Können Sie so spannend erzählen,
daß die Leute an Ihren Lippen hängen und alle
anderen Gespräche um Sie verstummen? Menschen mit
Charisma beherrschen diese Kunst. Es liegt keineswegs
daran, daß sie mehr und Außergewöhnlicheres erlebt
haben als Otto Normalbürger. Sie haben lediglich die
Fähigkeit, Alltägliches so darzustellen, daß es
die Aufmerksamkeit fesselt. Die Erzählung, die die
Zuhörer in ihren Bann zieht, muß die Neugier wecken
und im Banalen das Besondere entdecken.
Wie so häufig in der Kommunikation
kommt es mehr auf das Wie an als auf
das Was. Wie präsentieren Sie ein Alltagserlebnis,
damit die Umstehenden sich Ihnen zuwenden und niemand
Sie zu unterbrechen wagt?
Überprüfen Sie zunächst, ob Ihr
Erlebnis zu Ihrer Zielgruppe paßt. Ein Bericht über
einen außergewöhnlichen Riesenbarsch, den Sie
letzten Sonntag fingen, wird bei Nichtanglern kaum
die Beachtung finden, die er verdient, während die
Erzählung von der Einschulung Ihrer Tochter
vielleicht auf neugierige Ohren stößt, obwohl sie
sich nicht von tausend anderen Einschulungen
unterschied.
Wenn Sie sich für eine passende
Geschichte entschieden haben: Überlegen Sie sich,
bevor Sie anfangen, zuerst das Ende der Geschichte.
Wie endet sie und welche Erkenntnis, welches Fazit
wollen Sie mit ihr übermitteln? Sie alle kennen den
peinlichen Moment, wenn jemand einen Witz erzählt
und mittendrin merkt, daß er sich an die Pointe
nicht mehr erinnern kann.
Das ist aber nicht der einzige
Grund, warum das Ende für Sie als Erzähler der
Anfang ist. Wenn Sie die Zuhörer bei der Stange
halten wollen, müssen Sie Spannung aufbauen. Zu
diesem Zweck werden Sie am Anfang ein Geheimnis, ein
Rätsel oder eine andere Überraschung ankündigen,
die sich am Schluß Ihrer Geschichte erfüllt. Das
können Sie nur, wenn Sie von vornherein wissen, wie
die Auflösung lautet. Auch die meisten Roman- und
Drehbuchautoren fangen erst an zu schreiben, wenn sie
sich im klaren sind, wie ihr Werk enden soll.
In Ihrem ersten Satz wecken Sie
die Neugier. Die einfachste Variante zeigt das
folgende Beispiel: Sie haben gerade sich gerade auf
einer Party in einer Gruppe angeregt über irgendein
Thema unterhalten, sagen wir über Klassentreffen.
Nur Sie können gar nichts beisteuern, weil Ihre
frühere Schulklasse offenbar die einzige ist, die
sich in alle Winde zerstreut hat. Da sagen Sie:
"Apropos Klassentreffen.
Mir ist da neulich etwas ganz Unglaubliches passiert.
Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, daß jemand
nach Jahren bei einem zufälligen Wiedersehen eine
Klassenkameradin nicht wiedererkennt. Aber würdet
ihr auch den genau gegenteiligen Fall für möglich
halten? Genau das ist mir vorige Wochen
passiert."
Nun? Neugierig geworden? Die
Motivierung der Zuhörer schließt drei Schritte ein:
- Überleiten vom
Gesprächsthema zu Ihrer Geschichte. In
unserem Beispiel sagte der Erzähler nur
"Apropos Klassentreffen" die
sparsamste Variante. Er hätte auch sagen
können: "Ihr habt es gut! Könnt ihr
euch vorstellen, was für komische
Verwechslungen möglich sind, wenn man seine
Klassenkameraden zwanzig Jahre lang nicht
gesehen hat?"
- Etwas
Außergewöhnliches versprechen. Alles, was
aus dem Rahmen des Normalen fällt, was
bizarr, über- oder unterdurchschnittlich,
seltsam oder rätselhaft ist, motiviert zum
Zuhören. In unserem Beispiel lautete das
Versprechen: "Mir ist da neulich etwas
ganz Unglaubliches passiert." Natürlich
müssen Sie Ihr Versprechen am Ende auch
halten, sonst sind Ihre Zuhörer enttäuscht,
nicht nur von Ihrer Erzählung, sondern von
Ihrer Person. Wenn Sie in der Tat ein tolles
Erlebnis anzubieten haben, werden Sie die
Erwartungen ohne Probleme erfüllen. Wenn
nicht, müssen Sie Ihr Erlebnis in
außergewöhnlicher Weise erzählen, also
alle folgenden Tipps genau befolgen und gut
umsetzen.
- Eine Spannungsfrage
stellen. Sie nennt ein Rätsel, das im
Verlauf der Erzählung gelöst werden soll.
In unserem Beispiel besteht sie aus zwei
Teilen. Im ersten Satz ("Ihr könnt euch
vielleicht vorstellen, daß jemand nach
Jahren bei einem zufälligen Wiedersehen eine
Klassenkameradin nicht wiedererkennt.")
knüpft der Erzähler an eine plausible
Alltagserfahrung an. Im zweiten Teil
("Aber würdet ihr auch den genau
gegenteiligen Fall für möglich
halten?") kündigt er eine Widerlegung
dieser Alltagserwartung an. Jeder fragt sich
unwillkürlich: Wie kann das sein? Um das zu
erfahren, muß er das Ende der Geschichte
abwarten. Der Erzähler kann die
Spannungsfrage natürlich nur stellen, weil
er das Ende, die Lösung schon kennt. Aber
statt sie sofort zu beantworten, zögert er
die Enthüllung hinaus und erzählt statt
dessen ein Geschichte, die das Geheimnis nur
Schritt für Schritt Preis gibt.
Stellen Sie eine Person mit
einer charakteristischen Eigenschaft in den
Mittelpunkt Ihrer Erzählung. In unserem Fall ist
es der Erzähler selbst. Seine Eigenschaft (siehe
weiter unten): Ängstlichkeit, deswegen Wunsch nach
Ablenkung. Der Erzähler könnte aber genauso gut
über seinen besten Freund oder einen Prominenten
berichten. Wichtig ist, daß die Person
Individualität besitzt. Für eine kurze,
anekdotenhafte Geschichte im Rahmen einer abendlichen
Unterhaltung genügt meist eine typische
Charaktereigenschaft wie Naivität, Entschlossenheit,
Unsicherheit, Sparsamkeit, Verschwendungssucht oder
ähnliches. Dadurch kann sich der Zuhörer mit dem
Helden Ihrer Erzählung identifizieren. Er kann
vergleichen und sich fragen: Würde ich an seiner
Stelle genauso reagieren?
In einem literarischen Werk würde
der Autor den Charakter komplizierter gestalten, mit
inneren Widersprüchen behaftet.
Führen Sie Hindernisse,
Komplikationen oder Konflikte in Ihre Geschichte ein.
"Romeo und Julia" wäre langweilig, wenn
die beiden sich nur verlieben und dann kriegen
würden. Die Spannung entsteht dadurch, daß beide
verfeindeten Familien angehören. Bis zum Schluß
fiebert der Zuschauer mit: Was ist stärker
die Liebe oder die Feindschaft der Montagues und
Capulets? Nur eine Geschichte, wo es anders kommt,
als die Hauptperson anfangs dachte, ist
erzählenswert. Nur wenn der Held überrascht wird,
überraschen Sie auch Ihre Zuhörer.
Erzählen Sie nur, was für das
Ende Ihrer Geschichte wirklich notwendig ist.
Abschweifungen sind Gift für die Aufmerksamkeit. So
interessant es sein mag, daß Ihr Onkel zum Thema
Ihrer Geschichte mal etwas Tolles gesagt hat
wenn es den Erzählfluß aufhält, lassen Sie es weg.
Sie können darüber ja hinterher eine zweite
Geschichte erzählen.
Füllen Sie den Erzählstrang
mit Details. Das weckt die Vorstellungskraft der
Zuhörer und läßt sie innerlich mitbeben. Details
sind die Würze, die aus banalen Erlebnissen eine
hörenswerte Geschichte machen. Unser Erzähler
würde viel verschenken, wenn er unmittelbar nach
seiner Spannungsfrage sofort sagen würde:
"Gestern betrat ich die neue Buchhandlung am
Markt und sah eine Verkäuferin, in der ich trotz der
inzwischen vergangenen Jahre nach kurzem Nachdenken
meine frühere Klassenkameradin Renate zu erkennen
glaubte."
Statt dessen sollte er so
erzählen, wie er die Begegnung selbst erlebte:
"Gestern früh war ich auf
dem Weg zum Zahnarzt, und hatte noch fünf Minuten
Zeit. Ich sollte eine Stunde in seinen Stuhl, er
wollte mir den Eckzahn für eine Krone abschleifen.
Wie Sie sich denken können, war mit jede Gelegenheit
recht, den Moment noch etwas hinauszuzögern. Da fiel
mein Blick in das Schaufenster unserer neuen
Buchhandlung am Markt. Ich suchte nichts Bestimmtes,
meine Regale sind sowieso schon übervoll und so kam
es, wie es kommen mußte. Ich trat durch die Tür,
die Glocke schlug an und eine Verkäuferin in meinem
Alter trat auf mich zu und fragte den üblichen,
lästigen Satz: ,Kann ich Ihnen helfen?
Ich schüttelte den Kopf und
schaute ihr erst dann ins Gesicht. Moment, dachte
ich, diese Augen und der schräge Haaransatz, die
kleine, etwas zur Seite gekrümmte Nase, das leicht
vorstehende Kinn und der Mund mit den schmalen Lippen
es waren zwanzig Jahre vergangen, aber ich
erkannte meine frühere Klassenkameradin Renate
sofort. Sie hatte sich für dasselbe Studienfach
entschieden wie ich, nur an einer anderen
Universität . Wir hatten uns vorgenommen, in
Verbindung zu bleiben, unsere Erfahrungen
auszutauschen, aber wie das Leben so spielt, nach
zwei oder drei Briefen schlief der Kontakt ein und
wir hörten nie wieder etwas voneinander.
,Renate! rief ich. ,Ich bin es, Michael. Nach
so vielen Jahren ... Aber wieso arbeitest du in
dieser Buchhandlung? Was ist aus deinem
Lehramtstudium geworden? Du wolltest doch Biologie
und Erdkunde unterrichten, wie ich!"
Setzen Sie vor das Ende eine
unerwartete Wendung. Erzählen Sie so, daß die
Hörer nicht das Ende erwarten, das Sie vorbereitet
haben, sondern sein Gegenteil. In unserem Beispiel
rechnet der Hörer damit, daß Sie nach zwanzig
Jahren eine Klassenkameradin an einem unerwarteten
Ort wiederfanden. Wie erstaunt wird er sein zu
hören, daß wie in der Spannungsfrage
angedeutet genau diese Erwartung nicht
eintraf:
"Die Frau vor mir starrte
mich zwei Sekunden ungläubig an, dann brach sie in
Lachen aus. ,Wissen Sie, das ist mir schon lange
nicht mehr passiert, daß man mich mit ihr
verwechselt. Renate ist meine Cousine. Sie arbeitet
als Lehrerin, da haben Sie ganz recht. Schon als
Kinder hat man uns nur schwer auseinanderhalten
können. Wir ähneln beide mehr unseren Vätern als
unseren Müttern. Und die waren
Zwillingsbrüder."
Wenn Sie auf Nummer sicher gehen
wollen: Bereiten Sie einige spannende Anekdoten zu
Hause vor, und erzählen Sie sie bei Bedarf. Aus dem
Stegreif erfinden Sie Geschichten erst dann, wenn Sie
schon einige Male Gelegenheit hatten, die Reaktion
der Zuhörer auf Ihre vorbereiteten Anekdoten zu
testen, und aus Erfahrung wissen, was die Neugier
reizt und was nicht.