzug. Wenn Sie dieses Bild
fest in Ihrem Innern verankern und sich voller Überzeugung sagen
"Ja, das will ich", haben Sie gute Chancen dieses Ziel auch
zu erreichen. Denn die Akten der Ärzte sind voll von Berichten,
wie Todkranke sich vornahmen ein bestimmtes Ereignis noch zu erleben
und tatsächlich bis zum Tag darauf durchhielten. Und genauso hängt
Ihre Lebensspanne nicht unwesentlich davon ab, welchen Zeithorizont
Sie für Ihr Leben einplanen.
Die meisten Menschen sind in dieser Hinsicht von einer geradezu übertriebenen
Bescheidenheit:
"Wenn ich nur überhaupt ein paar Unbeschwerte Rentenjahre
erlebe ..."
"Bei den unsicheren Renten und wo keiner die Alten haben will,
da will ich gar nicht so alt werden."
"Ich will mal später niemandem zur Last fallen."
"Lieber heute richtig genießen, das Morgen ist mir egal."
Wer für sich nur eine kürzere Zeitspanne einplant, wird wahrscheinlich
weniger Jahre leben, als die Nachbarin, die zäh an Ihrem Leben
festhält. Die innere Einstellung zur eigenen Lebensspanne wirkt
wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Woran liegt das?
Genetisch kann der Mensch rund 120 Jahre alt werden. Die Französin
Jeanne Calment wurde von allen bekannten Menschen bisher nachweislich
am ältesten: 122 Jahre (1875-1997), gefolgt von dem Japaner Shigechiyo
Izumi, der 1986 im Alter von 120 Jahren und 237 Tagen starb. Wenn wir
davon ausgehen, daß die meisten von uns nur durchschnittliche
Erbanlagen haben und dafür zehn bis fünfzehn Jahre abziehen,
bleiben immer noch mehr als 100 mögliche Jahre. Daß nur wenige
diese Spanne voll ausnützen, liegt folglich nicht an genetischen
Faktoren. Die Wissenschaft hat seit Jahren die Langlebigen beobachtet
und befragt, und ist auf eine Reihe gemeinsamer Faktoren gestoßen,
von denen nur zwei mit den Erbanlagen zu tun haben (und das auch nur
teilweise):
Der subjektive Zeithorizont: Wer sich neugierig auf die Zukunft
freut statt in Gedanken mit seinem Leben abzuschließen ("Das
erlebe ich sowieso nicht mehr") erwirbt in seinem Unbewußten
einen starken Lebenswillen, die ihn Krankheiten, Krisen und depressive
Phasen leichter überwinden lassen.
Langlebige Vorfahren: Wessen Eltern und Großeltern sehr
alt wurden, hat bessere Chancen selbst alt zu werden. Das hat aber nur
zum Teil mit den Genen zu tun. Es bedeutet vor allem, daß er (oder
sie) in einer Atmosphäre positiver Haltung zur Langlebigkeit aufwuchs.
Die Vorfahren übten von Kindheit an eine positive Vorbildfunktion
aus.
Geschlecht: Methusalems sind zu drei Vierteln weiblich. Frauen
werden im Laufe Ihres Lebens zwar häufiger krank als Männer
und haben im Alter oft mehr Wehwehchen - dennoch haben sie bei der Lebenserwartung
eindeutig die Nase vorn. Das liegt nach heutigen Erkenntnissen teilweise
an den Erbanlagen - da Männer zwei verschiedene Geschlechtschromosomen
haben (X und Y), können Ablesefehler in den Zellen nicht durch
das Zwillingschromosom ausgeglichen werden wie bei Frauen (X und X)
- teilweise aber auch an der Lebensweise. Männer haben mehr Streß,
sind konkurrenzorientierter als Frauen und leben im Schnitt ungesünder.
Dennoch können auch Männer bis 120 Jahre erreichen.
Positive Lebenseinstellung: Für 100jährige ist das
Leben kein Jammertal, sondern ein wunderbare Abenteuer. Sie stellen
nie in Zweifel, daß es sich lohnt zu leben und die Jahre voll
auszukosten. Ihr Grundgefühl, bezogen auf die Zukunft, heißt
Hoffnung.
Bewegung: 100jährige waren ihr Leben lang körperlich
(und geistig) aktiv. Wenn man sich in der Bevölkerung die oberen
Jahrgänge anschaut, wird man feststellen, daß bei den über
90jährigen mit jedem Jahr der Anteil der körperlich Rüstigen
zunimmt. Warum? Die weniger Rüstigen sind dann schon gestorben.
Marathonrekorde wurden von bis zu 98jährigen aufgestellt.
Ernährung: 100jährige hatten ihr Leben lang Normalgewicht
bis leichtes Untergewicht. Im Tierexperiment konnte inzwischen bewiesen
werden, daß leichter Kalorienmangel den Organismus agil hält
und seine Lebensspanne ausdehnt. Optimal ist es, wenn die älter
werdenden Leichtgewichte nach dem 80. Geburtstag soweit zunehmen, daß
sie das für ihre Körpergröße übliche Normalgewicht
erreichen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Zusammensetzung der
Nahrung: wenig Fett, viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und Flüssigkeit.
Vermeiden von Risikofaktoren: 100jährige sind keine genußfeindliche
Asketen. Jedoch haben sie den Spruch "mäßig, aber regelmäßig"
verinnerlicht. Sie müssen nicht über die Stränge schlagen,
um sich des Lebens zu erfreuen. Das bedeutet nicht, daß sie sämtliche
Risikofaktoren vermeiden. (Die schon genannte Jeanne Calment rauchte
bis zum 118. Geburtstag.) Sie leisten sich aber meist nicht mehr als
einen Risikofaktor und frönen dem auch nicht bis zum Extrem. Ein
Glas Wein oder Bier am Tag ist sogar gesundheitsförderlich. Fest
steht auf jeden Fall: wer öfter Streß hat, sich häufig
ärgert, mit Gewichtsproblemen kämpft und unregelmäßig
schläft, wird keine hundert Jahre alt.
Soziale Beziehungen: 100jährige sind in der Mehrzahl kontaktfreudig
und lebten die meisten Zeit in stabilen sozialen Umfeldern. Neuere Studien
zeigten, daß neben Sport die Qualität der Freundschaften
der wichtigste lebensverlängernde Faktor ist. Alterseinsamkeit
ist dagegen ein Lebensrisiko. Es lohnt daher, rechtzeitig ein Netzwerk
an Kontakten zu Gleichaltrigen und Jüngeren aufzubauen und Zeit
in Kontakte um ihrer selbst willen zu investieren.
Medizin: Eine wichtige Grundbedingung für die wachsende
Zahl der 100jährigen ist natürlich der medizinische Fortschritt.
Zwar ist die eigene Gesundheitsvorsorge durch aktive Lebensweise durch
nichts zu ersetzen - wer aber darüber hinaus seine persönlichen
Gesundheitsrisiken kennt (zum Beispiel, wenn in der eigenen Familie
gehäuft Diabetes, Infarkte, Schlaganfälle oder Krebs auftraten),
kann durch gezielte Vorsorge seine Chancen erhöhen, gefährliche
Alterskrankheiten im Frühstadium zu erkennen und zu heilen.