Wer möchte nicht gern wissen, was
morgen sein wird! Seit der Mensch sich mittels seiner
Vernunft aus dem Tierreich löste, ist er als
einziges Lebewesen in der Lage, sich Gedanken um
seine Zukunft zu machen. Er kann Gefahren vorbeugen,
muß sich aber auch mit dem Wissen um seinen Tod
auseinandersetzen. Seine Geschichte ist auch eine
Geschichte erfolgreicher Vorsorge für die Zukunft.
Angefangen von den ägyptischen Priestern, die die
Sternenkunde betrieben, um den Zeitpunkt der
Nilüberschwemmungen und die Güte der kommenden
Ernte vorherzusehen, hat der Mensch sich gegen
Hunger, Krankheiten und andere Risiken mit kluger
Vorbeugung zur Wehr gesetzt.
Die Geschichte ist aber auch eine
Geschichte gescheiterter Vorhersagen. Auf das
jüngste Gericht und die Apokalypse, von den
Urchristen noch zu ihren Lebzeiten erwartet, lauern
die Gläubigen noch heute. An die Prognosen des
Kommunismus glaubte zeitweise ein Drittel der
Erdbevölkerung und ist erst vor wenigen jahren
endgültig gescheitert, obwohl die Wissenschaft schon
vor längerer Zeit untersucht hat, wie es mit unserem
Wissen um das Künftige steht.
Zukunft ist prinzipiell
unvorhersagbar. Lediglich allgemeine Tendenzen lassen
sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit
prognostizieren, indem man gegenwärtige
Entwicklungsrichtungen in die Zukunft verlängert und
dabei die Tatsache, daß unerwartete Veränderungen
hinzukommen werden, so gut wie möglich als
Unsicherheitsfaktor mit berücksichtigt. Daß eine
Prognose eintrifft, wird um so unwahrscheinlicher
- je mehr sie ein Einzelereignis
betrifft,
- je weiter die Prognose in die
Zukunft reicht,
- je mehr Faktoren auf das
Eintreten der prognostizierten Ereignisse
Einfluß nehmen.
Wie leicht es ist, einen Flop zu
produzieren, wenn man gegen diese Einsicht
verstößt, zeigen unter anderem folgende berühmte
Vorhersage-Fiaskos (in Klammern das Jahr der
Vorhersage):
- Im Jahre 2000 werden
künstliche Monde die Erde bescheinen (1967)
- Etwa um 1985 werden
Meteorologen in der Lage sein, das Wetter
künstlich zu ändern (Anfang der 60er Jahre)
- Im Jahre 2000 werden Autos,
Waschmaschinen usw. von nuklearen Motoren
angetrieben (1947)
- Roboter ersetzen Soldaten ab
1990 (1967)
- Bis 2000 sind die weltweiten
Seuchen wie Malaria ausgerottet (WHO-Prognose
Anfang der 60er Jahre)
- Nach Amputationen werden dank
medizinischem Fortschritt Arme und Beine
wieder nachwachsen (1967).
Wenn ein Wahrsager dennoch
Ereignisse vorhersagt und sich seiner Trefferquote
rühmt, nutzt er zwei Tricks:
- er streicht Treffer groß
heraus und verschweigt seine Mißerfolge.
Dabei nutzt er das kurze Gedächtnis der
Menschen, das einen Teil der Prognose bis zum
Eintreffen des Ereignisses vergessen hat und
die Tatsache, daß Treffer Staunen
hervorrufen und sich deswegen stärker
einprägen als Mißerfolge
- er formuliert
Prognose so nebelhaft, daß unterschiedliche
Ereignisse gleichermaßen als Erfüllung
gelten können. Das trifft auf die meisten
Voraussagen des Nostradamus, aber auch auf
Horoskope oder Handlinienlesen zu. Eine
Horoskopempfehlung "Vorsicht mit
Geldausgaben in der nächsten Woche" ist
genauso treffsicher wie der gegenteilige Rat
"Gönnen Sie sich mal was
Schönes".
In der Wissenschaft von der
Zukunft, der Futurologie, gelten harte Kriterien, die
solche Manipulationstricks ausschließen, zum
Beispiel:
- Eine Prognose muß genau eine
genügend kleine, überprüfbare Reichweite
angeben. Eine Aussage wie "mit
50prozentiger Wahrscheinlichkeit wird es
regnen" mag zutreffen, ist aber nicht
überprüfbar, denn sie heißt auch "mit
50prozentiger Wahrscheinlichkeit wird es
nicht regnen". Und egal, ob es regnet
oder nicht die Prognose ist auf jeden
Fall erfüllt. Eine Prognose, die dieses
Kriterium erfüllt, wäre hingegen "2050
werden auf der Erde 12 Milliarden Menschen
leben, Abweichung +/- 10 Prozent". Alle
Zahlen zwischen 10,8 und 13,2 Milliarden
Menschen im Jahre 2050 würden die Prognose
erfüllen.
- Alternativen sollten den
Charakter von Wenn-dann-Aussagen haben. Also:
Treten die Bedingungen A und B ein, dann
geschieht X, treten C und D ein, dann
geschieht Y. Solche Prognosen sind in aller
Regel zuverlässiger als absolute Prognosen.
Wünschenswert ist, daß für die einzelnen
Alternativen (X,Y) Wahrscheinlichkeiten
angegeben werden. Ein Beispiel: Kurzfristige
Wettervorhersagen (Wetterbericht im
Fernsehen) sind meist absolute Prognosen. Man
sagt uns, wie das Wetter wird ohne
ausdrücklich hinzuzufügen, daß die
Trefferquote bei etwa 80 Prozent liegt. Das
heißt, rund jeder fünfte Wetterbericht geht
daneben oder der tägliche Wetterbericht
stimmt durchschnittlich zu vier Fünfteln.
Langfristige Vorhersagen etwa ob wir
einen warmen Sommer bekommen nennen
Alternativen. Zum Beispiel: Mit 60 Prozent
Wahrscheinlichkeit bekommen wir einen
Jahrhundertsommer, mit 25 Prozent
Wahrscheinlichkeit wird er durchschnittlich
und mit 15 Prozent verregnet.
Es gibt eine Reihe weiterer
Kriterien, deren Darstellung den Rahmen dieses
Artikels sprengen würde. Jedenfalls besitzt die
Futurologie nach einigen Jahrzehnten Forschungspraxis
und einigen berühmten, teuer subventionierten
Studien genügend Know-how, um den Schritt vom
bloßen Orakeln zur exakten Wissenschaft zu gehen.
Dazu gehört auch, frühere Resultate zu prüfen und
daraus für neue Studien zu lernen. 200 Milliarden
werden allein in den USA Jahr für Jahr für das
Erstellen von Prognosen ausgegeben.
Zu den berühmtesten
Zukunftsvorhersagen gehörten die Berichte des Club
of Rome, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor
ökologischen und anderen Wachstumsrisiken zu warnen.
Der erste erschien 1972 unter dem Titel "Die
Grenzen des Wachstum". Eine der teuerste
Zukunftsprognose aller Zeiten war "Global
2000", in den Jahren bis 1980 im Auftrag der
US-Regierung erarbeitet. Wenn wir in der Rückschau
Prognose und Wirklichkeit vergleichen, entdecken wir
erstaunliche genaue Vorhersagen neben kapitalen
Irrtümern. Während in "Global 2000" die
Bevölkerungsprognose für das Jahr 2000 mit etwas
mehr als 6 Milliarden ziemlich genau getroffen wurde,
entpuppte sich die Vorhersage der
Nahrungsmittelpreise als mißlungen. Statt wie
vorhergesagt um 35 bis 115 Prozent anzusteigen,
fielen sie im Durchschnitt um annähernd 50 Prozent.
Sind deshalb Prognosen wertlos?
Keineswegs. Gerade apokalyptische Szenarien warnen
uns vor gefährlichen Tendenzen. Ihr Ziel ist es,
rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu veranlassen, so daß
ihr Nichteintreffen ein praktischer Erfolg wäre.
Leider ziehen falsche Prognosen auch falsche
Gegenmaßnahmen nach sich und können Probleme noch
verschärfen oder gar erst erzeugen. Beispiele sind
die Windkraftwerke, die teuer subventioniert sind,
die Landschaft nicht gerade verschönen und entgegen
den Erwartungen die herkömmliche Stromerzeugung
nicht entlasten. Klimaprognosen haben zwar mit einem
Anstieg der Meeresspiegel gerechnet, nicht aber mit
einer Erosion der Berghänge in den Gebirgen infolge
der Erwärmung.
Die Zukunftsforschung unterliegt
genauso dem Wechselspiel von Irrtümern, ihrer
schrittweisen Korrektur und einem allmählichen
Annähern an die Wahrheit wie andere Wissenschaften
auch. Ihr Problem ist, daß ihr das Forschungsobjekt
ständig davonläuft. Während ein Biologe davon
ausgehen kann, daß die Gene, die er nach und nach
kartographiert, auch in zehn Jahren wenigstens zu 99
Prozent noch die gleichen sind, ist für den
Zukunftsforscher in zehn Jahren die Arbeit an der
Prognose für das Jahr 2010 unwiderruflich zu Ende.
Wenn er sich der Schwierigkeit entzieht, indem er
seine Prognose weit in die fernere Zukunft verlegt,
etwa ins Jahr 2100, wird er nie erfahren, ob er recht
hatte. Und wir auch nicht. Es wird also dabei
bleiben, daß Prognosen mangelhaft sind, das wir auf
sie nicht verzichten können, und daß auch in
Zukunft "nichts so schnell veraltet wie die
Zukunft".